Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Die Welt der Künstlichkeit

Mechanisches Denken

Hiermit wären wir beim entscheidenden Punkte angelangt. Schon an einer früheren Stelle dieses Kapitels stellten wir fest, was ich anderenorts ausführlich begründet habe, daß kein Art-Unterschied zwischen Natur- und Denkgesetzen besteht. Daraus folgerten wir, daß das Denken mit zur weit verstandenen Natur gehört, wodurch sich das Problem, wie denn das reine Denken Naturprozesse nicht allein richtig nach-denken, sondern auch richtig vorausbestimmen kann, als falsch gestellt erledigt. Nunmehr können wir weiter präzisieren: das Denken selber gehört zum mechanischen Teil des lebendigen Geschehens. Man darf den Begriff mechanisch, sofern er alles in sich begreifen soll, was jeder, der ihn verwendet, unwillkürlich unter ihm versteht, nicht eng fassen. Mechanisch ist nicht allein das im besonderen physikalischen Verstand Mechanische, sondern alles Geschehen, das von Geist und Wille nicht abzuändernden Gesetzen folgt, die der Verstand begreifen und aus deren Begreifen heraus er die gleichen Prozesse, die ihm zunächst als äußere Gegebenheit entgegentreten, von sich aus experimentell hervorrufen, initiatorisch lenken und in andere umbilden kann. So gehören unter anderem auch das feste Verhältnis von Ursache und Wirkung und die Assoziation im Seelen-Leben zur nicht nur weit genug, sondern zu der im kritischen Verstande einzig richtig bestimmten Mechanik, die insofern auch einen bedeutenden Teil meist irrational geheißener Vorgänge miteinbegreift. Was hier die eigentliche Mechanik auszeichnet, ist einzig die vom Standpunkt der nach außen gerichteten Betrachtung sonst nicht erreichte Reinheit und Vollkommenheit der ihr zugehörigen mechanischen Prozesse. Indessen könnte heute jeder mit der Psychologie der unbewußten Prozesse und insonderheit der Pathologie der Seele nicht Unbekannte wissen, daß die Konstruktionen des Verstandes, welche das eigene Innenleben einrahmen, stützen und sichern sollen, durch alle Starrheit des Anorganischen ausgezeichnet sind. Gerade diese Starrheit soll dem in ständigem Wandel begriffenen unvoraussehbaren psychischen Lebensprozesse Festigkeit und damit dem Bewußtsein Halt und Sicherheit geben. Das absolut Starre der Fiktionen und Konstruktionen der Psychopathen und Wahnsinnigen übertreibt nur die Tendenz, die aller Denkkonstruktion als tiefstes Motiv zugrunde liegt. Schon jede Moral, ob persönlich oder sozial, ist wesentlich starr. Je starrer ein Gedankensystem, je eindeutiger und kompromißloser in seinen Behauptungen, desto mehr Anhänger findet es. Das beweist jedes populäre Rechtssystem, jede schroff dogmatische Religion. Deren Bekenner oder Anerkenner möchte in erster Linie wissen, woran er ist, und alle Möglichkeiten von vornherein bestimmt, alle Grenzen scharf gezogen sehen, wie dies bei der Maschine der Fall ist.

Verstehen wir das Wort mechanisch also richtig, dann bedeutet das Denken, obschon es innerhalb der Psyche verläuft, den mechanistischesten aller menschlichen Lebensprozesse, denn das Zwingende einmal herausgearbeiteter mathematischer und logischer Zusammenhänge muß das Bewußtsein als noch zwingender empfinden als physikalische Notwendigkeit — hier liegen die Gesetze ja im Menschen selbst, sind also nicht nur natur-, sondern denknotwendig. Darf es darum seiner eigenen Neigung nach bestimmen, dann läßt es der Freiheit und Willkür überhaupt keinen Raum. Daher der Haß jedes orthodoxen Dogmatikers gegen jeden innerlich Freien. Daher das ungeheuerliche Prestige jeder Ordnung dem Ungeordneten gegenüber, die Vorliebe der überwältigenden Mehrheit aller Menschen für Routine. Diese Mehrheit empfindet mechanische Arbeit, welche möglichst wenig Initiative und Neuanpassung erfordert, oder allgemein in steter Wiederholung bestehendes Leben als höchste Erfüllung. Was sie als lebensfeindlich empfindet, ist das Ungewohnte, d. h. das nicht automatisch Getane und Assimilierte. Daher das Beglückende der Statistik: Amerikanisierte kennen nichts Schöneres als Nummern sein, wenn sie nur innerhalb einer sehr großen Zahl figurieren. Eben daher die Beglücktheit der gleichen überwältigenden Mehrheit, wenn sie in sehr großer Verallgemeinerung denken darf. Dies geht so weit, daß sie gern ihre persönlichen Neigungen und sogar Interessen opfert, wenn sie nur einsieht, daß es so sein muß. Daher das ganze Prestige des Soll. Genau in diesem und in keinem anderen Sinn befriedigt logische Lückenlosigkeit, Vollständigkeit in der Beweisführung, systematischer Zusammenhang überhaupt.

Doch das Denken gehört in einem noch gegenständlicheren Sinn der mechanischen Naturordnung an, als aus dem bisher Ausgeführten hervorgeht. Wie kann Vorstellung den eigenen Körper in gewollter Richtung in Bewegung setzen und durch die Vorstellung anderer hindurch die Körper anderer? Wie können, umgekehrt, physische Eindrücke unmittelbar Begriffsbildung auslösen, die dann ihrerseits gestaltend in die Natur hinauswirkt? Wie ist suggestive Beeinflussung möglich, psychischer Druck, der durch seinen Gedankengehalt mechanisch faßbare Geschehnisse zeitigt? Wie sind zumal schweigende Beeinflussung, Gedankenübertragung, Telepathie und Telekinese möglich? Denn daß diese ungewöhnlichen Phänomene vorkommen, darüber besteht kein Zweifel mehr. — Nun, ich sehe keine andere, nichts ausschließende Deutung des mit den letzten Fragen umrissenen einheitlichen Zusammenhangs — denn es ist ein solcher — als daß das Denken selbst ein objektives, so oder anders im Rahmen der Kategorien von Stoff und Kraft zu begreifendes Geschehen ist; das Problem der Wirkung des Geistigen auf Körperliches scheint mir dann allein lösbar, wenn es in dieser Form überhaupt kein Problem ist. Nun sind Gedanken zweifelsohne objektive Wirklichkeiten; ihre ungeheure historische Wirkung allein beweist es. Ebenso unzweifelhaft gehört alles, was mit Suggestion zusammenhängt, der mechanischen Seite der Lebenswirklichkeit zu. Die Hellseher aller Zeiten berichten übereinstimmend, daß Gedanken Dinge sind, bestimmt geformte Gegenstände — nur gehöre ihre Dinglichkeit nicht der mit den normalen Sinnen wahrnehmbaren Sphäre an. Eine mich völlig befriedigende Theorie des wahren Sachverhaltes habe ich noch nicht, weise dafür aber unter allen Vorbehalten auf des Kantianers Ernst Markus’ Theorie einer natürlichen Magie (München 1925, Ernst Reinhardt Verlag) hin, als der nächsten mir bekannten Annäherung an die letztrichtige Theorie der Zukunft. Markus behauptet, daß das Denken mittels des Äthers operiert; der eigentliche Körper des Menschen sei nicht der mit den körperlichen Sinnen wahrnehmbare, sondern der Ätherleib, in dem alle Vitalitätskräfte ihren Sitz hätten. Die Möglichkeit, daß eine einfache Vorstellung scheinbar unmittelbar eine einfache körperliche Bewegung auslösen kann, obgleich diese nachweislich auf dem physischen Plan über einen ungeheuren komplizierten Instanzenweg zustande kommt, sei so allein zu verstehen, daß die Vorstellung ebenso unmittelbar auf den Ätherleib des Menschen wirkt, wie Fingerdruck auf Physisches, und daß der Ätherleib die körperlichen Funktionen unmittelbar auf das vorgestellte Ziel hinlenkt. Von hier aus konstruiert dann Markus weiter eine Theorie des objektiven Denkens, welche alle Möglichkeiten der Ein-Wirkung der Psyche auf die Physis, von der Armbewegung bis zu den seltsamsten okkulten Phänomenen, zu einem verstehbaren Problem zusammenfaßt. Markus geht so weit, alle physische Organisation auf organisches Denken zurückzuführen. Sicher nun irrt er, insofern er alles organische Geschehen seinen Generalnenner ausgerechnet im Denken finden läßt, und ebenso sicher falsch ist die Ver-Subjektivierung aller Außenwelt, welche Markus — sich damit zu einer schiefen Kant-Deutung bekennend — auf Grund seiner erkenntnistheoretischen Vorurteile vornimmt. Richtig aber scheint mir das, was an Markus’ Deutung mit unseren Folgerungen übereinstimmt, und zu deren vollem Verständnis hat Markus jedenfalls einen Weg gebahnt: das Denken gehört ohne Zweifel der mechanischen Seite des Lebensprozesses an. Nicht daß die Dinge so lägen, wie Markus meint, daß der Lebensprozeß im Denken seinen Grund hätte, sondern umgekehrt: das Denken verkörpert die gleichen Grundnormen, wie der mechanisch zu verstehende Teil des Geschehens, das den Menschen unmittelbar angeht, und gehört überdies der gleichen Ebene wie dieses an. Mit der Frage der Sonderart des Materiellen, mittels dessen das Denken operiert, brauchen wir uns hier gar nicht zu befassen: war früher nur der Äther hypothetisch, so wagt heute kein Physiker mehr genau zu bestimmen, was Stoff, was Kraft ist, ob es beiden Kategorien Entsprechendes überhaupt gibt, und wo das materiell zu Verstehende aufhört. Mit dieser Unsicherheit als letztem Ergebnis exakter Forschung wird die Hauptschwierigkeit, welche dem Begriff des Denkens als eines in und an der Materie sich vollziehenden Geschehens im Wege steht, grundsätzlich aus der Welt geschafft.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Die Welt der Künstlichkeit
© 1998- Schule des Rades
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