Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Grenzen der Menschenkenntnis

Manifestationen der Psyche

Hier wären wir denn beim Kern des Problems angelangt. In bezug auf jedes Niveau haben die gleichen Tatbestände einen anderen Sinn; sie können Oberflächliches, Tiefes, Sublimes, Obszönes bedeuten. Aus den Tatsachen selbst ist das Niveau nie zu erschließen. Wer es erkennt, legt es den Tatsachen recht eigentlich selbst zugrunde, denn alle Sinneserfassung kommt durch freie Sinngebung, von innen nach außen zustande. Wie soll einer nun den Tatsachen einen Sinn geben, welchen er selbst, von sich her, gar nicht kennt? Er braucht ihn zwar nicht als Sein zu verkörpern — unter allen Umständen muß sein Geist ihn vorstellen können, und keines Vorstellungsvermögen reicht über die Möglichkeiten seines psychischen Wesens hinaus.

Die Selbstdarstellung im wirklichen Leben ist nämlich nur eine unter anderen und nicht immer die geglückteste; was einer erfinden kann, gehört notwendig mit zu ihm. Shakespeare war, als psychische Anlage, alles das, was er als Dichter herausstellte, mochte er als lebendige Wirklichkeit tief unter seinen Erfindungen stehen. Das bedeutsamste Ergebnis der Tiefenpsychologie ist ja gerade dies, daß wir nicht entfernt unser ganzes Wesen bewußt und praktisch ausleben und daß ein annäherndes Gesamtbild dieses erst gewonnen wird, wenn es sämtliche Manifestationen des Psychischen zusammenzuschauen gelang. Damit hätte denn abstrakte Betrachtung zur Bestätigung dessen geführt, was von jeher Erfahrungstatsache war; nur mit dem Gewinn, daß jetzt das Wirkliche zugleich als notwendig einleuchtet. Nur der Große kann den Großen wirklich verstehen, nur der Kleine den Kleinen. Der zweite Teil des letzten Satzes erfordert allerdings eine Einschränkung insoweit, als vom hohen Niveau aus alle niederen grundsätzlich überschaubar sind; ein Großer ist ja nichts anderes als die Zusammenfassung einer Mehrzahl von Geringen zu einer Einheit höherer Ordnung, weshalb es wieder und wieder so scheint, als könne jener auch diese vollkommen verstehen. Theoretisch, im Nachdenken oder Nachdichten, ist dies auch der Fall.

Dennoch bleibt wahr, daß der Mensch nur Niveaugleiches ganz versteht, weil lebendiges Verstehen ein Akt konkreten Lebens ist, den theoretisches Wissen als solches kaum beeinflußt. Nur was einer unwillkürlich kann, so wie er unwillkürlich lebt, kann er tatsächlich. Unwillkürlich nun deutet jeder das ihm äußerlich Begegnende vom Standpunkt seines persönlichen Niveaus, weshalb der Große den Kleinen unwillkürlich überschätzt und dieser jenen unterschätzt. Daß dem tatsächlich so ist, wird dadurch unmittelbar bewiesen, daß alle Außergewöhnlichen an den Menschen typischerweise enttäuscht sind — denn Enttäuschung ist nur als Ausdruck von Falschverstehen möglich —, und daß alle Mittelmäßigen im Verstehen der Großen ebenso typischerweise versagen. Denn deuten jene diese — um nur den letzten Teil des Satzes zu erläutern —, sobald die Frage des Neides ausgeschaltet ist und die geistige Selbsterhaltung, statt dessen, unbedingte Anerkennung verlangt, auf die übliche Weise zu Halbgöttern und Göttern um, für die kein abstrakter Superlativ zu groß ist, so beweisen sie damit vollends ihre Verstehungsunfähigkeit. Solche Geschöpfe, als welche sich Goethe, Cäsar u. a. im Spiegel verehrender Durchschnittsköpfe darstellen, gab es nie und kann es gar nicht geben, denn sie sind Schemen, keine Menschen von Fleisch und Blut. Damit wären wir denn zur Feststellung des eigentlichen Grundsatzes des Menschenverstehens gelangt. So sehr jeder praktische Menschenbeurteilung im Sinn des Staatsmanns lernen kann und sollte, so gewiß jeder sich grundsätzlich zum Analytiker ausbilden kann, so unbedingt muß jeder als Axiom gelten lassen, daß er nur dessen Wesen lebendig zu verstehen fähig ist, dessen Wesenszentrum innerhalb der Grenzen seines persönlichen Fassungsvermögens liegt. Weshalb jeder, so oft er zu verstehen beansprucht, zunächst die Frage stellen und richtig beantworten muß, auf welchem Niveau das betreffende Wesen steht.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Grenzen der Menschenkenntnis
© 1998- Schule des Rades
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