Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Der Zwiespalt der Seele

Tragfähigkeit der Seele

Nichts ist, in der Tat, verderblicher, als Vorstellungen beim Wort zu nehmen. Schon 1907 konnte ich nachweisen, wie wenig die Vorstellungen, welche sich Menschen von der Unsterblichkeit machen, das spiegeln, was diese von innen her hervorbringt und den wahren Unsterblichkeitsglauben ausmacht; eben darum können so viele von einander verschiedene und einander widersprechende gleiche Befriedigung gewähren. Gleiches gilt vollends von den vielen Ausdeutungen dessen, was seinen Seinsgrund im Gewissen, in Schuld- und Sündgefühl, in der Reue und der Gewissheit der Erlösung hat. Hier handelt es sich in erster Instanz um Zwischenreichsbildungen. Zu solchen gehören durchaus nicht bloß derartige Erscheinungen, wie dass einer sich sündig fühlt, weil er seinen alten Vater nicht aufass, oder entehrt, weil seine Frau keine Liebesverhältnisse hat: gleiches gilt zum mindesten in erster Instanz von den tiefsinnigsten Gedankengebäuden. Wer da vorurteilsfrei als wahrhaftiger nach der Wahrheit strebender Geist theologischen Beweisführungen folgt, möchte wieder und wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Selbst wenn man die Allein- und Allgemeingültigkeit der christlichen Offenbarung nicht in Frage stellt — alle bisherige Theologie hat sich da Machenschaften erlaubt, welche auf anderen Gebieten jeden Wahrheitssucher für immer diskreditieren würden. Zunächst hat sie logisch und dialektisch gefolgert und konstruiert, wo Logik und Dialektik sicher nicht kompetieren. Dann sieht sie nicht nur überhaupt — was schon schlimm genug ist — in Autoritäten letzte Instanzen im gleichen Sinn, wie erwiesene Naturtatsachen dem Forscher letzte Instanzen bedeuten: sie führt Aussprüche anerkannter Meister als Beweise an, und zwar wählt sie ihre Autoritäten willkürlich unter Geistern verschiedenen Rangs und benutzt aus dem Zusammenhang herausgerissene Einzelaussprüche solcher ihrem jeweiligen Vorurteil und Ziel gemäß, so dass ein gleicher Geist und gleicher Ausspruch zur Erhärtung von Verschiedenstem dienen kann. Endlich las bisher jeder schöpferische Theologe seine persönliche Auffassung in die Überlieferung hinein. Dieser Unsitte hat sogar der große Meister Eckhart gefrönt, und im übrigen jeder nichtchristliche Theologe genau so, wie jeder christliche. Denn man bedenke wohl: auch philosophische Textkritik, auch historische Zurückführung bedeutet Hineinlesung; Luther und die späteren Reformatoren haben nicht etwa die Kirche gesäubert, sondern neue Kirchen geschaffen. Der Fall aller bisherigen europäischen Religions- und Moralphilosophen lag nicht wesentlich anders, und sogar moderne Tiefenpsychologen neigen bedenklich dazu, zu Kirchenvätern mit all deren geistigen Schwächen zu erstarren; oder neigen sie selber nicht dazu, so sorgen ihre Jünger dafür, dass sie als solche festgelegt werden. Wer sich ein Bild von der Unverbindlichkeit des Zwischenreiches machen will, der kann überhaupt nichts besseres tun, als vergleichend die Vorstellungen zu studieren, die sich der abendländische Mensch seit Griechentagen gerade von den letzten und wesentlichsten Dingen gemacht hat. Ursprünglich erlebt, ursprünglich intuiert, gar das Ursprüngliche ursprungsgemäß gefasst haben nur ganz wenige; diese aber wiederum waren unvermeidlicherweise — denn je näher dem Mittelpunkte einer geistig lebt, desto mehr muss bei jeder Äußerung Implikation an die Stelle der Explikation treten — so vieldeutig in ihrem Ausdruck, dass sie immer wieder in Funktion irgendeines Zwischenreichs missverstanden worden sind. — Aus allen diesen Gründen, welche ich hier nur kurz berühren konnte, wollen wir bei unserer Untersuchung von aller überlieferten Deutung zunächst ab- und zusehen, wie nahe unser Weg unbefangenen Realisieren-Wollens an die ursprüngliche Wahrheit heranführt.

Anlass zu seelischem Konflikt gibt jeder Augenblick, da es in dieser Welt des Werdens und Vergehens, wo einer Art Wesen und Elemente Leben vom Sterben anderer abhängt, völlig ausgeschlossen ist, von irgendeinem Standpunkt aus betrachtet nicht schuldig, und, vom Geist her geurteilt, nicht sündig zu erscheinen. Denn wie Kierkegaard richtig sagt:

Sünde ist eine Bestimmtheit des Geists.

Ohne direkte Beziehung und Bezugnahme auf den substantiellen Geist gibt es nur Schuld. Ob sich einer hier mehr oder weniger schuldig oder sündig fühlt, hängt in sehr viel geringerem Grade vom objektiven Sachverhalt ab, als von der Tiefe und Differenziertheit des Erlebens. Im ganzen haben robuste Egoisten, die über Leichen gehen, verglichen mit echten Heiligen das sehr viel bessere Gewissen; die fühlen sich ehrlich in allen Hinsichten gerechtfertigt, was immer sie verbrachen, wenn sie nur nicht gegen Gesetzesparagraphen verstießen, und oft schon, wenn sie bei keinem Verstoß ertappt wurden. Vom Empfindlichen und Zartfühlenden gilt in der Regel das, wofür ich als bestes Sinnbild eine Jugend-Erfahrung mit dem erfolgreichsten französischen Dramatiker jener Jahre wiedergebe: über alle Maßen gefeiert und gelobt, begegnete er einer, einer einzigen schlechten Kritik, die aber wurmte ihn jahrelang so, dass er darob die Hunderte von guten ganz vergaß. In seinem tiefsten Inneren nun fragt sich jeder Empfindliche bei jedem Missgeschick, ob er nicht doch selbst daran schuld sei, und häufen sich solche Erlebnisse, dann entsteht leicht ein dumpfem Zahnschmerze ähnliches Unzulänglichkeitsgefühl, welches unter der Voraussetzung christlicher Vorstellungen als christliches Sündgefühl zu deuten und damit zu solchem zu machen naheliegt. Hier nun setzt gleich eine weitere Schwierigkeit eindeutiger Beurteilung ein: es ist nicht so, dass der Mensch differenziertesten Gewissens ipso facto über allen anderen stände. Da es ganz unmöglich ist, sofern man die Frage überhaupt entsprechend stellt, sich in welcher Lage und bei welchem Lebenswandel auch immer ehrlich schuld- und sündlos zu fühlen, braucht es nichts als Schwäche zu bedeuten, wenn einer eigenes Schuldigsein nicht aushält, schon gar, wenn einer sich dauernd Selbstvorwürfe macht. In diesem Sinne bewiesen die alten Ägypter mehr Tiefsinn als so mancher christliche Kirchenvater, indem sie die Auffassung vertraten, dass unnötige Reue Sünde sei.

Worauf es ankommt, ist das bei der gegebenen Persönlichkeit und Stellung unvermeidliche Minimum an Schuld bei voller Erkenntnis der Lage mutig auf sich zu nehmen und danach zu trachten, allem, was man tut und leidet, einen rein positiven Endsinn zu geben. Insofern hat der Rang, gerade der geistige und geistliche Rang eines Menschen auf der Ebene des Seelischen seinen Gradmesser nicht an der Sündlosigkeit, sondern an der Tragfähigkeit der Seele. Das ist der Grund, warum große Herrscher und Heerführer, welche alle viel Hartes und Grausames tun mussten, um in letzter Verantwortung ihre positiven Ziele zu erreichen, die dabei wussten, was sie taten und das Böse unbeschönigt auf sich nahmen, nächst den wenigen ganz echten Heiligen die größte und ehrlichste Verehrung genossen haben. Unwillkürlich bewundert der Schwache den Starken, dessen Seele tragen kann, unter wessen Last die seine zusammenbräche, und erkennt er dabei reinen Willen am Werk, dann wird die Bewunderung zur Ehrfurcht, so wie sie Göttern dargeboten wird. Im übrigen liegen die Dinge in dieser Hinsicht auch bei den großen Heiligen nur scheinbar anders, als bei den großen Tatmenschen: jene taten vielleicht nichts Böses, schon weil sie vorzugsweise garnichts in die Welt sichtbar Eingreifendes taten, aber sie nahmen es — was bei ihrer Seelenzartheit nicht viel leichter war, als Böses tun — auf sich, dass sie das Walten des Bösen nicht hindern konnten und bewiesen gleich große, wenn nicht noch größere Tragfähigkeit der Seele, als die großen Tatmenschen, indem sie in vollem Miterleben den Menschen ihr Leid tragen halfen. Gelingt es also schon nicht, das ursprüngliche Problem des Zwiespalts der Seele von den herrschenden Zwischenreichs­vorstellungen her richtig zu stellen und zu lösen, so gelingt es noch weniger vom objektiven Tatbestande her. Akzeptiert der Mensch die Welt überhaupt, in welche er hineingeboren ist, dann akzeptiert er grundsätzlich auch deren Böses überhaupt. Akzeptiert er es nicht, dann scheidet er für diese ganze Problematik aus. Für die Lösung des Lebensproblems kommt der Weltflüchtige ebenso wenig in Betracht, wie für die Beurteilung des Krieges der Fahnenflüchtige. Dies gilt gerade vom Standpunkt geistiger Selbstverwirklichung. Vergessen wir nicht: das Selbst wächst und entfaltet sich von innerer Entscheidung zu innerer Entscheidung, von getragener Verantwortung zu getragener Verantwortung, von Opfer zu Opfer.

Stellen wir unsere Frage vom Inneren des Menschen her oder auf dieses hin, dann stellt sich die andere, ob die gegebene Welt nun so ist, wie sie sein sollte, und schon gar die, sie im Großen zu bessern, an erster Stelle überhaupt nicht. Nachgerade könnte man es wissen, dass es gerade die Weltverbesserer sind, die in ihrem Unverstand und blinden Hochmut dem inneren Menschen den meisten Schaden zugefügt haben; viel mehr so als alle Welteroberer und -zerstörer.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Der Zwiespalt der Seele
© 1998- Schule des Rades
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