Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Todesgedanken

Wunsch und Wahrheit

Doch gibt es noch manche andere Erwägungen, die geeignet sind, den Tod als unnatürlich erscheinen zu lassen. Einige davon sind kritischen Charakters: es ist in der Tat schwer einzusehen, wie etwas, das je war, plötzlich nicht mehr sein, oder wie das Leben, dessen Wesen Bewegung ist, auf einmal stille stehen kann. Diese Bedenken sind triftig; wir werden uns später eingehend mit ihnen zu befassen haben. Zunächst aber möchte ich noch einige psychologische Verhältnisse berühren, vor allem das folgende: daß der Mensch im Allgemeinen geneigt ist, nur das Erwünschte für natürlich zu halten. Trifft das Ersehnte ein, so findet dies der Naive in der Ordnung. Wogegen das Unangenehme stets rätselhaft wirkt und am Liebsten kurzweg durch die maliziöse Einmischung böser Geister oder Zauberer erklärt wird. Wenige Menschen und Völker sind ganz frei von diesem Glauben; am Drastischsten aber tritt er bei den Kamtschadalen zutage, welche, wenn ich recht berichtet bin, jeden Unglücksfall unbedenklich durch die — Torheit ihrer Götter erklären. Der Tod ist nun freilich ein Unglück; und wirklich gibt es Stämme, welche — im übertriebenen Bewußtsein der Unzulänglichkeit aller bloßen Empirie — in jedem Todesfall (offiziell wenigstens) etwas Unerwartetes beklagen.

Wir glauben nämlich zumeist, nur Frauen sei die naive Kausalformel eigen, wonach etwas bloß deswegen sein müsse, weil man es hofft, oder umgekehrt unmöglich stattfinden könne, weil es allen Wünschen zuwiderläuft; oder Männern höchstens im Stadium der Verliebtheit, jener hohen Schule des Aberglaubens und der wunderbaren Zusammenhänge. Tatsächlich ist diese Denkart außerordentlich verbreitet.

Legrand dérèglement de l’esprit c’est de croire les choses, parce qu’on veut qu’elles soient, seufzt Bossuet;

dieses dérèglement ist beinahe die Regel. Und zwar entsteht es leicht genug aus der falschen Deutung und Anwendung eines tatsächlichen Verhältnisses: jede Gewißheit beruht subjektiv letzthin auf Glauben1; daher kann das, was aus Gründen des Gefühls nicht geglaubt wird, leicht für unwirklich oder unmöglich gelten. Ferner liegt im Glauben an eine Sache schon die Gewähr des Erfolgs; geglaubt wird in dieser Hinsicht natürlich bloß das Willkommene: deshalb kann — die Verzerrung ist logisch leicht verständlich — das, was nicht gewünscht wird, eigentlich nicht wahr sein. Endlich wird jedes Geschehen an primitiven Völkern, nach allzu kurzsichtiger Analogie, als Folge willkürlichen Tuns gedeutet. Daß ich etwas will, und zwar, was mir gefällt, scheint nun leicht zu verstehen; darüber brauche ich mir den Kopf nicht zu zerbrechen. Daß andere dasselbe wollen wie ich, oder daß sie mir gelegentlich entgegenwirken, ist schließlich auch begreiflich. Aber daß jemand konsequent und stetig das wollen sollte, was allen meinen Wünschen strikt zuwiderläuft: dies kann nicht mit rechten Dingen zugehen.

Diese psychologischen Erwägungen mögen manchen als unnötige Haarspaltereien anmuten: sie sind gleichwohl von großer Wichtigkeit. Denn nur dank solchen Verzerrungen bringt es ein an und für sich ganz gleichgültiger oder leichtverständlicher Tatbestand im Allgemeinen zu Wege, dem Menschen zum rätselhaften Problem zu werden. Ist der Wunsch das Kriterium der Wahrheit, so kann man leicht dazu gelangen, einen spannenden Mythos zur Erklärung dessen heranzuziehen, warum zwei mal zwei nicht fünf machen. Dergestalt ist in der Tat die Psychologie der meisten Todeserklärungen. Der Mensch, der wenig oder gar nicht denkt, sondern tätig dem Augenblick lebt, der sich von der Natur noch nicht entfernt hat und keine metaphysischen Bedürfnisse kennt, sollte doch — so scheint es der Theorie — im Tode etwas Selbstverständliches sehen; wenigstens nichts Unwahrscheinlicheres als das Leben, das ihm niemals zum Problem wird. Schließlich lebt er doch vom Tode der Anderen, seien es Menschen oder Tiere! Tatsächlich ist dies aber nirgends der Fall. Die Gewohnheit verkehrter Fragestellungen hat die Menschheit nicht selten sogar dazu verführt, im Sterben den Gegensatz des Lebens zu erblicken. So dachte jahrhundertelang die Christenheit. Das Verhältnis von Leben und Tod gestaltete sich zur Antinomie; so ward auch der Tod zum metaphysischen Problem. Nun ist aber der Tod einer transzendenten Erklärung unfähig; wer eine solche versucht, entfernt sich von allem Faktischen und Rationellen und schwebt haltlos im Zwischengebiet wilder Phantasmen. Das Sterben bedeutet einen physiologischen Vorgang, wie Essen und Trinken, kann also nur empirisch begriffen und ebensowenig transzendent erklärt werden, wie die Chemie der Aldehyde. Der Tod ist nicht Gegensatz, sondern Hilfsmittel des Lebens, gleich allen zweckmäßigen organischen Regulationen — wenn auch das Verständnis dieser Zweckmäßigkeit einen Standpunkt voraussetzt, der den Zusammenhang des Lebens überschaut, und, gleich der Natur, im Individuum nur eine Etappe im Fortschritt der Gestalt sieht. Aber der Mensch hat, eitel und anmaßend, in der Person stets das Letzte erkennen wollen; der Sinn der Welt läge in seiner kurzatmigen persönlichen Existenz. Und da diese nur zu schnell von der Hippe des Todes niedergemäht wird, läßt sich der absolute Sinn der Individualität dem Tatsächlichen gegenüber allerdings nur dadurch behaupten, daß auch der Tod einen absoluten Sinn erhält. An Stelle der einfachen Tatsache stehen nunmehr zwei transzendente Probleme: der unendliche Wert der Menschenseele und der Tod als metaphysische Wesenheit. Fortan ist alles Naturverständnis unmöglich, die wahrhaft kosmische Bedeutung des Sterbens nicht mehr zu erfassen: die Perspektive ist unrettbar gefälscht. Auch das Unsterblichkeitsproblem erscheint durch die falsche Wertung des Todes verbogen und verkehrt: seine Lösung ist unabhängig von allem Sinn des Sterbens. Verketten wir den Unsterblichkeits­gedanken mit irgendeiner möglichen Todesinterpretation, so ergibt sich daraus gar leicht eine nützliche Theologie. Doch mißverstehen wir zugleich das dunkle Ahnen unserer Seele, das ohne Rücksicht auf Gründe und Gegengründe unaufhaltsam über uns hinausweist.

1Vgl.das folgende Kapitel.
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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