Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Individuum und Leben

Werden ohne Endziel

Schreiten wir zur letzten Synthese. Das Leben ist ein endloses Wachsen und Werden. Unaufhaltsam eilt es vorwärts. Es kennt kein Endziel. Es durchfliegt die Individuen, die Geschlechter und die Arten. Es jagt über gerade und krumme Wege, je nach den Verhältnissen. Es scheut auch die Umwege nicht, wo solche geboten erscheinen, und beschleunigt dann seine Flucht. Bald wahrt es die Kontinuität mit dem Vergangenen; bald reißt es sich von seinen letzten Etappen gewaltsam los. Und oft zerfällt der zeitliche Zusammenhang vor übergroßer Spannung.

Die jeweiligen Verkörperungen sind hier fest umgrenzt, vollendet und abgeschlossen. Dort wiederum schwanken die Umrisse, verfließen sie. Und anderweitig drängt die Eile Generationen in kurze Augenblicke zusammen. Uns schwindelt, wenn wir die Gesamtheit des Lebensprozesses mit weitem Blicke umspannen: denn anstatt fester Gebilde offenbart sich uns ein ewiger Fluß.

Wo bleibt das Individuum in diesem reißenden Strom? Es bleibt überhaupt nicht; gewöhnlich tritt es gar nicht auf. Nur in besonderen, nicht allzu häufigen Fällen verdichten sich die Etappen zu dauernden Gestalten.

Halten wir den Augenblick fest — umklammern wir das Leben in seinem jeweiligen Ausdruck: schon ist es entschwunden! Die Zelle hat sich geteilt, das Organ ward zum Individuum, und dieses wiederum zum Organ. Das Insekt hat sich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, und die letzte, herrlichste Gestalt sinkt alsobald ins Grab.

Suchen wir die Gegenwart zu verstehen, verfolgen wir strengen Blickes den flüchtigen Zusammenhang, Ursache und Wirkung vergleichend. Doch was gewahren wir? Nur von der Zukunft her ist die Gegenwart zu erfassen; und die Zukunft rückt immer weiter hinaus. Der Larve Verhalten versteht nur, wer die Imago kennt; das Arbeiten der Biene gilt künftigen Geschlechtern; und wer die Wege der Menschen begreifen will, muß nicht nur sie selber kennen, sondern vor allem ihr Ideal. Das Ideal aber liegt jenseits der Personen.

Das Individuum ist vergänglich, mehr noch: ein Übergangsstadium. Ein Stadium, das nicht einmal notwendig ist. Wir können uns kaum vorstellen, was Leben ohne Bewußtsein, ohne Person bedeuten soll. Und doch sehen wir diesen Widersinn millionenfach verwirklicht. Es scheint das Wesen nicht zu berühren, auf welche Weise das Leben fortschreitet, in welcher Form das Wachstum verläuft.

Vor den Augen der Natur ist die stolzeste Persönlichkeit nicht mehr, wie der Trieb an der Pflanze, wie das Segment an dem Wurm … Uns schaudert: wie ist es dann mit uns selbst? Wie steht’s mit unserer Seele, dem beharrlichen Ich? — Aber das Ich ist selbst ein Überpersönliches, es fällt mit der bewußten Person nicht zusammen. Meine Person bedeutet für mich nicht mehr, als das Individuum für die Natur.

Das Leben dauert auf Kosten des Lebendigen; es durchschreitet die Individuen. Und ebenso dauert der einzelne Mensch auf Kosten seiner Zustände, die er unaufhaltsam hinter sich begräbt. Auch des Einzelnen Leben schreitet über Leichen fort; es spiegelt den Prozeß der Art. Jedes endliche Dasein ist ein Gleichnis des Unendlichen. So bedeutet auch für mich die Person etwas Relatives, Vorübergehendes. Was ist das Leben? Endlose, rastlose Bewegung; niemals, nirgends ein Ruhepunkt. Einer ungeheuren Welle gleich wälzt sich das Leben fort. In jedem Augenblicke besteht sie aus anderem Stoffe. Nicht das Material, nur die Richtung beharrt. So rollt sie in die entrinnende Zukunft hinaus, um einmal vielleicht an dräuender Klippe zu zerschellen.

Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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