Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der Zwiespalt der Seele

Protestantisches Sündbewußtsein

Wenden wir uns nun von hier aus ohne Übergang, und zwar absichtlich bevor wir das Problem der Sünde selbst ins Auge fassen, den jüngsten Auswüchsen des Sündbewußtseins zu, welche samt und sonders dem Neo-Calvinismus entsprossen sind. Es steht dem Menschen ja frei, in der ihm faßbaren Welt den Nachdruck dorthin zu legen, wohin er will, und den erwählten Ort oder Aspekt damit durch Vitalisierung zum tatsächlichen d. h. real bedeutsamsten zu machen. Aber ist es nicht phantastisch, daß Vertreter der Erlösungsreligion par excellence allen Nachdruck gerade auf das Nicht-Erlösbare, das auf seiner Ebene endgültig Schuldbehaftete im Menschen legen? Ein boshafter Skeptiker karikierte einmal die Lehre des extremsten Vertreters der hier gemeinten geistlichen Sippe mittels der These:

Gott hat den Menschen als Schwein erschaffen,
unter der Bedingung, daß er auch ein Schwein bleibe.

Die Karikatur ist schauerlich, aber sie ist leider nicht ganz unähnlich. Sünd- und Schuldbewußtsein sind nicht nur unbezweifelbare, sondern auch (zwar auf verschiedene Weise) wohlbegründbare seelische Tatbestände. Später werden wir uns eingehend mit ihnen befassen. Kein Tiefer hat sich jemals nicht nur schuld- sondern auch sündlos gefühlt, auch wenn ihm jedes Sündbewußtsein im christlichen Verstande fehlte. Sündgefühl ist völlig unabhängig von der Wahrheit und Gültigkeit irgendeiner Theologie und Moral, auch von der vom Erlebenden selbst bewußt bekannten. Schuldig aber muß sich jeder nicht geistlich Blinde fühlen, sobald er sich tief genug in seine Seele versenkt, weil ein Leben, welches nicht auf Kosten anderer Leben lebte, Werteverwirklichung, welche nicht auf Kosten anderer positiver Werte erfolgte, unmöglich und sogar undenkbar ist und weil der Geist im Menschen trotzdem eben diese Unmöglichkeit fordert. Insofern ist alles geistbestimmte Leben zutiefst tragisch, paradox und widerspruchsvoll. Letzteren Aspekt hat Emil Brunner am schärfsten herausgearbeitet, der zweitgenannte Kierkegaard, während ich in früheren Schriften, im Einklang mit Miguel de Unamuno, den Hauptakzent auf das Tragische gelegt habe. Vom Aspekt des Tragischen her konnte ich denn auch schon 1923 eine mögliche Lösung des Widerspruchs und des Widerstreites aufzeigen: das Tragische ist die Grundlage des geistbestimmten Lebens, gleichwie die Spannung der Saiten die empirische Vorbedingung schafft für das Erklingen der Melodie. Das eigentliche Menschenleben verläuft oberhalb der Tragödie. Diese muß jedoch zunächst als Grundlage akzeptiert werden und durch diesen Akt ihrer Problematik verlustig gehen.

Solche Akzeptierung lehren nun implizite alle großen und echten Heilsreligionen, von welchen keine das Erdenleben schöner und besser darstellt, als es tatsächlich ist. Und indem sie dabei den Nachdruck auf das mögliche Heil legen, heilen sie tatsächlich den, welcher im Rahmen ihres Vorstellungsbereiches heilbar ist. Woher nun die unzweifelhaft ungeheuer große Werbekraft der Abart des Protestantenglaubens, die allen Nachdruck auf das Heillose und nicht nur Unerlöste, sondern Unerlösbare im Menschen legt? Die Antwort auf die hier aufgeworfenen Fragen finden wir am leichtesten und schnellsten, wenn wir davon ausgehen, daß aller Fortschritt im modernen Verstande protestantischen Ursprungs und Geistes ist. Sie lautet: Im Glauben an einen unbegrenzten nicht nur möglichen, sondern sicher vorliegenden Fortschritt des Menschen­geschlechts auf Erden erlöste sich der Mensch, der seines persönlichen Heils im Jenseits oder einem geheiligten Diesseits nicht mehr sicher war. Wie irrational, darin jeden Jenseitsglauben überbietend, dieser Fortschrittsglaube ist, ersah man am besten an Sowjetrußland, wo Millionen jahrzehntelang bereitwillig Hungers starben, auf daß ihre Urenkel einmal bequemer leben könnten; wie überzeugt sie dabei waren, beweist die eine Tatsache, daß sie auf die Fremden, welche es besser hatten, nicht einmal neidisch waren. Das gesamte während des letzten Jahrhunderts bewiesene ungeheuerliche Arbeitsethos des Abendlandes hat das gleiche seelische Grundmotiv. Die Arbeit soll Erlösung sein oder doch dieselbe vertreten. Solche Arbeit aber bedeutet in Wahrheit Flucht vor sich selbst und Selbstentfremdung; daher die progressive Entseelung der fortschrittlichen Völker. Da kann es denn nicht ausbleiben, daß die Seele sehr vieler Protestanten — unter Protestanten verstehe ich hier in erster Linie einen physiologischen Zustand — bereit sein muß, die Aufmerksamkeit eben darauf zu konzentrieren, was das Motiv der frenetischen Arbeit und des Fortschrittsglaubens war. Und das will sagen: auf den Widerspruch und die Verzweiflung und die Gnadenlosigkeit des natürlichen Menschen. Daher das plötzlich weltweite Einleuchten Kierkegaards, welcher noch vor dem ersten Weltkriege sehr Wenige innerlich berührte und zu den aller­schwerst­verständlichen Denkern der ganzen Geistesgeschichte gehört. Daher der erstaunliche Anklang der gleichfalls äußerst schwer verständlichen Existentialphilosophie. Von Kierkegaard den Ausgang nehmend, lehrt diese einen Nihilismus, welcher der Bewußtseinslage des fraglichen Menschentyps genau entspricht — ein herausgestelltes System, das einem inneren Zustand gerecht wird, wirkt immer einleuchtend und insofern erlösend, als es die inneren Konflikte auf einer objektivierten und neutralisierten Ebene außer sich zu erleben ermöglicht. Natürlich ist es der Zahl nach nur ein geringer Prozentsatz ernster Seelen, die vom Optimismus des Protestantenglaubens her bewußt in eine Weltanschauung der Verzweiflung einmünden. Bei den meisten äußert sich der gefühlte Konflikt darin, daß sie sich weiter zum Optimismus bekennen, diesen sogar frenetischer denn je betonen, dafür aber in ihren Taten Selbstmordwillen bekunden; ob sie nun, obschon keineswegs kriegerisch gesinnt, mit einem unter Abendländern bisher unbekannten Fatalismus dem Tod ins Auge sehen oder aber sich totarbeiten. In Amerika, wo der bewußte Fortschrittsglaube am mächtigsten ist und schon am längsten und ausschließlichsten herrscht, äußert sich der gleiche Sachverhalt in organischer Devitalisierung — hier hat die kranke Seele direkt die Bildekräfte des Körpers angegriffen, während die Vorstellungswelt in verjährter, ihrem eigenen Zustand nicht mehr angepaßter Form erstarrt. Gerade auf Grund seiner Beobachtungen in Amerika konnte der Franzose Alexis Carrel sein bahnbrechendes Buch Der Mensch, das unbekannte Wesen schreiben, welches vom Standpunkt des Arztes die Falschrichtung dieser Entwicklung aufzeigt. Es gibt aber nun kleine Kreise von seelisch lebendigen und tiefen Menschen, welche den gleichen Konflikt im Rahmen des gläubig festgehaltenen evangelischen Wortglaubens erleben. Die nun bekennen sich ehrlich und aufrichtig zur Sündhaftigkeit und Unerlöstheit und Gnadenlosigkeit als letzter Instanz; für sie ist damit die Heilsbotschaft des Christentums zu einer Botschaft des Gerichts geworden, und durch diese fühlen sie sich befriedigt.

Das ist das Entscheidende. Sie fühlen sich wirklich befriedigt durch die im Grunde furchtbare Botschaft Karl Barths, welche die Furchtbarkeit der Calvinischen überspitzt, um nur den bedeutendsten unter den Extremfällen zu nennen. Wie dies psychologisch überhaupt möglich ist, kann ich hier nicht ausführlich erklären — das habe ich im langen Kapitel Puritaner der Reise durch die Zeit getan. Nur so viel von den Ergebnissen der dortigen Studie: Es ist nicht wahr, daß der Mensch primär nach Glück strebt. Viel eher kann man sagen, daß nichts ihm näher liegt, als sich sein Leben so schwer und unangenehm als irgend möglich zu machen; was mit dem ursprünglichen Gefühl zusammenhängt, daß der Mensch zutiefst Geist und der Natur überlegen ist. Darum versucht er diese, je primitiver er ist, desto grausamer zu vergewaltigen; darum stellt sich nur der sehr tiefe und zugleich höchstkultivierte Mensch generös zu seinem ganzen Wesen. Doch die Akzentlegung auf das unerlösbar Sünd- und Schuldhafte im Menschen ist durch diese allgemeine und allgemeingültige Erklärung noch nicht vollständig erklärt. Letztlich ist sie Ausdruck jener Verzweifeltheit, welche sich in der Tiefe aller Optimisten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr aufgestaut hat in Kompensation ihres bewußt betonten Irrglaubens, welche Verzweiflung den schaurigsten Glauben im Geiste der Wahrhaftigkeit als wohltuend empfinden läßt, weil er sie in ihrem Sosein, mit dem sie sich unwillkürlich identifizieren, bestätigt. Dies aber ist möglich, weil diese Menschenart zu allertiefst fühlt, daß für sie das Heil nur jenseits ihrer Verzweiflung liegt — welches Heil die Heilslehren der hier gemeinten Sekten allerdings sehr unvollkommen und unüberzeugend fassen, da sie das Heilende und Heilige von ihrer Bewußtseinslage her nicht realisieren können. In seiner tiefsten Tiefe glaubt sogar der Verzweifeltste nicht an ein ewiges Gericht, er braucht jedoch die als letzte Instanz anerkannte Verzweiflung als Etappe. Das hiermit Gemeinte und aus der Sackgasse Hinausführende ist es aber nicht, was den Theologien der Sünde ihre große Anhängerschaft schafft, sondern gerade die Akzentlegung auf die Unerlöstheit selbst. Die betreffenden Menschen sind in ihrem tiefsten Herzen irgendwie, noch so undeutlich und dumpf, von der Sündhaftigkeit ihres Daseins überzeugt und neigen darum in erster Instanz dazu, sich diese bestätigen zu lassen, anstatt nach neuem Sinn zu suchen. Für sie gibt es einen Weg zum Heil nur über die deutliche Realisierung der Heillosigkeit. Bedenken wir an dieser Stelle nun, daß die Protestantenreligion als wohl einzige innerhalb der Christenheit nicht nur keine Heiligen hervorgebracht hat, sondern die Möglichkeit der Heiligkeit, so ungern sie es ausspricht, eigentlich verneint, und ferner, daß die Protestantenreligion sich in der hier behandelten Abart überspitzt, dann wird uns der wichtigste Zusammenhang klar: Diese besondere Religion kann der allein bekennen, welchem Heiligkeit persönlich unerreichbar ist, weil er wesentlich unvollendbar ist, mit seinen Widersprüchen steht und fällt. Es ist eine Unterwegs-Religion. Es ist eine Religion des mitten-im-Konflikt-Stehenden und diesen Konflikt als für sich letzte Instanz Bejahenden.

Denken wir von hier aus an Luthers peccare fortiter. An die tiefe Abneigung Jesu allen Gerechten — auch dem wirklich Gerechten, dem Idealbilde antiken Heidentums — gegenüber. An die urchristliche Sympathie mit dem Verbrecher, der dank dem schon der Reue näher stehe als jeder Nicht-Verbrecher. An die allerchristlichste Lehre, daß der Mensch dank echter Reue seelisch weiter kommt, als wenn er nichts zu bereuen hätte. Gedenken wir endlich der dunklen Theorie der Erbsünde, mittels welcher auch im Falle dessen, welcher sich persönlich keiner Sünde bewußt ist, der Versuchung objektiv vorgebeugt wird, daß er sich für sündlos halten könnte — dann gewinnen wir von der Sünde überhaupt ein wesentlich anderes Bild als das kanonisch gültige. Es stellt sich nicht die Frage, wie denn ein guter Gott das Böse zuläßt, sondern die andere, ob es ein für den Menschen Gutes geben könne ohne das Böse? Ob es Heil geben kann ohne Schuld? Ob Erlösung ohne Verzweiflung, ob echte Kraft ohne abgrundtiefes Schwächegefühl? — Dostojewsky lehrte, Gott sei gerade darum, weil das Böse und das Leid ist; das Dasein des Bösen in der Welt sei ein Beweis des Daseins Gottes. Wenn die Welt ausschließlich gut und lauter wäre, dann wäre Gott nicht nötig, dann wäre die Welt schon Gott. Gott sei darum, weil das Böse ist. Das heißt: Gott ist darum, weil die Freiheit ist. Und weiter: ein freies Wesen leide lieber, als daß es seiner Geistesfreiheit verlustig geht. Die Freiheit des Menschen setze die Freiheit der Wahl voraus, die Freiheit von Gut und Böse, und folglich auch die Unvermeidlichkeit der Tragik. Sicher hat Berdjajew recht, indem er behauptet, der Mensch, dem die Freiheit zum Bösen entzogen würde, wäre ein Automat des Guten. — Nun, bei dieser letzten Frage angelangt finden wir, daß wir den ganzen Fragenkomplex bereits beantwortet haben. Der Zwiespalt als solcher verkörpert keinen Einwand gegen die Schöpfung, er ist viel mehr die Vorbedingung alles Heils.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der Zwiespalt der Seele
© 1998- Schule des Rades
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