Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Die Welt der Künstlichkeit

Seelenlosigkeit

Was wir heute erleben und um uns geschehen sehen, begann damals, als der mittelalterliche Christenglaube seine unbestrittene Autorität eingebüßt hatte und das Denken sich nicht mehr dabei beschied, als Scholastik logisch zu beweisen oder differenziert auseinanderzulegen, wessen der Glaube gewiß war. Es begann damals ein seither nie mehr für lange Zeit aufgehaltener Prozeß des Abbaus aller nicht-intellektuellen oder intellektuell begründbaren Beziehungen im Menschenleben. Zuletzt blieb nur das an Beziehungen lebendig, was das erdwärts gerichtete Denken von seinem rein praktischen Standpunkt als lebenswichtig anerkennen konnte: das Zweckmäßige im weitesten Verstand, wozu auch wissenschaftliche Erkenntnis gehört sowie das biologisch Nützliche. Zu letzterem wurde eine Weile auch das Gute gerechnet. Durch Machiavelli und Hobbes wurde aber auch dieses letzte Fundament rein geistiger Werte im praktischen Leben unterminiert: völlig skrupellose Macht sollte im Völkerleben bestimmen, der Fürst sollte sich zu Heiligem Egoismus bekennen, und der Staat ein allbedrückender Leviathan sein ohne moralische Bindung noch Qualifikation. Ernstlich glaubten schon im 19. Jahrhundert sehr wenige Begabte mehr an metaphysisch Wirkliches und an eine höhere Sphäre als die der dem empirischen Leben zugehörigen Werte. Bis dann in unserer Zeit die ausschließlich vom Intellekt bestimmte Entwicklung ihren Höhepunkt im Doppelgestirn USA-UDSSR erreichte. Nordamerika war nach dem ersten Weltkriege ganz und gar durch das Tier-Ideal bestimmt, wie ich es im Kapitel gleichen Namens meiner Diagnose seines Zustandes ausführlich gezeigt habe. Vollkommene Mechanisierung war ihm höchstes Ziel. Bis auf das beschränkte Gebiet der Reservationen, in welchen primitive Religionen ähnlich gehegt wurden, wie in den ihren die Rothäute, galt dort einzig und allein das unmittelbar Nützliche, und zwar das in Dollars und Cents als nützlich Erweisbare. Daß dabei im Geist Calvins vorausgesetzt wurde, daß das Praktische zugleich das Gottgewollte und moralisch Beste sei und Erfolg auf Erden Erweis idealen Strebens; daß ferner im Geist des 18. Jahrhunderts vorausgesetzt wurde, daß das Werden von sich aus ein Fortschreiten sei, welches notwendig vom Guten dem Besseren zuführe — diese List der Vernunft, wie Kant sagen würde, änderte daran nichts. Denn da Verstand wesentlich fortschrittlich ist und wirklich vom Einfachen zum Komplizierten fortschreitet, so kann ja unter der Voraussetzung seiner Alleinherrschaft alles einmal werden, was noch nicht ist, kann vorausgesetzte Richtung dem Guten zu dieses schaffen, welches Argument alle Einwände auf Tatsachen der Vergangenheit und Gegenwart hin erledigt. In seinem Fortschrittsglauben war der dynamische Amerikaner dem statischen Griechen Sokrates, welcher in ähnlichem Geiste lehrte, was gut ist, müsse darum auch wahr und schön sein usw., unstreitig auch überlegen, denn wirklich kann Fiktion Realität schaffen und Optimismus spornt die Lebensgeister auf alle Fälle an, zumal wenn Vorurteil gegen ihm widersprechende Tatsachen blind macht. Zum reinen Verstande gehört aber, daß er wesentlich kalt ist, nicht bloß nüchtern, wie dies von der Verständigkeit des 18. Jahrhunderts galt, die noch auf dem Boden der alten europäischen Gemütskultur erwuchs. So wurde Amerika von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer kälter. Nur blieb seine Kälte, was bei einem so begabten Volk schon aus praktischen Gründen nahe lag, durch Freundlichkeit temperiert, und kurze aber häufige Ausbrüche des Enthusiasmus, winterlichen Gewittern oder Nordlichtern vergleichbar, täuschen heute noch vielen Wärme vor. Tatsächlich haben jenseits des Atlantik höhere und tiefere Gemütswerte als die der Freundlichkeit und der Coulanz schon lange keine bestimmende Bedeutung mehr gehabt.

Schon lange waren die allermeisten Freunde drüben nur Geschäftsfreunde, schon lange bedeutete die Ehe keine tiefe Bindung mehr. Schon lange war das innere Leben Amerikas schier unvorstellbar leer, spielte die Seele drüben eine kaum bemerkbare Rolle. Schon lange ließ eine völlig durchmechanisierte Umwelt in ihrer Starrheit alle Freiheit überflüssig erscheinen; eben darum, weil sie de facto keine Rolle spielte, konnte ihre Idee von Vorurteil so unbefangen als weiter gültig festgehalten werden. — Die Entwicklung, die in Amerika begann, hat dann Sowjet-Rußland dank der ungleich tieferen Begabung und dem gewaltigen Schwung seiner Bewohner zu einem kaum zu überhöhenden Höhepunkt geführt. Reines Denken muß, wo es sich ehrlich zu sich selbst bekennt, zu einer kraß materialistischen Weltanschauung führen, denn das Denken als solches ist der Materie zugekehrt. Diese Weltanschauung muß radikal monistisch sein, denn ein System, welches alles einschließen soll, und damit des Verstandes Ideal, kann keinen Fremdkörper in sich dulden. Es muß in der Starrheit und Rücksichtslosigkeit allem nicht-Intellektualisierbaren gegenüber nicht ein Unmenschliches und Geistfeindliches, sondern einen Zustand höchster Fortgeschrittenheit sehen, denn sein Ideal ist ja nicht der lebendige Mensch, sondern der Automat. Was Jesus an der Starrheit des jüdischen Gesetzes bekämpfte, die heidnische Hartherzigkeit und Lieblosigkeit, muß in einem solchen System seinen Höhepunkt erleben. Das reine Denken muß endlich, alle Natur als bloßen Rohstoff betrachtend und behandelnd, Verleugnung alles Natürlichen und im Grenzfall absolute Künstlichkeit anstreben, wie denn schon bald nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution deren damaliger als offiziell geltender Historiker Pokrowski meinte, noch sei die Technik leider so wenig vorgeschritten, daß es gelegentlich des Geborenwerdens genialer Einzelner, wie Lenin, bedürfe; bald jedoch würde man sicher die für den Fortschritt erforderlichen höchstbegabten Einzelnen fabrikmäßig herstellen. Später wurde in vielen, damals noch nicht ganz geschlossenen Kirchen die Gott und Heilige darstellende Ikone leibhaftig durch die Maschine ersetzt. Und das Gefühl kühlte nicht nur ab, die Seele verkümmerte nicht nur wie in Amerika, — bald wurde alles Gefühl verpönt, war die Seele tatsächlich gemordet. Daraus ergab sich eine so noch niemals dagewesene Unmenschlichkeit, die aber immer weniger auch von deren Opfern als solche gespürt wurde, weil in Rußland das Organ dafür immer mehr verkümmerte. Was in Rußland begann, erlebte dann einige Jahrzehnte später im nationalsozialistischen Deutschen seinen bisherigen Höhepunkt. Dem rechnenden Verstande bedeutet die Mehrzahl als solche selbstverständlich mehr als die Einzahl, Einzigkeitswerte kennt er nicht: so bringt es ein Mensch, dessen persönlich letzte Instanz sein Intellekt ist, ohne jedes Bedenken über sich, nicht nur andere, sondern auch sich selbst, und letzteres ohne Opfererlebnis, aus purer Gleichgültigkeit allen Erlebniswerten gegenüber, zum vorausgesetzten Besten vieler zu vernichten. Überdies perhorresziert der Verstand alle Freiheit, bejaht er allein den Zwang. So entstand ein allseitig akzeptierter Zustand allseitiger und gegenseitiger Unterdrückung unter formell und offiziell Gleichberechtigten. In diesem Zustande nun lebte sich die russische Elementarnatur und -begabung aus, so daß man’s während des zweiten Weltkriegs, der Erwartung der meisten zum Trotz, erlebte, daß die Russen besser kämpften als je früher und auch technisch bis dahin in Rußland Unerhörtes leisteten. Ja die meisten Russen hielten sogar ihren vom Standpunkt jedes Europäers entsetzlichen Zustand nach wie vor dem unseren für überlegen, denn ihrem Intellektualismus genügte der Glaube daran, daß es später einmal besser werden würde, zur Nichtbeachtung aller Müh- und Drangsal der Gegenwart. Soviel vermag Züchtung in einer vom Ideal der Künstlichkeit beherrschten reinen Verstandeswelt!

Daß beide hier noch so kurz geschilderten Zustände keinen idealen Höhepunkt in der Menschheitsentwicklung darstellen, bedarf nach allem Vorhergehenden keines weiteren Nachweises mehr. Aber das gilt nicht allein in bezug auf Geist und Seele des Menschen, sondern auch in bezug auf seine Körperlichkeit. Auch hinsichtlich dieser wirkt reine Verstandeskultur verderblich. Hier brauche ich nur auf Alexis Carrels Pionierbuch Der Mensch, das unbekannte Wesen hinzuweisen. Der große Forscher hat nach allen möglichen Richtungen nachgewiesen, daß es unmöglich ist, durch intellektuelle Lenkung bei Nichtachtung der Eigentendenzen der Natur einen höheren Naturzustand zu schaffen. Sport hat nicht denselben biologischen Wert, wie nützliche Körperbetätigung. Entwicklung auf Grund des Leistungsprinzips und des Rekords bedingt schicksalsmäßig Überanstrengung, Krankheit und frühzeitigen Tod. Ein Übermaß an mechanischer Arbeit im Geist bewußt akzeptierter Routine sterilisiert den Körper; immer mehr Männer werden impotent, immer mehr Frauen unfruchtbar. In diesem nie genug zu empfehlenden Buche weist Carrel vollkommen überzeugend nach, daß die vom Geiste der Künstlichkeit infizierte Menschheit, geht es noch lange so weiter, entweder an Geburtenmangel oder aber an Entartung aussterben muß. Hier füge ich hinzu: eine noch wahrscheinlichere Ursache ist die Unlust am Leben. Immer mehr junge Menschen sind zu sterben bereit, nicht jedoch aus Mut oder Opferbereitschaft, sondern weil sie ihr Leben sinnlos finden. Die Kälte der Verstandbestimmten Welt findet immer ausgesprochener ihre Korrespondenz im Gleichgültigwerden der Seele. Einem Gleichgültigwerden gegenüber allem, wogegen sie in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden als unerträglichen Mißstand angekämpft hatte.

Dieser entsetzliche Zustand, den ich auf dem vorausgesetzten Hintergrund aller Erwägungen dieses Kapitels zuletzt an einigen konkreten Sinnbildern behandelte, ist nun das schicksalsmäßige Ergebnis eines einseitig durch Denken bestimmten Lebens. Wird das Denken allmächtig, dann kann es überhaupt keinen Raum mehr geben für das, was die Menschheit von jeher als ihr Höchstes anerkannte und in dessen Verwirklichung auf Erden sie ihre eigenste Bestimmung sah. Moralisches und spirituelles Streben wird gegenstandslos, geistige und geistliche Werte verlieren jede Macht. Das Künstliche wird zum absoluten Herrscher über das Leben. Auf schauerliche Weise verwirklichen sich die Phantasien von Kleist und Villiers de L’Isle-Adam. Und das Schrecklichste an allem diesem ist: in der Seelenlosigkeit der Marionette, in der Unbewußtheit des Ideal-Automaten sehen immer mehr Menschen ihr Ideal. Da der Verstand alles von außen her sieht, exzentrisch zum lebendigen Menschen gelegen sein Wirkungszentrum hat, so kann ein ausschließlich vom Verstande Bestimmter garnicht merken, daß sein Ideal das Leben selbst verleugnet. Er will garnicht mehr von innen heraus leben. Hiermit erhält denn der Mythos vom Sündenfall und vom verlorenen Paradies einen noch tieferen Sinngehalt als den, welchen wir anfangs feststellten. Als Adam und Eva, nachdem sie vom Baume der Erkenntnis gegessen, das Paradies verließen, wandten sie sich damit nicht nur von der Naturharmonie, sondern auch von Gott ab. Sie verleugneten, nachdem ihnen ihr eigenes Denken zur letzten Instanz geworden war, ihren ganzen Ursprung. Daher die tiefe tiefe Sehnsucht aller seelisch und geistig noch nicht Abgestorbenen in dieser Wendezeit nach neuem Kontakte mit dem Ursprünglichen. Nach dem Ursprung in der Richtung der Natur sowohl als in der des Geists.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Die Welt der Künstlichkeit
© 1998- Schule des Rades
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