Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Das Zwischenreich

Verhäßlichung und Verbösung

Halten wir von allem zuletzt Mitgeteilten nur dies Allgemeine fest, daß der Mensch selber seine Zwischenreichsexistenz unstreitig als ein Vorläufiges empfindet. Er fühlt sich selber ursprünglich, in Nietzsches Worten, als etwas, das überwunden werden muß. Daher die vielfältigen, von einander der Erscheinung nach so verschiedenen, letztlich jedoch allesamt Sinn-gleichen Vorstellungen von einem Fall des Menschen aus einer höheren in eine niedere Welt, aus welcher er sich wieder in die Höhe hinaufzuarbeiten hat. Sämtliche hohen Religionen bezwecken letztlich nichts anderes, als ihm bei diesem Aufstieg zu helfen. Dies erklärt das Werbende gerade der harten und grausamen Ansprüche, welche sie vom Standpunkt des Zwischenreiches stellen. Soviel begeisterte und fanatische Anhänger wie ein harter Bußprediger, fand kein Prophet irdischen Behagens. Und umgekehrt ist symptomatisch, daß die grausamste Bedrückung, die radikalste Nichtachtung und Verhöhnung persönlichen Glückes auf Erden gerade auf letztere zurückgeht. Sämtliche Ideale, welche der Mensch ehrlich bekennt, haben, in der Tat, oberhalb des Zwischenreiches ihren Ort.

Doch von dem, was oberhalb des Zwischenreiches liegt, werden wir später ausführlicher handeln. Dieses Kapitel gilt dem Zwischenreich als solchem, und da ist festzuhalten, daß kein gegebenes Zwischenreich über einen bestimmten, sehr niedrig liegenden Punkt hinaus vervollkommnet werden kann, weil es ganz und gar in Funktion bestimmter unauswechselbarer konventioneller Voraussetzungen besteht. Hier handelt es sich allemal, gleichnisweise zu reden, nicht nur um bestimmt angesetzte Gleichungen, sondern um solche, in denen die Stellen der algebraischen Symbole ein für alle Male von bestimmten Zahlen eingenommen sind. Das ist der Grund jener Endlichkeit aller Kulturen, von denen jede Anfang, Höhe, Vergreisung und Ende erlebt hat. Fortschrittsfähig überhaupt können nur Intellekt-bestimmte Kulturen sein, denn nur der Intellekt setzt unbegrenzten Fortschritt. Aber auch keine Fortschrittskultur ist innerlich unbegrenzt, denn jede bedeutet die Entwicklung eines bestimmt gearteten Keims, welcher irgendeinmal voll erwachsen ist, worauf Verhärtung. Erstarrung und schließlich Selbst-Erstickung folgt. Nicht-intellektuelle Kulturen können sich nur im Sinn von Differenzierung vervollkommnen. Aber wie wenige Völker haben auch nur Vervollkommnungs­streben gezeigt? Letztlich wird jedes Zwischenreich, von der Erde her beurteilt, durch Gewohnheit und damit Trägheit zusammengehalten. Die meisten Menschen sind von Herzen gerne träge und so bleibt alles, nachdem die Generation der jeweiligen Pioniere ausstarb, jahrhundertelang heim Alten. Um sich vor dem Geiste zu rechtfertigen, waren die meisten Völker natürlich klug genug, den Willen zur Veränderung ein Sakrileg, zu heißen. Aus dem gleichen Grunde halten sich die meisten für auserwählt, und zwar nicht als Träger eines höheren Auftrags, sondern einfach als die und so, wie sie sind. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Völker, welche irgendeinmal dank der Initiative großer Einzelner ein überragendes Niveau erreichten, in nichts von niederen. Die späten Griechen, Römer, Franzosen, Chinesen und Inder lebten in den Formen ihres sonderlichen Zwischenreichs aus keinem höheren Motive als dem, aus welchem Kanaker an ihrem Kannibalismus festhalten. Sie alle sind in banalem Verstande Leibnizianer, d. h. sie halten ihre Welt für die absolut bestmögliche. Und das konnte und kann garnicht anders sein, solange die Voraussetzungen des jeweiligen Zwischenreiches als letzte Instanz galten und gelten. Erst auf der heute von der Vorhut der Menschheit erreichten Stufe möglicher direkter Sinneserfassung ist der Punkt erreicht, wo der Mensch als Gattung aufhören kann, sich beim Sosein seines Zwischenreiches zu beruhigen. Erst jetzt ist es möglich geworden, die Frage einer bestmöglichen Welt nicht relativ zu seinen Voraussetzungen, sondern in absolutem Verstande zu stellen. Das kann der Mensch erst, wenn er grundsätzlich über alle Dogmen und alle Gewohnheit hinaus ist.

Doch auch hiervon später. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem heutigen Zustand der weißen Menschheit zu, so finden wir, daß die bescheidenen Möglichkeiten der Relativierung, die sich für jeden nicht völlig unfähigen und unbegabten Menschen aus den objektiven Tatsachen der Raum- und Zeitüberwindung und der Bekanntschaft mit tausend möglichen Lebensformen zwangsläufig ergibt, zunächst nicht zu einer Verbesserung der Welt führen, sondern zu einer erschreckenden Verhäßlichung und Verbösung aller Zwischenreiche. Wenn ein Mensch sich emanzipiert, oder von einem Zustand in einen höheren überzugehen im Begriffe ist, dann muß er zunächst zerstören. Und da er unmöglich mit gutem Gewissen zerstören kann, dieweil er unbewußt dem Alten doch verhaftet ist, so muß zunächst auf eine Periode der Schönheit eine solche bestimmender Häßlichkeit folgen und auf eine Zeit herrschender Großmut eine solche des Neides und des Zerstörungswillens. So begann das Christentum seine Laufbahn mit Verleugnung aller Schönheit und Weisheit, begann der Fortschritt des Menschen­geschlechts überhaupt mit dem mörderischen Kain, und das eigentliche Fortschrittszeitalter mit einem allmählichen aber desto zielsicherer auf Vollständigkeit gerichteten Abbau des Gesamtgebäudes der christlichen Kultur. Dieses Mal aber ist die zeitweilige Verhäßlichung und Verbösung, von der wir handelten, desto unabwendbarer Schicksal, als der einzig mögliche neue positive Zustand mit dem ihm entsprechenden Zwischenreich nicht nur einen Zustand geistiger Überlegenheit voraussetzt, sondern auch seelischer, charakterlicher und menschlicher. Heute gilt es nicht mehr, auf gleicher oder ähnlicher Ebene ein anderes bestimmtes Zwischenreich an die Stelle des bisher vorherrschenden zu setzen, wie dies z. B. Luther unternahm, und was bei sehr einseitiger Veranlagung gelingen kann: in dieser Krise kann dauerhaftes neues Heil nur von einem allen bisherigen Zwischenreichen überlegenen Seinsniveau kommen. Diesen Punkt habe ich 1919 in meiner (seither in Schöpferische Erkenntnis aufgenommenen) ProgrammschriftWas uns not tut, was ich will ausführlich nach den meisten Richtungen hin behandelt. Ich zitiere daraus die folgenden Sätze, nicht nur, weil dieses Buch vielleicht nicht so bald neu aufgelegt werden wird, sondern vor allem darum, weil die Probleme 1942 noch genau so liegen, wie dreiundzwanzig Jahre vorher und weil sie im Großen wahrscheinlich noch nach hundert Jahren genau so liegen werden.

Der seit dem 18. Jahrhundert immer mehr sich emanzipierende Verstand hat nach und nach die meisten der seelischen Organe und Gestaltungen, welche dem Menschen die innere Form gaben, als Vorurteils- oder Zufallsgebilde erwiesen, damit aber geschwächt und schließlich abgetötet… Ehe die Erkenntnis nicht die Vorherrschaft wiedererlangt, daß anderes als Verstand und Verstandeskonstruktion die Lebensgestaltung bestimmt, daß vielmehr der fixierte Charakter der Seele entscheidet, ist an eine Besserung unseres Zustandes nicht zu denken. Der furchtbare Irrtum dieses Zeitalters war der, daß es die Forderung der Freiheit, welche der Geist mit Recht vertritt, jene schönste Errungenschaft des sterbenden 18. Jahrhunderts, auf das Seelenleben übertragen hat. Damit verkennend, daß die wesentliche Freiheit des Menschen, um in diesem Medium darstellbar zu sein, ganz anderer Bedingungen bedarf: daß nur die organisierte, nicht die amorphe Seele frei sein kann … Wenn eine bestimmte seelische Form, zum Teil auf Geistesblindheit begründet, besser war als die seitherige Formlosigkeit, so folgt hieraus aber nicht notwendig, daß jene wiederherzustellen sei: es folgt hieraus vielmehr, daß die Bestandteile des inneren Menschen, nun deren frühere Harmonie zerstört ist, sich zu neuer Wohlgestalt zusammenschließen müssen. Hat der Verstand eine gegebene Seelenform zersetzt, so ist es Aufgabe, eine neue zu bilden, weiterer und tieferer Geisteseinsicht gemäß. Das Ideal wäre ein vollkommenes Seelenleben, welches gleichzeitig vollkommenem Wissen entspräche, also nicht eigentlich ein vorurteilsfreies Menschentum, sondern ein solches, dessen Vorurteile sämtlich zugleich richtig wären. Hier, in der Tat, liegt die Aufgabe. Eine neue Synthese von Geist und Seele tut uns not. Eine Synthese, welche die verschiedenen Teile des Menschen nicht dem zurückgebliebenen, sondern dem am weitesten entwickelten zu aufs Neue ins Gleichgewicht brächte … Was nützt es, neue Religionen zu begründen oder alte wieder herzustellen, wenn der Glaube an die Daseinsberechtigung von Religion überhaupt entschwunden ist? Was nützt alle ethische Kultur, wenn Moralität überhaupt als vorurteilsgeboren gilt? Heute gibt es nur einen Weg zum Heil: daß die Kritik selbst, zu ihrem höchsten Ausdruck gebracht, dem Wiederaufbau der Lebensganzheit dienlich werde. Es gilt den Sinn der Moral, den Sinn der Religion, den Sinn alles dessen zu erweisen, was dem Leben nachweislich zu seinem Heile Halt bot, durch vorläufige Kritik aber als unbegründet verurteilt schien. Es gilt nicht, der Einsicht zu entsagen, sondern diese soweit zu vertiefen, daß sie die Ganzheit des Lebens aufzunehmen, zu spiegeln und aus sich heraus wieder aufzubauen fähig werde. Es gilt sonach ein Höheres, als je früher angestrebt wurde: nicht die abstrakte Vernunft zur Alleinbeherrscherin des Lebens zu machen, sondern einen Bewußtheitsgrad zu erreichen, in welchem die Ganzheit des Lebens sowohl ihrer Tatsächlichkeit nach bewußt, als ihrem Sinne nach verstanden würde, und diesen Sinn als Lebensbasis auszubauen … Die Grundtonänderung, die allein die verendende europäische Menschheit noch erretten kann, besteht in der Rückbeziehung aller Gestaltung auf den Sinn und in der Zentrierung des bewußten Gesamtlebens in dessen Reich. Diese Aufgabe stellt sich, seitdem es Menschen gibt, zum ersten Mal, denn Sinneserfassung im hier geforderten Verstand war früher nicht möglich. Heute stellt sie sich aber gebieterisch, weil nur der angeschlagene tiefere Grundton überhaupt zur Bildung neuer schöner und großer Melodie führen kann…
Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Das Zwischenreich
© 1998- Schule des Rades
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