Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Geisteskindschaft

Künstliche Unsterblichkeit

Eduard Keyserling, der Dichter, persiflierte einmal die übliche Art der Geistesgeschichtschreibung, indem er aus einem hochberühmten Gelehrtenwerke zu zitieren vorgab:

Im Dezember des Jahres 1748 begegneten Schillers Eltern einander zum erstenmal. Neun Monate darauf wurde Goethe geboren.

Die Ironie war berechtigt: viel wirklicher sind die Sinneszusammenhänge nicht, denen die Geschehnisse typischerweise von Schulwegen eingegliedert werden. Beinahe immer begehen Historiker zum mindesten den einen Fehler, daß sie das, was sie persönlich interessiert, dem Weltgeschehen als ausschlaggebendes Motiv zugrundelegen. Was soll z. B. in Deutschland nicht alles auf die Romantik zurückgehen! Wenn darunter die entsprechende deutsche Uranlage gemeint wäre, dann könnte die Konstruktion bis zu einem gewissen Grade wenigstens stimmen. Es wird aber gerade und ausschließlich die Dichter-Schule gemeint, auf die hin oder durch die der Begriff erschaffen ward. Deren Werke nun hat nur ein beschränkter Kreis überhaupt gelesen, und die wenigsten Schöpfer und Täter der Folgezeit — auf sie allein kommt es offenbar an, nicht darauf, was Epigonen wiederkäuten — wurden wirklich von ihnen oder ihren echten Geisteskindern inspiriert. Dazu kommt, daß Schöpfer, auch geistige, selten das haben, was man so geistige Interessen nennt; sie haben solche jedenfalls nicht in auch nur annähernd dem Grad wie Literaten, Ästheten und Gelehrte. Sie sind etwas Bestimmtes und vertreten dies. Selbst wo sie belesen sind, waren es selten gerade die Bücher, die ihnen Historiker als benutzte Quellen nachweisen wollen, die ihnen am meisten bedeuteten. So ist unter Modernsten z. B. Spengler mit Bergson, von dem er besonders abhängen soll, ganz unvertraut, hat mir persönlich Nietzsche in meinen Entwicklungsjahren nichts bedeutet.

Schöpfer sind eben ganz anders organisiert als die, deren Beruf ist, nachträglich über sie zu schreiben, was diese dann sehr natürlicherweise auf die Bedürfnisse hin ihres eigenen Typus tun. Und wie es mit den einzelnen Schöpfern steht, so steht es mit der Menschheitsentwicklung überhaupt. Nach den Maßstäben des Gelehrten und Archivars beurteilt, ist ihre Kausalordnung vollendet irrational. Jede direkte Abstammungslinie ist auch auf geistigem Gebiete endlich, so daß der tatsächlich vorhandene Zusammenhang der Menschheit in der Zeit gerade aus den Voraussetzungen, aus denen Historiker ihn oft richtig beschreiben, unbegreiflich bleibt. Handelt es sich bei diesem Zusammenhange gar um unmittelbare Nachfolge oder Schülerschaft, so potenziert sich dieses Verhältnis — wo doch das Gegenteil zu erwarten stände — bis zum äußersten, denn schon die zweite Generation ist da zumeist ohne jede Originalität und folglich ohne jede mögliche Wirkungskraft; denn Originalität ist nichts anderes als Eigen-Lebendigkeit, und was nicht lebendig ist, bleibt auf das Leben im Guten einflußlos. Was nun aber das kumulierte Wissen und Können betrifft, auf welches Moment Gelehrte naturgemäß den Hauptnachdruck legen, so handelt es sich da nie mehr als um Lebensmittel.

Muß man zu bestimmten Zeiten Bestimmtes wissen, so bedeutet das Gleiches, wie daß man in bestimmten Verhältnissen über ein bestimmtes Mindestkapital verfügen muß, um aufzusteigen oder auch nur oben zu bleiben. Nur insofern als dies Kapital sich verzinsen und mehren muß, um seine Bedeutung im Zusammenhang der Kräfte zu behalten, kommt es überhaupt auf sachliche Neuheit an, denn wahre Originalität besteht unabhängig von solcher1. Aber auch hier fängt alle Jugend in Wahrheit von vorne an. Sie wählt jedesmal selbst aus, was vom Erlernten sie behält; sie gibt ihm jedesmal einen besonderen Sinn, den die ältere Generation beinahe regelmäßig als Geschichtsfälschung zu brandmarken Neigung spürt. Nie war Wissen um das Vergangene je die Lebensgrundlage derer, welche geistig zählten. Und wieder und wieder ist es vorgekommen, daß die ganze Wissens-Tradition verloren ging, ohne daß das Leben, gerade das geistige, darunter litt. Im Gegenteil: nur durch Abtragung nicht mehr restaurierbarer und erneuerbarer Gebäude wurde, wie nachträglich jedesmal einleuchtet, ein geistiger Fortschritt in Krisenzeiten möglich. Ja, der von den Gelehrten erfundene Begriff einer Geistesgeschichte erweist sich überhaupt nur, auf die jüngst vergangenen Jahrhunderte angewandt, als nicht ganz falsch, weil in dieser Zeit der Gelehrte tatsächlich bestimmte; es war dies das Zeitalter des intellektualistisch und mechanisch verstandenen Fortschritts. Aber dieses ist, wie in der Neuentstehenden Welt gezeigt ward, nunmehr um. Sein Ende ist überdies, dank dem Weltkrieg und dessen Folgen, naturkatastrophenartig plötzlich hereingebrochen, was zu einem übersteigerten Ausdruck des Gesetzes des historischen Kontrapunkts geführt hat2.

Die, welche jetzt geistig bestimmen, die Schöpferischen und die Jungen — ob sie offiziell als Bestimmende anerkannt sind, ändert nichts am historischen Tatbestand —, sind sämtlich un-, ja antigelehrtenhaft eingestellt. Deshalb verliert der vom Gelehrtenzeitalter erfundene Maßstab auch seine relative Berechtigung. Bald wird sich dies, an der Wirkung, auf der ganzen Linie erwiesen haben. Noch gibt es viele, sehr viele, die in gelehrter Arbeit ein Höchstes sehen und dank solcher, sofern sie gut ist, fortzuleben hoffen. Die Jüngeren unter ihnen werden es persönlich erleben, daß das Gelehrte in einem Grad, wie dies noch nie in der Geschichte der Fall war, nur mehr als Material gelten wird für den, der den toten Stoff lebendig zu machen weiß3.

Selbstverständlich wird es als Material seinen Wert behalten. Bald wird es sogar als unmittelbar unsinnig gelten, Falsches zu behaupten, wo Wahres zugänglich ist. Jeder richtige Gedanke wird so selbstverständlich von jedem angenommen und weitergegeben werden wie gutes Geld. Aber die Leute, die nur sammeln, sichten, forschen und erdenken, werden eben nur als Vorarbeiter Achtung genießen. Und bei der gelehrten Arbeit wird der auf der Höhe der Zeit Stehende, nachdem er sein Schülerstadium hinter sich ließ, ebenso, wenig mehr verweilen, wie wir heute mit der syllogistischen Technik mehr großtun, mit der ein Sokrates die Athener ähnlich erstaunte, wie das erste gesehene Automobil den Bauern erstaunt. Selbständiger geistiger Wert wird fortan bewußter- und verstandenermaßen denen allein zuerkannt werden, denen allein die Geschichte von je solchen dauernd zusprach: den schlechthin persönlich-lebendigen Geistern, deren einzig sachlicher Exponent der strikt-persönliche Stil ist. Gelehrte, die jenseits ihres Forscher-, Wisser- und Könnertums überdies Stil haben, leben freilich fort: sonst läsen wir Kant, Hegel usw. nicht immer wieder im Original, obschon die sachlichen Wahrheiten, die ihre Werke enthalten, längst zu Rechenpfennigen geworden sind. Aber die künstliche Unsterblichkeit wird allerdings zu bestehen aufhören. Unter künstlicher verstehe ich die, die dank dem Gedächtnis und der gegenseitigen Berücksichtigung der Schriftgelehrten existiert, unabhängig vom lebendigen Fortleben.

1Vgl. die Deduktion des wahren Originalitätsbegriffes im Kapitel Was wir wollen der Schöpferischen Erkenntnis.
2Vgl. hierzu, außer dem Kapitel Geschichte als Tragödie dieses Buchs, den Vortrag Die Symbolik der Geschichte in Schöpferische Erkenntnis.
3Vgl. die Ausführung dieses Gedankengangs im Kapitel Philosophie und Weisheit der Neuentstehenden Welt.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Geisteskindschaft
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME