Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

I. Weltanschauung und Lebensgestaltung

Astrologie und Analyse

Ich werde die Ergebnisse dieses ersten Abschnitts, so skizzenhaft sie das Grundsätzliche darstellen, und so unbewiesen das Tatsachenmaterial, auf dem sie sich aufbauen, erscheinen mag, fortan voraussetzen und von ihnen aus weiterschreiten. Die Aufgabe der Schule der Weisheit ist nicht epimetheisch, sondern prometheisch; wir dürfen deshalb auch in theoretischem Zusammenhang vorzeichnen, soweit wir überzeugt sind, daß unsere voraus-, nicht abgezogene Theorie den Tatsachen einen diesen gemäßen besseren Sinn erteilt — und was mich persönlich betrifft, so bin ich des gewiß, daß jedes Wort des vorhin Ausgeführten früh oder spät als richtig erwiesen werden wird. Ich setze also voraus, daß die Korrespondenz zwischen der Einsicht, welche ein richtig gestelltes Horoskop, und der anderen, welche analytische Tiefenschau vermittelt, besteht, gleichviel, wie sie kritisch letztlich zu begreifen sei. Ist nun der Sinn dieser Korrespondenz nicht tiefer noch zu verstehen, als uns bisher gelang? Allerdings. Um diesen zu erreichen, tut nur das Eine not, die Grundvoraussetzungen von Astrologie und Analyse miteinander zu vergleichen.

Am Himmel bestimmt die Stellung der Sterne den Typus; in der Seele die Einsstellung des psychischen Zusammenhangs. Die beiden letzten Sätze erschließen ihrerseits nämlich eine tiefere Schicht der Korrespondenz zwischen Makro- und Mikrokosmos, wobei sich einmal mehr erweist, daß beide letztlich Gleiches bedeuten und auf Gleiches hinweisen. Jedes Horoskop enthält alle kosmischen Elemente, nur in verschiedener Gewichtsverteilung; zwar nicht in der Simultaneität, wohl aber in der Sukzession. Der Mensch ist ja eine Einheit nicht allein im Raum, sondern auch in der Zeit; in der Folge jedes Lebens klingen, genau wie in einer Symphonie von Satz zu Satz, neue Motive und Melodien an, die sich nachträglich jedesmal als zum Ganzen notwendig erweisen, von jeweilig Einzelnen her beurteilt jedoch als Überraschungen wirken. So gehört das Durchlaufen verschiedener Gestaltungen in der Zeit zum Charakter des Menschen nicht minder, wie zu dem des Bandwurms und des Malariaerregers. Dies gilt bis zum äußeren Schicksal: auch dieses gehört unbedingt zum inneren Menschen, wie denn die Psychoanalyse bereits bewiesen hat, daß der Mensch auch seine ihm unwillkommensten Erlebnisse unbewußt selbst beschwört, welcher Umstand ein weiteres Mal bestätigt, daß Äußeres und Inneres in jedem Fall eine einheitliche kosmische Situation darstellen. Man darf eben zwischen jenem und diesem offenbar überhaupt nicht scheiden; der Mensch verantwortet für das, was ihm passiert, nicht minder, wie für das, was er tut. — Genau so nun, wie jedes Horoskop sämtliche kosmischen Elemente einschließt, leben in jedem Menschen alle Anlagen; nur deren Gewichtsverteilung ist von Fall zu Fall verschieden. Letzterer Satz klingt verwegen. Seitdem aber die Phänomene der Medialität und der Künstlerschaft näher untersucht sind, seitdem Analyse die Abgrundtiefen des Unbewußten erschloß, wobei sich herausstellte, daß jedes persönliche Unbewußte zutiefst einem überpersönlichen angehört, welches nach Tiefe wie Höhe bildlich gesprochen, über die Grenzen möglichen Sonderseins hinausreicht, ist die Annahme nicht abzuweisen, daß hinter jedem nicht allein mehr Geisteswirklichkeit steht, als er persönlich darstellen kann, sondern buchstäblich alle. Auf der psychischen Ebene bestehen offenbar die Grenzen nicht, die auf der physischen Wesen von Wesen abscheiden; hier steht alles in innerem Zusammenhang. Wie wäre auch sonst zu erklären, daß einer wissen kann, was er doch nie erfuhr, oder auch nur versteht, was er persönlich nicht ist? Wie könnte es sonst einheitliche Volks- und Zeitgeister, Zeitaufgaben, historische Fälligkeiten geben? In jedem Menschen leben, in irgendeiner Schicht von ihm, alle nur möglichen Menschenarten; welche von diesen die Erscheinung bestimmt, hängt von der Einstellung des allumfassenden Zusammenhanges ab1.

Dieses Zusammenbestehen von impliziter Allheit und manifestierter Sonderart kann nun aus folgendem Gedankengange auch verstanden werden. Ein geistiger Zusammenhang ist allemal ein Sinneszusammenhang; es ist der Sinn, welcher das an und für sich nur durchlässig-verschwimmende Psychische organisiert zusammen. Ein Sinneszusammenhang mag nun freilich beliebig eingestellt werden und dennoch bleibt er ganz: da jedes Sinnbild alle nur möglichen Sinne hinter sich hat, in deren jedem sich jedes andere spiegelt, so bleibt der Zusammenhang vollständig und der gleiche, wie immer man ihn betrachte. Deswegen muß hier jede innere Abgrenzung fehlen, wie denn tatsächlich Geister innerlich zusammengehören, welche in Raum und Zeit vollkommen abgeschieden erscheinen. Andererseits bietet ein gleicher Sinneszusammenhang ein völlig verschiedenes äußeres Bild, je nach dem Punkt seiner, auf dem der Bedeutungsakzent ruht. Schon ein gleicher Eisberg sieht verschieden aus, je nach dem Teil, der über den Meeresspiegel hinausragt: bei einem Sinneszusammenhang zieht die geringste Akzentverschiebung eine vollständige Verwandlung der Erscheinung nach sich. Mit den gleichen Worten und Sätzen läßt sich, je nach der Betonung, Grundverschiedenes sagen. Der gleiche Ton klingt ganz anders, je nach dem Akkord, in den er hineinbezogen wird. Die gleiche Anlage kann Positives und Negatives bedeuten, der gleiche Mensch, je nach der Lage, historisch bedeutsam oder unbedeutend wirken. Jede Neueinstellung, d. h. jede Beziehung der Elemente einer Seele auf ein anderes Bezugszentrum im Sinneszusammenhang, gibt diesen einen neuen Sinn, so sehr, daß der Anlage nach Gleiches sich als göttlich oder teuflisch darstellen mag. Eben deshalb können Menschen besser und schlimmer werden, als sie waren, nur deshalb sich bekehren, nur deshalb wachsen und verkümmern sie innerlich, äußeren Umständen gemäß. Der Sinneszusammenhang, der sich also verschieden manifestieren kann, ist aber nicht etwa die Persönlichkeit: er ist ein Weiteres; diese stellt nur das Ausdruckmittel jenes dar. Jener steht gleichsam hinter dieser, und was so hinter jedem Einzelnen steht, ist buchstäblich alles Menschenmögliche.

Wie wäre die fragliche Ganzheit nun zu bestimmen? — Die Beantwortung dieser Frage führt zum Verständnis des Sinns aller nur möglichen menschlichen Verschiedenheit überhaupt. Ich kann sie hier, im Rahmen eines einzigen Vortrags, nur als knappe Skizze geben, ohne nähere Ausführung noch Begründung; aber diese wird denen, welche mich verstanden, sofern die Skizze die großen Umrisse richtig hinwarf, auf die Dauer von selber einfallen. Diese fragliche Ganzheit ist die Menschheit. Empirisch ist diese freilich unsichtbar. Dem Denken ist sie eine bloße Idee. Nichtsdestoweniger gibt es sie ganz gewiß. Sie erweist sich völlig eindeutig in der Korrelation der verschiedenen Typen innerhalb von Raum und Zeit, ihrem Sich-Ergänzen, ihrem Aufeinander-Angewiesensein, in der Unmöglichkeit, auch nur irgendeinen in seiner Beschränkung aus sich allein zu verstehen. Sie erweist sich darin, daß kein Mensch den Sinn seines persönlichen Daseins in sich allein findet2. Genau so, wie die Organe im Körper sich entsprechen, wie Bienen und Klee aufeinander angewiesen sind, im genau gleichen Sinn entsprechen sich auch Versteher und Täter, Herrscher und Händler, Künstler und Publikum, um von der Urkorrespondenz von Mann und Weib zu schweigen, die für die Natur erst zusammen den Menschen bilden. Sie entstehen in ihrer Spezifität auch immer jeweils auf einmal; jeder Einzelne, wer er auch sei, gehört immer zugleich einer organischen Zeitgeisteinheit an. Sintemalen nun jeder innerlich einem weiteren Zusammenhange angehört, in welchem sein eigentlicher Seinsgrund liegt, so dürfen wir ohne Vorurteil weiter sagen: die verschiedenen Typen sind nur deshalb einseitig, weil sie verschiedene Aspekte eines Identischen geistigen Ganzen darstellen. Weil das Ganze immer hinter dem Einzelnen steht und mit ihm äußerlich niemals zusammenfällt, weil es sich immer nur als Mannigfaltigkeit manifestiert, so müssen die einzelnen Typen einseitige Gebilde sein. Sie bedeuten insofern das gleiche, wie Abstraktionen auf intellektuellem Gebiet. Solche führen nie aus dem Zusammenhang, den sie betreffen, hinaus; deshalb bleiben sie wirklichkeitsgerecht. Durch Abstrahieren allein kann das Ganze jeweils so gefaßt werden, daß eine bestimmte Seite seiner begreif- und behandelbar wird. Aber was Abstraktion herausstellt, ist immer nur ein Ausschnitt des Ganzen und ohne dessen Voraussetzung ohne Sinn noch Halt.

Es gibt also offenbar einen realen Menschheitskosmos, welchem alle Einzelmenschen in gegenseitiger Ergänzung angehören; verschieden erscheinend, je nachdem sie eingestellt sind. Nur weil es diesen gibt, glaubt jeder Tiefe instinktiv an Menschheitsaufgaben, fordert er Menschheitsfortschritt; deshalb allein beurteilen wir große Geister als menschheitsbedeutsam, stellt das persönliche Sonderproblem des Einzelnen jedesmal zugleich eine notwendige Etappe der Gesamtentwicklung dar. Wer ein fälliges Problem für sich löst, löst es zugleich für alle und für immer. Und jetzt sind wir so weit, uns von dem Tatbestand nicht nur einen Begriff, sondern auch ein einleuchtendes Bild zu machen. Immer wieder, von den verschiedensten Seiten her, gelangten wir zur Anerkennung einer bestehenden Korrespondenz zwischen Makro- und Mikrokosmos. Deren vielleicht bedeutsamster Ausdruck ist nun der, daß sich der Menschheitskosmos in jeder Menschenseele spiegelt. In jeder Seele lebt eine grenzenlose Vielfalt möglicher Gestalten. Jeder Urtrieb ist recht eigentlich ein Wesen für sich; deren Verquickungen, Vermählungen und Sublimierungen ergeben bei schlechthin jedem Menschen eine innere Fauna, deren Reichtum mit der äußerlich dargestellten rivalisieren kann, denn jede Akzentverschiebung in der Welt des Sinnes schafft entsprechend neue Bilder. Vom weitaus größten Teile dieser Vielfalt weiß Wachbewußtsein nichts; was sich im Traum, in medialen Zuständen und der künstlerischen Produktion manifestiert, was Analyse herausholt, erkennt jenes nur schwer als sich zugehörig an. Dennoch macht erst diese Vielfalt in ihrer Totalität den Menschen aus; was immer sich in ihm und durch ihn äußert, gehört zu ihm. Überall nun, wo die Totalität als solche sich manifestiert, tut sie’s in korrelativer Ergänzung an und für sich einseitiger Elemente.

Dies illustrieren jedermanns Träume, die bildhaften Einfälle jedes Visuellen, sofern er sie zwanglos in sich gewähren läßt; die verschiedenen Gestalten, welche dem Einzelnen also entgegentreten, bedeuten allemal Teilausdrücke seiner selbst, deren nach außen projizierter Zusammenhang seinerseits die innere Einheit spiegelt. Was in Form pathologischer Spaltungen der Persönlichkeit in Erscheinung tritt, übertreibt nur an sich normale Vielfalt. Normal als Wachbewußtseinsbasis ist diese Vielfalt beim kleinen Kinde und beim Primitiven, welchen beiden einheitliches Ichbewußtsein fehlt. Beim Kulturmenschen kennzeichnet Gleiches die Begabung des dramatischen Dichters. Dessen schaffende Seele drückt sich unwillkürlich als Vielheit aus. Aber diese beweist ihren Ursprung aus der Einheit eben dadurch, daß die verschiedenen Gestalten einander ergänzen; sie sind Teilausdrücke dieser. Insofern ist jedes Drama ein Organismus. — Nun, die Vielfältigkeit des Dramas als Ausdruck der einen Dichterseele spiegelt das Verhältnis des Einzelmenschen zur Menschheit treulich wieder. Jede gegebene konkrete Menschenwelt ist recht eigentlich ein Schauspiel, vom Geist der Menschheit gedichtet; deshalb spielt jeder Einzelne in ihr eine ganz bestimmte Rolle. Und da der Urgrund des Lebens geistig ist und die Menschheit, eine geistige Einheit, gegenüber dem Einzelmenschen das Primäre darstellt, so trifft obige Gleichung nicht nur gleichnisweise zu. Ich für meine Person glaube, daß die Physis in diesem Zusammenhang kein erstes, sondern ein letztes darstellt, die Materialisierung und zuletzt Erstarrung des Geistes. Nur deshalb können körperliche Grenzen und Schranken im Zusammenhang so wenig Bedeutung haben.

1Um die ausschlaggebende Bedeutung der Einstellung zu ermessen, studiere man Jungs Psychologische Typen; das gleiche Werk faßt auch alles das zusammen, was Wissenschaft über den unpersönlich-überpersönlichen Hintergrund jedes Einzelnen bis heute festgestellt hat.
2Vgl. hierzu das Kapitel Mensch und Menschheit meiner Unsterblichkeit, 3. Aufl. Darmstadt 1920.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
I. Weltanschauung und Lebensgestaltung
© 1998- Schule des Rades
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