Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

II. Erfindung und Form

Schönheit bedeutet Vorbildlichkeit

Der künstlerisch Schaffende gilt als freiester Mensch, sein Werk als freieste Schöpfung. Wo immer jedoch sein freies Wesen vollkommen zum Ausdruck gelangt, erweist sich dieser als kein chaotischer, anarchischer, sondern als gesetzmäßig gebundener. Der Mensch singt und sagt ursprünglich in Rhythmen. Ursprünglich erscheint ihm die dichterisch gebundene Form als die gemäßeste. Und sie bleibt es bis zu den höchsten Differenzierungsstufen hinan. Keine echte Geistesschöpfung, die nicht, als Komposition, ein strenges Gesetz verkörperte. Keine Äußerung eines großen Geistes, die nicht durchweg Stil hätte. Und diese Normeinhaltung erfolgt wirklich aus Freiheit, nicht aus nachträglicher Anpassung oder Zwang: ganz von selbst kommen dem Dichter Rhythmen und Reime. Die allerstrengste Form hat echte Inspiration niemals beschränkt. Im Gegenteil, gerade sie verhilft jener zur gemeinten Verkörperung. So beurteilen auch Leser und Hörer, von ihrem Standpunkt aus, Form- und Stilhaben unmittelbar als Freiheitsbeweis. Denn nie wirkt Formloses frei. Es wirkt auch nie befreiend, nie erlösend, wo jede vollendete Geistesschöpfung gerade befreit und erlöst.

Die Betrachtung einiger konkreter Beispiele wird uns in den Sinn dieser Tatsachen am schnellsten eindringen lassen, wobei wir, um die richtige Einstellung des Problems im Gesamtzusammenhang nicht zu verfehlen, nicht vom Schöpfer, was er für sich ist, sondern seiner Stellung innerhalb der Gemeinschaft ausgehen wollen. Immer wieder sind anarchische Bewegungen aufgekommen, aber immer wieder haben diese sich selbst, so oder anders, ad absurdum geführt. Der politische Anarchismus ist in Rußland, wo er sich am ausgesprochensten manifestierte, in die extreme Diszipliniertheit des Sowjetsystemes eingemündet; in Deutschland endet gerade der jugendliche Fanatiker der Libertät — sei er Urbursche, Wandervogel oder sonst Verächter der bestehenden Ordnung — ebenso typischerweise als Staatskrippenaspirant und Philister, wie Huren als Betschwestern enden. Alle anarchischen Kunststile erweisen sich als kurzlebig, auch sie schlagen typischerweise in ihr Gegenteil um, so ausgesprochenermaßen, daß deren eigenste Verfechter in späteren Jahren oft zu Vertretern des Akademismus werden. Nicht anders steht es mit dem Solipsisten im weitesten Verstand. Ist dieser aktiver Feind jeder Ordnung, so steht ihm schicksalsmäßig die Zwangsanstalt des Gefängnisses bevor. Der weltanschauliche Solipsist endet ebenso schicksalsmäßig, wo er sich wirklich vollkommen isoliert fühlt, im Irrenhause. Der gemäßigte Solipsist hinwiederum, dessen Typus der deutsche Partikularist schafft, der durchaus nur seine persönliche Terminologie gebraucht und jeden, der nicht genau so denkt und ist, wie er, verachtet, erfährt die Sinnwidrigkeit seiner Einstellung daran, daß seine Äußerrungen der Übertragbarkeit ermangeln; sie bedeuten etwas allenfalls einem engbeschränkten Kreis1. So widerspricht Gesetzesfeindschaft offenbar dem Sinn, und zwar gerade dem Sinn der Freiheit. Denn da der Mensch in erster Instanz Gemeinschaftswesen ist, so beweist schicksalsmäßiger sozialer Mißerfolg auch persönliches Versagen. Natürlich darf man die Begriffe der Unverständlichkeit, Unübertragbarkeit und des schicksalsmäßigen Mißerfolgs nicht ohne Umsicht anwenden, und ebensowenig den der Allgemeingültigkeit: was heute allen unverständlich scheint, mag übermorgen allen einleuchten; was heute als Negierung aller Ordnung wirkt, mag gerade die Keimzelle neuer bedeuten. Dennoch hat die Geschichte erwiesen, daß unsere allgemeinen Behauptungen, richtig aufgefaßt und angewandt, zu Recht bestehen. So oder anders widerspricht Anarchie dem Sinn des Lebens. Nur als Embryonalphase hat sich Formloses allenfalls als Wert bewährt. Wenden wir uns von hier aus zum Schöpfer, wie er zu sich selbst steht, zurück: je begabter und tiefer er ist, desto mehr deckt sich das, was er von sich verlangt, mit den Forderungen der Allgemeinheit. Was er meint, kann er, wie er es letztlich meint, erst sagen, nachdem er eine Form gefunden hat, die von außen her betrachtet, als strenges Gesetz wirkt.

Nun aber können wir auch sagen: wie sollte es anders sein? Nur als geprägte Form erhält sich Lebendiges überhaupt. Besinnen wir uns auf den Eingangsvortrag zurück. Alles Wirkliche erscheint dem Verstand als Gesetzes. Zusammenhang, sowohl das aus Notwendigkeit wie das aus Freiheit gewordene und werdende. Beim Leben erfährt dieser allgemeingültige Satz die Spezifizierung, daß jedes einzelne Lebendige in erster Linie eine Ganzheit ist, sonach eine gesetzmäßig zusammenhängende Einheit in der Vielheit, ein richtiger Mikrokosmos im Makrokosmos; hier sind nicht, wie in der anorganischen Natur, wo die großen Gesetze der Mechanik das vom Menschenstandpunkt Geordnete und Ungeordnete gleichsinnig regieren, Chaos und Kosmos eines Sinns, sondern das Lebendige ist ein Kosmos, oder es ist nicht. Beim freien Schaffen des Menschen nun handelt es sich einerseits um ein Herausstellen der seinem Geistwesen immanenten Gesetze, wie bei der Mathematik, andrerseits um ein Fortführen der organischen Schöpfung auf besonderer Ebene2. Deshalb ist auch eine Geistesschöpfung ein Kosmos, oder sie ist nicht; d. h. sie lebt nicht, welcher Satz seine Wahrheit vom Standpunkt des Schöpfers dadurch erweist, daß dieser genau fühlt, daß er, wo sein Werk nicht formvollendet ist, den Sinn, den er meint, in der Erscheinung nicht vollständig verkörpert hat, und vom Standpunkt der Außenstehenden dadurch, daß die nicht formvollendete Schöpfung nicht lebendig wirkt. Nun gibt es Ästhetiker, die das Lebendige in Funktion der Vitalität verstehen, was sie denn folgerichtig zur Normfeindschaft führt, insofern der Lebensstrom als solcher alle Grenzen durchfließt. Allein sie irren, denn unterscheidet man innerhalb der Äußerungen des Lebens überhaupt, dann gilt die Differenzierung Palágyis und Klages zwischen Vitalität und Geist, nur nicht in des letzteren Wertbetonung, sondern insofern, als Geist dem Vitalen erst den Sinn gibt. Da setzt denn das Korrelationsgesetz vom Sinn und Ausdruck ein, und aus dessen Gültigkeit folgt die supreme Wertbedeutung von Form und Norm. Das Vitale muß durch den Geist — ob dieser bewußt oder unbewußt waltet, bleibt sich gleich — gestaltet sein, um auch nur seinen biologischen Sinn zu erfüllen. Nun, damit wäre die Norm wohl als supremer Lebenswert erwiesen. Was auf der Ebene möglicher Geistesschöpfung besagt: das Vollendete ist immer zugleich allgemeingültig, denn es ist vorbildlich. Deshalb gibt es kein menschliches Ideal und kann es keines geben, das nicht den so verstandenen Normbegriff voraussetzte und einschlösse. Schönheit bedeutet Vorbildlichkeit und folglich Norm, Wahrheit, Güte ebenfalls. Es ist unmöglich, diese Ideen ohne Anerkennung des Werts der Norm auch nur zu denken. Während im Reich der Erfahrung alle lebendige Wirklichkeit beweist, daß Normfeindschaft dem Sinn der Schöpfung widerspricht, d. h. dem Sterben zuführt und nicht dem Weiter- und Höherleben.

1Vgl. über die entscheidende Bedeutung des Übertragbarkeitswerts meine Studie Die begrenzte Zahl bedeutsamer Kulturformen in Philosophie als Kunst.
2Vgl. die Ausführung dieser Gedankengänge im Kapitel Harmonices mundi meines Gefüge der Welt.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
II. Erfindung und Form
© 1998- Schule des Rades
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