Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

I. Werden und Vergehen

Bedeutung und Wert

Im Sinnbilde der Musik ist in der Tat die Ganzheit des Lebens verstehend wiederzuerkennen. Nun aber stellt sich die wichtigste aller Fragen, die nach dem Wert. Es gibt oberflächliche und tiefe, erhabene und lächerliche, ewiggültige und Mode-Musik: wie läßt sich der Unterschied bestimmen? Dieser beruht allemal auf der Art des Sinneszusammenhangs, in den die Töne jeweilig hineinbezogen sind, bestimmt durch Grundkonzeption, -motiv und -ton. Auf welche Weise die Normen der Akustik überhaupt zum Ausdrucksmittel von Geistigem werden können, ist schlechthin unerklärlich; es handelt sich um ein Sonderbeispiel des Urphänomens der Korrelation von Sinn und Ausdruck. Wenn höchste geistige Funktionen von den inneren Sekretionen bestimmter Drüsen abhängen, wenn freien Entschlüssen auf dem Gebiet der Zellenchemie Explosionsphänomene korrespondieren, so bedeuten diese wie jene Unerklärlichkeiten Gleiches. Wieder aber wird das begrifflich noch so Unfaßbare am Sinnbilde der Musik soweit verständlich, als dies bei Überrationalem überhaupt gelingen kann. Der gleiche Ton klingt anders, je nach dem Akkord oder der Folge, in die er hineinbezogen ist; und die reale Erfahrung betrifft dieses Andersklingen, nicht die Nachweisbarkeit des Gleichen in Klaviatur und Notenschrift. Nicht anders hängen Bedeutung und Wert jeder Lebenstatsache davon ab, welchem Bedeutungszusammenhang sie angehören. Die Tatsachen des Lebens sind an sich überall die gleichen, genau wie die Buchstaben, mit denen jeder schreiben muß, ob er ein Weltweiser sei oder ein Tor. Gleiche chemische Reaktionen, gleiche Gestalt- und Funktionsgesetze erhalten alles Leben im Gange; äußerlich gleiche Ereignisse, gleiche Freuden, gleiche Leiden widerfahren jedem. Oberflächlich betrachtet ist der Mensch nur ein Tier unter anderen, gleicht jedes Individuum dem anderen, ist das Genie vom Durchschnitt nicht zu unterscheiden. Aber das äußerlich Gleiche bedeutet in jedem Falle anderes. Es steckt ein anderer Sinn hinter dem Leben des Menschen als dem des Tiers. In jedem Einzelnen lebt eine einzigartige Seele.

Das Zentrum des Sinneszusammenhangs, aus dem heraus der Genius spricht, liegt anderswo als bei dem Durchschnittsmenschen; mögen beide wörtlich Gleiches buchstabieren, sie sagen Verschiedenes. So kann Gleiches in jedem nur möglichen Fall Verschiedenstes bedeuten, je nach dem Sinneszusammenhang, in den es hineinbezogen erscheint, genau wie der gleiche Ton auf verschiedenste Weise klingen kann. Die gleichen Urbilder des Unbewußten, die der Analytiker als Ausdrücke niedersten Trieblebens richtig deutet, dienen dem Religiösen zur Realisierung des Göttlichen. Töten ist nicht das Gleiche, ob es als Mord, Totschlag, Strafvollzug oder Heldentat geschieht. Sterben nicht das Gleiche, ob es als natürliches Ende, gerechte Strafe, Martyrium, Selbstmord oder Opfer erlitten wird. Lust ist ein anderes, ob es dem Sinneszusammenhang der Liebe oder des Lasters angehört. Und so weiter. Wenn die Theologie behauptet, die vom Menschenstandpunkt sinnlose Geschichte sei zugleich Offenbarung Gottes, sein Gericht sei Gnade, so mag sie im gleichen Verstande wahrsprechen. So erweist sich denn überall die Bedeutung als der eigentliche Tatbestand. Und nun erkennen wir ganz den ungeheuren Irrtum derer, die da wähnen, das Werden und Vergehen sei des Lebens letzte Instanz. Es stellt nur das Material dar des Sinneszusammenhangs, der alles Leben wesentlich ist. Das Leben ist nicht Einzelton, sondern überall Melodie. Jedes Erlebnis bedeutet einen Einzeltakt in der Melodie des persönlichen Lebens. Aber jedes Einzelleben stellt seinerseits einen Einzeltakt dar in Melodien und Symphonien höherer Ordnung, und so mag es fortgehen bis zur Unendlichkeit. So fällt denn die Frage nach dem Sinn des Lebens mit derjenigen nachdem Leben selbst zusammen. So ist die Frage nach dem Sinn die eigentlich praktische und sachliche Frage, welche das Leben betrifft. Auf allen dessen Ebenen mag entsprechend eingestelltes Bewußtsein Sinnerfüllung erleben. Wer sich mit den Gattungstrieben identifiziert, erlebt an deren Werden und Vergehen Befriedigung, weil letzten Sinn. Wessen Gesichtsfeld über die Gefühle des Augenblicks nicht hinausreicht, empfindet sein Dasein als sinnvoll im Wechsel von Lust und Leid. Wer von sich nur als Geist weiß, mag an der Leistung, im Fortschritt sein Dasein gerechtfertigt sehen. Indessen: wahre und volle Befriedigung erlebt so keiner.

Alle aufgezählten Sinnerfüllungen sind Vergänglichkeiten, alle enden in Enttäuschung, weil das Identitätsgefühl ihr Ende überlebt. Wer den Sinn einer Sonate allein in einem bestimmten schnell verklingenden Takte sieht, dem muß sie verfehlt dünken. Nur der wird niemals enttäuscht, dessen Bewußtsein im Grundmotiv der Musik, auf dessen Grundton bezogen, sein Zentrum fand. Denn vergehen auch ihm die Harmonien und Melodien, weiß auch er in keinem einzigen Fall voraus, was kommen wird, kann auch er den Zusammenhang nicht übersehen — er erlebt jede Überraschung als sinnvoll, wie immer sie sei; so wie jede Überraschung Bachs oder Beethovens sinnvoll wirkt. Hier wurzelt das Glück derer, die von Gott wissen und an seine Vorsehung glauben.

Heute, am Eingang der Tagung, will ich nicht mehr sagen. Im Verlauf der folgenden Vorträge dieser Woche werden Sie das unauflösliche Zusammenbestehen von Werden und Vergehen an der organischen Entwicklung, der Geschichte, dem Triebleben schauen lernen. Sie werden weiter sehen, daß das Werden und Vergehen, das Urphänomen des Lebens, immer tiefere Sinnesschichten manifestiert. Sie werden erfahren, daß das Leben mehreren Reichen angehört, die doch alle wieder innerlich zusammenhängen; sie werden ahnen, inwiefern der Tod zur Wiedergeburt und zur Auferstehung führt. Es wird Ihnen aufgehen, daß auch das Unbegreifliche tief sinnvoll ist. Und wenn Sie nun, diesen Eingangsvortrag im Ohr, den einzelnen Stimmen lauschen, nicht nachdenkend dabei, nicht sonderlich auf Einzelnes achtend, sondern so zuhörend, wie solches großer Musik gegenüber ziemt, dann wird Ihnen die Lösung des Rätsels vielleicht zum Erlebnis werden: wie es wohl möglich sei, daß der Mensch, dessen ganzes erfahrbares Wesen zeitlich ist, nur Ewigkeit will, nur Ewigkeit meint, ja letztlich nur Ewiges versteht1.

1Auf der Tagung folgte auf diesen Vortrag der von Hans Driesch Organische Entwicklung. Im Leuchter 1925 (Werden und Vergehen) nachzulesen.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
I. Werden und Vergehen
© 1998- Schule des Rades
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