Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Die Welt der Künstlichkeit

Algorithmus-Ideal

Knüpfen wir darum heut, vom kosmischen zum intimen Lebensraum hinabsteigend, in positivem Geist bei der Erkenntnis an, daß das Ideal des Algorithmus jedem System überhaupt zugrunde liegt und daß der Wille zum System an sich schon Bekenntnis zum Mechanischen bedeutet. Nun, auf dem Gebiet der Technik erscheint das Algorithmus-Ideal heute schon in so hohem Grad verwirklicht, daß eigentlich unbegreiflich ist, daß über den letzten Sinn des Denkens noch Zweifel obwalten. Jede Maschine, die automatisch bessere Arbeit leistet, als lebendige Menschen vermöchten, ist eine Erfüllung des Algorithmus-Ideals. Ist eine Maschine einmal da und aufgezogen, dann folgt das eine aus dem anderen wie ein logischer Schluß, oder aber es hängt gemäß anderen mathematischen Formeln notwendig so zusammen, daß jede Änderung der Voraussetzung (Umschaltung etc.) einen entsprechend anderen genau vorausbedachten mechanischen Ablauf auslöst. Die letzthergestellten Robots bedeuten sogar schon eine sehr hohe Annäherung an das Ideal Villiers de L’Isle-Adam. Von hier aus können wir denn das Grundthema dieses Kapitels endgültig fassen. Beginnen wir bei der scheinbar so desinteressierten Wissenschaft. Das ursprüngliche und spezifische Ideal der Wissenschaft ist garnicht die Wahrheit, sondern das System. Gewiß stellt sie Tatsachen fest: doch ganz abgesehen davon, daß solche Feststellung nur mittels eines willkürlichen Abstraktionsprozesses zustandekommt (denn alles einzelne hat Größeres und Weiteres zum Hintergrund), setzt die Art des Erweisens und Beweisens, welche Wissenschaft fordert, den Primat eines als gültig anerkannten systematischen Zusammenhangs voraus, und auf diesem, nicht auf den richtig festgestellten Einzelheiten, ruht für sie der Nachdruck. Wissenschaft gibt es eben nur vom Allgemeinen. Allgemeines aber gibt es wiederum nur als Gedankengebilde, und geschlossene Gedankengebilde danken ihren Ursprung der gesonderten Betrachtung und fixierenden Herausstellung unter Ausschluß anderer. Ein wissenschaftliches System gibt darum keinesfalls eine gegebene Wirklichkeit als solche wieder: in ihm erscheinen vielmehr Denkbeziehungen dem Gegebenen auferlegt. Insofern sind wissenschaftliche Begriffe ihrem Wesen nach zweckdienlich oder -widrig, nicht wahr oder falsch — obschon sie gelegentlich auch Wirkliches direkt bezeichnen. Letzteres tun sie nämlich dann allein, wenn die festgestellten bestimmten Tatsachen im Zusammenhang die Rolle von algebraischen Symbolen und insofern von Fiktionen spielen. Darum: erzwingen neufestgestellte Tatsachen eine neue Theorie, so handelt es sich in Wahrheit um Gleichsinniges, wie daß eine Maschine nicht in eine solche ganz anderen Systemes umzubauen ist, sondern daß es hier von Grund aus neu zu planen gilt. Eben um dieses Maschinellen willen fordert Wissenschaft allenthalben rationalen Zusammenhang, darum entscheiden die Gesetze der Logik über die Haltbarkeit ihrer Annahmen und Forderungen, darum ist ihr die Beweisbarkeit das einzige Kriterium von Existenz. Darum dämmert der vorgeschrittensten Physik als letzte Instanz die Einsicht, daß wissenschaftliche Naturerkenntnis nicht eigentlich die Natur, sondern das rechte Erkennen der Natur bestimmt. Weswegen sie durchaus logischerweise zum paradoxalen Ergebnis gelangt ist, daß die realen Vorgänge in ihrem Ablauf im Grenzfall von der persönlichen Gleichung des Beobachters abhängen.

Fassen wir nun alles bisher Erkannte im Geiste unserer letzten Erwägung zusammen, dann können und müssen wir sagen: ursprünglich ist das Denken dazu da, nicht die Wahrheit zu erkennen, sondern Künstlichkeiten zu schaffen. Das gilt aber gerade vom Denken, weil das Künstliche immer ein Mechanismus im Gegensatz zum Organismus und weil das Denken das Mechanischeste am psychischen Prozesse ist; endlich, weil diese Funktion die einzige unmittelbar dem Erdleben zugekehrte und darum die zur Weltmeisterung wichtigste ist. Keine menschliche Künstlichkeit (im Gegensatz zur Kunst) kommt auf organisch-plastischem, instinktivem oder intuitivem Wege zustande; der Weg ihres Zustandekommens ist ganz und gar vom Denken vorgezeichnet, und darum ist das Niveau der technischen Leistung beim Menschen der Denkfähigkeit proportional. Scheint dem irgendwo anders zu sein, so bedeutet das allemal, daß frühere Geschlechter das Künstliche erfanden und spätere es in bloßer Nachahmung gewohnheitsgemäß und darum gedankenlos weiterverfertigten. Von hier aus ersieht man denn, wie lächerlich falsch es ist, die moderne Intellektualisierung und Technisierung und Mechanisierung als Entfremdung von der Natur zu verurteilen: sie bedeutet vielmehr die vollendete Ausgestaltung in einer Richtung der Menschentiernatur, so wie sie heute ist. Der Mensch als Tier und Leitfossil der geologischen Epoche, in der wir heute leben, vollendet sich eben erst als denkendes und damit technisches Wesen.

Handelt es sich nun bei allem rational Bedingten oder Rationalisierbaren um Einbeziehung ursprünglicher Wirklichkeiten in Künstlichkeiten? Gewiß nicht. Alle Wirklichkeit, von welcher wir wissen, hat auch einen rationalen Aspekt und dieser ist es, worauf alles Wahrheitsstreben des verstehen-wollenden Geistes sich bezieht. Aber gerade diesem Aspekte ist von der Fragestellung her, von welcher Verstand und Technik ausgehen, ausgehen müssen, nicht beizukommen. Das Ziel des Begreifens ist Wissen im Sinn begriffener und auf ein Begriffssystem bezogener Anschauung (ich bediene mich hier, weil sie jedem geläufig ist, der Kantschen Nomenklatur, meine aber mit Anschauung von außen her Erfahrenes überhaupt), und von allem Hierhergehörigen gilt, was wir am Anfang dieses Kapitels feststellten: der Verstand kann nur von außen her an die Wirklichkeit herantreten, er kann keine direkte Beziehung schaffen vom Kern des Menschen zum Kern der Wirklichkeit. Darum sind seine letzten Ergebnisse zwangsläufig Künstlichkeiten, welche, je mehr sie als solche entwickelt sind, desto weniger inbezug auf das Ursprüngliche bedeuten. Alles Wissen kommt von außen her, sofern unter Wissen anderes verstanden wird als Bewußtseinsspiegelung ursprünglichen Seins und damit Innewerden desselben. Alle Anschauung geht auf (vom Subjekt her geurteilt) Äußeres, und dieses Äußere ergreift dann der Verstand seinerseits von außen her. Wer noch so vollständig begreift, braucht nicht das Geringste zu verstehen. Wer alles versteht, braucht darum nichts im wissenschaftlichen Sinne zu begreifen. Ja noch paradoxer Klingendes ist wahr: wie ein chinesischer Weiser mit Recht bemerkte:

Wer da mit klarem Blicke alles durchdringt,
der mag wohl ohne Kenntnisse bleiben.

Beim Verstehen handelt es sich allemal um einen schöpferischen Akt von innen heraus. Verstehen kommt auf völlig andere Weise zustande als Wissen: erstens direkt als schöpferischer Akt von innen her, dann aber nicht durch das Zusammenwirken von Anschauung und Begriff, sondern durch dasjenige von Wahrnehmung und Intuition, welch letztere, wie wir im vierten Kapitel sehen werden, überhaupt nicht mit Begriffen arbeitet; hierzu tritt weiter spontane Sinngebung vom persönlichen Geiste her. Alles eigentliche Wahrheitsstreben zielt nun auf Verstehen, und darum bedeutet es einen grundlegenden Irrtum, hier überhaupt mit Künstlichkeiten operieren zu wollen. Dies taten nun auch die noch so ausgesprochenen Rationalisten früherer Zeiten garnicht. Was sie nous oder Vernunft hießen, war einfach das Rationale (in der englischen Bedeutung dieses Begriffs) alles Geschehens, dessen rationaler Aspekt; es war das, was man mit der geringsten Gefahr des Mißverstandenwerdens sein Sinnhaftes heißen mag. Unter heute noch lebenden Worten, welche die bis zur Antike zurückreichende europäische Überlieferung verkörpern, ist die französische raison das wirklichkeitsgemäßeste. Das Wort führt irre, insofern es eine Funktion hypostasiert, aber die Irreführung Verständnisunfähiger ist schließlich nicht zu vermeiden, wenn anders man überhaupt Hauptwörter anwendet; auch Anschauung, Begriff, Sinn etc. bedeuten, mißverstanden, im gleichen Verstande Irreführungen. Aber die französische raison ist schon allein wegen der Verschwommenheit der Grenzen dessen, was sie meint, ein schwer Hypostasierbares, viel weniger so, als die deutsche Vernunft und der griechische nous. Sie meint einfach die Gesamtheit und den Inbegriff des rational Versteh- und Klärbaren, des durch Klärung lichter und zugleich wirklicher Werdenden, vom Bereich des gesunden Menschenverstandes über die Gesamtheit durchleuchteter Erfahrung bis zur Intuition, und alles dies vom konkret verstehenden persönlichen Subjekte her; sie meint also wesentlich keinen Algorithmus, keine Künstlichkeit. Bezieht sich die raison aber auf Übermenschliches, dann wird sie als Attribut auf die göttliche Substanz bezogen. Nicht anders meinten es auch die Tiefen unter den Griechen. Die Richtigkeit unserer Bestimmung scheint mir dadurch allein bewiesen, daß die so rationalistischen Griechen besonders wenig Sinn für Technik im Geist der Nützlichkeit hatten und daß in der modernen Welt Gleiches gerade von den Raison­fanatischen Franzosen gilt. Die lucidité française bedeutet denn auch Erleuchtetheit und Selbstleuchten im Gegensatz zu der durch Abstraktion erreichten Einbeziehung unübersichtlicher konkreter Wirklichkeit in scharf bestimmte, aber nicht mehr vorstellbare Begriffszusammenhänge, deren Urbild die an sich sinnlose mathematische Gleichung ist. Techniker im modernen Verstande waren in unserem Kulturkreis — und gleich ausgesprochen im gesamten Altertum überhaupt nur sie — die Römer. Sie wußten vom Geiste nichts, sie waren die ersten Verstandesmenschen innerhalb aller bekannten Geschichte, und darum war ihre Spitzenleistung die Schöpfung des Rechts. Ihnen zuerst bedeutete die Künstlichkeit mehr als das Ursprüngliche; darum waren sie auch die ersten im modernen Sinne Weltgewaltigen. In unserer Zeit nun ist die Welt des Künstlichen zu einer so ungeheuren Übermacht gelangt, daß es alles Ursprüngliche zu ersticken droht. Die im römischen fiat justitia, pereat mundus ausgedrückte Gesinnung hat eine phantastische Verallgemeinerung erfahren. Schon ist es so weit, daß das Persönliche, die Seele de facto, was immer in Worten behauptet werde, fast garnichts mehr bedeutet.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Die Welt der Künstlichkeit
© 1998- Schule des Rades
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