Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Gleichgültigkeit und Liebe

Gana-Welt

Doch, wie gesagt, bei der Tatsächlichkeit und auch dem letzten Sinn dieser großen Zusammenhänge will ich hier nicht verweilen. Das für die Thematik dieses Kapitels Entscheidende ist, dass die großen Zusammenhänge, wo sie bestehen, auf den Einzelnen und seine Seele und sein Gefühl überhaupt keine Rücksicht nehmen. Wo überhaupt Bewusstsein vorliegt, bestehen und wirken sie zwangsmäßig vom Unbewussten, und, wo überhaupt Leben in Frage kommt, vom Urleben her. Von diesem gab ich im Kapitel Gana der Südamerikanische Meditationen, welches diesen ganzen Problemkreis ausführlich behandelt, die folgende zusammenfassende Charakteristik: Das Urleben ist blind, wesentlich blind: und nur von dieser Blindheit ausgehend kann man es richtig sehen und richtig bestimmen. So gelangt man auch von ihr allein zum richtigen Verständnis des lebendigen Urzusammenhangs. Dieser liegt tiefer als alle Mneme, alle Erinnerung; er liegt zumal tiefer als alles durchseelte und durchseelbare Gefühl. Verfallenheit ist nicht Liebe. Das Band, das jener Begriff bezeichnet, ist ein unterweltliches. Es ist ein der Schwerkraft oder der Kohäsion oder dem magnetischen Felde oder der chemischen Affinität Analoges, je nachdem. Da die Analogie nicht vollständig ist, hat es keinen Zweck, auf dem verwendeten Bilde zu insistieren, sofern nur einleuchtet, welche Erkenntnis es vermitteln soll. Diese Erkenntnis ist, in möglichster Kürze zusammengefasst, die folgende: Das Urwesen des Lebens ist von seinen frühesten Äußerungen der Sensibilität und Irritabilität her nicht besser zu begreifen, als von seinen durchgeistigtsten Ausdrucksformen. Der Behaviorismus hat insofern klarer geurteilt als andere Schulen, als er die Gewohnheit als letzte Gegebenheit annimmt, denn wirklich wird deren Begriff dem Ausschließlichen, melodiehaft Abgeschlossenen und Gebundenen des Urlebens gerecht. Doch der Behaviorismus irrt wiederum, insofern er auf die äußere Verursachung den Akzent legt. So abhängig primordiales Leben vom Äußeren, so sehr es, um zu bestehen, auf Anpassung angewiesen war — das Urphänomen ist gerade bei ihm seine Autonomie. Und die Gesetze dieses selbständigen Ur-Daseins sind die der Gana. Deren differenzierte Äußerungen lassen sich von Fall zu Fall ohne Irrtum auf Begriffe wie die des Ur-Hungers und der Ur-Angst, des Blutrauschs und des Überwältigungsstrebens, der Verführung und des Verfallens, der Triebe zur Selbsterhaltung und zur Selbstvernichtung zurückführen; sie lassen sich auch von einem vorausgesetzten Lust- und Realitätsprinzip her deuten. Doch die letzte unzurückführbare Instanz ist und bleibt überall die undifferenzierte und massive Gana.

Sie und nicht die Sexualität, erst recht nicht der Macht- und Geltungstrieb, schon garnicht eine prospektive Tendenz — Vorausschau ist erst bei Geistbestimmtheit möglich — ist das Urphänomen. Dieses Urtümliche wirkt, vom Geiste her beurteilt, unheimlich fremd. Aber ebenso unheimlich ähnlich ist es jenen dunklen Kräften, welche im totgeheißenen Weltall das zusammenhalten, was zusammenhängt, und was Geist gleichfalls nimmer verstehen wird. Hier versagen alle gewohnten verständlichen Begriffe. Wendet man aber Begriffe an, die der beobachteten oder erschlossenen Realität einigermaßen entsprechen, dann steht man erst recht befremdet da. Nicht windige Leere charakterisiert den Weltraum, sondern Zähigkeit. Nicht Stetigkeit die Beziehung von Vorgang zu Vorgang, sondern Unstetigkeit. Und doch vermitteln überall Gleichungen, welche irgendwie realen Zusammenhang ausdrücken müssen. So ist auch das Urleben unstetig und zusammenhängend zugleich. Vor allem ist es zäh und innerlich schwer. Sein frühester Ausdruck hat seine menschliche Entsprechung in der Verfallenheit. Sein Normalzustand entspricht dermaßen starr fixierter Gewohnheit, dass keine Einsicht und kein fester Wille sie durchbrechen kann. Wo keine kalte Gleichgültigkeit herrscht, herrscht vom Standpunkte menschlichen Bewusstseins eine seine Einzigkeit, seinen Geist und seine Seele überhaupt nicht berücksichtigende zwingende Notwendigkeit. Vielleicht entstand dieses Wort ursprünglich aus der Sehnsucht, Not zu wenden. Dieses ist auf zwei Weisen möglich: entweder man besiegt den Zwang, oder aber man identifiziert sich innerlich mit ihm. Um auf den Eingangssatz dieses Kapitels zurückzukommen: der meiste Friede auf Erden beruht auf Selbstbeschränkung auf den allerengsten Kreis bei Gleichgültigkeit allem nicht unmittelbar Lebensnotwendigem gegenüber.

Was vom Urleben gilt, gilt mutatis mutandis auch auf höheren Bewusstseinsstufen. Als Grundgesetz des Zwischenreiches gilt überall, wo die geringste Lebenskunst am Werk ist, das Gebot, sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen. Die allermeisten Menschen verkehren nur in engen, durch bestimmte Konventionen von anderen scharf abgegrenzten Kreisen — hier bietet das verschränkte heutige indische Kastensystem mit seinen zwei- bis dreitausend Kasten das beste Sinnbild — und innerhalb dieser nicht von Mensch zu Mensch, sondern als Vertreter bestimmter Konventionen. Innerhalb der engsten Kreise herrscht nun freilich keine Gleichgültigkeit. Diese stehen beim Menschen unter dem Nomos der der Gana-Welt übergelagerten rein seelischen emotionalen Ordnung. Diese Ordnung wird durch Subjektivität zusammengehalten, diejenige elementaren Zusammenhangsgefühls. Solches kann unterhalb des Ichbewusstseins bestehen; so heulen alle Affen einer gefangenen Affengesellschaft auf einmal auf, wenn einer unter ihnen gezüchtigt wird. Es kann vorhandenes Ichgefühl mit anderem Ichgefühl zu einem solidarischen Gemeinschaftsgefühl verschmelzen. Dessen Urausdrücke sind erstens das Familiengefühl, am stärksten beim weiblichen Geschlechte ausgebildet, und jene meist auf der Grundlage von Altersklassen beruhende Männerbund-Freundschaft, welche bei frühen Menschen etwas ebenso Normales bedeutet, wie bei allen das Familiengefühl; gelingt heute unter Anrufung des Kameradschaftsgefühls oder unter dessen Imperativ so vieles, was unter Berufung auf Interessen nie gelänge, so beruht dies darauf, dass damit uralte Zuständlichkeit ins Leben neu hineinbeschworen wird. Die Welt der emotionalen Ordnung ist nun wesentlich nicht gleichgültig. Hier herrscht ein andauerndes einander Anziehen und -Abstoßen, Wohl- und Wehetun, Binden und Lösen auf Grund eingegangener neuer Bindung; auf der Stufe der emotionalen Ordnung bedingen Kompatibilität und Inkompatibilität ein ebenso gesetzmäßiges gegenseitiges Verhalten, wie unter Stoffen chemische Affinität oder Nicht-Affinität. Aber es fehlt alle Bestimmtheit durch den Geist. Es fehlt alles, was die Freiheit des Menschen macht und in ihr seinen Ursprung hat. Darum ist die emotionale Ordnung eine solche schlechthiniger Gebundenheit und des Zwangs zum Binden. Sie nimmt jedem Elemente seine Selbständigkeit. Andererseits ist sie ebenso pathisch und unfähig zur Initiative wie die Ganawelt; Gefühlen verfällt man, man kann sie nicht willkürlich wecken und lenken. Jeder emotionale Zusammenhang ist monadisch abgeschlossen, alle elementaren unter ihnen sind molekülhaft eng, kein Gefühl ist fernwirkend. Aber noch mehr ist wahr: die Welt der emotionalen Ordnung ist zwar nicht ganz so blind, wie die der Gana, aber sie ist dermaßen kurzsichtig, dass es beinahe auf das gleiche herauskommt. Unter allen Umständen ist sie werteblind. Mein Kind, so urteilt jede naturhafte Mutter, ist eben darum mehr wert als jedes andere; ebenso denkt der freundschafts­gebundene Mann von seinem Freunde.

Naturhafte Liebe ist insofern wirklich wesentlich, wie ein geistreicher Soziologe, Hans Blüher, sie bestimmte, Bejahung abgesehen vom Wert. Das moralische Gefühl, der Gerechtigkeitssinn, schon gar Spiritualität spielen hier überhaupt keine Rolle. Hieraus nun folgt etwas, was gefühlsgebundene Menschen, insonderheit Mütter, schwer begreifen: das elementare Gefühl weiß überhaupt nichts vom Wesen des Menschen, welches geistbestimmte Einzigkeit ist. Darum freuen sich Verwandte der gegenseitigen Ähnlichkeit, wünschen Mütter in ihren Söhnen den Vater wiederzufinden, verlieben sich Männer und Frauen immer wieder in den gleichen Typ. Die Welt der emotionalen Ordnung ist recht eigentlich beseelte Gana-Welt. Und damit wurzelt auch sie im Erd- im Unterschied vom Geist-Ursprung des Menschen. Damit bedeutet denn die Subjektivität der emotionalen Ordnung eine spezifizierte Spiegelung des ursprünglichen Zusammenhangs des Lebendigen, welchen wir anfangs schilderten, nur eben in engstem Kreis. Es erweist sich, dass auch im erdhaft Psychischen die Menschen untereinander und mit der äußeren Natur ursprünglich zusammenhängen; von ihm aus gibt es keine Abgeschnürtheit des Einzell-Ichs, keine Isoliertheit, keine mögliche Atomisierung, keinen Gegensatz zwischen Mensch und Welt. Die emotionale Ordnung stellt jeweils ein einiges und einheitliches Spannungsfeld dar. Dies alles aber gilt nicht vom Geiste her. Wohl gibt es auf dieser Ebene bestimmt aufeinander bezogene Wesen als Ichs und Dus, im Unterschied von Gegenständen, trotzdem aber kein Persönlichkeits­bewusstsein. Darum ist wohl jede irdische Liebe als Beziehung ein Einzigartiges, aber jedem der aufeinander Bezogenen kann nichtsdestoweniger aller Sinn für den Einzigkeitswert des Partners fehlen.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Gleichgültigkeit und Liebe
© 1998- Schule des Rades
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