Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Individuum und Leben

Blinde Notwendigkeit

Jedesmal, wo sich mein Geist von den reinen, klaren, allgemeinen Zusammenhängen dem Einzelnen zuwendet, krampft sich mir das Herz zusammen. Denn die grandiose, serene Notwendigkeit, die, aus der Höhe besehen, diese Welt zu regieren scheint, verwandelt sich dann jählings zur entsetzlichsten, verzerrtesten Zufälligkeit; zur grellen Sinnlosigkeit, zur Ungerechtigkeit ohne Maß noch Namen. Goethes Worte:

Nach ewigen, ehernen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle,
Unseres Daseins
Kreise vollenden

sprechen die Wahrheit. Und doch: versenken wir uns, für Augenblicke nur, in die unendlichen Tiefen der leidenden Seele, in das grenzenlose Weh, das die kürzeste Zeitspanne verewigen kann, so zerstiebt die Harmonie des Weltalls, und das grausame Walten blinder Mächte erscheint als einzige Realität. Im Tod liegt kein Einwand wider die Natur: im Nichts vergeht auch der Schmerz, und ein jähes Ende selbst des höchsten Glücks erscheint überall als wenigst grausame Lösung. Furchtbar aber ist das Endlose, das in alle Ewigkeit Unbestimmte, die aussichtslose Trübsal. Dante sagt von den zu ewiger Qual Verdammten mit erschütternder Einsilbigkeit:

Questi non hanno speranza di morte … (Inferno III, 16).

Man versetze sich in den Zustand eines zu lebenslänglicher Haft Verurteilten. Vielleicht hat ihn ein Zufall in den Kerker geworfen, eine Tat, an der seine Seele unschuldig war; nun ist er auf immer aus der Menschheit ausgeschieden; sein Dasein ist nicht nur freudlos, nein, was schlimmer ist, absolut sinnlos. Er weiß nicht, wozu er überhaupt weiterexistiert, sein Leben ist eine Parodie auf den Tod; ein einziger unbedachter Augenblick vielleicht hat sein Schicksal auf immer verwirkt.

Haben wir den Mut, den ganzen Gehalt dieser Vision auf uns wirken zu lassen! Vergessen wir alle Erkenntniskritik, stellen wir die Frage nach dem Warum?, dem Wozu? des Lebens so naiv, so schmerzlich unmittelbar, wie nur irgendein durch Liebesleid gebrochenes Frauenherz. Schließlich ist doch die Stimmung des Augenblicks das Wirklichste, das es gibt; ein einziger Moment echten Glücks wiegt die Sonne auf; und die dunkelste Nacht ist hell im Verhältnis zur Finsternis, in der die gefolterte Seele stöhnt. Täuschen wir uns über unsere Gefühle durch Gedanken nicht hinweg, verweilen wir bewußt in den purpurnen Tiefen des persönlichen Lebens. Und vergegenwärtigen wir uns dann plötzlich die eherne Wahrheit, daß das Leben von der Person aus nicht zu begreifen ist, daß der wildeste Schmerz wie die holdeste Seligkeit nur ein gleichgültiges Phänomen bedeuten mag … das Pathos, der Natur vermag keine Kunst zu erreichen.

Es ist notwendig und gerecht, sagen wir, daß die Tat des Augenblicks endlos gesühnt werde; auch der Verbrecher urteilt nicht anders. Und doch ist der Gedanke unfaßlich, daß es überhaupt Gründe geben kann, die ein Menschenleben, ein einziges, unwiederbringliches Phänomen — wie wertlos es sonst immer scheinen mag — zu vernichten berechtigen. Hier, wenn irgendwo, hat das Christentum tiefer geblickt, als irgendeine Lebensanschauung; an diesem Punkte zeigt sich die ganze Größe des russischen Dichtergeistes. Und doch fühlen wir, daß wir unwahrhaftig sind, wenn wir aus dieser Überlegung heraus die Natur verurteilen: denn unsere tiefsten Instinkte sind gerade so unerbittlich wie sie.

Lassen wir die wenigen Jahrtausende, welche die Geschichte umspannt, im Fluge an unserem Geist vorüberziehen, so überläuft es uns kalt. Das Schlußwort jeder Epoche hieß: umsonst. Millionen haben sich zu aller Zeit für Ideen geopfert, und kaum waren diese verwirklicht, boten sie kein Interesse mehr. Die Geschichte ist ein Friedhof der Werte. Gleichwohl erhält die unsterbliche Welt erst dank sterblichen Werten für uns einen Sinn. Ich denke nicht einmal an die Frauen, die wir lieben, die Ideale, denen wir huldigen, die Götter, an die wir glauben — ich denke an die schlichten Daten des Kalenders. Vom kosmischen Standpunkt betrachtet sind die Etappen der irdischen Ekliptik alle gleichwertig: uns aber bedeutet die Jahreswende ein wichtiges Ereignis, reich an Stimmungswerten, an Bildern und goldenen Träumen. Sollen wir, kraft der Erkenntnis, diese Stimmungen verleugnen? — Aber damit gäben wir unser Menschsein preis. Die Einförmigkeit des Weltgeschehens durchwirken wir mit farbigen Symbolen; woran die Natur vorübersieht, das erheben wir zum Wert. Die blinde Notwendigkeit umranken wir mit schillernden Hoffnungen; und die begrenzten, vor dem Kosmos gleichen Augenblicke erfüllen wir mit unermeßlichem Glück, mit unsäglichem Weh.

Wehe uns, wenn wir die Unmittelbarkeit persönlichen Empfindens in uns ertöten! Damit rauben wir dem Leben seinen Sinn. Wenn alles nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen geschieht, so widerspricht dem doch nicht die menschlichere Wahrheit, daß wir unmittelbar nur durch persönliche Motive geleitet werden. Wohl verkörperte Cäsar eine historische Mission, deren Logik noch heute fortwirkt; aber was ihn zu seinen Taten trieb, war Ehrgeiz und mutwillige Lebenslust.

Die unpersönlichen Gesetze treten nur an Personen zutage, was sein muß, wird brünstig ersehnt. Und wenn der Sinn des Individuums ein relativer, vorübergehender ist, so kann auch dieser Sinn nur im Rahmen individueller Triebe zutage treten.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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