Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Mensch und Menschheit

Überindividuell

Alle nur möglichen Betrachtungen führen zum Ergebnis, daß die oberste Voraussetzung des ethischen Menschen, wie er sich auch stellen mag, nicht die Person, sondern ein Höheres ist; die Familie, das Volk, die Menschheit. Das sittliche Bewußtsein spiegelt den natürlichen Zusammenhang, die Fiktionen des Intellekts, der den Menschen zu vereinzeln strebt, werden durchs lebendige Bewußtsein ad absurdum geführt. Jeder fühlt sich ursprünglich als Glied der Gesamtheit; für diese lebt er, ob er’s weiß oder nicht. Darum allein liegt uns am Ruhm, am Gedenken der kommenden Geschlechter. Was könnte der Ruhm uns bedeuten, wenn wir nur an unsere Person dächten? Die ist mit dem Tode dahin; und keine Religion verheißt, daß der Ruhm ins Jenseits hinüberreicht. Der Ehrgeiz bedeutet das strikte Gegenteil des Egoismus: er erstrebt das Fortwirken des Menschen über sein Erdenwallen hinaus, sein Fortwirken im Dienste der Menschheit. Wer den Ruhm will, will mehr als sich selbst; er will sich als Mittel, nicht als Zweck; er will, daß seine Entelechie über alle Zeitgrenzen hinaus lebendig bleibe. Freilich hängt er an seinem Namen; aber tut dasselbe nicht auch der Vater, der zugunsten des Kindes freudig aufs Leben verzichtet? Und wie dieses wohl sein Leben, nicht aber seine Person fortsetzt, ebenso ist der heute lebendige Napoleon mit dem verstorbenen Franzosenkaiser nicht identisch. Er ist eine mythische Figur, in vielem größer, in manchem kleiner als das historische Individuum gleichen Namens; jedenfalls aber anders. Und jeder Mensch, der nach Ruhm dürstet, weiß, daß er sich nach seinem Tode verändern wird. Ihm liegt auch gar nicht daran, unverwandelbar fortzuleben. Er will nur fortwirken, mit größtmöglicher Macht.

Das Gesagte gilt in bezug auf die Zukunft. Besteht nicht das gleiche Verhältnis hinsichtlich der Vergangenheit zu Recht? Woher der Ahnenstolz, woher das Bedürfnis, eine Geschichte jenseits der Geburt zu besitzen, woher der Wert, den jeder normal empfindende Mensch in seiner Gliedschaft eines zurückgreifenden Zusammenhangs erblickt, wenn er nicht mehr sein wollte, als seine begrenzte Person? Auf den ersten Blick scheint es doch gleichgültig, was früher war und was später sein wird, wenn man nur selber da ist. Gleichwohl denkt keiner so, der nicht gemütlich verkrüppelt wäre. Der Edelmann ist stolz auf die Familieneigenschaften, die seit Jahrhunderten die Träger seines Namens kennzeichnen: wäre es selbst seine letzte Voraussetzung, er dürfte sich höchstens dessen schämen, so wenig einzig zu sein. Große Nationen wie große Menschen haben stets viel, oft überschwänglich viel auf Geburt und Rasse gehalten; dem Griechen z. B. ging nichts über edle Abkunft. Sogar diejenigen unserer großen Geister, die selbst auf keine Tradition zurückblicken konnten, waren überzeugte Anhänger des aristokratischen Prinzips. Jede kraftvolle Natur sucht ihre Grenzen zu erweitern — nach vorwärts zu durch den Nachruhm, gen rückwärts durch bewußtes Fortsetzen der Tradition. Nur kleine Seelen fühlen sich erniedrigt durch das Bewußtsein, einem höheren Zusammenhange anzugehören; der Vornehme empfindet es als Steigerung seines persönlichen Werts.

Mit dem Augenblick, da sie ihre Kinder versorgt und glücklich sehen, sterben die greisen Eltern gern. Wo er sein Lebenswerk vollendet hat, schließt der Genius freudig die Augen. Goethe sah in der Zeitspanne, um welche er die Vollendung des Faust überlebte, ein unverdientes Geschenk, das er in dankbarer Demut hinnahm. Epaminondas gab befriedigt den Geist auf, als er des Sieges seines Heeres gewiß war. Wo ein Mann der weiten Perspektiven stirbt, bevor er seine Pläne verwirklichen konnte, freut er sich doch des Tags, da der sachliche Zweck erreicht sein wird. Ja, er bescheidet sich gern, wenn auch wehmütig, in den Gedanken, zu frühe gekommen zu sein, wenn er nur die Gewißheit hat, daß Andere seine Hoffnungen dereinst erfüllen werden. Ein Überindividuelles gibt allem Streben den Grundton; ist die Sache getan, so dankt das Individuum ab. Jeder Mensch — und desto bewußter, je größer er ist — sieht in seinem Leben nur ein Mittel zu höheren Zwecken. Er faßt seine Person wie ein Amt auf, das ihm die Menschheit übertrug.

Diese Verhältnisse sind überaus merkwürdig, doch sind sie nicht abzustreiten. Überall scheinen übersinnliche Zusammenhänge, denen die höchste Realität eignet, überall siegt die Idee über die Erscheinung. Das sittliche Bewußtsein des Einzelnen weist ursprünglich über die Person hinaus, das Gleiche tun alle wesentlichen Triebe. Wer da liebt, der sprengt schon seine Grenzen; wer sich an Kunstwerken erbaut, nimmt fremdes Leben in sich auf. Und wer nach Ergänzung strebt, wer die Steigerung seiner Person ersehnt, beweist damit, daß seine empirischen Grenzen ihn beengen. Nun aber leuchtet klar hervor, wie verderblich der Personenkultus unserer Tage ist, zumal in der qualitätslosen Abart, die ihm der Sozialismus gibt: er führt, wie er gemeinhin verstanden wird, zur Apotheose des krassesten Empirismus. Wo andere Zeitalter idealen Zusammenhängen die höchste Wirklichkeit zuerkannten — der Menschengröße, dem Heldentum, der Volkserhöhung, der Menschheit, der religiösen Idee —, ergötzt sich der Moderne an der Eigenart des Individuums. Am sterblichen, vergänglichen par excellence! Man liebäugelt mit seinen Grenzen, anstatt sie als Fesseln zu empfinden. Dieser ethische Empirismus ist noch um vieles betrübender als der theoretische unserer Naturphilosophen. Dieser schadet nur der Wissenschaft, jener versündigt sich am Leben. Goethe, auf den sich jene Leute am Liebsten berufen, würde sie gewiß nicht als seine Jünger gelten lassen. Auch Nietzsche nicht. Nietzsche, der erbittertste Feind jeder Art von Anarchie, der Vertreter des Standpunktes, der Mensch sei etwas, das überstiegen, überwunden werden müsse, hätte den unendlichen Wert jeder Person verkündigt? Er erkannte im Gegenteil nur dem Ideal, freilich einem konkreten Ideal, Existenzberechtigung zu. Goethe aber verstand unter Persönlichkeit die schöpferische Kraft im Menschen, seine fortwirkende Entelechie. Er hätte gewiß dem Worte Walter Calés zugestimmt:

Persönlichkeit ist der Gegensatz von Individualität.

Denn Persönlichkeit ist eine überempirische Macht, eine Kraft, die alle Grenzen verleugnet. Goethes Persönlichkeit wirkt noch heute fort, lebendiger denn je, dem Weltprozeß auf immer einverleibt; wogegen das Individuum, das den Genius trug, schon längst zergangen ist. Individuum ist ein wesentlich Begrenztes und Vergängliches, unzulänglich und schwach, gleichgültig und irrelevant. Wer die Persönlichkeit in echtem Sinn verehrt, der verehrt das Überindividuelle, der verehrt die Idee, der verehrt die Menschheit. Beethoven schrieb einst über seine Verwandten, die ihm nur wenig Freude bereiteten, das herrliche Wort:

Seien Sie überzeugt, daß mir die Menschheit auch in ihrem Falle immer heilig bleibt.

Auch im Genius heiligt die Menschheit das Individuum. Diese Hoheit des Unermeßlichen, des Unvergänglichen, welche die Schöpferkraft umgibt — sie sollen wir verehren; sie ist das Höchste, was unser Leben enthält. Doch wer vor dem zeitlichen Menschlein in Ehrfurcht erschauert, der betet vor dem Staub.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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