Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Todesgedanken

Sinnbild des Lebens

Man glaube nicht, daß mir das einzigartige Pathos des Sterbens entgeht: ich verstehe jene düsteren Zeiten nur zu wohl, denen der Tod als lebendigster Gehalt des Lebens galt. Im Mittelalter faszinierte sein Begriff das trübe Denken; ein unheimliches Wort von dumpfem Klang übertönte alles Jauchzen der Natur. Das Auge der Menschen starrte angstvoll ins Nichts hinüber, bis es, geblendet, die Welt nur mehr im Nebel erschaute … Die Vision jener Zeiten gehört zu den gewaltigsten, von denen ich wüßte.

Aus den innersten Tiefen der Seele ist sie hervorgewachsen, aus der gleichen namenlosen Tiefe, die Beethovens Trauermarsch gebar. — Das, was nur empirisch ist, kann uns trotz dem ein Transzendentes bedeuten; die Tatsachen präjudizieren nichts über ihren symbolischen Sinn. Zwischen Symbol und Wirklichkeit gibt es keine naturwissenschaftlich nachweisbaren Beziehungen, ihr Zusammenhang besteht rein vom Geiste her. Ein Fisch hat den ersten Christen den Heiland verbildlicht. Und die ungeheuere Bedeutung, die dem Tode für das Vorstellungsleben zukommt, beruht darauf, daß der Tod uns — bewußt oder unbewußt — das Sinnbild des Lebens ist.

In einem geistvollen Aufsatz (Über episches und dramatisches Sterben) hat Eduard Keyserling gezeigt, daß die dramatische Bedeutung des Todes nicht in dem zu suchen sei, daß er dem Leben ein Ende setzt — in diesem Sinne erscheine er gar als große Trivialität —, sondern darin, daß er ihnen zu höchstem, gesteigertem Ausdrucke verhilft. Im letzten Augenblick verdichtet sich gleichsam das ganze Leben; der Schlußakkord resümiert die Symphonie. Wie alle ästhetischen Wahrheiten, ist auch diese unmittelbar auf das Leben übertragbar. Der Sinn des dramatischen Sterbens ist, derselbe, wie der Sinn des Todes in der Wirklichkeit.

Im Augenblick höchster Lebensgefahr sind wir uns auf einmal unserer gesamten Vergangenheit bewußt; eine Sekunde spiegelt lückenlos den Inhalt ungezählter Jahre; vor dem Nichts wird alles, was je war, nochmals geboren. Der Sinn dieses wundersamen Verhältnisses liegt aber darin, daß erst das Nicht-Sein das Sein zu vollem Bewußtsein bringt.

Das Grenzenlose entgeht diesem überall, äußere Grenzen sind zur Wirkung unentbehrlich; so müssen Bilder eingerahmt sein, um ganz zur Geltung zu gelangen. Und das verfließende Bild des Lebens umrahmt allein der Tod. Denn das Leben ist Werden, Tun, Bewegung; es ist nicht festzuhalten, nicht zu fassen. Solange es fortschreitet, kann es nie ganz deutlich werden. Unsere heutigen Schlüsse mögen durch das, was morgen geschieht, widerlegt werden, und die Zukunft ist ungewiß. Nur das vollendete Leben ist wahrhaft zu begreifen; wenn aber das Leben vollendet ist, dann ist es auch vorbei. So fallen die Grenzen des Lebens, durch die es uns allererst wirklich wird, mit den Grenzen seiner Dauer zusammen.

Diese Begrenzung bedeutet mehr als einen Rahmen: von der Geschichte her betrachtet bedeutet sie die eigentliche Form. Der Ausdruck, der dem Gedanken Grenzen setzt, erweckt ihn zugleich zum Sein; die Form, welche die dichterische Stimmung abschließend einschließt, erhebt sie erst zur Wirklichkeit. Nur an seinen Grenzen ist das Leben zu fassen. So erkennen wir es erst vom Tod umrahmt.

Hierin liegt der Grund, warum die Dichter aller Zeiten im Tode mehr gesehen haben, als eine empirische Trivialität: er bedeutete ihnen das Leben, als dessen Form den gesamten Gehalt. Dies ist zugleich die Ursache, weshalb das Problem des Sterbens uns so tief erscheint, warum wir an seinem Ende erst den metaphysischen Sinn des Daseins ahnen: weil uns die tödliche Form den lebendigen Gehalt erschließt. Wer vom Pathos des Sterbens überwältigt ist, den erschüttert das Pathos des Lebens. Wer vom Sinn des Todes spricht, der meint den Sinn des Lebens. Erschiene dieses nicht durch jenen begrenzt, es wäre keinem Menschen jemals zum Problem geworden.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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