Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Mensch und Menschheit

Totalität des Lebens

Alle Wege scheinen zu den befremdlichen Ergebnissen des letzten Kapitels zusammenzuführen; aber jetzt haben diese schon bedeutend konkretere Gestalt gewonnen. Unmittelbar zu empfinden, daß der individuelle Selbsterhaltungstrieb nicht auf die Person geht, ist freilich kaum möglich.

Wogegen eines jeden Bewußtsein dafür zeugt, daß sein Streben über ihn hinausweist, daß er überpersönliche Zusammenhänge anerkennt. Und jetzt bleibt uns auch nichts übrig, als den Schluß zu akzeptieren, den wir vorhin gezogen Hatten: wenn das Individuum die letzte Tatsache vor der Natur bedeutete, dann ließe sich auf keine natürliche Weise verstehen, wieso der Mensch von überindividuellen Zusammenhängen in seinem Wollen und Werten ausgehen kann; man müßte zu einer anderen, außer- oder übernatürlichen Sphäre seine Zuflucht nehmen, und die Voraussetzung einer Welt jenseits der Wirklichkeit nützt der Erkenntnis nichts.

Postulieren wir aber einen natürlichen Zusammenhang oberhalb des Individuums, dann lassen sich alle Tatsachen restlos und einheitlich begreifen. Ein sinnfälliges Phänomen ist dieser nun freilich nicht: die Wahrnehmung zeugt nur für Individuen. Es muß eine weitere Kategorie des Wirklichen geben. Unsere Ideen und Allgemeinbegriffe, wie Menschheit, Art, Gesamtheit usw. müssen Realitäten vor der Natur entsprechen, wären also nicht nur Abstraktionen, menschliche Denkschemen, wiewohl der Mensch sie denkend aus der Erfahrung abstrahiert.

Im Fall des Lebens ist nun dieser reale Charakter des scheinbar bloß Abstrakten unmittelbar nachzuweisen. Die Einheit des Lebens ist nichts Empirisches, gewiß, denn die Sinne wissen bloß von scharf geschiedenen Gestalten. Dennoch besteht der übersinnliche Zusammenhang im allergegenständlichsten Sinn zu Recht. Jedes Lebewesen ist tatsächlich durch alle anderen bedingt; fehlte ein Glied in der Kette, die ganze Synthese müßte zerfallen. Jeder Organismus ist das Produkt der Generationen, von denen er abstammt, und der Seinsgrund der folgenden. Zwischen den gleichzeitig existierenden Lebensformen herrscht aber wiederum so allseitige Korrelation, daß sich keine einzige unbeschadet der Gesamtheit ausschalten ließe. Der Typus, die Art ist eine Idee: und dennoch beharrt diese, sich selber gleich, nicht ihre jeweilige Verkörperung, das Individuum. Auch das Ich ist dem Denken eine Idee; und doch — was in uns dauert, ist eben dieses Ideelle, nicht das von Augenblick zu Augenblick schwindende Konkrete. Der Zusammenhang der Organismen im Raum ist nichts Materielles, er läßt sich nicht greifen, und doch ist er da. Die letzten Wirklichkeiten, denen wir beim Studium des Lebens begegnen, sind überall — gleichviel ob seine Gesamtheit oder die speziellste seiner Erscheinungsformen uns Forschungsobjekt ist — übersinnliche Einheiten.

Der objektive Zusammenhang des Lebens ist Tatsache. Es ist Tatsache, daß die oberste Voraussetzung jeder Einzelexistenz nicht diese selbst, wie es kurzsichtigen Empiristen scheint, sondern die Totalität des Lebens ist. Es ist gar nicht möglich, von den höchsten, scheinbar nur idealen Synthesen zu abstrahieren, wenn der konkrete Spezialfall erschöpfend begriffen werden soll. Was haben wir nun im Lauf dieses Kapitels anderes getan, als diesen objektiven Zusammenhang auch in der subjektiven Sphäre nachzuweisen? — Wir begannen mit der Feststellung faktischer Daten. Wir untersuchten das Leben der Spezies Mensch mit der gleichen vorurteilslosen Objektivität, mit welcher der Zoolog den Bienenstaat studiert. Und hierbei erwies es sich, daß die Menschen tatsächlich, von welchem Gesichtspunkt man sie auch betrachte, untereinander zusammenhängen; auch innerhalb der Menschheit ist der einzelne Organismus von höheren Synthesen bedingt, nur aus diesen heraus zu verstehen. Und dies gilt unabhängig von aller Psychologie; ein Beobachter, dem die Menschenseele so unzugänglich wäre, wie uns die der Biene, würde zum gleichen Ergebnisse gelangen. Dann aber wandten wir uns der subjektiven Seite des gleichen Verhältnisses zu. Wir konnten ja auf Grund des Erfahrungssatzes, daß die Bewußtseinsphänomene überall reale Verhältnisse spiegeln, a priori voraussetzen, daß der objektive Zusammenhang des Lebens auch im Bewußtsein seinen Widerhall findet, daß umgekehrt die Bewußtseinstatsachen auf Realitäten zurückweisen. Aber mit apriorischen Voraussetzungen ist es nicht getan; sie müssen begründet und an der Erfahrung geprüft werden. Diese Prüfung ward von uns besorgt, und dabei stellte es sich heraus, daß der Mensch sich ursprünglich als Glied eines höheren Zusammenhangs fühlt. Zu diesem Ergebnis führte uns zuerst die vergleichende Psychologie der Individuen und der Völker, sodann aber die Kritik des sittlichen Bewußtseins. Diese war es, die uns die entscheidenden Argumente lieferte: denn die Ethik hat es mit dem innersten Sein zu tun, das sittliche Bewußtsein bringt das tiefste Wesen des Menschen zum Ausdruck. Dessen Analyse führte uns nun mit zwingender Notwendigkeit zur Annahme eines realen überindividuellen Zusammenhangs. Es erwies sich, daß alle ethischen Impulse ihrem Sinne nach von überpersönlichen Synthesen ausgehen. Wenn eine solche dem Selbstbewußtsein nicht unmittelbar zugrunde läge, bliebe in der Tat vollkommen unverständlich, wie der Einzelne darauf verfallen kann, seine Person einer Idee zu opfern. Als Tatsache erwies sich, daß der Mensch Werte setzt, denen er unabhängig vom Charakter seiner Person Gültigkeit zuerkennt; und dieses wäre unfaßlich, wenn er nicht unbewußt von einer überindividuellen Prämisse ausginge. Als unleugbares Faktum erwies sich ferner, daß jeder Mensch sich in irgendeiner Form einer Pflicht ursprünglich bewußt ist; und der Pflichtbegriff setzt etwas voraus, das mehr ist, denn der Einzelne. Sonach kann das persönliche Ich nicht die letzte Voraussetzung des sittlichen Bewußtseins sein: als Tiefstes muß ihm ein weiterer Zusammenhang zugrunde liegen; an seinem Dasein für das Bewußtsein ist kein Zweifel möglich. Dieser subjektiv gewisse Zusammenhang ist aber genau der gleiche, dessen Dasein die objektive Forschung zwingend demonstriert. Sein und Bewußtsein entsprechen sich. — Überschauen wir jetzt beide Seiten auf einmal, so gelangen wir zur folgenden Erkenntnis: die sittliche Welt spiegelt die Natur, anstatt ihr entgegengesetzt zu sein; sie bedeutet ihr subjektives Gegenbild. Die geistigen Bande, welche die Menschen zusammenhalten — die Liebe, die Pflicht, das Wertgefühl — sind Ausdruck natürlicher Beziehungen. Die Einheit der Menschheit, so gewiß sie erscheinen mag, ist von außen her nicht unmittelbar wahrzunehmen; dem denkenden Geist ist sie eine Idee, eine abstrakte Relation. Doch dem unmittelbaren Gefühl, dem ursprünglichen sittlichen Bewußtsein offenbart sie sich als lebendige Wirklichkeit. Jeder Aufrichtige weiß, daß der Grund seiner Seele tiefer liegt denn alles Persönliche. Die Natursynthese findet im Bewußtsein ihr Echo.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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