Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Individuum und Leben

Der sterbende Augenblick

Das Leben ist also ein Werden, ein Werden ohne Endziel. In allem Konkreten erkannten wir vorübergehende Etappen, in der ausgesprochensten Individualität nichts Beharrenderes, als es beim Menschen der Bewußtseinszustand, beim Weib die Stimmung ist. Was sollen wir dazu sagen? Wollen wir das Konkrete überhaupt verleugnen, im Prozesse der Art die einzige Realität erblicken und dem Individuum jeden Eigenwert absprechen? — So urteilt gar mancher Naturphilosoph; kein Geringerer als Schopenhauer hat diese Ansicht vertreten. Und doch ist sie kurzsichtig — kurzsichtig, oberflächlich und vermessen zugleich.

In Nietzsches nachgelassenen Papieren finden sich die folgenden Gedankensplitter1:

Mit der moralischen Herabwürdigung des ego geht auch noch, in der Naturwissenschaft, eine Überschätzung der Gattung Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ego. Das ego ist hundertmal mehr, als bloß eine Einheit in der Kette von Gliedern, es ist die Kette selbst, ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum der Gattung geopfert wird, ist durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation. Und weiter: Wir sind mehr, als das Individuum; wir sind die ganze Kette noch, mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.

In diesen Gedanken steckt mehr Tiefe, mehr Wahrheitsahnung, als in allen naturwissenschaftlichen Theorien zusammengenommen. Sie weisen geradeswegs auf die Lösung des Problems.

Rekapitulieren wir im Geist die wundersamen, oft so paradoxen Erscheinungen, die unser Streifzug durch die Organismenwelt uns enthüllt hatte. Die gesamte farbig-schillernde Mannigfaltigkeit des lebendigen Geschehens ließe sich in die eine hohl-schematische Formel zwängen: alles konkrete Leben strebt nach seiner Vernichtung. Denn wenn die Zelle sich teilt, der Polyp Knospen treibt, die Drohne sich vermählt, der Mensch sich der Menschheit opfert, verleugnet er damit seine Person. Das Individuum ist ein Relatives, Transitorisches, Vergängliches, sein Sinn liegt in überindividuellen Zusammenhängen, und sein innerster Instinkt treibt es gebieterisch, zum Besten höherer Synthesen zu vergehen. Nun ist aber klar, daß der Tod des Lebens Ziel nicht sein kann; Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Wo Wille zum Leben, oder Wille zu gesteigertem, immer wachsendem Leben das überall nachweisbare Grundmotiv bedeutet, dort sollte das letzte Sehnen auf das Ende gehen? — Gewiß nicht. Kein bewußter Organismus opferte seine Person, wenn er damit sich selber preisgäbe; der innerste Drang triebe die Drohne nicht in den Tod, die Bienenarbeiterin nicht zu mühsamem Tagewerk, wenn sie darin nicht ihr höchstes Glück fände. Das Individuum opfert sich nicht, um zu vergehen, sondern um zu leben; solches ist aber nur möglich, falls das regierende Lebensprinzip über die Person hinausweist, falls, nach Nietzsches Worten, das ego mehr ist, als eine Einheit in der Kette von Gliedern. Oder präziser ausgedrückt, wofern zwischen Individuum und Gattung kein wesentlicher Unterschied besteht.

Denken wir an frühere Gedankengänge zurück, an unsere Betrachtungen über Dauer und Ewigkeit. Es ist nur die Gegenwart. Die Vergangenheit ist tot, die Zukunft noch nicht geboren; der Augenblick ist die einzige Realität. Wer den Moment verleugnet, übt Selbstmord; wer ihn erschöpft, erfaßt die Ewigkeit. Das Menschenleben verfließt von Augenblick zu Augenblick; die Gegenwart ist seine Daseinsform; es gibt nichts Seiendes außer ihr. Aber die Gegenwart ist ein Schwindendes; sie stirbt unaufhaltsam dahin. Wie kann sie den höchsten Wert verkörpern? — Erweitern wir den Kreis; nur das jeweilige Einzelleben ist. Seine Vorfahren sind verschieden, seine Nachkommen harren der Entstehung; nur das gegenwärtige Leben ist da. Aber es schwindet von Augenblick zu Augenblick. Es ist wesentlich vergänglich. Es ist eine transitorische Relation. Das einzig Wirkliche ist zugleich nicht — das Sein metaphysisch verstanden. Wie ist diese Antinomie aufzulösen?

Nicht auf die unter Naturspekulanten beliebte Art: das einzig Reale sei eben die Spezies, die Individuen seien belanglos. Denn mit der Behauptung, das einzig Wirkliche sei unwesentlich, ist die Erkenntnis ersichtlich nicht gefördert. Doch auch die rein metaphysische Lösung: das Wesen (ἐντελέχεια, Âtman, Lebensprinzip, Idee) beharre, die Individuen seien Erscheinungen, wenn nicht gar Schein, und entschwänden wie die Farben des Regenbogens — auch sie versagt im kritischen Augenblick: denn sie überläßt uns, als letztes Wort, eine (freilich richtige) Unterscheidung, wo es uns einzig und allein um eine Zusammenfassung zu tun ist. Zwischen Idee und Erscheinung, Lebensprinzip und -stoff haben auch wir schon sattsam unterschieden, und dieses Verfahren förderte uns seinerzeit. Jetzt aber hilft es uns nicht weiter. Idee und Erscheinung muß das Denken freilich trennen: sie existieren aber nur vereint, nur in- und durcheinander. Der Organismus ist nicht einerseits Typus, andererseits dessen Erscheinungsform: er ist deren unauflösliche Einheit. Das natürliche Sein weiß nichts von den Distinktionen des Denkens, mit diesen kommen wir jenem nimmermehr nahe. Wollen wir die Antithese von Individuum und Leben, wie sie dem begrifflichen Denken erscheint, nun zur Synthese verschmelzen, die sie tatsächlich ist, so müssen wir über alle bisherigen Einsichten hinausgehen.

Blicken wir in unsere Seele! Wie tief ist die schwindende Gegenwart! Die Vergangenheit ist ein endloses Nicht-Sein, desgleichen die Zukunft. Aber der unfaßbare Augenblick umfaßt doch die Unendlichkeit, verdichtet in sich das Verflossene wie das Künftige, die Tiefen der Ewigkeit. Jedesmal, wo ich mir mein Leben bewußt vergegenwärtige, schwindelt mir: dieses Fortschreiten von dem, was nicht mehr ist, zu dem, was noch nicht ist, ist kaum zu denken; dieses höchste, lebendigste Sein, das sich doch nur im Vergehen kundtut, nirgends und niemals stillesteht, ist ein Wunder ohne gleichen. Wie ist es nur möglich, daß etwas, was je war, nicht mehr ist? Daß etwas, was jetzt nicht ist, je sein kann? Der Gedanke ist unfaßlich, aber die Tatsache ist da. Der Menschengeist bricht sich an der Wirklichkeit.

Aber wie? Wenn zwischen Sein und Schwinden kein Gegensatz bestände? — Goethe sagt:

… Alles muß zu nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will. —

In der Tat: wenn die Zeit die spezifische Daseinsform des Lebens ist, dann kann das Leben nur sein, sofern es verfließt. Wie die Flamme nur brennt, insofern sie verbrennt, so währt das Leben nur im Untergehen. Suchen wir nach beharrenden Zusammenhängen außerhalb des vergehenden Augenblicks, so gehen wir am Leben vorbei. Da sein Sein im Werden zum Ausdruck gelangt, und sein Werden im Wandel, muß der schwindende Augenblick die ganze Wirklichkeit einschließen. Nietzsche sagt:

Wir sind mehr als das Individuum;
wir sind die ganze Kette noch,
mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.

Das heißt: in dem, was jetzt ist, verknüpft sich, kraft der spezifischen Daseinsform des Lebens, alles, was je war und sein wird. Die Gegenwart ist die Zukunft: denn wäre das jetzt, der sterbende Augenblick nicht, alle Zukunft wäre abgeschnitten. Aus nichts kann nichts entstehen; was morgen sein wird, muß heute geworden sein. Alles Künftige schlummert im Verflossenen.

Dann aber bedeutet das noch so vergängliche, noch so bestandlose Individuum etwas Großes, Unermeßliches. Denn es verdichtet in sich, in jedem Augenblick seiner Dauer, den ganzen Prozeß, der sich in der Zeit entrollt; es verkörpert das Leben selbst. Die wandlungsreiche Wegstrecke, die wir nachträglich konstruieren, existiert ja nicht in Wirklichkeit: es ist nur die jeweilige Etappe. Jede Identifizierung der verfließenden mit der verflossenen Zeit, jede Nachbildung des Zeitlichen durch räumliche Schemen fälscht den Tatbestand2, deshalb kann sich das Gesamtbild, das wir uns nachträglich von der Entwicklung eines Organismus oder Organisationstypus konstruieren, mit der lebendigen Wirklichkeit nicht decken. Verfolgen wir die Odyssee eines Lebewesens, das erst in dritter oder vierter Generation die gleiche Gestalt wiederholt, und suchen wir das Beobachtete zu begreifen, so gelangen wir freilich unabwendbar zur Theorie: die verschiedenen, so ungleichen Phasen bedeuteten bloße Mittel zum Zweck des fortdauernden Wachstums. Aber die Theorie gibt immer, nur ein Gleichnis der Wirklichkeit, sie ist mit ihr nicht identisch. In concreto umschließt und verkörpert das Mittel zugleich das Ziel, das Durchgangsstadium den ganzen Prozeß. Das Individuum ist der Typus, der gegenwärtige Zustand zugleich die Zukunft; das schlechthin Vergängliche ist zugleich das einzig Seiende. Und so führt uns unsere Studie des Lebensprozesses, die mit der Mißachtung und Vernichtung des Individuums anhob, am Ende zur Erkenntnis seines unermeßlichen Werts.

Das Individuum ist mehr, als es scheint. Es verkörpert nicht bloß den empirischen Moment, es ist nicht bloß vergänglich, bloß Erscheinung: es ist zugleich der ewige Prozeß. Es trägt die ganze Last der Vergangenheit, es birgt die unendliche Zukunft; jede Phase umschließt schon das Endziel. Und jetzt erleuchtet sich auf einmal die gesamte, von uns durchmessene Wegstrecke. Uns wundert nicht mehr, daß der Instinkt des Einzelnen über ihn hinausweist, daß persönlichste Sehnsucht das Individuum so häufig in den Tod treibt; wir verstehen jetzt, inwiefern das ungeheure Rätsel möglich ist, daß das gegenwärtige, einzig reale Leben sich einer Zukunft opfern kann, die es nie erleben wird; die Zukunft liegt in der Gegenwart, das Unendliche im Endlichen beschlossen. Wo sich das Individuum der Art zu opfern scheint, lebt es in Wirklichkeit sich selbst. Denn das Wesen, das Ich ist mit der begrenzten Person nicht identisch.

1Der Wille zur Macht Aph. 320, 321.
2Vgl. hierzu Bergsons Essai sur les données immédiates de la conscience, ch. III. Das Problem ist in diesem Werke so erschöpfend behandelt, daß jede Wiederholung überflüssig erscheint.
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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