Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Todesgedanken

Phantasie und Erinnerung

Einem wunderlichen Verhältnisse begegnen wir allerwegen: daß die Toten für den Menschen mehr Aktualität besitzen, als die Lebendigen. Zwar findet es nicht überall in einem bestimmten Glaubenssatze Ausdruck, doch gilt es überall mit gleicher Kraft, unter uns Modernen nicht weniger als bei Hellas’ Urbewohnern und den pietätvollen Ostasiaten. Der Totenkult ist eine allgemeinmenschliche Eigentümlichkeit.

Ich will hier keine Auseinandersetzung der religionsgeschichtlichen Tatsachen geben. Für unsere Zwecke wesentlich ist nur der durchgehende Grundzug, daß den Verstorbenen überall nach den meisten Hinsichten größere Bedeutung beigemessen wird als den Lebenden. So erschöpfte sich des Ägypters Phantasie in der Verehrung und Pflege der Abgeschiedenen; so war die ganze Religion wie die gesamte Politik der ältesten Griechen und Römer im Vorfahrenkult begründet; so fühlt sich der Ostasiate allezeit von seinen Ahnen umgeben, und nicht minder gegenwärtig sind die Heiligen dem Gläubigen Roms. Das Verhältnis der Lebenden zu den Toten wird freilich sehr verschieden gedeutet. Bei den Ägyptern hing das Ergehen der Verblichenen ausschließlich von den Lebenden ab; die Toten hatten so gut wie keine Macht über diese, und es ist ein schöner Beweis für die Besonnenheit und die Ethik jenes Volks, daß es ohne unmittelbare Nützlichkeitsgründe sein Leben doch im Dienst der Verstorbenen verzehrte. Auch den Griechen galten die abgeschiedenen Seelen nicht als gefährlich; sie konnten höchstens durch ihr unstetes Umherschweifen unbequem werden; unmittelbar nützte ihr Kult nur den Seelen selbst. Für die Chinesen und Japaner liegt die Sache umgekehrt: das Wohlergehen der jeweilig blühenden Generation hängt von der Zufriedenheit der Ahnen ab; deshalb ist deren Verehrung und Befriedigung von unmittelbarem praktischen Wert. Diese Auffassung findet ihren Höhepunkt einerseits bei den wilden Stämmen, denen alle Toten zu bösen Geistern werden, welche zu besänftigen äußerst schwierig und desto wichtiger ist, und andrerseits bei den Katholiken, welche die Seligen hauptsächlich dazu verehren, damit sie den Erdbewohnern beim Himmelsherrn als gütige Fürsprecher dienten. Aber die faktische Grundlage ist überall die gleiche. Den meisten positiven Religionen gelten die Toten für wichtiger und bedeutender, als die Lebendigen.

Um den innersten Gehalt dieses Sachverhalts zu verstehen, ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, daß er auch zu den aufgeklärtesten Zeiten und bei den freiesten Geistern im prinzipiell gleichen Sinne zu recht besteht. Der Europäer des 20. Jahrhunderts treibt keinen bewußt-religiösen Ahnenkult: hierin liegt der einzige Unterschied. Auch für uns besitzen die Toten mehr Aktualität als die Lebendigen.

Man denke an den überaus häufigen Fall, den jeder von uns irgendeinmal erlebt und beobachtet hat, daß ein Mensch, der bei Lebzeiten kaum noch oder kaum mehr genannt wurde, mit dem Augenblick seines Hinscheidens zu ungeheurer, oft dauernder Wirksamkeit ersteht. Wie? jener berühmte Mann lebt noch? Merkwürdig … beinahe schade … So war Otto Weiningers tragisches Ende für seinen Ruhm das größte Glück. Platos eigentümliche Wirksamkeit begann erst lange nach seinem Ableben, und bei Christus spitzte sich dieses Verhältnis sogar dahin zu, daß die Nachwelt gerade in seinem Tode das Hauptmoment seiner Tätigkeit erblickt hat. Fast jedem bedeutenden Menschen — desto mehr, je bahnbrechender er war — ist es bitterschwer geworden, sich bei Lebzeiten durchzusetzen. Umgekehrt läßt sich behaupten, daß die posthume Anerkennung des Großen geradezu unvermeidlich ist. Ob früher oder später: sie bleibt nicht aus. Im Verstorbensein allein liegt schon ein solches Verdienst, daß jeder Tote im gleichen Grade überschätzt wird, wie der Lebende angefeindet und unterschätzt.

Heute gelten allerlei dii minorum gentium, deren Ausgrabung oft viel Mühe erforderte, für Übermenschen, die wahrhaft Großen zum Mindesten für Halbgötter: welcher Unterschied besteht da mit dem eigentlichen Totenkult?

Um die Psychologie dieses Verhältnisses zu begreifen, gilt es, sich dessen zu erinnern, daß ein Mensch immer dort eher anerkannt wird, wo er nicht ist, daß es für jeden Genius, so groß er auch sei, vorteilhafter ist, persönlich nicht oder wenigstens nicht zu gut gekannt zu werden. Von der Tribüne aus mag er sich zeigen; en robe de chambre nie. Und wenn Mohammed, gleich manchem anderen Propheten des Orients, von seiner Umgebung trotz intimsten täglichen Umgangs gottgleiche Verehrung genoß, so spricht dies weniger gegen unsere These, als es für die unerhörte Glaubenskraft des Ostens zeugt. Im Westen wäre ähnliches unmöglich. So entstand Ibsens Ruhm in der Heimat während seiner jahrelangen Abwesenheit; so ist Tolstois Glorienschein wesentlich mit der Einsiedelei von Jaßnaja Poljana verwoben; so hängt des Papstes Autorität im skeptischen Europa hauptsächlich an seiner Gefangenschaft im Vatikan. Gar mancher bedeutende Mann hat den Vorteil persönlicher Unbekanntheit sehr weltklug zu nutzen gewußt. — Der Sinn dieses Verhältnisses liegt nun in Folgendem: die Phantasie steigert jede nur mögliche Realität. Deshalb steht diese ihr notwendig im Wege. Den, welchen ich sehe, kann ich mir nicht so denken, wie ich will; ich muß mich ans Faktische halten. Und da die Hoffnung oder die Bewunderung aus den spärlichsten Bausteinen die gewaltigsten Dome aufzutürmen weiß, so kann nichts ihr ungelegener kommen, als die selbst bei den größten Dimensionen noch immer bescheidene Begrenztheit des Wirklichen. Die Phantasie will den Übermenschen — und der lebende Mensch ist stets nur Mensch! — Was aber sollte sie hindern, sich einen Toten so auszumalen, wie es ihr gefällt? Der kann sie nicht mehr widerlegen. Hinabschraubende zeitgenössische Urteile lassen sich leicht als Mißverständnisse erweisen, unzulängliche Tatsachen ohne Schwierigkeit dem Ideal entsprechend deuten. Auch der Abwesende ist, obschon rücksichtsvoller als der Anwesende mit seiner brutalen Tatsächlichkeit, immerhin noch bedenklich: er könnte am Ende erscheinen, oder auch nur aus der Ferne gegen die phantastische Umformung seines Wesens Einspruch erheben. Darum lesen Professoren so ungern über einen lebenden Denker Kolleg. Es könnte ein Unglück geben. — Wie erleichtert atmet nicht die Menschheit auf, wenn ein berühmter Mann endlich tot ist! Nun ist die Bahn frei. Die Phantasie kann schrankenlos vagieren, die Kritik ohne Hemmnisse interpretieren. Von jedem Katheder aus wird der bei Lebzeiten Totgeschwiegene verkündet; der eben noch nie ohne vielfaches wenn und aber Anerkannte wird jetzt unbedingt gelten gelassen. De mortuis nil nisi bene. — Der Ruhm des glücklich Verstorbenen wächst nun ins Unermeßliche. Jahr auf Jahr tragen Phantasie und Kritik neue Bausteine zu seiner Persönlichkeit herbei, jede folgende Generation erhält von ihr ein neues, gesteigertes Bild. In die Gestalt des einstigen Menschen tritt sein zeitliches Dasein nur mehr als Teil ein, die überwiegende Masse ist durch die Einbildungskraft der Nachfahren geschaffen. — Nun ist aus ihm eine mythische Figur geworden; aus dem sterblichen, echten Menschen ein unsterblicher Gott oder Götze. Ist ein lebendes Wesen denkbar, das unserem heutigen Bild von Goethe entspräche? Schwerlich. Seine Entelechie hat posthum fortgewirkt; er ist weit über sich selbst hinausgewachsen. Der ewige Goethe ist mit dem zeitlichen nicht identisch, die Verehrung der Nachwelt hat ihn zum Gott erhoben.

Wodurch unterscheidet sich unser Heroenkultus vom Ahnenkult der Antike oder fremder Völker? — Wir verfahren nicht viel anders als sie. Freilich deuten wir uns unsere Verehrung anders, verknüpfen sie mit anderen Vorstellungen, anderen Begriffen. Doch sind das alles nur Ausgestaltungen und Interpretationen, die den identischen Urtatbestand nicht zu verändern, ja kaum zu verhüllen fähig sind.

Ähnliche Gründe, wie die posthume Überschätzung der Großen, hat die oft wiederholte Erfahrung, daß begabte Frühverstorbene von ihren Angehörigen und Freunden meist überschwänglich gefeiert werden: sie waren eben bloße Möglichkeiten, und Möglichkeiten sind ihrem Wesen nach unbegrenzt. Auch die größte Erfüllung wirkt kleiner als das Versprechen, weil sie überhaupt Grenzen aufweist. So führen denn alle nur denklichen Betrachtungen zum gleichen Ziel: daß es für den Eindruck auf die Welt von eminentem Vorteil ist, nicht mehr am Leben zu sein.

Welcher ist nun der tiefste Grund dieser Herrschaft der Toten über die Lebendigen? Kein anderer, als die Souveränität der Phantasie über die Realität, der Erinnerung über das Erlebnis. Zwischen Phantasie und Erinnerung gibt es keine scharfe Grenzlinie, da alles Erfinden im Neuverbinden von Erfahrenen besteht, und alle Erinnerung im produktiven Umformen des Erlebten. Ein rein reproduktives Erinnern gibt es nicht. Gäbe es ein solches, so müßten die Toten wenigstens im Gedächtnis ihrer Zeitgenossen unverändert fortleben: statt dessen wandeln sie sich vom Augenblick ihres Hinscheidens an. Das unscheinbarste Menschlein wie der größte Heros lebt, wo er nicht vergessen wird, stets nur als Mythos fort. Und das Gedächtnis der Menschheit ist nicht zuverlässiger, als das des Individuums. Eine in strengsten Sinne objektive, wirklich exakte Geschichtschreibung ist nicht möglich. Kein Historiker vermag die Berichte seiner Gewährsmänner erschöpfend nachzuprüfen. Die meisten von ihnen sind Bastarde von Dichtung und Wahrheit. Alle Geschichte ist notwendig Mythologie, weil alle Erinnerung schon Dichtung ist.

Und doch sagen wir, nur die Vergangenheit gehöre uns ganz. Das ist richtig. Aber was bedeutet es anderes, als daß nur die Erfahrung, die uns zur phantasiegeprägten Erinnerung ward, wirklich unser eigen ist? daß uns der Mythos realer ist als die Natur? Der Mythos ist mein; denn er ist mein Werk, der eigenste Ausfluß meines Subjektes, meiner Schöpferkraft. Deshalb muß er mir notwendig einen größeren Lebenswert verkörpern als das reale Objekt, dessen Grenzen nicht meine sind, welches mich, da es nicht von mir abhängt, mehr hemmt als fördert. Was geht mich die Welt an, die nicht meine Welt wäre? Was kümmert mich der Goethe, der er an und für sich gewesen sein mag? Ich verehre meinen Goethe — und es ist ein Beweis für den Tiefsinn der Sprache, daß sie diese Nuance (ich lese meinen Shakespeare) in ihren Normalbestand aufgenommen hat. — Verdichten wir nun dieses Verhältnis zu seinem kürzestdenkbaren Ausdruck, so können wir sagen, daß alles geistige Erleben darin besteht, das Objekt zu überwinden, die realen Fakta in Phantasiewerte umzusetzen. Und verfahren wir auf diese Weise Menschen gegenüber: was besagt es anderes, als daß wir ihnen ihre eigenste Individualität nehmen, d. h. sie töten? Erst wessen eigenes Dasein wir getötet, erwacht für uns zu echtem Sein. Und daraus folgt von selbst, daß die Lebendigen die Toten beherrschen müssen. Denn wenn ich den Menschen töten muß, auf daß er für mich lebe, so bedeutet dies, von der anderen Seite her betrachtet, daß mir die Toten die Lebendigen sind. Die Phantasie herrscht allmächtig über die Wirklichkeit, die objektive Natur bleibt dem Menschen fremd; er muß sie dichten, um sie zu besitzen. Im Augenblick der Geburt ins Reich der Phantasie ist aber die Realität gestorben. Das tiefe Wort Heraklits:

ἀϑάνατοι ϑνητοὶ, ϑνητοί ἀϑάνατοι ζῶντες τὸν ἐϰείνων ϑάνατον τὸν δὲ ἐϰείνων βίον τεϑνεῶντες

bezieht sich auf alles Leben; jeder Organismus dauert auf Kosten der anderen. So lebt der Mensch leiblich auf Kosten seiner Mitmenschen, der Pflanzen und der Tiere; so fühlt er sein eigenes Dasein nur an den anderen — ob er sie liebt, vernichtet oder beherrscht; so lebt schließlich sein Geist auf Kosten der Realität.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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