Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

III. Tod und Ewigkeit

Echtheit

Wenn ich heute die Vielheit des im Laufe dieser Woche Vernommenen vom Sinn her zusammenzufassen und die ihr zugrunde liegende Einheit bewußt zu machen unternehme, so beanspruche ich damit nicht, als ein über den anderen Stehender gehört zu werden: ich beanspruche einzig die Zuerkennung gleichen Rechtes mit den anderen. Jeder Geist hat, auf Grund seines Seins und seiner Einstellung, einen ganz bestimmten Ort im Geisteskosmos und demgemäß einen bestimmt begrenzten Gesichtskreis und eine ebenso bestimmt begrenzte Gravitationssphäre. Der eine ist von Anlage kurzsichtig, der andere weitsichtig. In der Nahschau erweist sich jener, in der Fernschau dieser überlegen. Der eine sieht große, der andere kleine Zusammenhänge schärfer. Der eine ist makro-, der andere mikrokosmisch, der eine auf Millionen, der andere auf Wenige zu wirken berufen. Kein Träger besonderer Art ist deshalb mehr oder besser als der andere, eben weil es sich bei all diesen Unterschieden um solche der Art und nicht des Grades handelt. Wer als Sonne geboren ist, hat deshalb nicht mehr Ursache zum Hochmut als der Glühwurm. Wert und Bedeutung bemessen sich einzig danach, inwieweit Sinn und Ausdruck, Sein, Vorhaben, Vorstellung von sich und Darstellung sich decken. Deshalb gilt in Darmstadt als einziger Wertmaßstab die Echtheit.

Wer in seiner Art echt — in anderen Worten: wer in bezug auf sich wie die Welt vollkommen wahrhaftig ist, wer nichts vorstellt noch beansprucht, was ihm nicht entspricht, wessen Sachliches sich mit dem Persönlichen durchaus deckt, so daß beide zusammen eine wirkliche Erlebniseinheit darstellen, hat unter allen Umständen recht. Denn der erlebt das Wirkliche in der Form, in der allein es von seinem Standort aus erscheinen kann, seine Subjektivität — und alles Erleben ist subjektiv — bringt Einsicht, nicht Ansicht zum Ausdruck. Welche Bedeutung seinem zunächst rein persönlichen Recht für andere zukommt, erweist die Wirkung. Es gibt schiefe Einstellungen, die als Vorbilder niemanden zu fördern vermögen — solche sind dann insofern falsch, und wenn sie noch so echt wären. Umgekehrt gibt es andere, welche allen zu sinngemäßerer Einstellung ihrer selbst verhelfen, weil sie wie Stimmgabeln wirken oder Grundton und Dominante auf einmal richtig anschlagen — solche verkörpern ganz unvermeidlich Weltimpulse. Spezifische Wirkung ist durch Absicht weder zu erreichen noch auch zu verhindern, sie ist mit dem qualifizierten Dasein des Wirkenden unmittelbar gegeben und hängt von ihm allein ab. Wohl mag sie mißverstanden werden, aber Mißverstehen ist andererseits die erste legitime Verkörperung jeder Wahrheit — es ist der in Anbetracht des Erkenntnisabstands zwischen den Geistern unentbehrliche Vorfahr sinngemäßer Auffassung.

Von den Rednern dieser Tagung waren nun alle in erster und letzter Linie echt. Driesch wirkte, nicht weil er sachlich recht gehabt hätte, so überaus stark, sondern weil seine Logik seinem lebendigen Wesen vollkommen entsprach; der Begriff harmonisch-äquipotentielles System klang aus seinem Mund so überzeugend, wie nur irgendein gewohntes Wort. Baeck hatte das Recht zum Vertreten des Alten Testaments, Dahlke zu dem des Buddhismus. Und aus dem theoretischen Widerstreit der vertretenen Weltanschauungen ergibt sich für uns kein Widerspruch, weil für uns sinnbildliche Wahrheit in erster Linie zählt, weshalb theoretisch Richtiges und Unrichtiges zunächst gleichwertig erscheinen; absolut richtige Behauptungen sind erst von einem Standort aufstellbar, der alle durch Erfahrung als möglich und dauernd vertretbar erwiesenen im Zusammenhang vom Sinn her übersieht, welcher Standort noch von keiner historischen Weltanschauung eingenommen ward. Aus diesem Grunde muß die Schule der Weisheit es zunächst ablehnen, irgendeine gegebene Theodizee oder Heilslehre als letztgültig richtig anzuerkennen. Aus diesem Grunde ist ihre Echtheit das eine Kriterium für die Wirklichkeitsgemäßheit.

Unsere Redner waren alle echt. Von allen aber war Dahlke der auffällig echteste, denn gerade am Unkongenialen, als welches Buddhas herbe Lehre die Meisten hier berührte, wurde besonders deutlich, wie unbedingt und ganz sie ihres Bekenners Wesen entsprach. Für sich hatte Dahlke ganz sicher objektiv, das heißt vom Standpunkt jedes, recht. Und damit war auch die Wahrheit von Buddhas Lehre, soweit sie Deutung von Nachweisbarem bedeutet, als Ausdruck eines bestimmten kosmischen Standorts für uns erlebnismäßig erwiesen — Problem blieb und bleibt allein, wie weit die Aussicht von ihm aus reicht. Und fühlten wir am letzten Tag nicht alle, daß auch Arseniew, der schlechthin Irrationales bekannte, die Narrheit vor Welt des Urchristenglaubens mit seiner Lehre von der Auferstehung des Fleisches, insofern objektiv wahr sprach? Schon das physisch Wirkliche ist zum überwiegenden Teile irrational; keine Erscheinung als solche kann Verstand begründen. So müßte, rein grundsätzlich gesprochen, geistig-Irrationales auf psychischem, parapsychischem und metaphysischem Gebiet erst recht gleich unmittelbares Einleuchten eines wirklichen Zusammenhangs vermitteln können, wie es das geistdurchleuchtete des Buddha tat, weil sich das Seelenleben für das Bewußtsein beinahe ganz aus irrationalen Vorgängen zusammensetzt.

Es erkannte ja auch gerade der Buddha, der Höchstbewerter des Denkens, ausdrücklich keinen anderen Weg der Wissensvermittlung an als den des unmittelbaren Einleuchtens; gerade er strebte nie mehr an, weil vernünftigerweise mehr nicht anzustreben ist, als sein persönliches Wirklichkeits-Erlebnis zu übertragen. Wenn also der urchristliche Ausdruck metaphysischen Erlebens im Lauf der Jahrhunderte immer erneut ursprünglichen Geistern und Seelen als ihnen persönlich entsprechend eingeleuchtet hat — von den bloß Glaubenden rede ich hier nicht —, so beweist dieser eine Tatbestand seine Wirklichkeitsgemäßheit evident. Gewiß mag der Ausdruck dem Sinne nicht entsprechen, was in diesem Zusammenhang besagt: die Deutung des Erlebnisses mag verstandesmäßig falsch sein; für Wahrheit in logischem Sinn steht keine Erlebnisechtheit Gewähr. Aber hier steht zunächst die Wirklichkeit an sich in Frage, gleichviel, wie diese letztlich zu verstehen sei. Experimentelle und logische Beweisführung kann auf Beweiskraft nur auf den Ebenen möglichen Experimentierens und gültiger Logik Anspruch erheben.

Deshalb sind auch experimentelle und logische Gegenbeweise gegen Erfahrungen aus anderen Sphären irrelevant, wobei weiter zu berücksichtigen bleibt, daß Beweise nur dort überzeugen, wo über die grundsätzliche Wirklichkeit des zu Beweisenden kein Zweifel bleibt. Besteht die letztere Voraussetzung nicht, weil keine persönliche Erfahrung vorliegt oder vorliegen kann (des Experimentes tiefster Sinn ist ja gerade der, daß es grundsätzlich jedem persönliche Erfahrung vermittelt), da gibt es nur einen Erweis bestehen, der Wirklichkeit: eben die Wirkung. Unwirkliches kann nicht wirken. Dieser Satz muß aber, auf Geistesausdrücke übertragen, lauten: positive Wirkung beweist unter allen Umständen symbolische Wahrheit. In den tiefsten Schichten seines Wesens, als eigene letzte Wirklichkeit, weiß jeder alles, was ihn unmittelbar angeht. Wenn nun ein Wahrheitsausdruck einleuchtet, so ist dies jedesmal als Zeichen dessen aufzufassen, daß das Bewußtsein der eigenen Wirklichkeit, dank jenem, aufleuchtet. Was zum Aufleuchten führt, hängt von der empirischen Organisation des Betreffenden ab. Im mythenbildenden Menschen weckt der Mythos, im wissenschaftlichen der exakte Begriff am besten Verständnis, und primitiver Geistesart ist heute noch verstandesmäßig-Falsches — man denke an die Erfolge der Christian Science — gegenüber dem Richtigen oft der bessere Erkenntnisvermittler.

Doch da die objektive Erkenntnis unaufhaltsam fortschreitet und damit die Fortlebensmöglichkeit aller Erlebensformen zerstört, die deren Kritik nicht standhalten, so wirken auf die Dauer nur nicht allein symbolisch, sondern auch wissenschaftlich wahre, das heißt solche Ausdrücke, die dem gemeinten Sinne ganz entsprechen, positiv. Wie kann man nun aber, um die Frage umzukehren, erkennen, ob solche im oben ausgeführten Verstande echt sind? Eben an der Wirkung. Verstehen ist ein lebendiges Urphänomen, nicht weiter abzuleiten. Echtheit, als auf bestimmte Weise wirkend, ist eine Erfahrungstatsache. Wer nicht, nach entsprechender Ausbildung, ebenso unmittelbar wahrnehmen kann, ob eine ihm begegnende Persönlichkeit in ihrem Ausdruck echt ist, wie er Naturgegenstände vor sich sieht, der kommt, als Blindgeborener, für die Weisheit nicht in Betracht. Eine persönliche Gleichung irgendwelcher Art bleibt unter allen Umständen irgendwo letzte Instanz. Wenn die übereinstimmende Erfahrung von Unbegabten beweiskräftiger sein soll als das einzige Erlebnis eines Genies, so beweist solcher Anspruch nur eins: demokratisches Vorurteil.

Aus alledem ergibt sich denn, daß der Einzelne für sich nie mehr beanspruchen darf, als echt zu sein; in seiner Sonderart Sinn und Ausdruck zur Kongruenz gebracht zu zeigen. Wieviel eine Sonderart anderen bedeutet, muß die Erfahrung lehren; hier sind alle Wort-Argumente müßig. So will ich denn im Folgenden nur bekennen — das ist das eigentliche Wort —, wie sich mir die Sinneseinheit dieser Tagung darstellt. Ob ich sie objektiv richtig sehe, ob in Verzerrung, wird die dauernde Wirkung lehren.

Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
III. Tod und Ewigkeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME