Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der substantielle Geist

Therese von Konnersreuth

Was der Grenzbegriff Gottes bedeutet und inwiefern es einen Gott gibt, wie ihn der Mensch vorstellen kann, das weiß ich nicht. Aber daß es einen Heiligen Geist gibt, der sich dem persönlichen Geiste beliebigen Niveaus einbilden oder mit dem letzteren sich vereinigen kann, das hat tausendfältige Anschauung erwiesen. Und wir können jetzt auch verstehen, was es bedeutet. Aber nur von der Stelle aus, bis zu welcher wir gelangt sind, nur bis zu einem gewissen Grad. Darum will ich dieses Kapitel mit zwei in sich geschlossenen Betrachtungen abschließen, die, wie mir scheint, in besonders eindrucksvoller Form den Zusammenhang der empirischen Welt mit einer transzendenten offenbaren. Deren erste betrifft den Begriff eines geistlichen Körpers.

Im Jahre 1941 fand ich zum ersten Male Zeit und Gelegenheit, mich eingehend mit dem Phänomen der Therese Neumann von Konnersreuth zu beschäftigen. Die Literatur über dasselbe ist gewaltig; ich möchte vor allem, wegen der offenbaren Echtheit und inneren Wahrhaftigkeit des Schreibers, das gelehrte und gewissenhafte Werk von Bischof Teodorowicz Konnersreuth im Lichte der Mystik und Religion (Salzburg, Verlag Pustet) empfehlen. Auf die Tatsachen will ich hier überhaupt nicht eingehen; diese sind soweit sicher festgestellt, als in solchen Fällen möglich erscheint. Ich will auch keine endgültige Stellung ihnen gegenüber beziehen. Ich will sie, wie ich es in solchen Fällen überhaupt für einzig richtig halte, als Sinnbilder für grundsätzlich Mögliches auffassen. Denn für grundsätzlich möglich halte ich die fraglichen Phänomene und ich sehe keinerlei Grund, den Beobachtungen ernster Forscher weniger zu trauen als den eigenen. Da muß ich denn sagen: hier liegen unzweifelhaft Erscheinungen vor, die nach dem bisherigen Sprachgebrauch als übernatürlich bezeichnet werden müssen. Ich nenne vor allem Theresens Sühneleiden und ihr nun schon (geschrieben 1942) jahrelang geführtes Leben ohne oder doch beinahe ohne Speise und Trank mit der einzigen Ausnahme der täglichen Einnahme der Hostie. Wird diese ihr einmal nicht rechtzeitig gereicht, dann freilich zeigt Therese alsbald Verhungerungs­symptome.

Katholische Freunde fragten mich, als sie von meinem Interesse für dieses Phänomen und meiner positiven Einstellung zu ihm hörten, wie ich denn zu solcher fähig sei, wo ich nicht Katholik bin und wo die Eucharistie mir persönlich nichts bedeutet. Diese Frage gibt mir willkommene Gelegenheit, eine Wahrheit, die schon im Reisetagebuche ausgesprochen steht, doch erst im Kapitel Abgeschiedenheit der Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit ihren abgeklärten Ausdruck gefunden hat, an einem konkreten Beispiel vollkommen deutlich zu machen. Die gemeinte Wahrheit enthält der Satz:

Das Göttliche offenbart sich jedermann
im Rahmen seiner intimen Vorurteile.

Kein christlicher Visionär, der nicht Christliches geschaut, kein buddhistischer, dem seine persönliche Offenbarung nicht seinen Glauben bestätigt hätte, kein islamischer, kein religiös Erlebender einer beliebigen höheren Religion, von dem nicht Gleiches gälte. Die einzigen Ausnahmen bilden die Fälle, in denen ein unbewußt zu einer neuen Religion bereits Bekehrter dieser Veränderung erst in ekstatischem Zustande oder sonst plötzlich gewahr wurde. Aus dem Behaupteten folgt nun aber nicht, daß solche bestimmte Schauungen nicht Wirklichkeitserkenntnis vermittelten, sondern dreierlei: erstens, daß metaphysische Wahrheit niemals und grundsätzlich nicht Wahrheit im Sinne der Naturwissenschaft oder Geschichte ist; zweitens, daß sie an sich jenseits von Name und Form west; drittens und vor allem aber, daß es der Glaube als solcher ist, dank welchem metaphysische Wahrheit diese oder jene Form annimmt und mittels dieser ihre Wirklichkeitsgemäßheit weil Wirksamkeit beweist.

Jede hohe Religion verdammt den Zweifel. Zu einem von ihm Geheilten sagte Jesus: Dein Glaube hat dir geholfen. Tief Gläubige haben wieder und wieder Gebetsheilungen vollzogen. Therese Neumann aber lebt buchstäblich, in körperlichem Verstand, von der geistlichen Nahrung des Sakramentes, an welches sie mit schlichter Einfalt glaubt. Mir scheint: ein gewichtiger Teil der christlichen Glaubenslehre ist in diesen wenigen Sätzen nicht allein enthalten, sondern durch dieselben auch erklärt. Richtig verstanden, behauptet jene Lehre mit keinem Satz, daß Glaubenswahrheit mit wissenschaftlicher Richtigkeit zusammenfalle. Eine den Anforderungen moderner Kritik gerechtwerdende Deutung dessen hat der lutherische Erzbischof Nathan Söderblom sogar inbezug auf seinen wissenschaftlich schwerst verständlichen Ausdruck gegeben, nämlich den Reliquiendienst, welche Deutung ihren verdichteten Ausdruck in der These findet:

Die Reliquien brauchen nicht historisch echt zu sein. Was man anbetet, ist die Macht selber, die in ihnen liegt.

Und gleichsinnig ist das philosophisch Bedeutendste am empfohlenen Buch des katholischen Bischofs Teodorowicz der Nachweis, daß die mögliche historische Unrichtigkeit von Theresens Visionen deren religiöser Bedeutung und Wahrheit nicht Abbruch täte. Der Glaube, wie ihn das Christentum versteht, ist für echte Christen eben der Weg, um am metaphysisch Wirklichen Teil zu gewinnen und dieses ins Empirische überzuleiten. Es ist notabene nur für Christen der Weg, und nicht alle Typen unter Christen können den gleichen bestimmten Glauben bekennen; daher die verschiedenen Konfessionen, sofern sie tieferen Grund haben, als dem Geiste falsch verstandener Wissenschaft entsprossenes Vorurteil. Immerhin ist das christliche Glauben- überhaupt ein völlig Einheitliches, jedem Sonderbekenntnis Übergeordnetes, und dieses stellt, noch einmal, nur für physiologisch zum Christentum Vorherbestimmte den Weg zum religiösen Heile dar. Diese bestimmte Art Glauben kennen weder Brahmanisten noch Buddhisten noch Taoisten, und dennoch finden wir unter deren Größten mehr und tiefere Realisierer des metaphysisch Wirklichen als unter den metaphysisch weniger gut begabten Abendländern. Sogar das islamische Glauben, so nahe verwandt es dem christlichen sei, ist nicht dasselbe Glauben. Hier verlangt Wahrhaftigkeit, genau so scharf und deutlich zu unterscheiden, wie zwischen verschiedenen Tierarten. Aber das christliche Glauben ist für christliche Gläubige wirklich, realiter — das sei den Feinden des Christentums nachdrücklichst gesagt —, der Weg, religiöse Wahrheit innerhalb von Name und Form zu realisieren. Wer als Christ über Name und Form hinaus ist, für den gilt dieser Satz natürlich nicht mehr ganz, wenngleich auch er in den Bildern, welche ihm spontan aufleuchten, an seine Tradition gebunden bleibt.

Von hier aus begreift man denn, was die Begriffe eines Corpus Mysticum, Corpus Christianum, einer Gemeinde der Heiligen, der Una Sancta, ja der Kirche überhaupt an Gültigem enthalten. Therese Neumann gehört mit seltener Ausgesprochenheit, Einseitigkeit und zugleich Transparenz, wie man vielleicht am besten sagt, um zu bekunden, daß hier die bestimmte Gestalt trotzdem nicht letzte Instanz ist, dem Corpus Catholicum an. Darum bestätigt all ihr Erleben und Wirken die Lehre der katholischen Kirche und sie allein. Sie gehört in genau gleichem Verstande zur Gattung spezifisch-katholischer Heiliger, wie deren größte und prototypische Gestalt, Franz von Assisi, der, obschon durch einzigartiges Erleben begnadet, keinen Augenblick an den Lehren und der Autorität nicht allein seiner Kirche, sondern sogar deren beamteter, persönlich noch so unbedeutender Vertreter zweifelte, ohne daß dies seinem streng persönlichen religiösen Erleben Abbruch tat. Gleichsinnig gehört aber jeder Religiöse von seiner historisch bedingten Psyche — dem Äquivalent der Art und Gattung auf dem Gebiet des Körperlichen — her irgendeinem geistlichen Körper an. Fühlt er sich gedrungen, sich von einem zu einem anderen zu bekehren, so bedeutet dies, daß er sich vorher nicht zu seinem eigentlichen Körper bekannt hatte, oder daß in der Sphäre der kollektiven Psyche für ihn — und darum zugleich für unzählige andere — eine Mutation fällig ist. Diese Wandlung verdeutlicht am besten der Prozeß der Christianisierung des Abendlandes und insonderheit die Bekehrung Pauli. Auch der Griechenglaube hat jahrtausendelang metaphysisch Wirkliches offenbart; von einem bestimmten kritischen Punkte an aber vermochte er es, außer in ganz seltenen Ausnahmefällen, nicht mehr … Genau gleichsinnig können heute sehr viele echt Religiöse nicht mehr Christen sein. Das ändert aber nichts an der Wahrhaftigkeit des konkreten Erlebens solcher, die physiologisch dem Corpus Christianum angehören und wie Therese Neumann alles Einzelne im Rahmen bestimmter Dogmen erleben. (Ganz anders liegt es natürlich bei denen, denen ihr traditioneller Glaube bloße Sicherung im Sinne der Wissenschaft und Technik oder eine bloß physiologische Notwendigkeit im Sinne von Diät bedeutet und denen die Sakramente zu Zaubermitteln geworden sind; so waren auch die letzten heidnischen Priester nur mehr Hygieniker, Techniker und Zauberer, und deren Gemeinde glaubte an sie, wie heute viele an verjährte Theorie, deren Aufgeben ihnen ihren letzten innern Halt nähme.) Daß die Dinge so und nicht anders liegen, wußte übrigens Jesus selbst: sicher ist die antithetische Lehre der Bergpredigt so zu akzentuieren, wie dies Johannes Müller-Elmau tut: ich aber sage Euch, d. h. denen, die zu mir gehören. — Selbstverständlich erschöpfen diese kurzen Betrachtungen nicht im allerentferntesten den ungeheueren Problemkreis, welchen allein schon das Phänomen von Konnersreuth umfaßt. Aber mehr will ich heute und hier nicht sagen. Zeitlebens habe ich Durchschauen der Gestaltung gelehrt. Hier kehre ich die Perspektive einmal um: ich möchte zeigen, wie man gerade vom Durchschauen her die unbedingte Bedeutung und Geltung des Einmaligen einsehen kann.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der substantielle Geist
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME