Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

II. Die geistige Menschheitseinheit

Geburtsvorgang

Doch wie wird nun das erforderliche Neue praktisch zustande kommen? Auf dem Wege des Synkretismus, des Eklektizismus? War das Wort Auseinandersetzung so gemeint? — O nein. Hier droht so verderbliches Mißverstehen, daß der methodischen Frage zum Schluß eine Sonderbetrachtung gewidmet sei.

Zu allen Zeiten hat Vernunft gehofft, die Gegensätze der Welt in Harmonie aufzulösen und dadurch eine höhere Einheit herzustellen; als Mittel dazu aber Verstandes- und Opportunitätserwägungen angestellt. So zimmerte sie, aus allem das Beste herauswählend, Utopien. Das Leben aber hat jede solche bisher widerlegt und wird es in alle Zukunft weiter tun. Warum? Weil Utopie ein Totes ist und der Weg zu ihr, der nur der des Eklektizismus sein kann, an sich schon Sterben bedeutet, denn er sucht Vorstellungen verschiedenen Geblüts zu neuem Leben zu vereinen, was unmöglich ist. Bei der höheren Einheit, auf die es ankommt, handelt es sich nun um Leben, keine Theorie. Leben ist aber wesentlich Gegensatzführung, notwendiges Zusammenwirken von Rationalem und Irrationalem, Gestalt und Chaos, Notwendigkeit und Freiheit, Sinnvollem und auf seiner Ebene Sinnwidrigem, Dissonanz und Harmonie, welche Faktoren als solche Unzurückführbarkeiten bedeuten. Deshalb ist eine Lösung des Problems der höheren Einheit, um die es uns heute zu tun ist, auf rationalem Wege ausgeschlossen. Wie kann sie aber dann erfolgen? — Der alte religiöse Bekehrungsgedanke weist zum Verständnis den Weg. Bekehrung bedeutet mehr als Belehrung, weil sie in Wandlung des ganzen Menschen besteht; dem Bekehrten erscheint auf einmal selbstverständlich, was dem Verstande vorher unbegreiflich blieb. Dies ist dahin zu verstehen, daß eine neue lebendige Einheit nur in Form eines Geburtsvorgangs zustande kommen kann.

Im neuentstehenden leiblichen Menschen vereinen sich die an sich unzurückführbaren Elemente der Elternerbschaft zu neuer unauflöslicher Einheit. Wie nur diese Art Vereinigung auf physisch-organischem Gebiete möglich ist, genau so ist sie allein es auf geistigem. Aus diesem einen entscheidenden Grunde ist es ganz unmöglich, ein Rezept zu geben, und absurd, ein Rezept zu verlangen, nach dem die künftige Menschheits-Weltanschauung zu machen sei.

Hier liegen die Dinge nicht anders, als wie jener russische Heilige sie hinstellte, der auf die Frage, wie er sich das künftige allumfassende Christentum, an dessen Nahen er glaubte, vorstelle, lächelnd erwiderte:

Man kann wissen, daß ein Kind geboren werden wird; man kann wissen, von welchen Eltern es stammt und auch ungefähr, wann es das Licht der Welt erblicken wird. Aber nach welchen Vorfahren es schlagen, überhaupt wie es aussehen wird, das vermag kein Mensch vorauszusagen.

Die geistige Menschheitseinheit kann eben allein geboren werden. Der Vorgang wird seinen geistigen Exponenten genau so an einem vereinigenden Symbol und keiner Theorie haben, wie dies in jedem früheren geistig-seelischen Geburtsfall geschah. Es wird auch dieses Mal dem Verstande paradox erscheinen, denn nur intellektuelle Paradoxie wird der Übergegensätzlichkeit des Lebens einigermaßen gerecht. Ihnen fiel seinerzeit gewißlich auf, mit welcher Leidenschaft sich Arseniew zum Dogma der Auferstehung des Fleisches bekannte: hier handelt es sich eben um solch ein vereinigendes Symbol1. Dank der unerhörten Spannung, die im russischen Erleben von jeher, aber besonders wieder während der letzten Schreckensjahre lag, dank der realen Wiederkehr urchristlicher Stimmung bei einem Volk, das intellektuell nicht modern ist, sondern vielmehr auf der Stufe der Besten zu Beginn unserer Ära steht, findet der Russe in dem, was dem modernen Verstand vollendet paradoxal erscheint, das beste Sinnbild seines Wahrheitswissens. Aber grundsätzlich nicht anders wird sich auch die Geburt des geistigen Menschheitskosmos im Bewußtsein derer spiegeln, in denen sie zuerst erfolgt. Auch hier kann die Erkenntnis nur eine über-rationale sein.

Die geistige Menschheits-Einheit kann also allein geboren werden. Wenn dem aber so ist — was sollen dann unsere Bestrebungen? Nun, sie allein können in dieser kosmischen Stunde den erforderlichen Geburtsvorgang einleiten. Der Logos ist, Sie wissen es, die Angel der Welt. Er ist das Prinzip der Veränderung und der Übertragung. Die absolute Wirklichkeit, an sich Logos und Eros zugleich und vermutlich noch viel mehr, ist von ihrer Logos-Seite allein dem bewußten Geiste faßbar — weil sie von den übrigen her nicht faßbar ist, deshalb allein wird ja wieder und wieder behauptet, der Mensch vermöge nichts aus sich, alles käme von oben her, er solle sich rein passiv dem Erleben hingeben. Vom Logos hingegen ist sie so sehr faßbar, daß die Natur dem Geist genau insoweit dient, als er sie ganz versteht. Dies geht so weit, daß vollkommenes Verstehen häufig Liebe auslöst, und somit das beschwört, was dem Willen überhaupt nicht untersteht. Erinnern Sie sich nun weiter, daß jeder Augenblick des Geschehens eine einheitliche, unauflösliche kosmische Situation darstellt, in die das freie Wollen und Handeln der Menschen genau so wesenhaft hineingehört wie das Walten Gottes und der Sterne Kreisen. Bedenken Sie dabei, daß Leben überall Beleben ist, nur von innen nach außen zu, durch Subjekte hindurch verlaufend — und Sie haben die Antwort auf die Frage, was unsere Bestrebungen sollen. Wohl kann der neue Menschheits-Katholizismus nur geboren werden. Doch nur dann wird er geboren werden, wenn wir das von uns aus tun, was wir nicht allein tun können — was uns allein zu tun obliegt. Nur dem, welcher verstehen will, offenbart die Welt ihren Sinn; nur er vermag die Sinnbilder zu durchschauen. Nur dort, wo sie also bewußt gewollt durchschaut sind, kann das von selbst des Geburtsvorgangs erfolgen, das als solches freilich jenseits möglicher Bestimmung verläuft. Es ist nie anders erfolgt. Geburt hat von jeher Befruchtung vorausgesetzt.

Und die geschieht durch geistige Initiative. Jeder Religion galt guter Wille als das Ausschlaggebende: Gott begnadet den allein, der Ihm nach Kräften entgegenkommt, wenn nicht bewußt, dann wenigstens unbewußt. Dieses Entgegenkommen besteht aber in erster Instanz nicht in Liebe — vor seiner Bekehrung liebte keiner Gott —, sondern in Wahrheitswollen. Was nun vom Verhältnis vom Menschen zu Gott gilt, gilt desto mehr innerhalb der menschlichen Sphäre als solcher: von jeher kam Fortschritt allein durch Tieferverstehen zustande. Sogar die christliche Liebe hat nicht als Liebe die Welt erobert, sondern als Ausdruck von tieferem Verstehen2. Aber nicht immer war die Erkenntnisfunktion so differenziert, daß sie selbständig und rein das ihr Zukommende vollbringen konnte. Heute ist sie’s. Heute ist sie es so sehr, daß nur noch reines Erkennen zuwege bringen kann, was vormals Verquickungen von Gedanken und Gefühlen gelang. Deshalb darf heute auch dort von Verstehen allein die Rede sein, wo als Endziel Liebe gemeint ist. Durch bewußt gewolltes Verstehen allein kann die neue weltumspannende Liebe ausgelöst werden. Und ebendeshalb ist es heute nicht mehr erlaubt, des Erlebnisses passiv zu harren, das die ersehnte Erneuerung einleiten kann. Der Logos ist nicht allein das Prinzip der Übertragung, sondern auch der Initiative. Je schärfer er differenziert ist, desto mehr ruht auf dem Menschen für alles kosmische Werden die Verantwortung. Was nunmehr historisch wird, hängt ganz von seinem freien Wollen und Vollbringen ab. Grundsätzlich war gewiß auch dieses immer so. Schon nach alttestamentlicher Lehre verantwortet der Mensch vor Gott, ja nach der späteren des Talmud sogar für Gott. Nur weil der freie Willensentschluß entscheidet, kann der Mensch vor dem Ewigen schuldig werden. Alle Sinngebung geschieht eben durch Freiheit, und durch Sinngebung sind alle historischen Gestaltungen überhaupt entstanden.

Vor Jesus und Gautama gab es christliche und buddhistische Liebe nicht; vor dem Protestantismus, der dessen Begriff erfand, keinen Beruf im modernen Verstand; wo Fortschritt nicht gefordert wurde, hat kein Erfindungsreichtum, so in China, Fortschritt eingeleitet; je nach der Sinngebung ist Reichtum religiös verderblich, neutral oder förderlich erschienen. Und so fort. Doch die Verantwortung des Menschen konnte, zweifelhaft bleiben, so lang sein verstehendes Bewußtsein träumte oder schlief. Heute ist es erwacht. Heute ist die Verantwortung des Menschen folglich absolut geworden. Heute ist es wirklich so, daß wir für jedes unnütze Wort Rechenschaft zu geben haben. Wohl schuf Vorstellung von jeher Wirklichkeit, weshalb jeder Gedanke von jeher kosmische Folgen hatte. Seitdem wir dies jedoch wissen — bedenken Sie auch hier: der Sinn schafft den Tatbestand —, gibt es kein Privatleben mehr. So dürfen wir die Dinge nie mehr gehen lassen, in keinem einzigen Fall mehr dessen harren, daß das Erforderliche von selbst geschieht. Das erforderliche von Selbst wird vielmehr dann allein fortan erfolgen, wenn der bewußte Geist die nötigen Vorbedingungen schuf. Dies ist denn die Aufgabe der Sinneserfassung. Auf sie kommt heute buchstäblich alles an. Bewußtes Verstehen allein kann heute die Wandlung einleiten. Daher die historische Sendung der Schule der Weisheit. Sie will und kann als solche nur einstellen, jedes Einzelne an seinen richtigen Ort im kosmischen Sinneszusammenhang. Aber eben damit tut sie, was überhaupt vom Menschen aus geschehen kann. Sie befruchtet. Das Gebären ist ebensowenig ihre Sache, wie sie sich jemals angemaßt hat, das zu leisten, was dem Menschen nur von Höherem her geschenkt werden kann. Das neue Leben kann nur von selbst entstehen, und sein besonderer Charakter ist nie vorauszubestimmen. Deshalb prophezeit die Schule der Weisheit auch grundsätzlich nie, was schließlich im Besonderen werden wird; deshalb gibt sie kein bestimmtes Aktionsprogramm, stellt sie kein Dogma auf. Es wäre Anmaßung von ihr, wenn sie zumal letzteres täte. Sie macht keiner möglichen Kirche Konkurrenz. Aber sie allein hat, seitdem es ein Christentum gibt, drei an sich feindliche Konfessionen so einstellen können, daß sie sich verstehen mußten, weil sie die höhere Einheit oberhalb ihrer vorgab …

Hiermit ist denn klar, daß es sich bei der Tagung, die ich hiermit beschließe, um keine epimetheische, sondern um eine prometheische Tat handelt. Es ist nicht dargestellt worden, was ist, sondern Altes ist so eingestellt worden, daß aus seinem Zusammenhang Neues geboren werden kann. Unsere Tagung hat im Sinnbild das Erreichnis einer vielleicht fernen Zukunft vorweggenommen. Auf daß diese werde; denn Sinnbilder haben von jeher alle Geschichte gemacht. So habe ich diese Tagung nicht anders aufgebaut als wie ein Meditationssymbol. Die Reihenfolge der Bilder hat Bedeutung; wer sich ihnen mit ganzer Seele hingab, in dem begann die neue Menschheits-Wirklichkeit zu werden; auch wer deren Rhythmus im Lesen in sich wachruft, wird dadurch dem ökumenisch-katholischen Typus entgegenwachsen. Hier mögen Sie mich nun aber fragen: warum hatte, im Zusammenhang des Ganzen, der Arbeiter das letzte Wort? Warum war das Ganze wie keilartig auf diesen zugespitzt? — Weil die Sternenstunde seines Typus gekommen ist. Wie es einst eine Welt des Priesters, des Ritters, des Bürgers gab, insofern deren Eigenart das ganze Leben bestimmte, so kommt jetzt die Welt des Arbeiters. Denn aus seinen Kreisen rekrutiert sich der neue Typus des Chauffeurs. Wieder einmal, wie zum Beginn unserer Ära, ist der Bedeutungsakzent auf die vormals Niedrigen und Unterdrückten heruntergerückt. Das ist nicht zu ändern. Dem astrologischen Fatum haben wir uns zu fügen. Doch da dem astrologischen Kosmos ein geistiger eingebaut ist, dem wir eigentlich angehören und dessen Daseinsdimension die Freiheit ist, so kann nichts uns außer eigenem Wollen oder Nicht-wollen hindern, dem auf der materiellen Ebene Unüberwindlichen den Sinn zu geben, den wir verwirklicht wünschen. Die heutige russische Arbeiterwelt stellt ein Schreckbild dar, weil sie sich vom Sinne lossagte. Betrachten wir hingegen die Arbeiter-Welt als das raumzeitlich begrenzte Alphabet, mit dem wir den Sinn auszudrücken haben, welchen jetzt dem Menschheitsbewußtsein einzubilden nottut, dann wird, nach unvermeidlicher chaotischer Zwischenzeit, die neue Menschheit, die aus größerer Tiefe lebte als alle bisher, eine neue Menschheit, weiter im Geist, weiter im Herzen, wieso oft schon das Höchste aus Geringstem heraus entstand, noch als Kind der Arbeiter-Ära das Licht der Welt erblicken.

1Über dessen Begriff siehe alles Nähere in Jungs Psychologischen Typen. Zürich 1921, Rascher & Co.
2Die hier nur kurz skizzierten Gedankengänge sind in den Kapiteln Antikes und modernes Weisentum, Was wir wollen und Das Ziel der Schöpferischen Erkenntnis genau ausgeführt. Wer auf die Ausführungen dieses Vortrages hin weiterfragt, findet dort die Antwort.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
II. Die geistige Menschheitseinheit
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