Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Individuum und Leben

Dauer des Lebens

Ebenso befremdlich als unbestreitbar ist das Verhältnis, daß der einzelne Organismus nicht aus sich selbst, sondern nur aus der Gesamtheit des Lebens heraus begriffen werden kann. Nur das einzelne Lebewesen ist Gegenstand der Beobachtung; gleichwohl bleibt sein empirisches Verhalten unverständlich, wenn es nicht aus dem Gesichtswinkel höherer Synthesen betrachtet wird. Zunächst der Gattung: sogar die, welche den realen Gehalt dieser Idee bestreiten, müssen ständig auf sie zurückgreifen. Die ganze Argumentation von Weismanns berühmter Abhandlung über die Dauer des Lebens fußt auf ihr, als oberster Prämisse; und wirklich ist der Sinn des Sterbens vom Individuum her nicht zu verstehen, während er unter der Voraussetzung der Spezies als höchster Realität aus den Tatsachen unmittelbar hervorleuchtet. Das Problem der Fortpflanzung weist über das Individuum hinaus; das Gleiche gilt von der Vererbung, der Variation, der Entwicklung und Differenzierung. Ja, letzten Grundes offenbart uns jedes biologische Phänomen das gleiche Verhältnis: da sämtliche Organismen mehr oder minder direkt aufeinander angewiesen sind, nur in bezug aufeinander existieren — da also die Einheit des Lebens in konkretestem Sinne zu Recht besteht —, so ist es ersichtlich gar nicht möglich, irgendeinen von ihnen isoliert zu verstehen. Jede Abgrenzung zerreißt den Tatbestand.

Die Ergebnisse nun, zu welchen wir jüngst beim Studium des sittlichen Bewußtseins gelangten, sind ganz der gleichen Art: auch in der subjektiven Sphäre kann der Einzelne vom Einzelnen aus nicht begriffen werden. Überall sind es höhere, anscheinend bloß begrifflich bestehende Synthesen, unter deren Voraussetzung der konkrete Fall allererst verständlich wird. Dies gilt vom Pflichtgefühl, von den Wertsetzungen; dies gilt von fast jedem noch so persönlich bedingten Ideal. Diese Kongruenz der Ergebnisse der Selbstanalyse mit den Daten der objektiven Erfahrung ist höchst bedeutend: das persönliche Bewußtsein scheint überall das zu spiegeln, was uns außer uns als letzte unpersönliche Wirklichkeit entgegentritt.

Die Erkenntnis darf im Prinzip wohl als gesichert gelten; indessen haben wir ihren tiefsten Gehalt noch nicht erfaßt. Jetzt, wo wir wissen, daß alles Leben nur von der Totalität her erfaßt werden kann, daß auch das sittliche Bewußtsein dem gleichen Tatbestande Ausdruck verleiht, und daß das Individuum, woher man es auch betrachte, nicht das Letzte bedeutet: jetzt ziemt es uns, den Rahmen weiter zu spannen, das Problem von Mensch und Menschheit zu dem größeren von Individuum und Leben zu steigern; dann erst werden wir das erste erschöpfend begreifen können.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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