Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung

Generosität gegen sich selbst

Die allgemeine Beziehung, die zwischen Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung besteht, dürfte durch diese kurze Betrachtung bereits deutlich geworden sein. Deren Einzelaspekte kann ich hier nicht erschöpfen. Nur zwei von ihnen möchte ich kurz behandeln, weil diese mir bei meiner eigenen Analyse als besonders wichtig aufgefallen sind. Der erste betrifft die Grenzen einer fruchtbaren und förderlichen Analyse überhaupt, sofern nicht Wiederherstellung eines Normalzustandes, sondern Steigerung Ziel ist, und diese nicht dem Nirvana buddhistischer oder dem Jenseits gewisser rein kontemplativer christlicher Mönche zu. Die Analyse darf nie bis zur Ausweidung gehen — und gar zu leicht geht sie so weit. Jede bestimmte Sinnesverwirklichung ist an bestimmte, als solche nicht mehr in Frage gestellte geistig-seelische Voraussetzungen gebunden, genau wie das Leben des Körpers an das heile Vorhandensein bestimmter Organe, die Wirklichkeit eines Gedichts an das als letzte Instanzen anerkannter Begriffe und Bilder, die seine Stimmung zum Ausdruck bringen. Die gemeinten Voraussetzungen können unter Umständen nun sehr wohl, vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, ungelöste Komplexe sein.

In beinahe allen Fällen stammen die Spannungen in einem Menschen von solchen her, ohne Spannung aber gibt es keine Produktivität. Selbstverständlich rede ich hier keiner Erhaltung pathologischer Eigenheiten das Wort, aber wer nur das eine weiß, daß ein Gotteserlebnis den Menschen beinahe ausnahmslos durch das empirische Ausdrucksmittel des Vaterkomplexes überkommt, der wird nicht daran zweifeln, daß Auflösung zur reinen Verdürftigung führen kann; gar zu verschwimmend ist die Grenze zwischen Komplex und Organ, wie denn die meisten nicht ganz bestimmten Instinkte der Tiere, zumal auf dem Gebiet der zwecke mäßigen Angst, offenbar unseren Komplexen entsprechen. Ferner ist zu bedenken, daß die Unterwelt nur eben als Unterwelt am Platze ist, weshalb es grundsätzlich nicht guttut und nur im Ausnahmefall der Notwendigkeit eines gleichsam chirurgischen Eingriffs geraten ist, gewisse Vorgänge ins Bewußtsein zurückzubeziehen, wo aller bisherige Aufstieg gerade darin bestanden hat, daß jene sich immer automatischer erledigen. Man vergesse nie, daß alle Schöpfung aus dunklem Mutterschoß erfolgt und technisch unmöglich wird, sobald dieser herausgekehrt erscheint.

Verdrängung an sich ist überhaupt nichts Krankhaftes; sie ist grundsätzlich ein Ausdruck unter anderen des Tatbestandes, daß der Mensch sich seines ganzen Wesens auf einmal nicht bewußt sein kann; wo nun bestimmte ursprünglich bewußte Teile desselben, auf Grund neuer Einstellung, aus dem Bewußtsein schwinden, dort werden sie, technisch betrachtet, verdrängt. So beruhte alle bisherige Kultur recht eigentlich auf Verdrängung, darunter die letzte unter den modernen, die englische, sogar in extremem Grad; erst auf der jüngst von der Menschheitsvorhut erstiegenen Bewußtheitsstufe wird es überhaupt möglich und zugleich erforderlich, die Lebensganzheit auf vollkommener Erkenntnisklarheit zu begründen. Zu Krankhaftem wird Verdrängung allererst dort, wo zwischen Bewußtem und Unbewußtem lebensfeindliche Dauerkonflikte entstehen. Endlich ist zu bedenken, wie schwer sich die innere Unbefriedigtheit, die Voraussetzung jedes Fortschritts und jedes Aufstiegs, unter allzu glücklichen äußeren Verhältnissen erhält — und zu denen gehört mit in erster Linie die vollkommene psychologische Gesundheit1. Nur ganz ausnahmsweise gehören noch so begabte Vornehme und Reiche zu den Strebenden. Die restlos glückliche Frau entwickelt sich allzuleicht zum Tier zurück. Soll ein Mensch also mehr werden, als er vorher war, und nicht bloß gesund oder glücklich, dann muß man wohl darauf achten, welche Spannungen man ihm löst: es dürfen dies ausschließlich diejenigen sein, die der Höherentwicklung unmittelbar im Weg stehen. Wer hier nicht mit allergrößter Umsicht vorgeht, mag gar leicht das jeweils einzig vorhandene Verwirklichungsmittel geistiger Werte zerstören; die Analyse mag das Gedicht in seine Buchstaben auflösen, wobei das Geheimnis ihres sinnvollen Zusammenhangs verlorengeht. Hierbei kann nun die folgende Regel als bewährt gelten: wo Selbstvervollkommnung in Frage steht, ist Analyse ungefährlich genau proportional der vorhandenen Phantasie, und fruchtbar genau proportional dem Maß, in dem sie die aufgelösten Spannungen nicht endgültig ausgleicht, sondern in höherwertige überführt.

Auch hier, wie bei aller Kultur, kann nie Abbau, sondern einzig Höherbau Ziel sein. Und jede neue Etage der Realität entsteht aus ursprünglich freier Geisteskonstruktion2. Phantasie ist der schöpferische Urgrund aller psychischen Wirklichkeit. Je mächtiger jene, desto mehr losem Material ist sie gewachsen, desto fähiger, jeweils von vorne anzufangen; ein gotthaft schöpferischer Geist dürfte sich deshalb gewiß ohne jede Gefahr in seine letzten Atome zerlegen lassen. Anders steht es mit jedem Menschen, dessen dem Bewußtsein zugänglicher Grund nicht jenseits aller Namen und aller Formen ruht; hier mag ein einziger analytischer Schritt zu weit geradezu die Fortschrittsmöglichkeit verwirken. Denn Fortschreiten findet unabwendbar von einer gegebenen empirischen Basis zu einer anderen statt; wo jede solche verlassen würde (sofern dies möglich ist), entbehrte der Fortschrittsbegriff des Sinns. Daher denn die weitere Forderung, die an die Analyse von unserem Standpunkt aus zu stellen ist, nämlich daß sie keinesfalls endgültig entspannen darf. Empirisch verwirklichtes Leben ist ein Spannungszustand, der als solcher auch dort bestehen bleibt, wo sein Träger sich bewußt entspannt. So kann sein Aufstieg einzig darin bestehen, daß hemmende Spannungen gelöst und solche niederen Grads in andere übergeleitet werden, welche tieferen oder umfassenderen Sinneszusammenhängen zum Ausdrucksmittel dienen können. Auch Komplexe sind ja Ausdruck von solchen, nur ist deren Sinn vom Standpunkt des Seelenganzen meist ein Wider-Sinn. Aber auch sie brauchen letzteres nicht zu sein. Es ist sehr fraglich, ob ein Beethoven, ein Hebbel, ein Nietzsche, von einem Rousseau, einem Strindberg zu schweigen, gerade den Sinn ihres Lebens hätten verwirklichen können, wenn man ihnen ihre Komplexe weganalysiert hätte.

Selbstverständlich schafft vollkommene Seelengesundheit allein ein Werk vollkommenen Einklangs. Aber zum Homer, zum Buddha, zum Goethe ist nicht jeder geboren, über sein persönliches Dharma gelangt doch keiner hinaus3, und mir persönlich ist gewiß, daß die Leistung der zuerst genannten Gruppe unbedingt an deren Unerlöstes gebunden war. Als scheinbar Erlöste wären sie nur unfruchtbar geworden, und Unfruchtbarkeit im Empirischen entspricht im Metaphysischen dem Tod. Deshalb ist Analyse, noch einmal, genau nur insoweit ersprießlich, als sie die aufgelösten Spannungen nicht endgültig ausgleicht, sondern in höherwertige überführt. Hierbei tritt nun praktisch mit geradezu unheimlicher Deutlichkeit die magische Bedeutung des rechten Worts zutage. Es hängt, paradox gesprochen, unmittelbar von der Fähigkeit des Analysators, Zauberformeln zu erfinden, ab, ob die Analyse zur Fort- oder Rückbildung des Seelenkörpers führt. Angesichts der medialen Einstellung, in der sich der Analysand notwendigerweise jenem gegenüber befindet, kann ein Satz, ein Wort zuviel, ein Schritt zu weit, die mögliche Wesensvervollkommnung in Rückbildung verkehren, sei es auch nur, indem es das sich gefährdet fühlende Ich in solche Abwehrstellung drängt, daß sie fortan jedes Fortschreiten von Hause aus vereitelt. Deshalb dürfte, streng genommen, nur der geborene und berufene Magier, d. h. der, welcher das rechte Wort instinktiv im rechten Augenblick findet, das Instrument der Psychoanalyse zu anderen als rein ärztlichen Zwecken verwenden4. Deshalb warne ich jeden ausdrücklich davor, sich zum Zweck der Selbstvervollkommnung analysieren zu lassen, falls ihm kein wahrhaft berufener Führer zur Verfügung steht.

Der zweite Punkt, der mir im heutigen Zusammenhang von Wichtigkeit erscheint, und übrigens mit dem zuerst behandelten so eng zusammenhängt, daß seine Betrachtung die vorhergehende unmittelbar weiterführt, betrifft die Unabhängigkeit der Welt der Werte von derjenigen der empirischen Tatbestände. Hiermit komme ich denn auf das ethische Problem zurück. Grundsätzlich versteht sich besagte Unabhängigkeit von selbst: da alle Tatsachen als solche, auch die psychischen, nur das Weltalphabet betreffen, so besteht selbstverständlich kein notwendiger Zusammenhang zwischen dessen Sosein und dem, was mittels seiner gesagt wird. Aber es bedarf hier doch einiger Sätze besonderer Erläuterung, weil die psychischen Tatbestände schon ihrerseits Sinnesausdrücke darstellen, weshalb nicht von vornherein einleuchtet, inwiefern das Werthafte eines Lebens von empirischen Mängeln unabhängig sein mag. Das Dilemma löst sich so, daß es in Anbetracht der wesentlichen Wandelbarkeit aller seelischen Gestaltung immer möglich ist, einen gegebenen Sinn von tieferem her zu verändern; so wird die kürzlich erst als letzte erscheinende Instanz zum plastischen Ausdrucksmittel.

Indem der Teufel die Metamorphose zu Dionysos zurückerlebt, wird das kürzlich erst Böse buchstäblich gut. Insofern ist das empirische Sosein eines Menschen wirklich letztlich gleichgültig (daher die Grundforderung der Generosität gegen sich selbst, die wir an unsere Schüler stellen): einzig darauf kommt es an, was einer aus seiner noch so unvollkommenen Person gestaltet. Diese Grundeinsicht erfährt nun aber durch die Psychoanalyse eine Zuspitzung, deren Erfahrung mich, als ich sie machte, überraschte: in meinem Fall — und er dürfte für alle Werdenden, im Gegensatz zu den Vollendeten, typisch sein — sind alle geistigen und seelischen Errungenschaften nachweislich unmittelbare Funktionen meiner empirischen Fehler5. Denkt man von hier aus an Freuds reduktives Verfahren zurück, so gelangt man einerseits zu einer vom Wertestandpunkt höchst unerwarteten Bestätigung seiner Ergebnisse, erhalten diese aber andererseits einen ebenso unerwarteten neuen Sinn. Es ist ganz richtig, daß das meiste Werthafte mit ursprünglich Krankhaftem zusammenhängt: doch dies genau nur im gleichen Verstand, wie auch das Entstehen neuen physischen Lebens durch Krankheit hindurch verläuft.

Von einer Harmonie zu einer höheren führt nur die Dissonanz. Deshalb schreibe ich einige von Freuds und Adlers am meisten beanstandeten Sätzen ohne weitere Erläuterung in solcher Umdeutung hin, die sie als durchaus richtig und gültig erscheinen läßt. Allerdings leiden alle Geistigen an Narzißmus — aber dieser bedeutet andererseits das offenbar unerläßliche Verwirklichungsmittel jeder Wertewelt; wer zunächst sich selbst nicht ernster nimmt als alles andere, wird aus sich nie viel machen. Allerdings weisen alle genialen Naturen infantile Züge auf — aber der Infantilismus gewährleistet hier andererseits das Fortleben der kindlichen Schöpferkraft, womit das Christuswort: So ihr nicht werdet wie die Kinder zusammenhängt. Allerdings läßt sich Geltungsbedürfnis als Haupttriebfeder alles Fortschreitens nachweisen — aber ohne solches schreitet keiner fort. Ein nie fehlendes Motiv bei der künstlerischen Darstellung, welche in jedem Falle Selbstdarstellung bedeutet, ist Exhibitionismus. Und so fort. Diese Tatsachen rücken nun die grundsätzlichen Erkenntnisse von Spannung und Rhythmus einerseits in ein neues, helleres Licht, gestatten diese andererseits konkreter zu fassen, als früher möglich war. Dort sagten wir, aller Fortschritt beruhte, psychologisch betrachtet, auf Überkompensation irgendeiner Seite des Geistes- und Seelenlebens, weil der Begriff eines Fortschritts anders als einsinnig und folglich einseitig gar nicht zu fassen sei; dank ihr allein entstehe auch die erforderliche Bewegtheit. Da ferner jeder Einzelne in seiner Anlage notwendig einseitig ist und allseitige Vollendung nicht erreichen kann, andererseits aber integrierender Bestandteil eines allseitigen Zusammenhangs, in welchem das Selbst, im Gegensatz zum Ich, sein verheißenes Zentrum hat, so komme alles darauf an, sich selbst so einzustellen, daß die Einseitigkeit zum Sinnbild der Allseitigkeit werde und der Mensch sich selbst folglich überlegen: darin liege der Weg über die Einseitigkeit hinaus.

Nun, erhalten diese Wahrheiten durch die erwiesene Korrelation von empirischen Mängeln und möglicher höherer Sinnesverwirklichung nicht einen Evidenz­charakter, dessen sie vorher entbehrten? Bei der Vervollkommnung gilt es niemals, durch bloße Abstellung der Fehler Ausgeglichenheit zu erreichen, sondern vielmehr einen höheren, weitere Gebiete umfassenden Spannungsgrad. Eine gegebene Überkompensation darf nie rückgängig gemacht, sie muß durch entsprechende Ausbildung der unentwickelt verbliebenen Seelenteile in eine Harmonie höherer Ordnung übergeleitet werden. Insofern darf nun füglich behauptet werden, daß die Heilaufgabe im Fall des modernen Neurotikers — und wer wäre heute keiner? — nicht die ist, ihn zur Normalität zu reduzieren, sondern ihn zur Darstellung einer höheren Norm hinüberzuleiten; der unharmonische Spannungszustand von heute, welcher sich typischerweise in Neurose äußert, weil diese den normalen Ausdruck eines Gegensatzverhältnisses zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein und zugleich dessen vorläufige Heilung darstellt, bedeutet vom Standpunkt der Sinnesverwirklichung die notwendige Vorstufe des erstrebten höheren und zugleich harmonischeren Spannungszustandes. Aber allerdings nur die Vorstufe.

Wer die obige Bestätigung der Freudschen Auffassung dahin deutete, daß das medizinisch Minderwertige zugleich das geistig Werthafte sei, der mißverstände mich ganz. Die Dinge liegen so (ich wiederhole lieber schon Gesagtes, als daß ich eine Zweideutigkeit bestehen lasse), daß die Urtriebe die Bausteine oder Elemente alles, auch des höchsten irdischen Lebens sind; deshalb kann und muß es jedesmal gelingen, die Spannungen, die sich im Reich des Wachbewußtseins in Sinnesverwirklichung und Werteschöpfung äußern, in den Tiefen der Seele als solche niederen Charakters nachzuweisen; insofern korrespondiert religiöse Spannung zweifellos sexueller, Vervollkommnungsstreben elementarem Machttriebe des Ich, und so fort. Aber das Wesentliche in diesem Zusammenhang ist nicht die Korrespondenz überhaupt, sondern daß sie die Triebkräfte in höhere Zusammenhänge hinüberzubeziehen gestattet. Eben so ist das typische Zusammenbestehen von geistiger Höherentwicklung mit pathologischen Momenten im Triebleben zu deuten. Das Pathologische, im Gegensatz zum Normalen, ist der Ausdruck eines labilen Zustands; eben deshalb ist es Begleiterscheinung aller inneren Veränderung; eben deshalb muß es auch die empirische Basis möglichen Seelenfortschritts kennzeichnen. Aber das Ziel liegt allemal in einer neuen höheren Normalität. Und die jeweiligen Gebrechen und Fehler sind selbstverständlich ein zu überwindendes. Sie werden dadurch ganz von selbst überwunden, daß sie sich mehr und mehr zu ihren höchsten geistigen Korrespondenzen sublimieren.

1Vgl. die Ausführung dieses Gedankengangs in der Einführung meiner Menschen als Sinnbilder.
2Vgl. Schöpferische Erkenntnis S. 479 ff.
3Vgl. hierzu die Ausführungen im Vortrag Indische und chinesische Weisheit der Schöpferischen Erkenntnis.
4Vgl. über den genauen Begriff des Magiers das Kapitel Jesus der Magier meiner Menschen als Sinnbilder.
5Vgl. zur Verdeutlichung dieses Satzes meine autobiographische Skizze, die als Einführung den Menschen als Sinnbildern vorgedruckt ist.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Psychoanalyse und Selbstvervollkommnung
© 1998- Schule des Rades
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