Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Der natürliche Wirkungskreis

Anmaßung und Bescheidenheit

Zum Schluß noch einige praktische Winke und Ratschläge. Die wichtigsten Hindernisse sinngemäßen Verhaltens zum Mitmenschen sind Machthunger und Neid. Und beide sind, wo sie vorliegen, so starke psychologische Mächte, daß ihnen idealistische und moralistische Erwägungen wenig anhaben. Der Machttrieb wächst zwangsläufig mit der Macht, wie die Pflanze bei Sonnenschein und Regen. Wo nicht ebenso physiologisch wirkliche Verhältnisse seine Hypertrophie verhindern, handelt es sich um organisches Schicksal, dem noch kein Aufsteigender entging. (Hier liegt ein Hauptrechtsgrund angeborener Stellung: der geborene Herrscher allein erscheint vor einer Hypertrophie des Machttriebs physiologisch gesichert.)

Und Gleiches gilt mutatis mutandis vom Neid. Alles Leben erhält sich, so oder anders, auf Kosten anderen Lebens; gegen diese Tatsache moralisch anzukämpfen, ist sinnwidrig, denn beim Daseinskampfe handelt es sich eben um ein Urphänomen. Neid entsteht nun, als psychologische Tatsache, zwangsläufig, wo immer Minderwertigkeitsgefühl und Billigkeitserwägungen zusammen die Rolle entscheidender Motive spielen1. Unter diesen Umständen gibt es offenbar nur einen Weg, dem Unerwünschten zu steuern: seine Grundlage anzuerkennen und dafür Sorge zu tragen, daß sich die gleichen Kräfte, die, sich selbst überlassen, zu Unerwünschtem führen, Erwünschtes zeitigen. Woraus sich denn die folgenden Grundsätze ergeben. Erstens: es ist als einzig möglich und richtig anzuerkennen, daß das Selbstbewußtsein das Sein zu spiegeln hat; zu tadeln ist einzig die Nichtübereinstimmung von Vorstellung von sich und Darstellung und Sein. Insofern ist vom Bedeutenden ebenso selbstverständlich starkes Selbstbewußtsein, wie vom Unbedeutenden Bescheidenheit zu verlangen.

Tatsächlich wußte jeder Große genau, wie groß er war. Und die Tatsache, daß keinem Großen der christlichen Ära, der nicht überdies machiavellistisch schlau war, der Vorwurf der Anmaßung erspart ward, beweist in meinen Augen abschließend, daß jeder Große sich naturnotwendig groß fühlen muß: täte er es nicht, so wäre er entweder nicht groß oder aber falsch. Andererseits vernehmen wir die gleichen Vorwürfe in der Antike, die keine christlichen Demutsvorurteile hegte, nur ausnahmsweise: dies scheint mir zu beweisen, daß eben die Forderung, daß der Große klein tue, zu anmaßendem Gebaren führt. Jeder begabte Jüngling ist ja anmaßend im Vergleich zum gemachten Mann: er usurpiert das, was ihm als Anerkennung vorenthalten wird, und fühlt sich dazu auch berechtigt, insofern das, was er einmal leisten wird, schon in ihm liegt und das Sein letztlich entscheidet. Unter diesen Umständen besteht die beste Vorbeugungsmaßregel gegen Anmaßung offenbar darin, dem Menschen nicht allein das, was er wirklich ist, sondern auch das Bewußtsein dessen als selbstverständlich berechtigt zuzugestehen.

Könige und andere Hochgestellte sind nie anmaßend: sie sind, im Gegenteil, aus natürlichem Drang, auf extremes Geltenlassen anderer und ebenso extreme Höflichkeit bedacht. Hier liegt also alle Schuld bei den Vorurteilen der Bescheidenheit und Demut. Diese sind rein ressentiment­bedingt. Das beste Gegenmittel gegen die Anmaßung dürfte insofern nicht im Siege des Bescheidenheits­gedankens liegen, der bis zum jüngsten Tag, gemäß dem guten Sprichwort, nur im Lager der Lumpen zu gewärtigen steht, sondern darin, daß jeder, der vom Tüchtigen Bescheidenheit in dem Sinn verlangt, daß er sich nicht für mehr halte als der andere, von der öffentlichen Meinung von Hause aus als das, was er wirklich ist, nämlich als Ressentimentheld, etikettiert würde, welche Forderung heute, wo die Grunderkenntnisse der Psychoanalyse Gemeingut sind oder doch sein könnten, wohl erfüllbar ist. — Aber andererseits liegt wiederum im richtig verstandenen demokratischen Gedanken, als modernem Ausdruck des ursprünglich christlichen, ein Weg zum Heil.

Da der Daseinskampf mit dem Leben selbst gesetzt ist, was jedem auferlegt, im Wettkampf zu erwerben was er ist, so erkennt kein hochgesinnter Mensch unbedingtes Höherstehen bei irgend jemand innerlich an. Er muß das Gefühl haben, daß ihm ursprüngliche Gleichheit zugestanden wird, und dieses kann nur bestehen, wenn entsprechende äußere Formen es gedeihen lassen. Dies leisten denn in erster Instanz demokratische Einrichtungen. Und man schimpfe über deren Nachteile soviel man wolle: es besteht kein Zweifel, daß, wo immer ein Volk wahrhaftig demokratisch ist — was nur von wenigen modernen Demokratien gilt, desto mehr jedoch von dem Zustande der germanischen Freien und der stimmberechtigten Mitglieder der mittelalterlichen Adelsrepubliken —, Anmaßung und Neid in hohem Grad zurücktreten; sie finden eben geringere Nahrung. — Aber äußere Demokratie genügt nicht: im Verhalten von Mensch zu Mensch muß sie durch vollkommene Höflichkeit ergänzt werden, wenn sie zum Aussterben der häßlichen Triebe führen soll.

Könige sind instinktiv vollkommen höflich, denn sie fühlen, daß sie so allein ihre Vorzugsstellung anderen erträglich machen. Gleiches muß nun von allen Menschen gelten. Engländer sind nicht zuletzt darum von allen Westländern untereinander am freiesten von Anmaßung und Neid, weil vollkommene Courtoisie seitens aller zu allen Spielregel ist und keiner sich je berechtigt fühlt, irgendeinem anderen ganz offen die Wahrheit zu sagen, und sei er sein ärgster Feind; keine sachliche Differenz entschuldigt dort je persönliche Unart. Gleichmäßige Höflichkeit schafft in der Tat die eine sinngemäße Gleichung zwischen sonst verschieden Gestellten, die sich jedoch als Menschen gleichwertig fühlen wollen. Wie denn dort, wo Höflichkeit kategorischer Imperativ ist, einmal bestehende Unterschiede selbstverständlich auch äußerlich anerkannt werden; dies illustriert wiederum England und in noch höherem Grade Spanien: spanische Etikette ist in Spanien möglich, und erklärlich, weil jeder Spanier sich als Grandseigneur fühlt, als solcher anerkannt weiß und sich deswegen nichts vergibt, indem er Höhergestellten gegenüber besondere Formen einhält2. — Doch demokratische Verfassung plus Höflichkeit genügen auch noch nicht, um die häßlichen Triebe zum Aussterben zu bringen. Es muß der Daseinskampf als solcher davor bewahrt werden, zum Nährboden des Häßlichen zu werden. Dies gelingt nun einzig und allein dank grundsätzlicher Auffassung seiner als eines Sports. Hier liegt denn der Hauptgrund der englischen Neidlosigkeit, die ihrerseits bedingt, daß England nie ohne berufene Führer ist.

Wird der Daseinskampf, der an sich nie abzuschaffen ist und insofern notwendig Niederlagen bedingt, als Sport aufgefaßt, so folgt daraus, daß Geschlagenwerden nicht erniedrigt, sondern vielmehr ebenso positiv zu bewerten ist wie Siegen, sofern man sich wacker schlug. Hier liegt nun in der Tat die tiefste Sinn-Gebung, die das Natürliche vom Geist auf dieser Ebene erfahren kann. Sieg und Niederlage bedeuten tatsächlich gleichwertige Pole der Lebenswirklichkeit; ja es ist sogar in keinem Einzelfall vorauszuwissen, was für die Dauer günstiger ist: Niederlage oder Sieg, denn jene macht eher Erneuerungskräfte frei. Woraus praktisch freilich keine Rechtfertigung von Masochismus und Defaitismus folgt, denn bewußt soll der Mensch immer nur siegen wollen — die ganze Fragestellung steht und fällt ja mit der Selbstverständlichkeit des Muts —, sondern die Sinnlosigkeit der Scham ob des Geschlagenseins, sofern man sich vor sich selbst nichts vergab. Der Sportsgeist verlangt nun, daß jeder Spieler seinem Besieger innerlich zustimme. Sofern er dies nun tut, identifiziert er sich mit ihm und zentriert sein Selbstbewußtsein damit in der höheren Einheit jenseits der Kampfesebene, die tatsächlich die letzte Instanz des Lebens ist. Insofern ist der Sportlich Gesinnte der metaphysisch tiefste Mensch. Insofern liegt das Heil unserer neiderfüllten Zeit tatsächlich im Sieg des Sportgedankens. Der sportlich Gesinnte allein realisiert auf der Ebene des Empirischen die Wahrheit, daß jeder als Person Organ eines Höheren ist. Hier liegt denn der Sinn dessen, warum den Engländern, so rücksichtslos sie sind, ihr Siegen nie dauernd verübelt wird. Hier der Sinn der allgemeinen Verehrung, welche die großen Griechen ihrer großen Zeit, trotz so vieler Schwächen, seitens der gesamten Nachwelt erfuhren: auch deren Weltanschauung war eben die des Agōn, d. h. des Sports.

Soviel zur äußeren Grundlegung der Anerkennung des natürlichen Wirkungskreises. Für sich allein genügt sie aber nicht: mit ihr zusammen muß ein rein Innerliches hochgebildet werden, damit das mögliche Gute sich nicht ins Häßlichste verkehre: das Bewußtsein der schlechthinnigen Einzigkeit. Jeder Einzelne ist tatsächlich schlechthin einzig. In, sofern hat keiner Ursache, sich mit irgend jemand zu vergleichen. Ruht nun der Bewußtseinsakzent auf der Einzigkeit, dann können Anmaßung und Neid überhaupt nicht hoch kommen, da sie ja sinnlos erscheinen. Hier liegt denn die allerwichtigste Erziehungsaufgabe, die eine durchaus erfüllbare ist. Es sind einfach alle so zu erziehen, wie es bisher nur Edelleute wurden. Kein echter Aristokrat neidet je einem anderen seine Vorzüge. Das ist, weil er sein bloßes Sein als Wert empfindet. Damit hat er nun absolut Recht. Es gibt keine mögliche Instanz jenseits des einzigen Seins. Es ist einzig sinngemäß, sich von Hause aus und in allen Hinsichten des absoluten Werts der Menschenseele, wie der Christenglaube die gleiche Wahrheit faßt, für sich persönlich bewußt zu sein. Dieses Bewußtsein nun kennzeichnet den Edelmann. Dies macht seine absolute Überlegenheit. Dies macht seinen Adel. Insofern nun sollten alle Aristokraten werden. Es gilt gar nicht, der Jugend Bescheidenheit zu inkulkieren, sondern, im Gegenteil, so stolzes Einzigkeitsbewußtsein, das jeder es deshalb verträgt, jeden anderen neidlos gelten zu lassen.

1Vgl. hierzu meinen Aufsatz Gerechtigkeit und Billigkeit im 11. Heft des Weges zur Vollendung.
2Vgl. meinen Aufsatz Spanien und Europa in der Europäischen Revue vom September 1925.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Der natürliche Wirkungskreis
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