Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der Zwiespalt der Seele

Mut zur Wahrheit

So ist es nicht schwer zu erklären, es ist eigentlich selbstverständlich, daß der Mensch in seiner ganzen Geschichte von seinem wahren Erleben möglichst abgesehen, oder wo dies nicht anging, dasselbe irgendwie durch irrealisierende Theorie neutralisiert hat. Die Wiederverkörperungslehre, an welche so oder anders eigentlich alle Süd- und Ostasiaten glauben, annulliert das ganze Pathos der Entscheidung, des einmal und niemals wieder des Einmaligen, Unwiederbringlichen, nie-wieder-Gutzumachenden; darum fehlt dem süd- und ostasiatischen Lebensgefühl die Tragik und weiß dieses nicht allein von Sünde, sondern auch von Schuld im abendländischen Sinne nichts. Denn auf Grund der Karma-Lehre erscheint ja gewiß, daß alle Schuld bei nur einem Tüttelchen guten Willens früher oder später amortisiert wird — und der Osten wartet gern. Als Karikatur dessen habe ich es persönlich erlebt, daß zur Karma- und Wiederverkörperungslehre bekehrte Europäer Angst davor hatten, am Ende zu wenig zu sündigen: sie möchten daraufhin früher, als ihnen lieb war, ins Nirvana eingehen. Auch das christliche Dogma der Sündenvergebung, zumal auf Grund der historischen Leistung Christi, welcher als stellvertretendes Opfer alle Schuld auf sich nahm, ermöglicht die Eskamotierung des Sünd- und Schuldgefühls. Schon bei der ersten Kundgebung dieser Lehre hätte jeder Menschenkenner mit Sicherheit voraussagen können, daß sie irgendeinmal zur Einrichtung käuflichen Ablasses, ja der Vorausbezahlung prämeditierter Sünden führen würde. Im höchsten Maße hilft der Glaube an ein Ewiges Leben über das Pathos der Einmaligkeit hinweg. Die christlichen Märtyrer waren keine tragischen Gestalten; wer immer sich bei allem Traurigsein des Todes eines ihm Nahestehenden freut, weil dieser es nun im Jenseits besser habe als hienieden, täuscht sich ebenfalls über sein wahres Erleben hinweg. Und vollends fördert diese Täuschung die von einigen Kirchen Europas und Amerikas geforderte Deutung der Trauer als Versuchung.

Nie werde ich den schauerlichen Eindruck vergessen, welchen es mir machte, als bei der Beerdigung der großherzoglichen Familie von Hessen, von welcher fünf Glieder auf einmal bei einem Flugzeugunglück den Flammentod erlitten, die Pastoren mit einem Wir danken Dir Herr anhoben und die Begräbnispredigt auf das Recht der Lebenden gegenüber den Toten (Lasset die Toten ihre Toten begraben) und die Sündhaftigkeit der Trauer aufgebaut war. Und als widerwärtiges Erlebnis habe ich es mehrere Mal empfunden, wenn amerikanische Kinder ihren verstorbenen Eltern überhaupt nicht nachtrauerten und vom ersten Augenblicke an nur an Neuaufbau dachten. Man gedenke der Karikatur dessen im Schlußbilde des San Francisco-Films. In allen diesen Fällen handelt es sich in Wahrheit um feige Selbstbelügung; wahrscheinlich sind überhaupt alle nicht sehr unbegabten Menschen, die überall das Gute sehen und auf dieses allen Nachdruck legen, entweder Feiglinge oder Lügner. Es ist ja so leicht, materieller Gefahr gegenüber physischen Mut zu beweisen und so bitter schwer, von der Unerbittlichkeit wahrhaftiger Erinnerung nicht niedergedrückt zu werden. Ursprünglich erlebt jeder Mensch ganz anders, als er behauptet und sich selber einredet, er erlebt der wahren Wirklichkeit genau gemäß. Verdrängt er dieses wahrhaftige Erleben, dann beschwört dieses früh oder spät, freilich oft erst bei seinen Nachfahren, schlimmeres Leiden, als es die sich selber eingestandene Wahrheit je getan hätte. Denn was man sich wahrhaftig eingesteht, dessen Problematik erledigt sich in einem realen Überwachsungs- und Wachstums-Prozeß, wogegen Selbstbeschwindelung das Leiden immerdar in der Schwebe erhält; der Schwindler wird nie mit irgendetwas innerlich fertig. Und gleiches gilt auch von dem, der sich sein wahrhaftiges Erleben mittels eines Systems künstlicher starrer Schranken, die seine Problematik erledigen, verbaut; von dem, der im Gehorsam-Sein seine letzte Instanz sieht, der z. B. als Beamter mit gutem Gewissen verantwortet, was zu tun er als Mensch nie über sich brächte. Solche Schrankenlegung macht gut geborene Menschen künstlich böse. Hier liegt der Fluch alles Puritanismus. Weil künstliche Persönlichkeitsspaltung Vergewaltigung bedeutet und damit zwangsläufig böse macht, darum ist das christliche Zeitalter zum leidschaffendsten und leiderfülltesten der bisherigen Geschichte geworden — nur vom Bolschewismus her ist der Sinn des vom Christus­impuls her geschaffenen Zwischenreiches richtig zu verstehen — während die Karma- und Wiederverkörperungs-gläubige Ostwelt zwar, weil sie sich keine Illusionen über das gegenwärtige Erleben machte, weniger böse wurde als die Westwelt, dafür aber dank ihrem nicht-Anerkennen der Einmaligkeit jeder Gelegenheit und des Unwiderruflichen jeder Entscheidung bis heute wenigstens kein Ethos hervorgebracht hat, welches kollektiven Aufstieg ermöglichte.

Es bedarf nun, in der Tat, eines sehr großen Mutes zur Wahrheit und einer sehr erheblichen Tragfähigkeit der Seele, es bedarf ferner einer Unerbittlichkeit, welche der allein sich innerlich leisten kann, der die letzte Nutzlosigkeit alles Schwindels einsah, um die eigene Innenwelt so zu realisieren, wie sie wirklich ist. Darum ist es kein Wunder, wenn es erst auf der heutigen Wachheitsstufe der westlichen Menschheit historisch möglich erscheint, das Problem der Erinnerung so hinzustellen, wie am Anfang dieses Kapitels geschah. Ebenso wenig verwunderlich ist es, wenn mit der Sünde und der Schuld und dem Bruch und Zwiespalt im Menschen als Erlebniswirklichkeiten überhaupt erst seit Kierkegaard im Sinne kritischen Denkens ganz ernst gemacht worden ist. Wohl nahmen die ersten Christen die Sünde eschatologisch ernster, als im psychologisch so wissenden 19. und vor allem 20. Jahrhundert möglich war und ist; wohl wirkte das urchristliche Lebensgefühl das ganze Mittelalter über nach und erlebte in dieser einen Richtung später sogar eine machtvolle Wiedergeburt in Calvin. Doch eine vergebbare noch so schwere Sünde als Teil des Heilsplans bedeutet der Seele auch nicht annähernd so Schlimmes, wie der von aller Theorie losgelöste seelische Tatbestand für sich allein. Und so erleben die ersten Vertreter der nachchristlichen Ära heute Schuld und Sünde, wo sie sie überhaupt erleben. Es ist merkwürdig, wie schwer die Allermeisten solche Zusammenhänge durchschauen. Die ersten exakten Darstellungen im Verstande naturwissenschaftlicher Genauigkeit in Europa waren nicht Bilder der Erde, sondern der Hölle. Erst im 19. Jahrhundert ist irgendein Organismus mit so metikulöser Präzision abgebildet worden, wie Teufel und Dämonen seitens früher italienischer und niederdeutscher Meister. Aber durch diese Projizierung ihres Inneren erleichterten sich die betreffenden Maler; die Beschauer wiederum erlebten entsprechende Erleichterung dadurch, daß sie das Entsetzliche außer sich wahrnahmen im beruhigten Bewußtsein, nicht dabei zu sein. Der Glaube an Gottes Gnade und die Heilsordnung überhaupt ließ aber die wenigsten vor ihrem Tode ihr Verdammtsein ehrlich für möglich halten. Auch Calvins Prädestinationslehre hat nur sehr wenige derer, welche noch so felsenfest an sie glaubten, ehrlich leiden gemacht; instinktiv legten die allermeisten den Nachdruck auf die Bewährung durch den (wenn noch nicht erzielten, dann doch in Zukunft immer möglichen) Erfolg und dessen Beweiskraft, und indem sie ihr ganzes Streben auf Erfolg richteten, blendeten sie ihr intimes Erleben ab; im Grenzfall arbeiteten sie sich tot. Nun lese man aber Kierkegaard und vor allem dessen theologische Nachfolger im 20. Jahrhundert: mögen diese noch so gläubige Christen sein — sie legen solchen Nachdruck auf den psychologischen Tatbestand von Sünd- und Schuldgefühl, und zwar mit solcher Vorbehaltlosigkeit, daß nur dieser wirklich beeindruckt. Darum sind auch die Theologien der Karl Barth usf. viel grausiger als alle früheren. Es konnte garnicht anders kommen, denn so sehr sich diese Theologen auf die Schrift berufen — unleugbar lesen sie ihre eigene Deutung in sie hinein, und diese Deutung hat es, jedenfalls als einleuchtende und darum historisch wirksame Macht, nie früher gegeben.

Unsere letzten Gedankengänge mögen auf manche den Eindruck eines Exkurses gemacht haben: tatsächlich bedeuten sie keinen; sie stellten nur das ursprüngliche Problem, das mit der Erinnerung überhaupt gegeben ist, in den historischen Zusammenhang des Theoretisierens darüber richtig ein. Und aller Weg zum Ursprung geht beim denkenden Menschen von nicht-Ursprünglichem aus. Das Urproblem ist der Zwiespalt der Seele überhaupt. Dieser aber ist gesetzt durch den unversöhnlichen Gegensatz zwischen den Welten der Erinnerung und des wachen Gegenwarts-Lebens und -Erlebens. Darum stellt der moderne Aktivismus, zumal in seinem Extremausdruck der Verherrlichung der Arbeit, keineswegs etwas Abwegiges dar, sondern vielmehr die nächstliegende praktische Lösung des Zwiespaltes in einer Zeit, die an die versöhnenden Vorstellungen der christlichen Theologie nicht mehr oder wenigstens nicht mehr so fest glaubt, daß der Glaube über das wahre Erleben hinwegtäuschen könnte. Unsere Rastlosigkeit, unsere Flucht in die Arbeit darf insofern sogar als Zeichen des Fortschreitens bewertet werden, als wir uns unserem Aktivismus wenigstens völlig unbefangen, ohne Vorurteile und Vorbehalte hingeben; so daß dieser auf die Dauer in und außer uns bewirken muß, was wirklich in ihm liegt, davon ganz abgesehen, daß eben dieser Aktivismus als Kompensationserscheinung die Bereitschaft zu exakter Innenschau beschwört. Diese nun führt als erstes — so liegen die Dinge grundsätzlich, wenn auch der Ablauf des Geschehens de facto ein anderer gewesen ist — zur Erkenntnis des wahren Wesens der Erinnerung und der Unvereinbarkeit ihrer Welt mit derjenigen des Seins und Handelns in der Gegenwart. Hier liegt die psychologische Wurzel alles Zwiespalts der Seele. Nun aber dürfen wir uns nicht à la Nietzsche dem Wahne hingeben, bei Sünde, Schuld, Verantwortung usf. handele es sich nur um Interpretationen, keine ursprünglichen Tatbestände. O nein, es gibt diesen Vorstellungen und Deutungen entsprechende massive Wirklichkeiten. Nur wurzeln diese nicht in der Seele, sondern im Geist. Genau wie im Falle der Liebe durch körperliche Zusammenhänge vorbereitet und ausgelöst werden kann, was seelischen und geistigen Ursprungs ist — man gedenke des Zusammenhangs von Gebärschmerzen und Mutterliebe und des Zusammenhanges dieser mit rein geistiger Liebe — so stellt der durch die Diskrepanz zwischen gegenwärtiger und als Erinnerung erlebter Welt gegebene Konflikt das Einfallstor dar für unser Erleben realer metaphysischer Konflikte.

Kein Mensch wäre je darauf gekommen, zu denken, es sollte anders sein als es ist — die normale Erlebniskategorie des Naiven ist die Selbstverständlichkeit; ja der Naive beruhigt sich, wo keine andersartige Erfahrung dem entgegensteht, ohne weiteres beim es ist eben so — wenn sich in der Erinnerung nicht eben alles anders darstellte, als in der Gegenwärtigkeit. Ebenso hätte sonst kein Mensch je Künftiges geplant, denn Vor- und Zukunftsbild ist umgestülpte Erinnerung. Gleichsinnig wäre die Idee innerer Verantwortlichkeit niemals geboren worden, wenn laut Erinnerung nicht auch alles hätte anders kommen können, als es kam, und wenn das Bild des Verfehlten nicht für immer unverändert im Seelenraume fortlebte. Daß diese letzte Behauptung wahrspricht, wird eindeutig durch die eine Tatsache bewiesen, daß das Verantwortungsgefühl und damit das Gewissen dem Gegenwärtigsein des Erinnerten proportional ist. Das Kausalgesetz spielt hier eine sehr viel geringere Rolle, als allgemein angenommen wird. Erstens denken frühe Menschen und damit alle Menschen in ihren Untergründen viel mehr final als kausal — nicht die Frage nach dem Warum, sondern die nach dem Wozu ist das Primäre —, dann aber braucht Verursachung durchaus nicht Verschuldung zu bedeuten und Verschuldung nichts Verbrecherisches oder Sündhaftes an sich zu haben. Nun ist das Gebiet des Juridischen und des Moralischen das eigenste Gebiet des Zwischenreichs; auf keinem anderen spielt Konvention, welche wirklich nichts als Konvention ist, eine auch nur annähernd gleich große Rolle, was letztlich darauf zurückgeht, daß beide Gebiete als solche schon Zwischenreichsgestaltungen sind; weder das Recht noch die Moral hat ihre Wurzel im Ursprung. Darum sind sämtliche bedeutsam gewordenen historischen Deutungen des Zwiespalts der Seele sehr genau auf ihren wahren Sinn hin zu prüfen, ehe man sie annimmt. Doch der ganze Weg über die Geschichte stellt einen Umweg dar. Was am Zwiespalt der Seele metaphysischen Ursprungs ist oder metaphysische Bedeutung hat, läßt sich ohne allen Rückblick und ohne Vergleich mit früherem Erleben am eigenen Inneren intuieren. Das soll hier nach verschiedenen Richtungen hin versucht werden.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der Zwiespalt der Seele
© 1998- Schule des Rades
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