Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Das Problem des Glaubens

Sinn des Glaubens

Beginnen wir mit der Feststellung einiger faktischer Daten. Tatsache ist zunächst, daß es keine mögliche Erkenntnis gibt, welche in letzter Instanz nicht auf einen Glaubenssatz zurückwiese; Verstandeserkenntnis ist das Letzte nie.1 Wohl greift das Wissen fortschreitend auf Gebiete über, auf denen vormals der Glaube allein über die Wahrheit entschied, doch wird dessen Gebiet darum nicht kleiner: es erweitert sich im gleichen Verhältnis, wie es abzunehmen scheint. Oder genauer gesagt: je weiter sich das Wissen ausbreitet, desto höher erhebt sich das Bereich des Glaubens. Es ist nicht unmöglich, daß sich geradezu ein Erfahrungsgesetz der Konstanz des Glaubens aufstellen ließe, welches auf geistigem Gebiet das der Erhaltung der Energie trotz aller Wandlungen auf eigentümliche Weise widerspiegelte. Auch das Beweisbare und Bewiesene wird mir nämlich erst dadurch zur Gewißheit, daß ich das Ästhetische ins Ethische übersetze, d. h. den Beweis anerkenne. So ist das Erkennen unentrinnbar an Glauben gekettet. Es geht von Voraussetzungen aus, deren Wahrheit geglaubt wird; jede einzelne Erkenntnis kann bloß durch einen Glaubensakt zur Gewißheit werden; wo jeder Glaube fehlt, ist auch Erkenntnis ausgeschlossen. Wohl mag das ungewiß und falsch sein, was ich glaube; darüber, daß ich glaube, gibt es keine Instanz.

Den Weg zur kritischen Fassung dieses Verhältnisses dürfte folgende Erwägung weisen. Begegnet uns etwas Ungewöhnliches oder Unwahrscheinliches, so glauben wir es nur langsam, allmählich, selbst wenn der Verstand uns sagt, daß es nichts zu bezweifeln gibt, daß die fragliche Erscheinung sicher statt hat. Erst mit der Zeit, wenn die Folge immer wieder auf ihre Voraussetzung zurückweisen, glauben wir an diese selbst. Oder umgekehrt: wir glauben instinktiv an einen gegebenen Sachverhalt oder eine bestimmte Wahrheit, obgleich wir ihre unmittelbaren Folgen nicht übersehen können, obgleich die Beweise noch ausstehen und alles Bekannte vielleicht gegen sie spricht: hier nehmen wir in der Voraussetzung die möglichen Konsequenzen vorweg, anstatt durch diese zu jener geführt zu werden. Was also geglaubt wird, ist die Voraussetzung dessen, was bewiesen werden kann, die Voraussetzung, die ihrerseits entweder unzurückführbar ist, oder auf deren weitere Begründung (bewußt oder unbewußt) verzichtet wird. Unzurückführbar sind z. B. die Axiome der Geometrie, das Subjekt der Erkenntnis (das Ich), die Gottesidee. Objektiv betrachtet sind die genannten Objekte wohl nicht gleich glaubwürdig, doch gehören sie insofern der gleichen Kategorie an, als sie keines Beweises fähig sind, als sie subjektiv gewiß erscheinen (oder erscheinen können), und als diese Gewißheit für den reflektierenden Verstand nicht anders definiert oder begründet zu werden vermag, als daß ich an sie glaube oder glauben muß. Der zweite Fall: ich verzichte auf die Zurückführung der Prämisse. Dies geschieht bei fast jeder wissenschaftlichen Hypothese, bei jeder praktischen Tat, ja schon bei jedem Ansetzen einer Gleichung. Einen Erscheinungskomplex z. B. unter Zugrundelegung der Atomtheorie studieren, heißt nichts anderes, als unter der Voraussetzung arbeiten, daß die Hypothese zutrifft, daß es Atome gibt — wobei die Voraussetzung selbst nicht in Frage gezogen wird. Wollte der Chemiker bei jedem Experiment noch darüber nachdenken, ob seine Arbeitshypothese einwandfrei sei, er käme nie vom Flecke. Er glaubt an sie — vorläufig wenigstens. Und auf demselben Verzicht einer weiteren Motivation beruht die Möglichkeit jeglichen Handelns überhaupt. Niemals kann ich mit vollendeter Sicherheit wissen, ob die Voraussetzungen meines Tuns — etwa in betreff der Personen, auf die ich mich verlasse — richtig sind; ich handele so, als ob sie es wären, stelle sie nicht in Frage, glaube bis auf Weiteres an sie. Die Unfähigkeit zu glauben bedingt Unfähigkeit zur Tat. Und habe ich eine Gleichung einmal angesetzt, so betrifft die kausale Diskussion hinfort auch nur die Folgerungen aus dem Ansatz, der selbst nicht mehr diskutiert wird; ob er wirklich dazu berechtigt war, einen Kometen mit x zu bezeichnen, solche Skrupeln darf der Mathematiker, wofern er rechnen will, nicht kennen. Der regressus ad infinitum, den der Erkenntnisprozeß bei ursächlichen Zusammenhängen durchaus zu fordern scheint, wird willkürlich oder unwillkürlich an irgendeinem Punkte abgeschnitten. Weiter wird nicht gefragt. Das letzte Glied des Kausalnexus gilt als Voraussetzung, und diese wird geglaubt2.

Der Glaube besteht im Anerkennen letzter Voraussetzungen. Diese Bestimmung ist insofern schlecht, als anerkennen und glauben schließlich dasselbe besagen; doch bringt sie wenigstens das eine äußerst wichtige Moment mit gebührender Schärfe zum Ausdruck, daß es zum Allerwesentlichsten des Glaubens gehört, die Diskussion auszuschließen. Er stellt ein Festes dar gegenüber dem allezeit flüssigen Gedankenleben; seiner Wahrheit, sofern solche in Frage steht, eignet, psychologisch betrachtet, unbedingte Endgültigkeit. Von hier aus begreifen wir, weshalb blindgläubige Völker und Menschen immer stärker sind als allzu reflektierte: das überzeugte Sich-Bescheiden bei letzten (meist sehr naheliegenden) Voraussetzungen vereinfacht das Leben, gibt ihm einen sicheren Hintergrund, verhütet die Zersplitterung der Kräfte. Wenn himmelwärts alles klar und sicher ist, dann kann man sich um so freudiger den Aufgaben der Erde zuwenden; das Transzendente ist überhaupt kein Problem, erscheint vielmehr sicherer als alles Erfahrbare. Auf diesem Umstande beruht die ungeheure (wenn auch meist schlummernde und nur gelegentlich vulkanisch hervorbrechende) Kraft der Araber und sonstigen Muslim, denen die Christenheit heute noch wie vor Jahrhunderten kaum gewachsen sein dürfte; der Fatalismus des Orientalen, das Produkt großartigster Resignation aus dem Geist des Glaubens heraus, ist ein unbedingt schöpferisches Prinzip. Auf demselben Grunde fußt die gewaltige Macht der katholischen Kirche und das Glück ihrer Herde: dem Katholiken wird es wunderbar leicht gemacht, sich im Diesseits und Jenseits zurechtzufinden. Jeder Zweifel wird autoritativ unterdrückt, aus jedem unlösbaren Problem erwächst ein unbestreitbares Dogma, und die Qual des Ungewissen und der leidvollen Selbstbestimmung, die den Protestanten so oft aus dem Gleichgewicht bringt und kulturell herabdrückt (denn den Meisten ist nur eine heteronome Harmonie zugänglich), bleibt dem Gläubigen Roms erspart. Hierauf beruht endlich auch die unvergleichliche Stärke der absoluten Herrschaft dort, wo sie dem Volkscharakter angemessen ist: wenn die Gerechtigkeit jeder, auch der irrationellsten Entscheidung des Autokraten überhaupt nicht in Frage gezogen wird (wie seitens der Mohammedaner vom alten Schlag dem Padischah gegenüber), dann erscheint das Dasein nicht nur einfach, sondern auch sittlich befriedigend; auch das größte Unglück wird nicht als Unbill empfunden. Wo das Denken überwiegt, wo der Wissensdrang die Autorität zersprengt, dort verringert sich freilich die Zahl der nicht diskutierten Voraussetzungen, dort rücken sie immer weiter hinaus und immer höher hinauf. Doch bleibt es überall bei letzten Prämissen, deren Wahrheit Glaubenssache ist. Ohne Glauben wäre alles Denken unmöglich: wer sich nicht bei irgendeiner Voraussetzung bescheidet, kann nicht fortschreiten, muß ewig um einen toten Punkt herumirren; der vollendete Skeptiker ist notwendig unfruchtbar. Ja es ließe sich sogar die Meinung verfechten, daß geistige Plastizität (die vornehmste Bedingung jeglicher intellektuellen Produktion) stets mit potentieller Leichtgläubigkeit zusammen besteht: denn der Schaffende muß fähig sein, seinen Standpunkt und seine Voraussetzungen zu wechseln, und zu Voraussetzungen gibt es kein anderes reflektiertes Verhältnis als das des Glaubens. Wogegen der konsequent und beharrlich stets das Gleiche Wollende und Verkündende — der Religionsstifter z. B. — leicht seiner geistigen Beweglichkeit verlustig geht.

Schreiten wir nun in unserer kritischen Untersuchung fort. Die Hauptbeziehung, die wir entdeckten, war die folgende: daß der Glaube sich auf die Voraussetzung bezieht. Von irgendeiner muß auch die vollständigste Diskussion ihren Ausgang nehmen, und zu einer solchen gibt es kein anderes Verhältnis als das des Glaubens. Unsere nächste Aufgabe ist jetzt offenbar die, zu entscheiden, worin das Wesen einer Voraussetzung besteht.

Es besteht in Folgendem: was wir voraussetzen, mithin nicht bestreiten, dem erkennen wir implizite Existenz zu. Setze ich die Einheit der Natur voraus, so bedeutet das für sich, daß sie ist; konstruiere ich eine Weltanschauung aufgrund der persönlichen Herrschaft Gottes, so beweise ich damit, daß Gottes persönliche Existenz mir Gewißheit ist. Also bezieht sich der Glaube unmittelbar auf das Sein. Und zwar gilt dies vom Glauben allein. Kein Erkenntnisprozeß als solcher führt zur subjektiven Gewißheit eines Seins. Man mag mir noch so zwingend beweisen, daß eine Erscheinung statthat: solange ich nicht an sie glaube, bleibt ihr Dasein für mich zweifelhaft. Gewiß hängt die absolut reale Existenz eines Gegenstandes nicht von meiner Zustimmung ab; gibt es wirklich eine Weltseele, so vermöchte kein Skeptiker etwas daran zu ändern. Dennoch erhält ein Gegenstand für mich erst durch mein Glauben an ihn Existenz. Dieses gilt sogar in bezug auf mich selbst. Sobald ich vom unmittelbaren Bewußtsein absehe und mich in der Reflexion meiner Existenz zu vergewissern suche, erkenne ich, daß ich auch an diese nur glauben kann. Zu den unbestreitbarsten Wahrheiten, die keine Vernunft zu widerlegen fähig wäre, muß ich immer noch ja sagen, ehe sie für mich in Kraft treten. Und da ich von einer Welt, die nicht meine Welt wäre, nichts erfahren kann, so ist es trotz aller nur möglichen Wissenschaft in letzter Instanz doch mein Glauben an sie, durch welches sie für mich zur Wirklichkeit wird.

Der Glaube ist es also, durch welchen die ganze uns durch Sinne und Verstand vermittelte Welt erst zur Wirklichkeit wird: denn bevor wir unsere Erfahrungen anerkennen, sie als weiter nicht diskutierbare Realität hinnehmen, bevor uns etwas nicht zur unbeanstandeten Voraussetzung jeder weiteren Diskussion geworden ist, fehlt ihm das Attribut der Existenz. Was da ist, eröffnen mir Sinne, Verstand, Gefühl — wie die Funktionen, welche dem Geist das Materiale der Außen- und Innenwelt vermitteln, immer heißen mögen; daß etwas da ist, kann ich letzthin nur glauben. Und nun begreifen wir, weshalb der Glaube nicht weiter zu erklären und zu begründen ist, weshalb er trotz alles Fortschritts der Erkenntnis dennoch das Letzte bleibt: weiter, als zum schlechthinnigen Dasein der Welt vermag keine Erkenntnis vorzudringen; über diesem gibt es keine Instanz.

Folglich wird mein eigenes Sein mir im selben Augenblick zum Glaubensinhalt, wo es mir zur herausgestellten Vorstellung wird. Sobald ich nicht unmittelbar bin, sondern auf dem Umwege der Reflexion zu mir selbst gelange, kann ich an mich nur glauben. Das Ich wird mir dann zur letzten Voraussetzung, d. h. zum Nicht-Weiter-Zurückführbaren, d. i. zum Glaubensobjekt. Daher das Paradox, daß es nicht genügt, jemand zu sein, daß man zugleich an sich glauben muß, um zu siegen; daher die Garantie des Erfolges, ja die Antizipation des Schicksals, die im Selbstbewußtsein begründet liegt; daher das Wunder, daß der Glaube das Unmögliche erreichen, den Naturgesetzen Trotz bieten zu können scheint; daher endlich die Möglichkeit, von Außen nach innen auf den Menschen zu wirken — das Prinzip des preußischen Soldatendrills: man handelt, als ob die erforderten Eigenschaften im Innern begründet lägen, von innen hervor kämen; zuletzt glaubt man wirklich daran, und was man von sich glaubt, das wird man auch. Der Glaube ist tatsächlich, wie ich mich an anderer Stelle einmal ausdrückte, die Metapher des Seins; ohne an sich zu glauben, ist man eigentlich nicht, wenigstens nicht als Kraft. Erst durch Glauben ergreift der Mensch sich und die Welt im Geist, erst er schafft für diesen ein Sein. So bewegt sich denn das bewußt-geistige Leben des Menschen zwischen zwei Brennpunkten, deren einer dem Sein des Subjekts, deren anderer dem Glauben ans Objekt entspricht, die sich gegenseitig spiegeln und kongruent zusammenwirken müssen überall dort, wo es zur produktiven Macht werden soll. Seinen intensivsten, vollendetsten Ausdruck findet dieses Verhältnis in der Religion: sie verknüpft den Einzelnen unmittelbar mit dem All, das Endliche mit dem Unendlichen. Das Absolute ist die oberste Voraussetzung Ales Bedingten, das Unendliche die letzte Prämisse alles Endlichen; daher hört hier alle Wissenschaft auf, daher herrscht hier uneingeschränkt der Glaube. Und da der Glaube unmittelbar auf das Sein geht, so ist die religiöse Funktion in der Tat die zentrale, der innerste Lebensgrund des Menschen. Der Glaube wird immerdar das letzte Motiv der Menschheit bleiben. Denn von dem Moment an, wo sie nicht mehr glaubt, muß sie auch aufhören zu sein. Die Geschichte hat dies oft genug — und wie tragisch! — bewiesen: alles große Geschehen war immer nur das Werk starken Glaubens. Dessen Gegenstand mochte noch so absurd scheinen: mit dem Ende der Chimäre — hieß sie die Größe Roms, die Ehre Gottes, die absolute politische Freiheit — sank auch die Wirklichkeit in sich zusammen.

Die letzten Voraussetzungen geistigen Lebens sind also Sein (in bezug auf das Subjekt) und Glauben (in bezug aufs Objekt). Beide sind weiter nicht abzuleiten; mehr als glauben kann der Mensch nicht. Darum ist es allerdings wahr, wie die Fanatiker des Ungewissen dies frohlockend verkünden, daß wir auch an die Axiome der Geometrie nur glauben können: weil sie eben unser Sein ausdrücken, unsere Grenzen bezeichnen, die Voraussetzung aller Erfahrung sind. Daß ich bin — auch dieses Gewisseste kann ich ja nur glauben.

1Vgl. hierzu Camille Bos La Psychologie de la croyance, 2 éd. Paris 1905.
2Wer einen möglichen Einwand gegen meine Argumentation darin erblicken sollte, daß Hypothesen und mathematische Ansätze; unter denen operiert wird, gar nicht geglaubt zu werden brauchen, der bedenke, daß das Wesen alles Geglaubten (im Gegensatz zum verstandesmäßig Gewußten), von unserem kritischen Gesichtspunkte aus betrachtet, in dem negativen Merkmale des Nicht-Diskutiert-Werdens liegt, daß die angeführten, anscheinend ganz ungleichartigen Beispiele in diesem Punkte übereinstimmen, und daß der Unterschied zwischen einer bloß vorläufig zugestandenen Hypothese und einer felsenfesten Überzeugung nur in der Intensität des Glaubensaktes oder -prozesses liegt, welcher sich an die betreffende Vorstellung knüpft.
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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