Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

II. Die geistige Menschheitseinheit

Polyphone Mannigfaltigkeit

Es gibt einen Menschheitskosmos. Nicht anders, wie im physischen Weltall kein Einzelnes anders als vom Ganzen aus vollkommen zu begreifen ist, so steht hinter jedem Einzelmenschen die Menschheit; sie gibt jenem ihren kosmischen Ort und metaphysischen Sinn. Die Ganzheit kann nur als Mannigfaltigkeit in die Erscheinung treten. Da aber trotzdem die Ganzheit die eigentliche Wirklichkeit darstellt, so muß alle Sondererscheinung ein Einseitiges sein, zu allen sonstigen Einseitigkeiten in Korrelationsverhältnis stehend. Insofern bedeutet jede fest umrissene Sondergestalt das gleiche, wie auf intellektuellem Gebiet die Abstraktion. — Ich meine: wenn Sie im Rahmen dieser Grundgedanken die Vielheit der Redner, die Sie im Lauf der verflossenen Woche hörten, ganz unbefangen auf sich wirken gelassen haben, dann muß Ihnen die Wahrheit, zumal der Bestimmung des letzten Satzes schon jetzt einleuchten. Am deutlichsten vielleicht dank den Vortragenden, deren Hauptwirkung nicht in dem, was sie sagten, bestand, sondern in dem, was sie persönlich darstellten. Rousselle vertrat den Anspruch des priesterlichen Menschen, mit magischen Mitteln vom Jenseits aufs Diesseits einzuwirken, dogmatisch, ohne psychologische Begründung; er postulierte die Wesenseinheit seines Typus mit dem des Propheten, mit dem er psychologisch nichts gemein hat, und gab sogar zu verstehen, daß der Priester der rechtmäßige Anwärter auch auf das Regnum sei: eben in dem, was er voraussetzte und forderte, bekundete Rousselle die außerordentliche Einseitigkeit des Priestertypus, den er persönlich in seltener Ausgesprochenheit verkörpert. Was den Priester, im Unterschied von den sonstigen Menschenarten, als Anlage kennzeichnet — nur deren unvermischten Ausdruck habe ich hier im Auge, nicht die weiteren Synthesen, in welche sie eingehen mag, und erst recht nicht den konstruierten Begriff eines Priesters, der natürlich beliebig bestimmt werden kann —, ist einerseits der Sinn für objektivierte Symbolik, dank der er sich erst ganz seines Persönlichen bewußt wird, zweitens der Glaube, mittels sinnbildlicher Handlungen das Geschehen zu beeinflussen.

Damit erweist er sich, als Anlage, nicht allein als antianalytisch und antikritisch, sondern geradezu als mit dem Urmenschen wesenseins. Denn auf jeden Urmenschen trifft die psychologische Grundbestimmung des Priesters zu. Nun besteht dennoch kein Zweifel, daß der Priester eine notwendige Funktion im Rahmen der Menschheit ausfüllt, was allein schon die ungeheure Anzahl derer beweist, die für sein magisches Wirken empfänglich sind. Nur ist eben aus dem, was im Urstand der allgemeine Zustand war, im Lauf der Entwicklung ein differenziertes Organ geworden. Im heutigen Abendlande wirkt der Priester nicht als der typische, sondern vielmehr als der exzentrischeste Mensch, der beileibe nicht alles, sondern nur ganz Bestimmtes ist und kann. Aber gerade in seiner extremen Einseitigkeit ist er berechtigt und notwendig. — Dann der Aristokrat: Graf Lerchenfeld bestimmte dessen Begriff, mit staatsmännischer Vorsicht; nicht eigentlich auf seine Vorzüge, sondern auf seine Berechtigtheit hin als Erscheinung unter andern. Doch seine Persönlichkeit offenbarte desto mehr, was seine Worte verschwiegen: der Aristokrat ist wesentlich der geborene Führer; was immer man sonst von ihm aus sagen mag, ist entweder Bedingung dieses Soseins oder dessen Konsequenz. Jeder Aristokrat, der seinem Typus überhaupt entspricht, ob seine Erscheinung nun so oder anders qualifiziert sei, ist im psychischen Menschheitszusammenhang so eingestellt, daß die Führereigenschaften, die unter anderen ja in jedem Menschen leben, bis zur Ausschließlichkeit in ihm dominieren. Insofern ist auch sein Typus ganz einseitig. Sein Sinn für Tradition, für Form und Glanz, sein Versagen auf dem Gebiet der bürgerlichen Tüchtigkeit, was immer ihn sonst charakterisiert, bedeuten letztlich überall dasselbe: daß er ganz und gar auf Führen eingestellt ist. Eben deshalb gehören die größten Führer auf allen Gebieten von jeher dem Aristokratentypus an. Von diesen war, um nur den einen Punkt hervorzuheben, keiner vorwiegend ein Arbeiter im bürgerlichen Verstand, denn alle großen Dinge entscheiden sich und erhalten die Richtung jenseits der Region der Beschäftigungsmöglichkeit. —

Endlich der Mohammedaner. Dieser unternahm den Nachweis, daß der Islam alles einschließt oder doch einschließen kann. Tatsächlich hat er wohl alle, die offenen Sinnes lauschten, von der besonderen Einseitigkeit des Mohammedanertypus überzeugt. So einfach, wie Sadr ud-Din sie darstellte, liegen die Lebensprobleme nur für sehr unkomplizierte Menschen; so klar erscheinen sie nur in reiner Wüstenluft. Der Moslem ist der unproblematische Mensch par excellence; seine Religion ist vorzüglich die Religion des einfachen Soldaten. Man bedenke nun, was dieser, im Gegensatz zu anderen Typen, nicht ist und nicht vermag, und man wird klar erkennen, daß gerade der islamische Mensch eine besonders weitgehende Abstraktion aus dem Menschheitskosmos darstellt.

Die gleiche Grundwahrheit, daß alles Besondere nur vom Ganzen her verstanden werden kann, haben auch die Redner, deren Gedanke die Persönlichkeit ganz spiegelte, implizite zur Darstellung gebracht. Wie wenig Sinn hätte die deutsche Lebensmodalität der unverwirklichbaren Sehnsucht, gäbe es nur sie! Die gegenseitige Anziehung zwischen dem Deutschen und Russen beruht vor allem darauf, daß des letzteren positivistischer Realismus die Problematik jenes beinahe komplementär ergänzt. Nicht anders verhält sich die russische Seelenweite zur deutschen Geistigkeit. Und hätte ein Vertreter des Landes der Wirklichkeit, wie Oscar A. H. Schmitz den Franzosen treffend bestimmt, zum Deutschen einen weiteren Kontrapunkt gegeben, so wäre noch deutlicher geworden, inwiefern gerade der universelle Deutsche einseitig ist: seine Wesensart verbietet vollkommene Erfüllung. Gerade zu solcher und zu ihr allein ist der Franzose wie kein anderer Europäer geschickt. So sind die Völker wirklich in erster Linie nicht Bluts- und Rassen-, sondern Einstellungsfragen; sie verkörpern einseitige Aspekte des einen Menschheitskosmos. Und gilt nicht Gleiches — ich rede hier zunächst nur empirisch-psychologisch, ohne die Frage des geistigen Werts zu stellen — von den verschiedenen Konfessionen der einen Christenheit? Der größte Bewunderer Gogartens wird nicht behaupten, daß sein Protestantismus — und der seine bezeichnet in der Tat den letztmöglichen Ausdruck des protestantischen Gedankens, im Unterschied vom Nicht-Protestantischen, überhaupt — alle Möglichkeiten der Lehre Jesu ausbaut; von allen bestehenden Spannungen zwischen Gott und Mensch läßt er allein, im Rahmen von Sünde und Gnade, das Schuldverhältnis gelten. Demgegenüber legte Arseniew allen Nachdruck auf die Minus-Seite des Christentums, die Lehre, daß Gott allein den Tod überwinden kann, daß der Mensch sich vor allem mitkreuzigen lassen muß; er behauptete das Primat der Demut, des Irrationalen, der αγάπη im urchristlichen Verstand, er vertrat als Ideal nicht die weltgewaltige Liebe des Westens, sondern die bis zur Identität mit der Schönheit und Weisheit sublimierte, welche dementsprechend weltfremd bleiben muß. Und wenn der Katholik seinen Rahmen auch so weit spannte, daß er theoretisch nichts auszuschließen schien, so bewies gerade er durch sein Sein besonders eindrucksvoll, daß jede Weltanschauung, auch die weiteste, auf empirischer Ebene eine ganz bestimmte und als solche einseitige Lebensgestaltung schafft: der katholische Mensch als bestimmte konfessionelle Erscheinung ist nicht der Mensch schlechthin. In ihm treten mehr Züge in den Vordergrund als bei den einseitigeren Typen, aber längst nicht alle. Die katholische Kirche, wie sie sich heute darstellt, schließt nicht allein ein, sondern aus, und zwar schließt sie gerade mögliche christliche Lebensgestaltung aus. Es ist eben keine Sondererscheinung denkbar, weder auf dem Gebiet bestimmter Lebensgestaltung, noch bestimmter Weltanschauung, welche die Menschheit, das Ganze, dessen organischer Bestandteil jeder Einzelne ist, an sich zum Ausdruck brächte: nur in polyphoner Mannigfaltigkeit, nur in reicher Instrumentierung kann sie sich ganz offenbaren.

Aber wenn Sie so einerseits die Relativität aller Sondergestaltung lebendig erfuhren, so haben Sie andererseits gefühlt, daß aus jeder Sondererscheinung doch zugleich das Ganze spricht, was nichts anderes bedeutet als die alte Lehre, daß jeder Mensch, wer immer er sei, ursprünglich Gott gleich nahe ist. Es waren eben berechtigte Abstraktionen aus dem Ganzen, welche jede einzelne Lebensgestaltung darstellte; und da jenes Ganze ein Sinneszusammenhang, da weiter jedes Sinnbild durchsichtig ist, so konnte freilich aus jeder Gestalt heraus, wenn sie nur tief genug im Sinn verwurzelt war, das Tiefste sprechen. So erklärt sich die grundsätzlich gleich große Überzeugungskraft, welche alle gleich tiefen Redner bewiesen, gleichviel welche Vorstellungen sie im übrigen vertraten. So verstehen wir auch, inwiefern jeder einzelne unter den Typen, die jene verkörperten, irgendeinmal den Anspruch auf Alleingeltung und Welteroberung hat erheben können. In seiner Eigenart kann das Besondere tatsächlich das Ganze zur Darstellung bringen. Es ist Sache der geistigen Einsicht, nicht des Erlebnisses, ob einer duldsam oder unduldsam erscheinen kann. Ist sein geistiger Horizont eng, so ist er in Form der Unduldsamkeit seinem tiefsten Selbste näher als in der Form der Toleranz. Für den erlebnismäßig Tiefen, aber geistig Blinden ist keine bessere Arbeitshypothese je ersonnen worden als die der calvinistischen Gnadenwahl, deren Theorie man die des religiösen Als-ob heißen mag; auch auf religiösem Gebiet ist, gemäß der allgemeinen Formulierung in Spannung und Rhythmus, unter der Voraussetzung von Blindheit nicht Allseitigkeit, sondern Einseitigkeit der kürzeste Weg zur Universalität.

Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
II. Die geistige Menschheitseinheit
© 1998- Schule des Rades
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