Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Grenzen der Menschenkenntnis

Deutung ist Kunst

Zum Abschluß dürfte es angezeigt sein, die Menschenkenntnis im Zusammenhang möglichen Menschenkönnens richtig einzustellen. Da gilt denn die Bestimmung: sie ist letztlich eine Kunst insofern, als Wissenschaft auf diesem Gebiete nur aus richtig instrumentierter Kunst hervorgehen kann. Der Kunstbegriff verträgt vom Standpunkt der Sinnesphilosophie, wie ich im Aufsatz Philosophie als Kunst im Buche gleichen Namens näher ausführte, die Beschränkung seines Gültigkeitsbereiches nicht, die dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht. Was einer persönlich kann und von anders Beanlagten nicht zu erlernen ist, ist, vom Sinn her beurteilt, unter allen Umständen Kunst. Schon vom naturwissenschaftlichen Experimentieren gilt dies, noch mehr vom ärztlichen Heilen. Das Erkennen und Verstehen des Menschen nun ist vollends Kunst. Hier gibt es überhaupt keine Regeln, die an sich zur Erkenntnis führten. Die aus der Erfahrung nachträglich freilich zu abstrahierenden bewähren sich immer nur bei dem, der sie persönlich anzuwenden weiß, wie schon kein Musiker je durch die Kenntnis von Harmonie und Kontrapunkt als solche zum Komponisten ward. Versteht einer die Regeln persönlich anzuwenden, dann bewähren sie sich freilich. Am deutlichsten zeigt dies die Graphologie, weil ihr Weg zur Menschenkenntnis den verhältnismäßig objektivsten Charakter trägt. Es zeigt sich aber nicht minder bei der Phrenologie, der Chiromantik, der Kabbalistik und Sterndeutung.

Die entscheidende Frage ist allemal die, ob einem bestimmten Menschen eine bestimmte Zeichensprache liegt. Ich kenne solche, die aus dem Horoskop genau so sichere Folgerungen ziehen wie schon aus der Handschrift. Ich kenne andere, denen die Befolgung kabbalistischer Tradition zu geradezu wunderbaren Einsichten verhalf. Dies beruht darauf, daß die betreffenden Menschen durch ein bestimmtes, an sich mögliches Koordinatensystem, das aber nur dem nützt, dessen besonderer Anlage es entspricht und der es entsprechend anzuwenden, d. h. mittels desselben freiwählend den gegebenen vieldeutigen Zusammenhang auf das jeweilig einzig richtige Bezugszentrum zu beziehen weiß, ein ursprüngliches Können ausüben. So prophezeit auch das chinesische Buch der Wandlungen meiner Erfahrung nach in jedem Falle richtig, wo ein Könner es den Regeln entsprechend aufschlägt — doch nur in ihm allein. Ich stelle absichtlich die als möglich anerkannten Wege zur Menschenkenntnis mit den von den Meisten als absurd verworfenen auf eine Ebene, weil es sich tatsächlich um gleichsinnige handelt. Es gelangt da sogar nur der Analytiker zu richtigen Deutungen, welcher diese aus der Unzahl der möglichen selbsttätig auszuwählen weiß. — Hieraus folgt denn für die Menschenkenntnis im allgemeinen als letztes Wort: ihr sind die Grenzen unabänderlich gesteckt, welche die Wissenschaft hindern, von sich aus zur Kunst zu werden.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Grenzen der Menschenkenntnis
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME