Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

I. Freiheit und Norm

Sinn des Unbegründbaren

Jetzt sind wir so weit, uns in richtiger Einstellung dem Freiheitsprobleme zuzuwenden. Doch bevor wir es tun, wird es gut sein, uns noch klarer zu machen, als bisher geschehen, inwiefern alle Gesetzmäßigkeit eines Sinnes ist. Daß ein Geschehen gesetzmäßig verläuft, bedeutet, wir sahen es, grundsätzlich nie mehr als so viel: wenn etwas gegeben ist, so folgt daraus unter gegebenen Bedingungen erfahrungsgemäß das Folgende. Daß diese Fassung für die experimentelle Naturwissenschaft zutrifft, leuchtet von Hause aus ein. Aber liegen die Dinge im Fall der Mathematik, oder allgemeiner, der Logik, nicht anders? Ist die Denknotwendigkeit nicht eine Notwendigkeit höherer und zwingenderer Art, als die sogenannte Naturnotwendigkeit? Sie ist es nicht, denn jene bedeutet, von höherer Warte überschaut, das Gleiche wie diese. Im Fall des Denkens bedarf es deshalb keines Experiments, um die Gesetze festzustellen, hier suchen wir deshalb nicht nach Ursachen für das Werden, hier empfinden wir andererseits die Notwendigkeit deshalb nicht als Zwang, weil wir als denkende Wesen die Gesetze des Denkens selbst verkörpern. Hier liegt dasselbe in uns, was wir im Fall der Außenwelt aus der Erfahrung abziehen. Im übrigen ist die logische Notwendigkeit in keinem kategorischeren Sinne zwingend, als auf dem Gebiet des Lebens irgendeine andere. Man kann sehr wohl auch falsch denken. Nur kommt dann Unsinn heraus. Nicht anders kann ein naturwissenschaftliches Experiment sowohl auskommen als sein Ziel verfehlen.

Die Notwendigkeit läßt sich auf Grund des Satzes vom zureichenden Grunde in allen Fällen nachweisen. Das Hinkende an diesem Vergleich, welches darin gefunden werden kann, daß es in der gebundenen Natur keinen möglichen Irrtum gibt, ändert am grundsätzlichen Sachverhalt insofern nichts, als wir ja fanden, daß der Begriff der Gesetzmäßigkeit an sich über Notwendigkeit oder Freiheit des Geschehens nichts präjudiziert. Es gibt Kausalreihen von mehr oder weniger festgelegter Bahn. Wo eine Kausalreihe nicht ganz festgelegt erscheint, wie im Fall alles Lebendigen, da muß man zwischen positivem und negativem Ausgang unterscheiden und führt da die Selbstvernichtung des Falschen auf einem Umweg eben dahin, wohin das gebundene Werden in direkter Linie gelangt1. Dieser Gedankengang ist wichtig, denn er schafft erstens einen Ansatzpunkt, von dem aus die Gesetze des Sollens mit denen des natürlichen Werdens auf einmal überschaut werden können, zweitens wirft er auf das Problem des Todes ein neues Licht. Nichtbefolgung der ethischen Grundnormen führt auf die Dauer zur Selbstzerstörung. Das ist dem Sinne nach nichts anderes wie die Sich-selbst-Aufhebung falschen Denkens im Selbst-Widerspruch. Ebenso muß alle Erscheinung sterben, die in der gegebenen Form sinnwidrig geworden ist. Die Geschichte bietet eine einzige Illustration dieser Wahrheit2. Auf der biologischen Ebene aber liegen die Dinge ebenso. Bestimmte Differentialgleichungen müssen an bestimmten Punkten durch Unstetigkeitsmomente hindurch. Ich zweifle nicht daran, daß es einmal gelingen wird, die Endlichkeit der konkreten Lebensreihen, zumal auf dem Gebiet der Vererbung, mathematisch als notwendig zu begreifen.

Von hier aus gelingt es denn auch, den Sinn des Unbegründbaren tiefer zu fassen, als welches alle letzte Gegebenheit ist. Die elementare Mathematik geht von einer Anzahl unbegründbarer Axiome als letzten Instanzen aus. Uns erscheinen diese nicht willkürlich, weil wir ursprünglich von ihnen aus an die Wirklichkeit herantreten. Vom Standpunkt der höheren Mathematik aber sind sie willkürlich, denn formal konstruierbar sind auch andere Axiome, auf Grund deren sich dann auf dem Weg des elementaren Rechnens ganz andere Gebilde herstellen lassen, als das unmittelbare Erleben sie kennt und je erfahren kann. Da der letzte Nachsatz nun unbedingt gilt, so folgt daraus, daß im Sosein des Menschen selbst, unabhängig von aller Außenwelt, eine letzte Instanz, ein letztes Unbegründbares liegt, das wir einfach hinzunehmen haben. Nun, in diesem Unbegründbaren des spezifisch Menschlichen wurzelt unter anderem auch das, was wir Freiheit heißen.

1Vgl. den Nachweis, daß eben hierauf die Möglichkeit einer Geschichtslogik beruht, im Kapitel Das richtiggestellte Fortschrittsproblem meines Buches Die neuentstehende Welt.
2Vgl. Das Kapitel Die Symbolik der Geschichte meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
I. Freiheit und Norm
© 1998- Schule des Rades
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