Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Grenzen der Menschenkenntnis

Psychologie der Massen

Allein der Schein trügt. Man muß die Frage nur, den besonderen Umständen entsprechend, anders stellen. Zunächst fällt auf, daß aus allgemeiner Menschenkenntnis desto sicherere Urteile fällbar sind, um je mehr Menschen, ob auf einmal oder in der Folge, es sich handelt. Statistik lehrt, daß die Zahl der Verbrechen und Selbstmorde in einem bestimmten Gebiet in hohem Grad konstant bleibt oder aber unter feststellbaren Bedingungen in ebenso konstantem Grade zu- und abnimmt. Die Kriminalistik arbeitet unter der Voraussetzung ganz bestimmter allgemeiner Wahrscheinlichkeiten, deren logisches Netz nur den Ausnahmeverbrecher nicht einfängt. Noch einfacher liegen die Dinge bei der Psychiatrie. Die Psychologie der Massen endlich ist vollends einfach: ein Volk, ein Heer, eine öffentliche Meinung wunschgemäß zu beeinflussen oder deren Reagieren auf bestimmte Einflüsse vorauszusehen, gelingt dem politisch nicht Unbegabten, der die betreffenden allgemeinen Gesetze kennt, mit nahezu mathematischer Gewißheit. Dies liegt daran, daß es sich bei Reaktionen im Großen und ebenso bei typischen Reaktionen, um die Resultanten alles besonderen Seelenlebens handelt, denn alles Denken, Wünschen und Wollen, so kompliziert es sei, verfolgt letztlich die sich ewig gleichbleibenden Ziele des Menschenlebens überhaupt, welche ihrerseits entsprechend wenigen Urtypen qualifiziert in die Erscheinung treten.

Die gleiche Gleichmäßigkeit nun, die sich aus den Gesetzen der großen Zahl ergibt, begegnet uns bei den Elementen des Einzelnen. Alle Menschen haben die gleichen Grundtriebe; deren Gewichtsverteilung folgt ihrerseits wenigen Urtypen. Deshalb kann der Psychoanalytiker in seiner Sphäre grundsätzlich nicht minder unfehlbar urteilen als der Politiker. Danach wären wir denn berechtigt, zunächst den folgenden Satz aufzustellen: Menschenkenntnis nimmt desto mehr den Charakter einer exakten Wissenschaft an, je mehr Menschen es auf einmal oder in der gleichen allgemeinen Hinsicht zu beurteilen gilt, und um je Elementareres es sich im Einzelfalle handelt. Was den letzten Punkt betrifft, so sei neben dem Analytiker auf den Verführer hingewiesen: wer überhaupt die Gesetze erotischen Werbens instinkthaft kennt, dem widersteht, wenn er es darauf anlegt, so leicht keine Frau.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Grenzen der Menschenkenntnis
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME