Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Vorrede

Verlebendigung der Erinnerung

Das Beglückende des Alt-Werdens besteht in der fortschreitenden Verlebendigung der Erinnerung. Der junge Mensch erinnert gar nichts im Verstande dessen, wie es das Alter kennt und meint; er wird von undifferenzierten und oft auch dunklen dumpfen Trieben unaufhaltsam in die Zukunft vorwärts gedrängt. Der Reife geht ganz und gar in der tätigen Gegenwart auf; er schaut weder zurück noch weit voraus, und ist seine Gegenwart erfüllt wie keine frühere noch spätere, so ist sein Horizont nach beiden Richtungen hin beschränkt. Der Altgewordene nun erlebt nach einem nicht leicht zu überwindenden Zwischenstadium dies: je mehr sich Nacht über seine sich verdunkelnden Zukunftsaussichten auf Erden senkt, desto mehr und hellere Lichter flammen in der Richtung der Vergangenheit auf, wie die Laternen in den Städten und auf den Straßen, die zu ihnen führen, die man beim Nacht-Werden von einem Bergesgipfel überblickt. Zuletzt ist hellbeleuchtet auf einmal wieder da, was jemals nacheinander das Bewußtsein füllte. Und dies im Fall des geistig lebendig Verbliebenen nicht nur für die stille Betrachtung, sondern auch und vor allem als wirkende Kraft. Erst nachdem ich das bezeichnete kritische Stadium überschritten hatte, verstand ich, warum für die Geschichte nur das Bild der Nachwelt zählt: sie erst vermag als Gegenwart zusammenzuschauen, was in der Zeit entstand; und was wirkt, ist eben die Simultaneität, so wie die gleichfalls als Folge verschiedenartiger Sätze in der Welt des Hörbaren materialisierte Tondichtung trotzdem nur als aufeinmal-Dasein sinngerecht aufgenommen und verstanden wird. Gleichzeitig aber verstand ich damals zum erstenmal das besonders Bedeutsame von Alterswerken. Diese sind, mit nur geringer Übertreibung ausgedrückt, Geschöpfe der selbsterlebten eigenen Nachwelt. Das heißt, durch sie hindurch wirkt als unauflösliche Ganzheit, was periodenweis aus verschiedenen Zuständen heraus entstand. Sie sind insofern aus der Zeit in die Zeitlosigkeit herausgehoben. Sie stellen Integrale dessen dar, was jemals differenziert in die Erscheinung trat. Und eben damit bedeuten sie Neu-Anfänge. Sie sind darum nicht etwa Schöpfungen einer zweiten Jugend, wohl aber des durch Hinübertreten in eine neue Dimension des Daseins überwundenen Alters.

Die Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit bedeuteten den Abschluß einer langen Periode, ähnlich wie dies vom Reisetagebuche galt. Sie waren ein Reifeprodukt. Wie nun steht es mit vorliegendem Buche? Mir kam, während ich es schrieb, alles Wesentliche mehr oder weniger überraschend. Mir bedeutet es einen neuen Anfang. Nur jetzt einen Anfang im Sinn der griechischen Arché, des Ursprünglichen im Unterschied vom Jungen. Jenes Ursprünglichen, in welchem Anfang und Ende zusammenfallen. Und eben von diesem Probleme handelt es. Da ich nun die Tragweite dieses für mich Neuen unmöglich selbst beurteilen kann, so hätte ich ihm als Einführung am liebsten die erste Vorrede zur Unsterblichkeit aus dem Jahre 1907 vorangesetzt, welche Vorrede ich schrieb, als Zeit und Zeitlosigkeit für mein Bewußtsein zum erstenmal zusammenflossen. Das darf ich leider nicht tun, da diese Vorrede der Öffentlichkeit längst in mehreren Auflagen und Sprachen vorliegt. Vielleicht aber liest dieser oder jener sie auf diese Empfehlung hin als eigentliche Vorrede zu vorliegendem Werke wieder. Deren Thema war die Spannung Richtung — Grenzen. Nur Richtungen zählten in der Welt des Geistes, denn nur sie seien Ausdruck jener Unendlichkeit, welche seine Idee fordert; während alle Grenzen und damit alle Ausgestaltungen als Endpunkte bestimmten Strebens letztlich nur die Grenzen des Strebenden festlegten und damit wesentlich Überholbares. Wobei ich am Schluß die Hoffnung aussprach, in diesem Buch des Sechsundzwanzigjährigen von der Unsterblichkeit recht viele neue, ins Unendliche hinausweisende Richtungen gewiesen und möglichst gar keine Grenzen abgesteckt zu haben. — Nun, gleiches erhoffe ich als Fortwirkung dieses Buchs des Zweiundsechzigjährigen, welches vom Ursprung handelt.

Schloß Schönhausen an der Elbe, im Mai 1942Hermann Keyserling
Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Vorrede
© 1998- Schule des Rades
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