Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Heilkunst und Tiefenschau

Barbarei der Seele

Alles Gesagte ändert natürlich nichts an der ungeheuren Bedeutung der Erkenntniserweiterung, welche wir Freud und seinen Nachfolgern verdanken. Auf diese brauche ich aber, wo ich es oft schon getan habe, nicht mehr einzugehen. Dieses Mal war es mir um die praktische Frage allein zu tun in Zusammenhang mit den Zielen, deren Verwirklichung die Schule der Weisheit anstrebt. Doch damit hier keinerlei Mißverständnis bestehen bleibe, muß ich zum Schluß noch eine rein theoretische grundsätzliche Betrachtung anstellen; ich muß, möglichst scharf, in seinen großen Zügen, das Gebiet umreißen, in dem die Analyse kompetiert, und zugleich zeigen, wo ihre Grenzen liegen. Dabei muß ich natürlich, ohne besondere Erläuterung, die Grunderkenntnisse als bekannt voraussetzen, die in meinen Hauptschriften niedergelegt sind. Also: das Triebleben stellt ohne Zweifel die Wurzel des gesamten irdischen Lebens dar. In ihm liegen alle Urkräfte. Wo des Lebens Wurzel erkrankt ist, erscheint jenes am meisten gefährdet; wo sie im Bewußtsein verdrängt ist, verfügt dieses über seine Hauptkräfte nicht. Andererseits lassen sich durch Wurzelbehandlung auch Erkrankungen von Stamm und Blüte am ehesten von Grund aus heilen, ist Kraftzufuhr zur Wurzel überall vonnöten, wo irgendeine Steigerung verlangt wird.

Nur deshalb kann man durch Ruhe und bessere Ernährung den Geist erholen; nur deshalb hat kein Triebschwacher es je zu einem religiösen Erlebnis gebracht. Nur deshalb und insofern hängt alles irdische Schaffen mit dem irdischen Eros zusammen. Aber die Wurzel des Lebens ist nicht dessen Totalität; sie ist, kosmisch betrachtet, nur dessen Insertions­punkt auf der Ebene der physisch-planetarischen Wirklichkeit, der es wesentlich nicht angehört. Darum bedeutet es grundsätzliches Mißverstehen, im Triebleben des Lebens allgemeinen Sinn oder in der Lösung von Trieb-Problemen die des geistig-seelischen Lebens zu suchen. Wohl ist alle höhere (oder tiefere) Problematik auch im Triebleben enthalten; deshalb ist eine Reduktion aller Probleme auf Triebprobleme scheinbar möglich, deshalb gelingt es wieder und wieder tatsächlich, durch Triebentwirrung die Lösung höherer Probleme einzuleiten. Aber der Tatbestand ist nicht dahin zu verstehen, daß alle Lebens-Probleme nichts als Triebprobleme seien, sondern daß diese zu den anderen und höheren in Korrespondenzverhältnis stehen. Im Sinneszusammenhang des Lebens spiegelt sich alles in allem wider; es ist deshalb ausgeschlossen, irgendeine Frage nicht auf allen seinen Ebenen, in allen seinen Richtungen, dem entsprechenden Niveau gemäß, beantwortet zu finden. Dies Korrespondenzverhältnis äußert sich im normalen Zeitverlauf als Entwicklung des einen aus dem anderen; was im Keim, im Kindesalter rein triebhaft war, wird im Verlauf des Wachstums zu Höherem. Es äußert sich im besonderen Höherentwicklungsfall darin, was die Analyse Sublimierung heißt.

Die Dinge liegen aber deshalb nicht so, daß nun wirklich das Höhere in allen Hinsichten das Produkt des Niederen und dieses deshalb das wahrhaft Wirkliche wäre, sondern daß das Korrespondenzgesetz immer neueren und höheren geistigen Mächten Verkörperung im Erdmaterial ermöglicht. Dieses leuchtet aus der einen Erwägung ein, die zugleich auf die Gefahr des Analytikers als geistigen Führers das grellste Schlaglicht wirft, daß der Analytiker als solcher keine Werte kennt noch kennen kann. Der Sinneszusammenhang auch des Einzellebens hat eben sein Zentrum nicht im individuellen Triebgefüge, sondern im Mittelpunkt des Geisteskosmos, welchen der Gottesbegriff den Meisten am einleuchtendsten bestimmt. Hier haben alle Werturteile ihren Seinsgrund; nur deshalb gibt es Schuld, Reue, Höheres und Niederes. Kein geistiger Mensch fühlt sich befriedigt, wenn seine bloßen Triebe entwirrt sind, nicht mehr, wie wenn sein Körper allein in Ordnung ist: er muß im Sinneszusammenhang richtig eingestellt sein, der eine höhere Wirklichkeit darstellt als der Einzelne — auch deshalb ist Lieblosigkeit schon pathologisch, führt mangelndes Gemeinschaftsgefühl an sich schon zur Neurose —, sein Leben muß nicht allein Sinn sein, sondern einen Sinn haben. Harmonie mit dem tiefsten Weltsinn allein schafft vollkommene Selbstverwirklichung. Nur als Werteverwirklicher fühlt sich der Mensch überhaupt als Sinnerfüller. Hieraus folgt denn das vom Standpunkt unserer heutigen Betrachtungen Entscheidende: Wer das Wesentliche im Triebleben sieht, der mißversteht recht eigentlich Exzentrisches als Zentrum, denn die irdische Wurzel des Lebens ist in bezug auf dessen eigentlichen Sinn ein äußerliches Moment.

Aus diesen Grunderkenntnissen heraus erscheint nun, wie mich bedünkt, das gesamte Problem der Analyse im richtigen Licht. So sicher es ihr gelingt — die Literatur beweist es über allen Zweifel erhaben —, die Trieb-Korrespondenz alles Geistigen aufzudecken; so unbedingt nötig es sei, Trieb­verdrängungen oder -verschränkungen zu heilen, um Kraft für Höheres freizumachen — denn auf Erden steckt in den Trieben alle Kraft —: von der Analyse oder der analytischen Einstellung her ist nicht ein einziges nichtanalytisches Problem zu lösen. Vielmehr kann Analyse genau nur insoweit nützen, als sie sich selbst im Geisteskosmos richtig einstellt. Diese entscheidende Wahrheit verkennen nun, soweit ich sehe, sämtliche bisherigen Analytiker. Am primitivsten äußert sich dies in den Schriften der Freudianer, für die Gott nichts als der Vater oder gar der Phallus ist (das eine Beispiel genüge für alle, die ihm entsprechen), oder in den Erziehungsplänen solcher, welche behaupten, Selbstanalyse sei das Gleiche, wie Katharsis im religiösen Sinn, oder Integration im Sinne Jungs schaffe an sich schon den vollkommen tiefen Menschen. Analyse geht ausschließlich auf Triebhaftes, sie bewegt sich deshalb in genau entgegengesetzter Richtung, wie religiöse Erlösung. Diese nun erstrebt die Einbildung nicht-irdischer Inhalte in das Erdgebundene. Sie will Werte verwirklichen, von deren Wirklichkeit Analyse nichts weiß noch wissen kann. Was viele bei Jung metaphysisch tief finden, ist das Generelle gegenüber dem Individuellen. Und freilich tut es mitunter erlösend wohl, zu den Müttern in diesem Sinn zurückzukehren. Aber die Analyse braucht auch von Werten nichts zu wissen, sofern sie nichts mehr sein will, als sie tatsächlich vorstellt.

Nun wächst sie sich aber immer mehr zu einer allesumfassen-wollenden Weltanschauung aus. Deshalb kann sie, bis daß sie sich bescheiden lernt, vom Geistesstandpunkt nicht scharf genug bekämpft werden. Zur Aufklärung darüber, wie vollständig analytisches Vorurteil einen von Hause aus gutbegabten Philosophen verbilden kann, dient am besten das Studium von August Vetters Kritik des Gefühls (Verlag Niels Kampmann, Celle). Vetter sind Religion und Metaphysik zu überwindende Geistesausdrücke, weil sie auf Überspannungen beruhten; aus dem gleichen Grunde verwirft er den christlichen, den indischen, den barocken Zustand. Nur den klassisch-griechischen läßt er gelten, weil dieser das Höchstmaß verwirklichter Ausgeglichenheit bedeute. Schuldgefühl ist Vetter ein rein Imaginäres, durch Selbstanalyse zu Beseitigendes. Dies alles führt er mit unleugbarem psychologischen Verständnis und achtbarer Logik aus. Ich kann seine ganze Lehre an dieser Stelle nicht wiedergeben. Aber ihren Sinn enthüllt, nach dem bisher Gesagten, der folgende Abschnitt (auf S. 303) mit solcher Deutlichkeit, daß ich das Zitat meinen Lesern nicht vorenthalten mag:

Damit es (zur restlosen Überwindung der Ohrenbeichte und ihrer Äquivalente) kommen könne, muß die Psyche aufrichtig willens sein, von ihren Konflikten befreit zu werden. Alsdann nämlich gelangt sie mit Notwendigkeit zur Erkenntnis, daß alles seelische Leiden nur in ihr selbst begründet sei und sie nur durch sich selbst erlöst werden könne.
Wenn also der religiöse Moralist, genau wie der Neurotiker, nicht zu dieser Selbsterkenntnis und rein psychologischen Einstellung gelangt, so bekundet er damit, daß er in seinen Triebgründen gar nicht von dem quälenden Zwiespalt, dem Schuldgefühl und dem Sündenbewußtsein, durch das er sich interessant macht, loskommen will. Dies ist nun der Fall des Christen, wie auch der aller unpersönlichen Ethiker. Sie brauchen den Spannungsgegensatz, um sich zu fühlen. Aus diesem Grunde suchen oder schaffen sie sich ein selbstloses Ideal, oder einen fremdpersönlichen Götzen, zu dem sie sich in Widerspruch setzen können. Der Fromme steht so in masochistischer Selbsterniedrigung vor seinem Gott — und als Heiliger wiederum in sadistischer Selbstüberhebung vor dem Sünder. Der entfernte Nachklang dieses Spannungsverhältnisses ist zwischen dem Seelenarzt und dem Patienten spürbar, die beide an dem gleichen moralischen Konflikte leiden, nur daß der eine ihn gleichsam in männlicher, der andere in weiblicher Fassung zum Ausdruck bringt. Für beide aber ist das Leiden lustbetont. Deshalb spielen sie mit ihm. Und in dieser Ambivalenz besteht die Religion, wie auch die unpsychologische Moral.

Was sagt der Leser dazu? Ich kenne wenig schiefer Gedachtes und im Ergebnis Flacheres in der Weltliteratur. Es läuft implizite auf eine Negation aller Werte außer dem des Glücks hinaus. Da nun Vetter ein gescheiter Mensch ist, dessen Buch manche gute Einzeleinsicht enthält, so ist sein Versagen desto bedeutsamer: es ist die unvermeidliche Folge der Voraussetzung, daß von der Analyse her irgendein tieferes Problem zu lösen ist, was seinerseits nur auf Grund vollkommenen Verkennens der geistig-seelischen Wirklichkeit möglich erscheint. Vetter gibt ausdrücklich zu, daß es un-sinnliche Wirklichkeit für ihn nicht gibt. Das heißt, er weiß nichts von der sinngebenden Wirklichkeit. Das heißt, er ist im buchstäblichen Sinne terre à terre. Gleiches gilt nunmehr oder weniger bewußt, von allen Analytikern, deren Fall ich näher bedacht habe: sie alle sind Positivisten. Für sie alle ist, was immer sie behaupten, das Natürliche die einzige Wirklichkeit. Von geistigen Wirklichkeiten und Werten wissen sie alle nichts. Und dies muß auch von ihnen gelten, insofern sie sich zur psychoanalytischen Weltanschauung hingezogen fühlen, denn zu deren mechanistischem Charakter gehört eben, daß es nichts eigentlich Neues, Schöpferisches im Leben gibt. Von hier aus erscheint denn der Analytikeranspruch, dem Leben einen neuen Sinn zu geben, nicht nur als widersinnig überhaupt, sondern als Groteske.

Es ist alles richtig, was von deren Seite über die Gebrechen unserer Zeit behauptet wird: daß sie das Triebleben verdrängt hat, daß es dieses neu ins Leben hineinzubeziehen gilt, ja daß dies heute eine genau so wichtige Aufgabe ist wie nach dem analytisch normalen klassischen Heidentum die christliche Vergeistigung. Aber es bedeutet nicht das, was sie behaupten. Die analytische Erkenntnis kann erst fruchtbar werden, wenn sie von der überanalytischen Erkenntnis her, welche allen Dimensionen der geistigen Wirklichkeit Rechnung trägt, in den Sinneszusammenhang richtig eingestellt ward. Indessen aber ist jede Praxis schonungslos zu bekämpfen, die sich aus dem grundsätzlichen Mißverständnis der Analytiker ergibt. Wer andere daraufhin zu lösen unternimmt, daß alles Höhere nur Verkleidung von Triebhaftem bedeutet, der entwickelt den Menschen durch seinen Einfluß zum Tier zurück. Wer dem Menschen sein Schuldgefühl nehmen will, weil es nichts als das Sinnbild ungelöster Spannungen sei, durch die er sich vor sich selber interessant mache, der versündigt sich an seinem spirituellen Kern. Die betreffenden Spannungen, die als solche freilich rein psychologische Gründe haben, sind ihrerseits das Ausdrucksmittel des Widerstreits zwischen empirischem Ich und subjektiv Höherem. Wer alle Spannungen ausgleichen will, bekämpft damit jede Fortschrittsmöglichkeit.

In diesem Zusammenhang wäre Vetter zu entgegnen, daß allerdings kein höherer Mensch in seinem Sinne je seinen inneren Zwiespalt loswerden wollte. Wer in der richtigen Erkenntnis, wieviel Schwindel und Lüge den Verkehr der Menschen untereinander beherrscht, alle geistigen Zwischeninstanzen und Distanzierungen dergestalt abbaut, daß nur noch ein Verkehr von Mensch zu Mensch bestehen bleibt, der läßt in Wahrheit nicht den Menschen allein übrig, sondern er zerstört das spezifisch Menschliche; was nachbleibt, ist ein Verkehr von Vieh zu Vieh. Denn was bedeutet es anderes, wenn einer an den Worten des anderen immer nur bemerkt, was diese analytisch, d. h. in der Triebsphäre bedeuten? Jede höhere Wirklichkeit ist geistgeboren; reduziert man das vom Triebstandpunkt also Künstliche, so schafft man den Geist aus der Welt, denn dieser verwirklicht sich nur durch Subjekte und damit Subjektives hindurch. Überdies haben sachliche Wahrheiten mit ihrer Triebgrundlage grundsätzlich nichts zu tun.

Das wahre Menschentum beginnt oft genau an der Stelle, wo der Analytiker das Künstliche beginnen läßt. Und hieraus erklärt sich das Grundgebrechen derer, die von der hier skizzierten Weltanschauung ausgehen: ihr in der ganzen Menschheitsgeschichte bisher unerreichter Mangel an Feingefühl und Takt. Es bedeutet etwas, und zwar überaus Schlimmes, wenn Freudianer den Gegenstand jeder Neigung ausgerechnet Sexualobjekt heißen, wie sehr sie manchmal sachlich recht haben mögen. Es bedeutet etwas, wenn vorzüglich sadistische Naturen unter die Analytiker gehen. Es bedeutet etwas, und zwar eine Barbarei der Seele, die wohl bei keinem Neger anzutreffen ist, wenn analytisch beeinflußte Kreise gar nicht verstehen können, warum man nicht auch in persönlichem Verkehre analytisch vorgehen soll, d. h. jede Äußerung auf ihre Triebwurzel hin dem Partner gegenüber ausdeutend, kein Privates respektierend, keine persönlichen Reservatrechte anerkennend. Takt bedeutet nicht etwa eine Konzession an die subjektive Schwäche des Anderen, sondern das sachlich-richtige Verhalten zu dessen seelischem Kern. Dieser liegt tiefer als alles Analysierbare; was sich analysieren läßt, ist immer nur das Ausdrucksmittel des eigentlichen Menschen. Dieser nun ist etwas überaus Zartes, Empfindliches, Einziges, wesentlich Geheimes und Privates.

Um seinetwillen sind die verschiedenen Formen der Distanzierung, die den Verkehr von Mensch zu Mensch in allen gebildeten Kreisen regeln, unbedingt vonnöten; um Seinetwillen ist es nicht gleichgültig, wie man eine Wahrheit sagt und wieviel von ihr man offenbart. Die Überzeugung so vieler Deutscher, alles sagen zu dürfen, was sie beweisen können, ist ein unmittelbarer Beweis seelischer Barbarei, wie es denn ein Zeichen äquivalenten Tiefstands ist, wenn bei Beleidigungsprozessen die Wahrheitsfrage überhaupt gestellt wird. Wem insofern die Sache mehr bedeutet als der lebendige Mensch, der ist selbst noch nicht bewußtermaßen Mensch. Mir fehlt der Raum, auch noch diesen Gedankengang hier näher auszuführen. Wem es aus meinen kurzen Sätzen heraus nicht einleuchten sollte, den verweise ich auf das Büchlein Grenzen der Gemeinschaft von Helmuth Plessner (Bonn 1924, Friedrich Cohen) von S. 72 ab: dort wird er mit seltener Klarheit ausgeführt finden, inwiefern eine Irrealisierung der menschlichen Beziehung unbedingt vonnöten ist, damit die Seele sich behaupten kann. Und dann gedenke er dessen, was alle tieferen Menschen von jeher gepredigt haben: nämlich daß Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Anderen die einzig sinngemäße Einstellung ist.

Jede Wahrhaftigkeit, die diese verletzt, ist recht eigentlich ein Beweis dessen, daß der Betreffende vom metaphysischen Kern im Menschen nichts weiß. Wer immer dem Anderen sagen muß, wie er zu ihm steht, beweist damit seelische Minderwertigkeit. Wie denn die bloße Betrachtung der Köpfe der meisten Analytiker, die so oft an die Chimären gotischer Kathedralen gemahnen, genügt, um zu erkennen, welch’ Geistes Kinder sie sind. Hiermit gelange ich denn zum Endergebnis alles, was für oder gegen die Analyse zu sagen ist. Nur unbedingte Unbefangenheit frommt; alles Höhere, Schöpferische quillt aus dem ungestörten Unbewußten heraus. Heute tut Analyse vielen Europäern not, weil ihre Triebseite verdrängt ist und sie deshalb nicht wirklich unbefangen sein können, weil es überdies Zeitaufgabe ist, einen Höherbau der Menschenseele auszuführen durch Hineinbeziehung des bisher Unbewußten ins Bewußtsein hinein. Aber nicht als Dauerzustand ist Analyse je zu empfehlen, sondern in jedem besondern Fall als möglichst kurze, ja möglichst bald vergessene Kur. Die Psychoanalyse ist, noch einmal, ein chirurgisches Instrument, mit Vorsicht anzuwenden. Nur der darf es überhaupt benutzen, der die äußerste Verantwortung spürt. Was aber die Erkenntnisse betrifft, die sie zutage gefördert, so müssen sie baldmöglichst selbstverständlich werden, als nicht weiter beachtete Grundlage des Lebens. Nur um diesen Prozeß zu beschleunigen, habe ich das Studium der Theorie und Praxis der Psychoanalyse empfohlen. Wir müssen uns heute recht eigentlich deshalb mit ihr auseinandersetzen, damit unsere Kinder dies nicht mehr zu tun brauchen, damit es verbildete Menschen, welche ihrer bedürfen, recht bald nicht mehr gäbe. Auch in dieser Hinsicht müssen wir uns als Pioniere fühlen. Wie es bei allem Pioniertum geht, so werden auch hier nicht Wenige an dem, was sie zum Besten Späterer tun, verderben. Immerhin droht keinem, der Analyse treibt, Lebensgefahr, wenn er den folgenden Satz als Leitspruch verstehend in seinem Gedächtnis aufbewahrt: Analyse kann der Welt keinen neuen Sinn erteilen — sie muß sich vielmehr selbst in den Geisteskosmos richtig einordnen. Von des Menschen Standpunkt betrachtet, als Lehre von seiner Unterwelt; von dem des Kosmos, als die von dem Teil des wesentlich geistigen Lebens, der seinen Zusammenhang mit unserem sterblichen Planeten schafft.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Heilkunst und Tiefenschau
© 1998- Schule des Rades
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