Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Individuum und Leben

Leben ist Werden

Das Leben ist Werden, Bewegung. Alles Konkrete erscheint nur, um zu verschwinden. Ein Augenblick begräbt den andern. Rastloser Trieb treibt uns in die unbekannte Zukunft hinaus. Der Mensch verändert sich von Gegenwart zu Gegenwart. Er stirbt von der einen in die andere. Kein Zustand beharrt. Er beginnt als Kind, endet als Greis. In jedem Stadium erscheint die Welt ihm anders, ist er selber ein anderer. Und zieht er in der letzten Stunde das Fazit seines Lebens, so entdeckt er, daß die sterbende Person mit der, die einst geboren ward, nicht identisch ist: er hat soviel Sonderexistenzen durchlebt, als seine Dauer Augenblicke zählte. Was war das Beharrende in der unaufhaltsamen Ablösung — das Beharrende, für das er lebte, um das er sich abmühte, nach dessen ewiger Fortdauer er sich sehnte? — Es war nicht er selbst; es war ein Überpersönliches.

Das Leben ist Werden, Bewegung. Alles Konkrete blüht nur auf, um zu verwelken. Ein Augenblick begräbt den andern. So begräbt ein Individuum das andere. Über Leichen schreitet das Leben fort. Generationen folgen sich in schwindelnder Hast. Blinder Trieb gebietet dem Lebendigen, sich der ungeborenen Zukunft zu opfern. Alle Wesen streben nach vorwärts, zu fernen Zielen, die kaum eines kennt und die keines der jeweilig lebenden erreichen wird. Wofür leben die Individuen? Nicht für sich selbst. Was ist das Beharrende in der unaufhaltsamen Flucht — das Beharrende, für das sie leben, um das sie sich abmühen, nach dessen ewiger Fortdauer sie sich sehnen? — Es sind nicht die Individuen, weder die heutigen, noch die von morgen und übermorgen; es ist ein Überindividuelles.

Das Leben ist Werden, Bewegung. Alles Konkrete entsteht nur, um aufzuhören. Ein Augenblick begräbt den andern. So begräbt eine Art die andere. Die Typen, die einstmals die Welt beherrschten, sind heute nicht mehr. Auch wir Menschen werden dereinst verschollen sein. Und dennoch treibt es uns unaufhaltsam und mit Bewußtsein vorwärts. Unser Ideal ruht in fernster Zukunft in einer Zukunft, die vielleicht jenseits des Menschengeschlechtes liegt. Wir wollen den Fortschritt, am Ende den Schritt über das Menschentum hinaus. Wir können nicht stille stehen. Kein Lebenstypus hat dies je vermocht. Alle Arten jagen der Vernichtung entgegen. Was ist das Beharrende in der unaufhaltsamen Ablösung, das Beharrende, für das sie leben, um das sie sich abmühen, nach dessen ewiger Fortdauer sie sich sehnen? — Es sind auch nicht die jeweiligen Typen, die Arten und Gattungen; es ist das ewige Leben selbst.

So bietet sich uns überall das gleiche Schauspiel dar. Das Einzeldasein spiegelt im Wandel seiner Zustände und Stadien den Prozeß der Art, der Prozeß der Art über die Leichen der Individuen fort den Fortschritt des Lebens.

Seht die ungeheure Welle im Weltmeer! Immerdar sich selber gleich, rollt sie vorwärts, unbeirrbar, nach unbekannten Zielen. Fest und dicht und beharrlich wie ein Fels scheint sie, und doch: in jedem Augenblick verändert sich ihr Gefüge; jede Sekunde wechselt das Wasser, aus dem sie besteht. Was ist die beharrliche Welle? Wir können sie sehen, wir können sie rauschen hören, allein wir können sie nicht fassen; sie entrinnt uns. Alles Greifbare ist unbeständig. Nur die Bewegungsrichtung beharrt. Was ist die Richtung? …

Dieser Welle gleicht das Menschendasein. In jedem Augenblicke bildet die bewußte Person ihren Kamm. Immerdar scheint sie die gleiche. Und doch besteht sie in jedem Moment aus anderen Elementen. Nur im Wandel bekundet sich ihr Sein.

Dieser Welle gleicht das Leben. Es wälzt sich in die dunkle Zukunft hinaus, stets sich selber gleich, nur selten, vielleicht durch Klippen behindert, die Richtung ein wenig verändernd. Die Welle scheint überall dieselbe: und doch besteht sie in jedem Augenblick aus anderem Stoff. Sie wandelt sich unaufhaltsam. Was ist die beharrende Welle? Sie ist nicht zu fassen. Alles Greifbare ist unbeständig. Nur die Bewegungsrichtung beharrt. Was ist die Richtung  …

Was ist das Leben? Wir können es sehen, wir können es fühlen, zu begreifen ist es nicht:

Vor dem die Worte kehren um
Und die Gedanken, ohne es zu finden …
1

Alle Philosophie endet bei der Resignation vor dem Unerforschlichen, bei der Ehrfurcht vor dem Geheimnis.

E N D E

1Taittirîya-Upanishad 2, 4.
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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