Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Das Wunder

Staunen und Ehrfurcht

So sehe ich denn den nächsten wichtigen Fortschritt auf dem Wege des Innewerdens der Welt und der Realisierung des Bedeutsamen in und außer uns in einer Restauration des Wunderglaubens. Nur daß auf der heute erreichten Bewußtheitsstufe nicht mehr einzelne herausgegriffene Erscheinungen als wunderbar zu gelten haben, sondern alle. Nicht auf die mehr oder weniger gewohnten oder plausiblen Tatbestände kommt es hier an, sondern auf die Grundeinstellung des Menschen. Die großen Geister früherer Zeiten haben hier oft schon vollkommen richtig gesehen.

So schrieb der Heilige Augustinus: Das Wunder verstößt nicht gegen die Natur, sondern nur gegen die uns bekannte Natur. Und Jean Paul: Die Wunder der Erde sind die Gesetze des Himmels.

Wer auf irgendeinen besonders in die Augen fallenden besonderen Tatbestand besonderes Gewicht legt, beweist nur Vorherrschaft der Neugier und Unverständnis für das Wunder der Schöpfung überhaupt. Wo es sich um noch unerforschte aber offenbar gesetzmäßig verlaufende Vorgänge handelt, gilt es einfach, diese zu erforschen. Wo Phänomene jeder rationalen Erklärung spotten, gilt es den Sinn dieses Irrationalen festzustellen. Und das ist überall möglich oder wird es doch einmal sein. So hat die Kirche auf Grund mehrtausendjähriger Erfahrung — denn hier ist das Erbe der Antike und Prae-Antike mit hinzuzurechnen — Kriterien ausgearbeitet, auf Grund oder mittels welcher für übernormale Erfahrung persönlich nicht Begabte trotzdem mit großer Sicherheit festzustellen vermögen, ob es sich bei einem bestimmten ungewöhnlichen Vorkommen um eine Auswirkung von Heiligkeit, Satanismus, Besessenheit, Behexung, um normale höhere Naturbegabung oder medizinisch zu behandelnde psychische Krankheit handelt. Doch diese Möglichkeit, das Wunderbare in die Betrachtung des Natürlichen hineinzubeziehen, ist nicht das, worauf es hier ankommt. Worauf es ankommt, ist die Einstellung und Haltung des Staunenden wiederzuerlangen vor dem Wunder alles Wirklichen. Wer vor einem Wunder staunt, der verzichtet zunächst auf alles weg-Erklären; das übliche Erklären, welches die meisten befriedigt, ist nämlich kein verständlich-Machen, sondern eben ein weg-Erklären und das heißt ein Erledigen des Erlebnisses dadurch, daß dessen Gegenstand auf das tote Geleise allgemeiner Theorie geschoben und damit um seinen Einzigkeits- und Bedeutsamkeits-Gehalt gebracht wird.

Hier ist das Verhalten der Kinder prototypisch: diese fragen unentwegt, ohne jedoch wirklich wissen zu wollen; sie wollen Worte hören, dank deren magischer Wirkung auf ihr Bewußtsein das Beunruhigende irrealisiert wird. Es beunruhigt aber alles Konkrete und Einzigartige, sobald es als solches gelten gelassen wird, weil es dem Aufnehmenden im Menschen als Fremdes gegenübersteht. Dieses gilt auch vom eigenen konkreten Wesen: das Beglückende der Lehre von der Abstammung des Menschen vom Affen lag darin, daß jener fortan als Sonderfall eines Allgemeinen begriffen und damit seiner befremdenden Einzigartigkeit entkleidet werden konnte. Wer da nun das, was er schaut und erlebt, als Wunder ansieht, der entkleidet sich damit aller Vorurteile, Vorbehalte und Hemmungen, welche integrales Erleben erschweren oder unmöglich machen. Dessen konkrete Ganzheit öffnet sich ganz und gar der konkreten Ganzheit alles dessen, was ihm gegenübertritt und gegenwärtig ist. Dem Liebenden ist die Geliebte als Körper, Seele und Geist ein Wunder: er und nicht der wissenschaftliche Betrachter, der das Besondere Allgemeinbegriffen unterordnet, realisiert sie wirklich. Gleichsinnig aber liegen die Verhältnisse überall. Die geringste chemische Reaktion, z. B. das Ausfallen eines dunklen Niederschlages aus einer klaren Flüssigkeit dank dem Zusatz einiger Tropfen einer ebenfalls klaren Flüssigkeit, ist, in seiner Konkretheit unbefangen aufgenommen, ein Wunder, in seinem Zustandekommen überhaupt nicht zu verstehen. Gleiches gilt erst recht von der Entstehung des Lebens auf Erden, vom Geboren-Werden und der Ausgestaltung jedes einzelnen Sonder-Lebens, vom Sterben und zumal vom Auf- und Abtreten, von Weltzeitalter zu Weltzeitalter, immer neuer Geschöpfe. Diese Wandlungen und Neuschöpfungen sind größere Wunder als alles, was Einbildungskraft von Menschen je ersann. Es ist auch auf keine Weise zu verstehen, wie der Geist in das vorherbestehende Leben einbrach, wie geistige Werte bestimmend werden konnten. Inbezug auf all dieses Wunderbare gibt es nur einen Weg möglicher Teilhabe: vom eigenen Wunder, vom Wunder in sich her.

Da jeder als Gechöpf und seinerseits Schaffender ein Wunder ist und ununterbrochen Wunder wirkt, so ist es möglich, in der Einstellung auf eben dieses Wunderbare innerlich zu realisieren, was nicht erklärbar und auch nicht in Worten wiederzugeben ist. Alle Mystiker kündeten vom Unaussprechlichen ihrer Schauungen und Erlebnisse. Aber gilt nicht von den normalsten, jedermann geläufigen gleiches? Erscheinen diese nicht bloß darum nicht erstaunlich, weil die meisten Menschen stumpfsinnig sind und nur einmalig-Neues überhaupt bemerken, weil für sie die Sensation das eine ist, was sie überhaupt zum Aufmerken bringt? Und sind Wunder insofern nicht das aller-Alltäglichste? Zum Fall des Mystikers gibt es genaue Entsprechungen auf den niedersten Ebenen: die allermeisten können ihre durchaus normalen Erlebnisse nicht in Worte fassen, geschweige denn erklären; was sie indessen nicht zu hindern braucht, dieselben tiefer zu erleben, als ein Verstandesgewaltiger vermöchte, dem sein Verstand oberste Instanz ist. Aber gedenken wir nun des positiven Gegenbildes des gleichen Sachverhalts: es läßt sich in Erweiterung normaler Erfahrung denken, daß einer sein unmittelbares Wissen um die letzten Dinge so vollkommen gemäß dem Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck formulierte, daß deren Wirklichkeit in ihrem Da- und Sosein durch den vollkommenen Ausdruck hindurch jedermann einleuchtete. Annäherungen an dieses Wunder gibt es, und auf niederer Ebene, inbezug auf nicht-Fundamentales, vollzieht es sich tagaus tagein. Was nur Einem einfiel, leuchtet, sofern es richtig gefaßt war, ohne weiteres Tausenden ein. Daher die Möglichkeit eines objektiven Fortschritts der Wissenschaft, deren technische und darum für schwierig geltende Ausdrucksweise in Wahrheit die allerübertragbarste ist. Man braucht nur gewisse — im ganzen sehr wenige — Worte auswendig zu lernen, dieselben am rechten Orte anzuwenden und kann dann sicher sein, daß jeder wissenschaftlich Gebildete auf Erden sie auf die gleiche Weise versteht. Alles Einleuchten nun setzt Bereitschaft zum Erleuchtetwerden voraus, und diese findet sich bei allen nicht stumpfen Menschen. Und genau so besteht grundsätzlich beim Menschen überhaupt Bereitschaft zum Realisieren dessen, was real ist. Nur ist diese letztere Bereitschaft beim heutigen Weißen meistens überschichtet. Darum gilt es, noch einmal, zur Einstellung des vor dem Wunder Staunenden zurückzufinden, und dies zwar allem und jedem gegenüber.

In der Tat, nur der Staunende ist so vollkommen offen, daß er alles an seinem Gegenstande bemerkt, daß ihm alles, auch das Geringste auffällt und bedeutsam scheint, daß er von allem, was von diesem Gegenstand an Kräften ausgeht, berührt wird. Nur er ist immun gegen die böseste Gefahr, die für das Realisieren besteht: das Bagatellisieren. In der Vergangenheit ist die Einstellung, die ich hier als die des Staunenden gegen die des Erklärenden abgegrenzt habe, meist mit dem Worte Ehrfurcht gekennzeichnet worden. In der Tat tut im gleichen Zusammenhang überall auch Ehrfurcht not und handelt es sich bei den Einstellungen des Ehrfürchtigen und des Staunenden um nahe Verwandtes. Um nahe Verwandtes, nicht jedoch um Identisches. Darum tut man besser, anstatt Staunen und Ehrfurcht auf einen Nenner zu bringen, die besonderen Tugenden beider gesondert zu betrachten und zu kultivieren, denn ich meine beide. Der Staunende, als der zum Alles-Bemerken bereiteste, ist gegen die Gefahr am meisten gefeit, sein Erleben durch Erklärungen und sonstige Abstraktionen zu überschichten und damit im Grenzfall zu annullieren. Darum war jeder großer Naturforscher in erster Linie ein großer Stauner. Dem Ehrfürchtigen nun eignet die besondere Tugend, daß er das ihn Erstaunende nicht als Gegenstand, als Es, sondern als Du erlebt, damit als zum mindesten gleichberechtigt — und stehe es allem Anschein nach tief unter ihm — anerkennt, wenn irgend möglich jedoch als höherstehend; so daß er es verehren kann. Der Zustand des Verehrens ist nun der positivste aller Zustände, ja vom Standpunkt des mehrwerden-Wollens der eine unbedingt positive Zustand, weil er derjenige totaler Aufwärtsbewegung ist. Sobald ein Mensch einen oder etwas als höherstehend verehrt — gleichviel ob es objektiv verehrungswürdig sei oder nicht — zieht es, gleich Goethes Ewig-Weiblichem, den Verehrenden unwillkürlich hinan. Damit setzt eine Entwicklung dem Höheren zu ein, die in keinem anderen Zustande — etwa dem des Ehrgeizes, des Tatendrangs, des Siegeswillens, des Wissensdurstes — organisch vorgebildet ist, denn nur wer sein jeweiliges Sosein in Hinneigung zu Höherem hingibt, kann mehr werden als er war; die ohne Ehrfurcht Strebenden wollen aber gerade als die siegen, welche sie sind. Wer aber nur staunt, ohne dabei Ehrfurcht zu fühlen, der gibt dem Du keine Möglichkeit, seine ganzen Potenzen in ihm auszuwirken. Angelus Silesius sang:

Mensch, was du liebst
In das wirst du verwandelt werden;
Gott wirst du, liebst du Gott,
Und Erde, liebst du Erden.

Der schlesische Meister hätte Ehrfurcht an Stelle von Liebe, oder wenigstens ehrfürchtige Liebe sagen sollen, dann hätte er unbedingt wahr gesprochen. Genau so sollte im vielzitierten Satz man versteht nur, was man liebt, das Lieben durch Neigung in Andacht und Ehrerbietung ersetzt werden. Damit erhält auch die religiöse Andacht einen neuen und zwar den einzig richtigen Sinn; sie bedeutet ehrfürchtiges oder ehrerbietiges Verweilen beim als Wunder Angestaunten. Wunderbar aber muß jede religiöse Lehre sein, Wunder muß sie behaupten, Wunder muß Religion bewirken, wenn sie ihren Sinn erfüllen soll, denn ihr Sinn und Zweck ist ja gerade, den Menschen mit dem, was hoch über ihm steht, innig zu verknüpfen. Hier kommt es auf Richtigkeit überhaupt nicht an, sondern nur auf Bedeutsamkeit. — Das bloße Staunen nun leitet keine Aufwärtsbewegung ein, es ermöglicht nur integrales Innewerden. Darum, weil nicht alles an sich Wunderbare einen hinanziehen kann noch soll, ging ich in meiner Untersuchung vom Staunen und nicht von der Ehrfurcht aus. Ich durfte es tun, weil auch diese Staunen voraussetzt und weil beide in aller Gegebenheit das Wunder sehen. Aber sinngemäß gerichtet, bewirkt die Ehrfurcht mehr. Sie bewirkt mehr noch aus einem bisher nicht angeführten Grunde: weil sie notwendig mit Selbstvergessenheit zusammengeht. Man gedenke der schönen Erzählung des Dschuang-Tse:

Huangti wandelte im Norden des roten Wassers. Er bestieg den K’unlun-Berg und schaute nach Süden. Auf der Rückkehr verlor er seine Zauberperle. Er sandte Erkenntnis aus: sie suchte sie und fand sie nicht. Er sandte Scharfblick aus: er suchte sie und fand sie nicht. Er sandte Denken aus: es suchte sie und fand sie nicht. Da sandte er Selbstvergessen aus. Selbstvergessen fand sie. Huangti sprach: Seltsam fürwahr, daß gerade Selbstvergessen fähig war, die Perle zu finden.
Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Das Wunder
© 1998- Schule des Rades
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