Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Mensch und Menschheit

Paradoxie der Tatsachen

Wenden wir uns jetzt nochmals dem schwankenden Verhältnis des Individuums zur Gesamtheit zu. Uns trat die eigentümliche Tatsache entgegen, daß die Art des Selbstbewußtseins eine sehr verschiedene sein kann; von der Unbewußtheit eines persönlichen Ich bis zu dessen höchster Betonung begegneten uns alle Stadien. Der unpersönliche Herdenmensch weiß weder von autonomem Wollen, noch von autonomer Pflicht, fühlt sein ethisches Zentrum in der Gruppe außer sich; der politisch Vollendete will selbständig, was der Unmündige heteronom vollführt, sein Wille spiegelt die Pflicht; der extreme Individualist endlich weiß nur von sich, seiner selbstherrlichen Person. Er kennt nur Pflichten gegen sich selbst.

Nun bezeichnen Autonomie und Heteronomie, ebenso wie Egoismus und Altruismus, nur an der Oberfläche bestehende Gegensätze; im tiefsten Grunde gibt es sie nicht. Auch die äußeren Gesetze, denen ich folge, können nur vermittels meines eigenen Wollens, meines inneren Lebensgesetzes zur Geltung gelangen, auch die Heteronomie ist an die Selbstbestimmung der Persönlichkeit gebunden. Alles, was sich auf Andere zu beziehen scheint, bezieht sich im letzten Grunde auf mich selbst. Darin sind die Moralisten, die dem Menschen nur Pflichten gegen sich selbst zuerkennen, im Recht. Ihre These widerstreitet auch gar nicht der klassischen Moral, sie gibt ihr bloß eine vertiefte Fassung. Alles, was wir Anderen antun, tun wir zugleich uns selber an. Der extreme Altruist verleugnet sein Ich nicht mehr, als der überzeugte Individualist; wo er anders denkt, erliegt er einer Selbsttäuschung. Wir waren ja schon früher zur Einsicht gelangt, daß zwischen dem rücksichtslosen Selbstverkörperungsbedürfnis eines Wagner, dem strengen Pflichtgefühl eines Bismarck und der unpersönlichen Selbstlosigkeit des Japaners kein wesentlicher Unterschied besteht. Das heißt: prinzipiell ist es das Gleiche, ob einer nur Pflichten gegen sich selbst, oder nur solche gegen Andere anerkennt; der Unterschied betrifft die Erscheinungsform, nicht das Wesen. Welcher Art ist nun der kritische Sinn dieses Verhältnisses? — Wenn aller Verschiedenheit innerhalb der Voraussetzungen des sittlichen Bewußtseins dennoch ein identisches Wesen zugrunde liegt, dann muß Folgendes der Fall sein: die Verschiedenheit ist im Subjekt, nicht im Objekt begründet, so zwar, daß der Charakter des Ich ein verschiedener ist, je nach dem es sich behauptet oder verleugnet, je nach dem es betont oder verflüchtigt erscheint; aber das Ich selbst wird überall den gleichen Sinn haben.

Vergleichen wir die entgegengesetzten Extreme miteinander: das Ichbewußtsein fehlt im strengen Sinne des Worts; das Ichbewußtsein herrscht suprem. Worin besteht der Unterschied? — Zunächst ist der Mensch in jedem Fall, ob er sich eines selbständigen Ich bewußt sei oder nicht; der Außenstehende vermag eine Wesensdifferenz zwischen dem Solipsisten und einem Kapila, welcher die Nicht Existenz seiner Person verkündete, nicht zu erkennen. Ferner kann der Mittelpunkt eines Menschen gar nicht außer ihm liegen; dies ist schlechterdings unmöglich. Ob einer sein Zentrum noch so sehr in der Menschheit, in der Gruppe, in einem geliebten Wesen fühlen mag: allezeit ist es sein Subjekt, das sein Leben bestimmt. Folglich muß der Unterschied, der als solcher Tatsache ist, dadurch bedingt sein, auf welche Weise das dem Wesen nach überall gleiche Selbstbewußtsein zentriert und akzentuiert ist.

Wir erkannten, daß die tiefste Grundlage, aus welcher das ethische Selbstbewußtsein hervorwächst, nicht die Person ist, sondern ein überindividueller Zusammenhang; anders ausgedrückt: eine Beziehung des Individuums zur Gesamtheit. Wie befremdlich diese Auffassung klingen mag, sie drängt sich auf. Lassen wir sie nun gelten, so verstehen wir ohne Schwierigkeit, inwiefern es möglich ist, daß das persönliche Selbstgefühl unter Umständen geradezu ein unpersönliches sein kann: je nach dem, auf welchem Punkte der genannten Beziehung der Akzent oder das Bewußtseinszentrum ruht, wird die Art des Selbstgefühls eine andere sein. Der überpersönliche Zusammenhang ist bei der großen, vollauf durchgearbeiteten Persönlichkeit in der Person zusammengefaßt; beim Herdenmenschen fehlt jeder Akzent, oder aber er ruht außer ihm; das resultierende Bild muß in jedem der Fälle ein anderes sein. Die Voraussetzung scheint zunächst paradox. Doch wenn wir sie anerkennen, schwindet anderseits die Paradoxie der Volksseelen, der Gruppengefühle, des Familien- oder Rassenbewußtseins, das lebendiger ist als das Selbstgefühl — also die Paradoxie der Tatsachen, die als solche unwiderleglich sind. Die genannten Verhältnisse erscheinen jetzt um nichts merkwürdiger als das Ichbewußtsein, über welches keiner staunt. Und da unsere Begriffe nur dazu da sind, die Tatsachen verständlich zu machen, da ihnen jede Macht über ihr Da- und Sosein fehlt, so bleibt uns nichts übrig, als uns ins Befremdliche zu fügen. Allen Bewußtseinsarten liegt ein identischer Zusammenhang zugrunde, aber in jedem der Fälle erscheint er anders zentriert, anders betont. Liegt der Nachdruck auf dem Individuum, so haben wir Persönlichkeit, sittliche Autonomie, Selbstgefühl, Selbstverantwortlichkeit; ruht er auf der anderen Seite des Zusammenhangs (der Gesamtheit) — Unpersönlichkeit, Herdentrieb, sittliche Heteronomie, ursprüngliches Gruppengefühl, Überwiegen der altruistischen Tendenzen. Aber im Prinzip handelt es sich überall um das Gleiche. Überall ist das Ich die Voraussetzung; nur erscheint es in jedem der Fälle verschieden gefaßt. Und obgleich aller Sinn unseres ethischen Strebens gerade auf der Fassung beruht — zunächst darauf, daß wir das Unbestimmte in eine Form fassen, und dann in welcher Hinsicht —, kennt die Natur hier doch nur Identität. Die Theorie des absoluten Monadentums der Menschenseele widerspricht also den Tatsachen: überall ist sie Teil eines höheren Zusammenhangs. Wenn auch nur ein Mensch diesen Erdball bewohnte, fühlen würde er sich als Glied einer Gesamtheit. Er würde Aufgaben vor sich sehen, die über die Person hinausweisen; er würde objektive Werte anerkennen, sich einer Pflicht bewußt sein — sei es auch nur der, die Würde des letzten Menschen zu wahren.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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