Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

II. Erfindung und Form

Sinn und Stil

Doch das Vorhergehende lehrte uns nur, daß Formlosigkeit dem Sinn des Lebens überhaupt widerspricht und alle Ideale den Normbegriff einschließen. Warum gilt das Gesetz der Form gerade beim freien Schaffen am auffälligsten? Warum erscheint die Kunst gegenüber dem Leben als das Formstrengere? Auf Grund des bisher Festgestellten können wir nur so viel sagen, daß der Mikrokosmos des Kunstwerks ein kleinerer ist als der des Lebens, und insofern der übersichtlichere; so könnte es wohl sein, daß dessen Gesamtbild, von entsprechender Warte überschaut, sich als ein ebenso Formvollendetes erwiese, wie eine Bachsche Fuge. Doch so allgemeine Erkenntnis kann nicht als befriedigende Antwort auf die Frage der Sonderbedeutung der strengen Kunstform gelten, die sich als ganz bestimmte im Rahmen des Gesamtlebens stellt. Wir müssen deshalb das Problem nicht allgemeiner, sondern enger fassen. — Besinnen wir uns auf einige zum Teil schon angeführte Erfahrungssätze, die ich hier nicht näher ausführen will: kein großer Geist war je stillos; nur gutgeschriebene Bücher leben fort; keiner kann sich frei äußern, bevor er seinen persönlichen Stil entdeckte; gleichsinnig drückt sich der Einzelne desto leichter persönlich aus, je vollendeter verkörpert der Geist seiner Sprache ist. Wie sollen wir das, über unsere bisherigen Ergebnisse hinaus, verstehen? — Betrachten wir die vollkommenste aller Künste, die Musik.

Victor Goldschmidt hat nachgewiesen, daß eine Musikschöpfung, je klassischer sie ist, desto mehr die gleichen Rhythmen verkörpert, die die Beziehung der Planeten zueinander regeln und in mathematisch möglicher Umdeutung alles in Zahlenverhältnissen darstellbare und rhythmisch bewegte Naturgeschehen, so z. B. das Verhältnis der chemischen Elemente zueinander in deren periodischem System1. Dies hat in der Natur, wo nicht minder wie im Leben im Übergang alles nur mögliche geschieht, den Sinn, daß nur das währt, was bestimmten Relationen entspricht. Was es nun auf dem Gebiet freien Schaffens, das allein wir heute betrachten wollen, bedeutet, wird uns am schnellsten klar, wenn wir den von Goldschmidt entdeckten Tatbestand mit drei anderen zusammenschauen. Die tiefsten Wahrheiten, z. B. die des Christentums, sind die allgemein­verständlichsten, denn sie betreffen die reale Tiefe jedes und sind auf die einfachste Weise darstellbar — man denke an die Gepflogenheit Jesu, sein Gotteswissen im Gleichnis alltäglicher Begebenheiten auszudrücken. Die tiefste künstlerische Intuition verträgt sich nicht allein mit der allerstrengsten Form, sie verlangt sie offenbar; man denke an Bach, dessen gewaltigste Schöpfungen die Einfachheit und Präzision von Fingerübungen haben, an die Sonette Dantes, Petrarcas. Endlich: der Mächtigste erscheint am freiesten, dessen Machtbefugnis allen einmal vorhandenen Bindungen am vollständigsten Rechnung trägt. Nun, der gemeinsame Sinn dieser Tatbestände ist der folgende: der Freie kann sich unter allen Umständen nur mittels des Vorhandenen gemäß dessen Normen ausdrücken. sintemalen er, so frei er sei, empirisch betrachtet nur ein winziger Teil des Kosmos ist, welcher vor ihm und oberhalb seiner besteht, in den er eingebettet ist; da sogar in bezug auf ihn selbst nicht das Ich, von dem allein aus der Freiheitsbegriff Sinn hat, das Primäre ist, sondern das Es, das nach eigenen festen Gesetzen wirkt, so ist klar, daß der Mensch genau in dem Maß und Grad von den kosmischen Normen unabhängig wird, als er sie nicht ignoriert, sondern beherrscht.

Man marschiert im Takt: es geht am leichtesten, denn dieser Rhythmus ist allen Sondergesetzen des Körpers gemäß. Eine Melodie trage den Eigengesetzen von Rhythmus, Harmonie und Kontrapunkt vollkommen Rechnung: das Ohr folgt wie von selbst. Eine Gedankenkette sei vollkommen logisch: sie leuchtet unmittelbar ein, denn so entspricht sie der Eigenbewegung des Denkens. Ein lyrisches Meisterwerk löst wie unvermeidlich die Gefühle und Stimmungen, deren Zusammenhang es darstellt, im gleichen Leser aus, der sie von sich aus nie erleben würde: es sagt Einziges vermittels der Eigenlogik der Gefühle. Spricht ein Meister des Worts, so bekennt jeder, anders und besser könnte es nicht gesagt sein: das bedeutet, daß jener das Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck, das absolut gilt, vollkommen beherrscht. Es müssen sämtliche Gesetze des inneren Menschen sowohl als der Natur befolgt sein, damit das, was frei ist, sich unbehindert äußern könne. Daher kommt es, daß Form nicht nur bindet, sondern vor allem befreit. Dem Schaffenden bietet sie gleichsam den Schienenstrang, auf dem sein Fahrzeug ins Unbegrenzte hinausstreben mag; der Aufnehmende aber nimmt am gleichen kosmischen Rhythmus durch Einfühlung in sie teil und wird dadurch gleichsinnig frei.

Demgegenüber wirkt kein Formloses befreiend; demgegenüber sieht sich jeder Formfeind wieder und wieder zur Ohnmacht verurteilt oder besiegt. Alle Wirklichkeit ist eben wesentlich normiert. Wer die jeweils waltenden Gesetze nicht anerkennt, mag sich innerlich noch so frei fühlen — im Ausdruck befindet er sich Schritt für Schritt behindert. Entweder die Gesetze der Sprache sind gegen ihn, so daß er sich nicht verständlich machen kann, oder die des Gemeinschaftslebens, oder die seiner Triebnatur, der Außenwelt; oder es befällt ihn wieder und wieder Mißgeschick, insofern ihm passiert, was seinen Freiheitsdünkel ad absurdum führt. Nirgends vielleicht erweist sich der paradoxale Charakter der Wirklichkeit gleich extrem: wer sich gegen das Dasein von Gesetzen sträubt, vereitelt gerade die Möglichkeit der Freiheitsbetätigung. Die eine Ausnahme, die man hiergegen geltend machen kann, ist nur eine Scheinausnahme: ich meine den Verzichtenden, Entsagenden. Einer mag sich allerdings aus der Wirklichkeit zurückziehen, und tut er dies, dann braucht er deren Normen allerdings keine Rechnung mehr zu tragen, wie denn die indische Gesellschaftsordnung den Asketen aus allen ihren Bindungen selbstverständlich entläßt und ihm sogar Überlegenheit über den Unterschieden von Gut und Böse zuerkennt. Aber Entweltung und Entwirklichung gelingt andererseits allein bei desto strikterem Einhalten der diesen Prozeß regierenden Gesetze. Niemandes Leben erscheint gebundener als dessen, der nach Befreiung von den Erdenbanden strebt. Wer aber die Gesetze dieser Erde nicht anerkennt, und doch innerhalb ihres Treibens auf sie wirken will, dem gelingt es, wie wir sahen, nie; nie wenigstens in gutem Sinn. Was er weiß, ist so nicht übertragbar, seine Erkenntnisse sind so nicht anwendbar; was ihn auf seinem Wege fördert, hilft dem Weltzugekehrten nicht. Ja, was von seinem Standpunkt als unbedingtes Gebot erscheint, führt in der Anwendung auf jenen geradezu zur Verschlimmerung des Lebenszustands. Dies erweist sich schon bei dem, dessen inneres Gesetz nicht-Handeln und nicht-Widerstehen dem Bösen verlangt: lebt dieser in der Welt und ist nicht schon so weit, daß sein nicht-Handeln das desto stärkere Eingreifen höherer Mächte beschwört, dann stiftet er immer wieder objektiven Schaden, setzt er sich immer wieder objektiv ins Unrecht, denn dieser Einstellung Naturgrundlage ist Weichheit, und diese äußert sich, falsch angewandt, nicht nur als scheinbare, sondern wirkliche Feigheit.

Der Anarchist, der die Welt verbessern will, ist vollends ein sinnwidriges Phänomen. Grotesk zumal ist dessen häufige Anmaßung, daß er allein recht hätte und das Weltall unrecht. Hier muß sich der Mensch entscheiden: entweder er entsagt der Welt im weitesten Sinn, dann bleibt ihm als unterste Möglichkeit vollkommene Isolierung, als höchste vollkommenes Freiwerden vom Erdenbann — und um dieses Ziel zu erreichen, muß er die strengsten Normen einhalten. Oder aber er will innerhalb dieser Welt wirken: dann muß er deren Gesetze befolgen. Für den Schaffenden nun kommt einzig die zweite Alternative in Betracht. Er muß sämtliche Normen möglicher Wirkung beherrschen, indem er ihnen folgt. Er muß als Denker verständlich, als Staatsmann Realpolitiker, als Dichter Meister des Verses sein. Und in je weiterem Umfang er den Gesetzen der Wirklichkeit Rechnung trägt, desto mächtiger sein Werk. Woher die unvergleichlich größere Wirkung Goethescher Dichtung gegenüber allen anderen in Deutschland? Man analysiere eins der vollkommensten seiner Gedichte, den Fischer: hier greifen mindestens fünf Reihen befolgter Gesetze harmonisch ineinander: die des Gedankens, der Gefühlsfolge, des sprachlichen Rhythmus, der Triebverknüpfung im Unbewußten und der kabbalistischen Buchstabenverteilung. Was die beiden letztgenannten betrifft, deren Nachweis viele überraschen dürfte, so läßt sich das ganze Gedicht unter anderem auch psychoanalytisch als sinnvoller Zusammenhang vollständig deuten und spiegelt sein Buchstabengehalt, in entsprechender Wortwahl verkörpert, wieder einen anderen Sinn vollkommen wider. Bei dem, was Psychoanalyse herausliest, handelt es sich aber um die Naturuntergründe alles Geisteslebens, und bei der kabbalistischen Deutung um die Wurzeln aller nur möglichen Gedankenbedeutungen; denn der Buchstabe war vor dem Wort da und bedeutet insofern die Keimzelle des verwirklichten Sinns.

So beherrschte denn Goethe eine ganze Skala kosmischer Normen auf einmal; überall schwingen Grund-, Unter- und Obertöne bei ihm harmonisch, weshalb es nicht ausbleiben kann, daß seine Dichtung eindringlicher wirkt als die jedes weniger überlegenen deutschen Dichters. Wirken kann eben nur, wer die kosmischen Gesetze beherrscht, indem er sie befolgt, so wie der Techniker den Blitz zum Diener macht. Daher denn die ausschlaggebende und letztentscheidende Bedeutung der Form. Nur die magische Formel schließt die Tiefen der Seele auf, wie das Sesam, tue dich auf des Märchens den Felsen, denn nur sie, die allen Gesetzen der Seele Rechnung trägt, setzt deren Gefüge in gewollter Richtung in Bewegung. Überall aber erweist sich das Elementare als das Bedeutsamste. Beim Schriftsteller ist richtige Interpunktion, richtige Verteilung der Alineas fast wichtiger als richtige Wortwahl. Bei unseren Tagungen kommt es auf die richtige Einstellung des Gesamtthemas, die richtige Auswahl der Fragestellungen und deren strikte Einhaltung weit mehr als darauf an, was in den Vorträgen im einzelnen gesagt wird, so sehr, daß ich mich um den letzteren Punkt kaum kümmere, weil ich nie zu fürchten brauche, daß die Sondergedanken der Redner, falls sie nur die Fragestellung genau einhalten, die Einheit des Zyklus sprengen könnten. Die Welt ist eben durchaus artikuliert; sie ist insofern, wie ich es manchmal ausdrückte, die Sprache Gottes und die mögliche Sprache des Menschen. Sagen kann dieser Eigenes nur dann, wenn er sie kennt und beherrscht. Sie aber ist wesentlich, als ein geordnetes Ganzes, eine Dichtersprache. Daher die Würde und Erlösungsfähigkeit der Poesie: indem sie mittels kosmischer Normen Persönliches ausdrückt, macht sie das Kosmische menschlich.

Was nun vom Schöpfer in bezug auf den Kosmos gilt, gilt desto mehr in bezug auf seine Mitmenschen. Die soziale Bedeutung des Einzelnen beruht durchaus darauf, daß er die Normen, welchen alle gehorchen, so beherrscht, daß er sein Sein und Können auf sie mittels ihrer übertragen und damit zu deren Organ werden kann. Die möglichen Ausdrucksmittel für das Reinpersönliche, die Gedanken- und Gefühlsarten, die spezifischen Empfindungen, Interessen und Grundrichtungen des Lebens sind allen Menschen gemein. Hier handelt es sich um Gegebenheiten vor aller möglichen Erfindung und Willkür, wie uns denn Driesch wieder einmal in Erinnerung brachte, was Lichtenberg zuerst erkannt hatte, daß nicht eigentlich wir denken, fühlen usw., sondern, daß es in uns denkt, fühlt usf., und daß das Bewußtsein nichts eigentlich tut, sondern nur hat. Auch dem Grade des Habens nach unterscheiden sich die Menschen weniger, als es den Anschein hat, denn unbewußt weiß und kann jeder viel mehr, als dem reichsten Geiste je ins Bewußtsein einfällt; wozu das Weitere kommt, daß wer am meisten hat, oft am wenigsten für andere bedeutet, weil er es nicht ausdrücken kann. Die Bedeutung für andere dessen, was einer hat, beruht aber ausschließlich auf seiner Ausdrucksfähigkeit. Daher die Bedeutung Spezifischer Begabung. Der Maler sieht zwar besser, was andere auch sehen mögen, doch nicht deswegen schätzen wir ihn: wir tun es, weil er uns selber besser sehen macht, und zwar sowohl das, was vor uns, als was in uns liegt; deshalb widerspricht der ideale Sinn der Kunst der hier gegebenen Deutung nicht. Im gleichen Verstande ist der große Geist wesentlich Wecker. Sagte er absolut Neues, Einziges, dies ginge niemand an. Sein ganzer sozialer Wert beruht darauf, daß er klar auszusprechen weiß, was alle im tiefsten wissen — sonst verstände ihn niemand je —, und zwar in so allgemeingültiger, d. h. den fraglichen objektiven Gesetzen gemäßer Form, daß seine Begriffe den anderen zu Organen werden. Woraus denn folgt, daß keiner mehr als anregen kann, daß der geringste lebendige Anreger für die Gemeinschaft mehr bedeutet als der scharfsinnigste Begründer und Ausarbeiter, dem diese Gabe fehlt. Andererseits wiederum ist der allein zu wecken fähig, der die Gesetze des Allgemeingültigen beherrscht und dadurch mit seinen Mitmenschen sowohl als mit dem Kosmos in Einklang steht. Dies gilt auf höchster Stufe vom großen Menschheitsführer, dem Verkörperer der Weltüberlegenheit. Kann dieser unmittelbar, auf die Art des chinesischen Wu Wei, im größten Stile in die Ferne wirken, so liegt dies daran, daß er sämtliche Gesetze der Erde im selben Sinn beherrscht, wie der Meisterdichter die des Sonetts.

Hieraus ergibt sich denn die zusammenfassende Formel: je größer ein Meister, desto allgemeingültiger und deshalb persönlicher ist seine Form. Nur wer sich allgemeingültig ausdrücken kann, nur dessen Persönliches ist in voller Freiheit äußerungsfähig. Dies gilt vom Klassiker. Der Sinn von dessen Stil ist mit den üblichen kunstkritischen Begriffen nicht zu fassen, denn er liegt jenseits aller kulturellen Bedingtheit. Klassiker ist, wer Material und Form spielend beherrscht. So erscheint beim Idealbild des chinesischen Weisen alle Tiefe zur Anmut sublimiert. So sind Bachs Fugen unter anderem die besten Fingerübungen; sämtliche Schulregeln hielt dieser größte Musiker ein, und wirkt doch persönlich, wie es kein zweiter tut. So sind die Kurven des Parthenons Idealausdrücke architektonisch-mathematischer und perspektivischer Zweckmäßigkeit. Und von hier aus wird uns der groteske Charakter des modernen Stümpertums, das alle Form verachtet, weil es zu keiner fähig ist, nahezu schreckhaft offenbar. Die strenge Form stehe im Gegensatz zum wahren Leben? Man zeige mir eine einzige Pflanze, ein einziges Tier, und sei dies ein Tiefseefisch, dessen Gestalt keine klassische Komposition wäre.

1Vgl. Goldschmidts Buch Harmonie und Komplikation, Berlin 1901, Julius Springer. Die philosophischen Konsequenzen aus seinen Forschungsergebnissen zog zuerst das Kapitel Harmonices mundi meines Gefüge der Welt.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
II. Erfindung und Form
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