Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der substantielle Geist

Der Logos ist die Angel der Welt

Diese Erkenntnisse werden ergänzt und zu einem vorläufigen Abschluß gebracht durch die in unseren Betrachtungen über Verstand und Künstlichkeit gewonnenen Einsichten. Was immer zur Sphäre des Begreifens gehört, ist Mittel irdischen und nicht geistigen Lebens. Es ist möglich, einen vollständigen und dabei richtigen Begriff von der Natur zu gewinnen, ohne daß substantieller Geist überhaupt mitspielte. Ein System der Erkenntnis und zwar gerade ein philosophisches und theologisches gehört unter allen Umständen der Sphäre maschineller Künstlichkeit an. Denn die oberste Instanz, das letzte Bezugszentrum aller Systeme ist das Ich — dieses aber liegt diesseits alles Geistes; es gehört ganz und gar in die Welt des Empirischen hinein. Hier gedenke man Martin Heideggers: dessen Terminologie und Sprache überhaupt ist so beispiellos persönlich, weil sein Denken wie kein zweites mir bekanntes vom Privatissimum eines sonderlichen Ich ausgeht, welches eben darum ein Bezugssystem von beispielloser Künstlichkeit zur Begriffserfassung oft scharfer Wahrnehmungen (seltener tiefer Einsichten) konstruieren konnte und mußte. Um zu universaler als überpersönlicher Einsicht zu gelangen, muß der Mensch darum real über sein Ich als letztes Bezugszentrum hinausgelangt, er muß von innen her, vom überpersönlich-Wirklichen ergriffen worden sein. Es wirken nun aber alle Elemente oder Wesenheiten gleicher Daseinsebene real und konkret aufeinander ein: so kann auch Geist auf Geist wirken und sich mit ihm polarisieren. Es ist ferner überall möglich, wo affizieren und Affiziertwerden, Ergreifen und Ergriffenwerden überhaupt in Frage kommen, daß im Sinn der oben gegebenen Allgemeinbestimmung der Erkenntnis eine rechte d. h. hier die bestmögliche weil sinnentsprechende Gleichung zwischen geistigem Subjekt und einem Gegenstande der Erkenntnis hergestellt wird, genau so wie es nachweislich möglich ist, von einer Daseinsebene her aktiv auf eine andere hinüberzuwirken; wäre es anders, der Geist hätte nie über die Materie Macht erlangt.

Die letzten Sätze enthalten nun den Schlüssel zum Problem der Art von Erkenntnis, welche vom Geist ausgeht oder auf diesen bezogen werden kann. Der konkrete Geist wie alle lebendige Wirklichkeit äußert sich sowohl handelnd wie erleidend, sowohl empfangend wie schöpferisch (man gedenke der chinesischen korrelativen Prinzipien Yang und Yin), sowohl ethisch wie pathisch; der Weg seiner Selbstverwirklichung verläuft gemäß dem Schema des Zusammenwirkens von Pol und Gegenpol. Der pathische Aspekt des recht-Zeugens und recht-Schaffens ist nun das recht-Empfangen: eben letzteres ist auf der Ebene des Geistes das Verstehen. Im genau gleichen Sinne ist der pathische Aspekt behauptenden, sich selbst setzenden Seins der Glaube daran. Erkennen vom substantiellen Geiste her, dessen Urausdruck das in den Betrachtungen der Stille genau beschriebene Realisieren ist, bedeutet sonach ein völlig und wesentlich anderes, als verstandesmäßiges Begreifen und Deuten: es bedeutet eben Empfangen des Wirklichen im Unterschied vom Zeugen seiner, Erleiden im Unterschied vom Tun. Darum kommen ursprüngliche Einsichten nur durch Polarisierung zustande, darum werden sie geboren und entwickeln sie sich: Konstruieren kommt hier garnicht in Frage. Daher der selbst dem Naiven unmittelbar spürbare Wesensunterschied zwischen Schöpfer- und Gelehrtenwerk. Daher die Vollmacht des Wortes jedes ursprünglichen Geistes gegenüber der Unfähigkeit des bloß Gelehrten zum unmittelbaren Geistesausdruck, der eben darum nichts lieber tut, als in termini technici zu schwelgen und damit Ursprünglichkeit durch Künstlichkeit zu ersetzten.

Erscheinen nun aber die Pole Ethos — Pathos auf der Natur-Ebene unvertauschbar auseinandergelegt, so sind sie auf derjenigen des Geistes in fortwährendem Übergang ineinander begriffen: daher die Schwierigkeit genauer Abgrenzung gegeneinander. Aus dem recht-Verstehen wird ohne weiteres, auf rätselhafte Weise, recht-Schaffen, umgekehrt zeitigt rechte Tat rechte Einsicht, führen rechte Einsicht und rechte Tat zusammen zu Seinsverwandlung und Niveauerhöhung, setzt sich bestimmtes Glauben in bestimmtes Sein um und umgekehrt. Gleiches gilt natürlich vom negativen Aspekt des gleichen Sachverhalts. Es ist ebenso unmöglich, eine böse Tat, die aus dem Ursprung stammt, ungeschehen zu machen, es sei denn, es griffe ein Wunder ein, wie es der Frau, welche einmal gebar, unmöglich ist, ihr Geborenhaben zu verleugnen. Die indische Lehre, daß die Erkenntnis Erlösung sei, und die christliche, daß Glaube allein rechtfertige und seligmache, besagen eben dies. Und ebenso deren negative Gegenpole. Wir nun können den Sinn aller überlieferten richtigen Lehren schärfer und genauer fassen als früher möglich war. Durch Verstehen vom Geiste her gewinnt der Mensch Macht über das Verstandene, nicht jedoch im Sinn der äußerlichen Macht zu begrifflicher Einkerkerung, aus welcher sich die Möglichkeit ergibt, von herausgestellten, in Künstlichkeiten materialisierten Erkenntnissen her das Leben äußerlich zu meistern: er gewinnt magische, von innen her zauberisch verwandelnde Macht, die durch das in seinem Wortlaut sehr einfach klingende, aber schlechterdings nicht weiter zu erklärende Gesetz gegeben ist, daß auf dem Gebiet des Geist-bestimmten Lebens der Sinn den Tatbestand schafft. Nachdem ich einen Tatbestand durchschaut habe, kann dieser anders werden; der tiefere Sinn, auf welchen ich ihn beziehe, ergreift ihn real von innen her und nun ordnen sich die Naturelemente dem neuen Sinn gemäß um, gleichwie neue Gedanken aus sich heraus neue Worte und Buchstaben beschwören. Indem ich vom Geist und nicht vom Verstande her verstehe, gewinne ich Kontakt mit der schöpferischen Schicht im Anderen, wo es sich um ein Wesen handelt, im Falle eines Dinges jedoch beziehe ich es ins Bereich meiner Machtvollkommenheit hinein, und nun werde ich sozusagen zu seinem Subjekt. So und nicht anders führt Erkennen zum Ursprung hinan. An dieser Stelle wird ganz verständlich, wieso ich den Logos in den programmatischen Schriften der Schule der Weisheit als Prinzip der Initiative und Übertragbarkeit bestimmen konnte: der echte Geist ist seinem Wesen nach universell und greift damit selbstverständlich über alle empirischen Grenzen hinaus. Mögen seine jeweiligen Ausdrucksmittel noch so sehr der Welt der Künstlichkeit oder dem Zwischenreiche angehören — unwillkürlich, unabwendbar schafft er überpersönliche Verbundenheit. Jetzt ist wohl vollkommen klar, daß es sich beim Verstehen aus dem Geist oder im Geist um ein ganz anderes handelt als um Begriffserkenntnis oder emotionale Verständigung. Es handelt sich um einen weltenschöpferischen Akt im genauen Sinn der Anfangssätze des Johannes-Evangeliums. Verstehen bedeutet Sinn-Gebung, auch wo der gegebene Sinn ein fremder ist; diesen aufzufassen, ist Angelegenheit der Pathik des Geistes. Beim Verstehen vom Geist her handelt es sich sonach um einen schöpferischen Akt nicht anderer Art wie bei der Auswirkung blinden Geistes, nur eben in seiner pathischen Modalität; da aber das Blinde dem Sehenden vorangeht, ist klar, daß der Glaube dem Verstehen historisch vorangehen muß.

Was ich hier in abstrakto darstelle, spielt sich nun in Wahrheit von konkreter Persönlichkeit zu konkreter Persönlichkeit oder zu konkreter Welt ab. Der große Täter durchschaut die Möglichkeiten des Reichs der Gegenstände, welche ihn angehen, bildet ihnen darauf seinen Sinn ein — und sie werden anders. Beim großen Erkenner setzt sich umgekehrt die Erfahrung in Einsicht um, und so entsteht das geistgeborene Werk. Dringt die Empfängnis bis zum Kern des Wesens vor, dann verwandelt die Erkenntnis überdies den Menschen selbst. Auf Grund alles dieses wüßte ich keine bessere Formel für die Gesamtheit der hier betrachteten Zusammenhänge, als die These der Schöpferischen Erkenntnis, daß der Logos die Angel der Welt ist. Er stellt den Indifferenzpunkt dar zwischen Sein, Verstehen und Tun, und von ihm aus kann Aktualisierung nach allen drei Richtungen hin erfolgen. Aber eben darum stellt er auch den Indifferenzpunkt dar zwischen Wahrhaftigkeit und Lüge, Selbstverwirklichung und Schauspielertum, Wahrheit und Dichtung. Es hatte seinen guten Grund, wenn der alternde, zum Wahrheitsfanatiker gewordene geborene Künstler Plato den Dichter aus seinem Idealstaate verbannt wissen wollte, weil er wesentlich Lügner sei, und wenn Kierkegaard über den Dichter das folgende schrieb:

Christlich betrachtet ist jede Dichterexistenz Sünde; die Sünde: daß man dichtet statt zu sein; daß man sich nur in der Phantasie mit dem Guten und Wahren beschäftigt, statt existentiell darnach zu streben, es zu sein.

Wenn Leben aus dem Geiste tiefste Selbstverwirklichung bedeutet, so wird Leben in der Phantasie, sobald deren Geschöpfe nicht reinlich vom eigenen Sein geschieden werden, zur Selbstentwirklichung im Sinne dessen, daß an die Stelle wahrhaftigen Seins der Schwindel tritt. Es ist eine gefährliche Sache, mit Schiller zu behaupten, der Dichter sei der einzig wahre Mensch und gar im Dichtertum den Höchstausdruck des Lebens zu sehen. Die Verherrlicher des Dichters unter den Dichtern und die diesen begeistert Zustimmenden unter den Nicht-Dichtern erwecken in mir in den meisten Fällen den Verdacht, daß hier nichts besseres vorliegt, als Entscheidung für den Schein, der nicht einmal schöner Schein zu sein braucht, wenn er nur von der schweren und harten Wirklichkeit ablenkt. Genau an dem Punkte, wo die Möglichkeit höchster Selbstverwirklichung durch sinngerecht gerichtete Einbildungskraft beginnt, besteht auch die Gefahr eines Falles in die Nichtigkeit des Vorgetäuschten und Erlogenen. Von hier aus ermißt man den ganzen Tiefsinn der christlichen Forderung, daß das Wort Fleisch werde: nur indem sich der Geist der wirklichkeitsgemäß gesehenen und mutig auf sich genommenen empirischen Wirklichkeit stellt, nur indem er sich mit dieser auseinandersetzt, nur indem er sich mit allen Kräften bemüht, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verwirklicht sich der Geist im Menschen überhaupt.

Von hier aus können wir auch unser letztes Wort über Wesen und Grenzen des Verstandes sagen. Leben aus dem Verstande heraus bedeutet niemals Selbstverwirklichung, weil der Verstand exzentrisch zum Mittelpunkt des Seins seinen Ort hat und alles von außen her sieht, weswegen Verstandesentscheidung niemals Wesensentscheidung bedeutet. Wohl hat auch der Verstand seine tiefste Wurzel im Geist, da eben der Mensch zutiefst Geist ist, aber an sich ist er nur ein Instrument, welches nie mehr als ein unpersönliches Werkzeug werden kann, und dabei eines, welches ausschließlich zur Ausführung von Erd-Aufgaben geeignet ist.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der substantielle Geist
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME