Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der substantielle Geist

Erkenne Dich selbst

Doch ich will hier nicht weiter vom objektiven Geiste im Sinne Hegels und gar von Zeitgeistern handeln. Diese objektiven oder objektivierten Geister sind nämlich garkeine ursprünglichen Geister, sondern Zwischenreichsgebilde, welche Gebilde in diesem Fall den doppelten Ursprung haben, daß sich einerseits wohl überpersönlicher Geist, der Träumer im Sinn des Schlußbildes des vorigen Kapitels, mittels derselben ausdrückt, daß er dies andererseits aber nur uneigentlich tut, durch Vorurteils- oder Mißverständnis-geborene Gestaltungen bloßempirischen Ursprungs hindurch und daß die wirklichen Faktoren der Geschichte auch hier unzurückführbar-einsame Selbste sind, welche ihr streng persönliches Leben im Rahmen kollektiven Schicksals auswirken. Es ist darum nicht wahr, daß historische Geister, vom Standpunkt des substantiellen Geistes her geurteilt, je oberhalb des Einzigen ihre Daseinsebene hätten. Ich wies auf diese weiten Zusammenhänge hier nur hin, weil wir Europäer, seitdem unser Zwischenreich von der im 18. Jahrhundert geborenen Idee des abstrakten Menschen bestimmt wird, gewohnt sind, in Verallgemeinerungen zu denken, weswegen weite Zusammenhänge uns leichter einleuchten als enge. Beschränken wir darum unser Blickfeld fortan auf das persönliche Schicksal des Einzigen. — Das Wesentliche an einem echten im Menschen verkörperten Geiste ist, daß er überhaupt ein Schicksal hat. Oberhalb des organischen Geschickes, welches jeden Menschen von der Geburts- bis zur Todesstunde durch immer gleiche oder gleichsinnige Etappen organischer Entwicklung führt, oberhalb des kollektiven, von anderen Geistern oder häufiger Mächten des Zwischenreichs ins Rollen gebrachten Schicksals hat der Mensch, welcher überhaupt ein Schicksal hat — nicht jeder hat eins, Goethes Phorkyas sagte richtig:

Wer keinen Namen sich erwarb,
noch Edles will, gehört den Elementen an
 —

ein strikt persönliches, welches zu erfüllen er als seine eigenste Bestimmung nicht nur fühlt, sondern von welchem er in seinem tiefsten Inneren weiß, daß in dessen Erfüllung seine Bestimmung liegt. Solche Schicksalserfüllung erkennt er unmittelbar als den eigentlichen Sinn seines Lebens; versagt er hierbei, dann weiß er sich schuldiger, als wenn er sich aufs Schwerste gegen die Gemeinschaft vergangen hätte. Hieraus folgt, daß sein erlebtes Leben seinen Beweggrund völlig unzweideutig im Sinne seines Lebens, also in einem Überorganischen, Übersozialen und Überhistorischen hat. Daß es sich bei solcher Sinnesverwirklichung von Etappe zu Etappe um schwer Faßbares und nie im einzelnen Vorauszusehendes handelt, ändert nichts am Wirklichkeitscharakter des fraglichen unmittelbaren Erlebens, denn alles Leben ist melodiehaft, ein Entrollen und Abrollen in der Zeit, weswegen sich die Ganzheit der Komposition erst nach dem Abklingen des Schlußakkordes übersehen läßt. Das für uns in diesem Zusammenhange Entscheidende ist nun, daß dieser Sinn den Menschen vom unbewußten Inneren her treibt, daß der Mensch ihn nie direkt schaut, daß er ihn genau so wie jeder Außenstehende als Gewißheit nur aus bereits erfolgter Verwirklichung erschließen kann. Also auch in diesem Verstande ist und bleibt der Geist als Urheber in seinem schöpferischen Walten unbewußt und insofern blind; nur besonders zur Schau berufenen Sehern leuchtet in seltenen lichten Augenblicken der geistige Sinn als solcher im Bilde auf. Alle anderen können nur am Echo ihrer empirischen Gefühle und Empfindungen einigermaßen ermessen, ob oder daß sie auf dem rechten Wege sind, so wie der Schriftsteller, dem seine Einfälle in Polarisation mit weißem Papiere kommen, im Falle, daß ein Wurf nicht gelingt, bloß spürt, daß der Wurf nicht gelang, und wenn er es später besser trifft, auch nur am Echo seiner Seele merkt, daß er es geschafft hat. Aber das betreffende Echo ist keineswegs unfehlbar, es sei denn eine Seele spiegele ihr Ursprüngliches stärker als alle Gebilde des Zwischenreichs. Darum können wir auf Grund des seither Ausgeführten nur die Gültigkeit der paradoxalen Anfangsthese dieses Kapitels bestätigen, daß auch der Geist in seinem Primärausdruck blind ist.

Mit dieser Richtigstellung der Bezeichnungen scheint mir schon viel erreicht. Erstens erledigt sie die ganze Problematik, die durch das Vorurteil gesetzt ist, es bedeute Wesentliches, ob ein Prozeß bewußt oder unbewußt verläuft. Zweitens und vor allem ist die bisher für unlösbar geltende Verquickung mit der Vorstellung von Geist und Verstehen gelöst. Primär gibt es geistiges Sein. Inwieweit dieses sich selbst und anderes versteht, ist eine sekundäre Frage. Damit nun erledigen sich sämtliche Geist-Theorien, welche den Geist von der Erkenntnis her bestimmen wollen. Letzteres taten zuerst und auch am radikalsten die Griechen — kein Wunder, denn ihnen zuerst wurde der Geist zum Erkenntnisproblem — und von diesen stammen alle späteren europäischen Philosophien ab. Für die frühgriechischen Denker war der Nous reine Spiegelung und zugleich helle Durchleuchtung des Seins, und in der Spiegelung bestand seine Göttlichkeit. Am göttlichen Nous konnten Menschen teilhaben, aber an sich galt er den Griechen als ebenso wenig Ich-haft oder sonst subjektiv wie das Sonnenlicht. Der letzten Intention nach meinten es auch Kant mit seiner Vernunft und Hegel mit seinem objektiven Geist nicht anders, — geschweige denn die sonst noch so verschiedenartigen Verfechter des Algorithmus-Ideals, dessen Kritik unser erstes Kapitel enthielt. Alle diese Theoretiker sahen, ob sie es wahr haben wollten oder nicht, in seinem Spiegelnden das Eigentliche des Geistes und damit natürlich auch in seinem bewußt-Sein; daher alle spätere Schwierigkeit, die Vorstellung des Unbewußten durchzusetzen, daher das an sich unnötige Mißverständnis, dieses seinerseits zu hypostasieren. Aber ist die Vorstellung eines Spiegels oder Spiegelnden an sich oder als letzte Instanz nicht einfach widersinnig? Der Spiegel oder allgemeiner Das Spiegelnde hat seinen ganzen Sinn in dem, was es spiegelt; für sich ist es bestenfalls — ich sage bestenfalls, weil nicht gewiß ist, ob der Abstraktionsprozeß, der seinem Begriffe zuführt, sinngerecht ist — ein Organ des Geistes oder des Lebens. Merkwürdigerweise ist aber der aufgezeigte Widersinn seitens denkender Menschen bis vor ganz kurzer Zeit nie so empfunden worden, so sehr lag ihnen der Nachdruck auf dem Bewußtsein. Es waren eben professionelle Denker, von denen alle bisherigen Geisttheorien stammen, und solche können sich ein primäres Sein im Gegensatz zu Gespiegelt- und Bewußtsein, zu Verstehen und Verstandensein schwer vorstellen. Die anderen aber — dachten eben garnicht nach; so konnten die Griechen auch unbefangen zum wie immer von Philosophen definierten Nous beten. An welcher Stelle einleuchtet, daß die letzten einigermaßen wirklichkeits­gerechten Theorien vom Geist die mythischen sind, welche vom Geist als wirkendem Gott und nicht vom Begreifen des Gelehrten ausgehen. Da nun der Mensch, in welchem der Erkenntnistrieb zur Dominante geworden ist, für seine Begriffe nur lebt, sofern er er-lebt und dort allein befriedigt ist, wo er verstehend erlebt, so beruhigt er sich lieber bei der widersinnigen Vorstellung eines absoluten Spiegels, als daß er darauf verzichtet, im Bewußtsein das Wesen des Geistes zu sehen. Demgegenüber ist es, noch einmal, einfach Tatsache, daß geistige Wirklichkeit unabhängig von allem Gespiegelt- und allem Bewußtwerden existiert; daß der Geistverkörperer selten versteht, was er tut, und beinahe nie, wie er es letztlich meint. Daß er schon gar nie weiß, wer er ist. Daher das unerfüllbare Ur-Postulat der zum Denken erwachten Griechen Erkenne Dich selbst. Daher letztlich der Widersinn, den Geist, wie er für sich ist, überhaupt vom Bewußtsein oder gar vom Denken her bestimmen zuwollen.

Geist ist ursprünglich gerade nicht erkennend. Wohl bedeutete sein Einbruch in das vorherbestehende Leben das Es werde Licht der Bibel. Aber diese Ur-Belichtung (im Kapitel Einbruch des Geistes der Meditationen steht das hier nur Behauptete genau ausgeführt und begründet1) betrifft ursprünglich nur die Erinnerung. Aus dieser erwuchs alsdann die Einbildungskraft, welche eigene Welten schafft. Aber weder Erinnerung noch Einbildung bedeuten Erkenntnis. Geist ist zunächst einfach ein Sein sui generis, welches der Existenzebene, auf der alle Natur lebt und wirkt, nicht angehört. Mit dem Verstehen im Verhältnis zum Geiste aber verhält es sich folgendermaßen. In erster Instanz gilt das, was ich in den Meditationen (S. 248 ff. der zweiten Auflage) so formulierte:

Der übliche Erkenntnisbegriff ist nicht länger haltbar. Nicht nur Empfindung und Intuition, deren Gesetze nicht diejenigen der Logik sind, vermitteln Erkenntnis: auch das Gefühl tut es. Und zwar ist dies nicht so zu deuten, wie C. G. Jung es tut, der das Gefühl eine rationale Funktion heißt: Gefühl ist wesentlich irrational. Worauf es ankommt, ist, daß Erkenntnis nicht notwendig und nicht wesentlich ein rationaler Vorgang ist. Jede vital richtige Reaktion ist ein mit dem, was wir Erkenntnis heißen, wesensgleiches Geschehen. Ja man könnte sagen, daß das wissenschaftliche Erkennen ein so viel unvollkommeneres Erkennen ist, als manches andere Reagieren, daß sich das Leben keine halbe Stunde auf Erden erhalten hätte, wenn es kein besseres gäbe als jenes. Jeder organische Anpassungs- und Assimilationprozeß enthält die Elemente der exakten Feststellung des Tatbestandes, der richtigen Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, der Stellung des Problems auf bestimmte, und der Lösung desselben auf vom Standpunkt des Fragenden richtige Art. Verstandeseinsicht, Begriffsbestimmung und Beweisführung verlieren durch diese neue Definition nichts von ihrem bewährten Erkenntniswert, doch aus ihr heraus wird klar, daß dieser Norm ist nur für eine besondere Art von Erkenntnis, nicht für Erkenntnis überhaupt. Soll überhaupt ein Sonderphänomen die ideale Norm abgeben, dann täte man besser, den Instinkt als den Verstand dazu zu wählen; denn die vollkommene Sicherheit des Verstehens einer Situation, welche die lebenswichtigsten Instinkthandlungen der Tiere auszeichnet, ward noch von keiner Reflexion erreicht. Die einzige nicht falsche Allgemeinbestimmung der Erkenntnis scheint mir die folgende zu sein: sie ist rechte Gleichung zwischen einem erlebenden Subjekt und einem Objekt; das Erkennen ist dem Erleben unterzuordnen. Das Lebendige behauptet sich gegenüber den abertausend Reizen, die auf dasselbe eindringen und auf die es mit Empfindlichkeit antwortet, indem es standhält oder assimiliert. Auf daß beides gelänge, ist noch so unbewußtes, noch so ungeistiges Verstehen der Situation Voraussetzung — und Verstehen ist die letzte und höchste Instanz aller Erkenntnis. Verstehen soll man hier sagen, nicht Anpassung, denn diese ist ohne die Hilfskonstruktion noch viel unwahrscheinlicherer Postulate, als es dasjenige eines organischen und unbewußten Verstehens ist, als letzte Instanz überhaupt nicht denkbar. Stimmt die Gleichung zwischen Subjekt und Objekt, dann entspricht sie dem Eigen-Sinn des Lebens und wird zugleich dem der Objektwelt so weit gerecht, wie überhaupt möglich ist; dann handelt es sich um Erkenntnis, gleichviel ob Körper, Seelen, Geister, Empfindungen oder Ideen im Spiele sind.
1Daß der Geist überhaupt in vorherbestehende Wirklichkeit eingebrochen sei, hat zuerst Aristoteles gelehrt; nach ihm gelangte er δυοαδεν, von außen her, in unsere Welt. Aber natürlich meine ich anderes, als dieser erste große Mann der Wissenschaft, und behaupte im übrigen das genaue Gegenteil dessen, was Klages behauptet.
Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der substantielle Geist
© 1998- Schule des Rades
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