Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Geisteskindschaft

Magier und Künstler

Im Kapitel Jesus der Magier meiner Menschen als Sinnbilder habe ich die Erkenntnisse, welche die vorhergehenden Betrachtungen einleiten, in Hinsicht auf die bestimmten Probleme der wesentlichen Lebendigkeit des Geists, der geistigen Belanglosigkeit des Schriftgelehrten, der letztentscheidenden Bedeutung des persönlichen Stils und besonders des Magiers, des schöpferischen Geistes männlicher Modalität, ausführlich behandelt. Was ich im Folgenden sagen werde, stellt eine Ergänzung des dort Vorgetragenen dar. In jenes Buch konnte ich sie nicht hineinarbeiten, weil auf dem Gebiet des Geistigen Formerwägungen über Sinn und Wert des Gehalts entscheiden; da mag ein einziger die Akzente verschiebender Exkurs, ja ein Gedankengang zuviel das Leben des Ganzen gefährden, nicht anders wie auf physisch-organischem Gebiet ein Tumor oder eine Hypertrophie. Aus den gleichen Form-Erwägungen heraus muß aber andererseits, wer den ganzen Sinn dieses Kapitels verstehen will, das Vorhergenannte nachlesen, falls er es nicht schon las. Hier kann ich nur ganz kurz, stichwortartig, und selten mehr als implizite rekapitulieren. Also: die Geistesgeschichte, wie die Gelehrten sie darstellen, gibt es gar nicht. Was es in Wirklichkeit gibt, ist ein organischer Wachstumsvorgang, der nicht in kumuliertem — der letzten Instanz des Gelehrten — sondern in assimiliertem Wissen, d. h. also im Selbstverständlichwerden des vorher Problematischen besteht.

In jedem Verstehensvorgang erledigt sich insofern das bloße Wissen. Es wird verdaut, in Organbildungen umgesetzt, und je vollkommener dies geschah, desto mehr versinkt das zunächst Bewußte ins Unbewußte — daher das sog. schlechte Gedächtnis, über das fast alle Produktiven klagen. So tritt denn das einstmals Explizite im Lauf gerade des Fortschritts (der insofern ohne Widersinn den Anschein wachsender Unbildung gewinnen mag) fortlaufend in die Implikation zurück, genau wie zuerst willentlich vollzogene Akte durch Übung automatisch werden und so den Weg zur Stellung neuer Probleme freimachen. In diesem Sinne sind, um nur zwei historische Beispiele zu nennen, sowohl antikes Heidentum wie Judentum heute erledigt. Heiden gibt es nur noch in Form romantischer Sehnsucht oder bizarrer Rückbildung, und die nicht unbewußt zu Christen gewordenen Juden haben als Juden keine Zukunftsbedeutung mehr1. Denn die Probleme, welche ihrer Nation die ungeheure Menschheitsbedeutung gaben, sind keine Probleme mehr.

Weder gibt es mehr Heiden im Sinn der Baalverehrer, noch kann der jüdische Gesetzesbegriff dem geistig-seelisch nicht Zurückgebliebenen eine religiös letzte Instanz bedeuten. Solches Implizit­werden ursprünglich expliziter Probleme kann so weit gehen, daß es bei oberflächlicher Betrachtung geradezu als Renegatentum erscheint. So beurteilen viele die heutigen Türken als nicht mehr islamitisch und die heute nicht mehr gläubigen Christen als entchristlicht. Religiös betrachtet mag dies von Fall zu Fall so sein, denn hier entscheidet letztlich, was der Einzelne persönlich meint. Historisch und psychologisch betrachtet ist es niemals wahr. Die heutigen Türken sind vom Islam erschaffen worden und wir Abendländer durch das Christentum. Also sind jene physiologisch Islamiten und wir physiologisch Christen, ob beide persönlich glauben oder nicht. Jede tiefere Erforschung des Unbewußten nach Jungscher Methode erbringt dafür, Fall für Fall, den Beweis. Der so zustande kommende Fortschritt könnte nun, prinzipiell gesprochen, in stetigem Verlauf immer höhere und höhere Synthesen zeitigen, denn alle assimilierte Erinnerung lebt als integrierender Bestandteil des jeweils Lebenden fort.

Tatsächlich treten auch immer reichere Synthesen zutage, wo kein Unstetigkeitsmoment die Entwicklung unterbrach. Aber leider erfolgen solche auf geistigem Gebiete ebenso regelmäßig wie auf körperlichem, nach im übrigen noch wenig verstandenem Gesetz. Erstens geht das Latentwerden bestimmter Gene so weit, daß früher Wirkliches in der Gestaltung völlig zurücktreten kann; hierher gehört, in Großem, der Wandel der Arten durch die geologischen Epochen hindurch und das so dunkle Problem der Mutation. Denn bei diesem Prozesse wird nicht nur hinzugewonnen, sondern auch endgültig verloren. Dann besteht auf geistigem Gebiete, dem Gebiet entscheidender Freiheit, die Möglichkeit, noch so handgreifliche Erfahrungsinhalte nicht zu erleben. Insofern sehe ich in der menschlichen Dummheit und Stumpfheit die Hauptursache dessen, weshalb wir nicht längst beim Jüngsten Gerichte angelangt sind: merkten die Völker, was aus einem Ereignis logisch folgt, so scharf, wie es einzelne Begabte tun, dann würde sich das logisch Notwendige auch schnell aktualisieren. So bleibt es wieder und wieder, trotz aller Revolutionen, beim Alten, weil das vermeintlich Erledigte sich wieder und wieder als letztlich mächtigere Macht erweist. Weiter besteht, dank der Freiheit, die Möglichkeit, sich von einem Geisteserbe loszusagen. In diesem Sinn ist der deutsche Protestant, im Unterschied vom englischen, tatsächlich ein homo novus gegenüber dem Katholiken: in ihm lebt das Erbe der Antike und des mittelalterlichen Christentums nicht mehr fort, weshalb kein Wunder ist, daß er immer tiefer in seiner vorchristlichen Vergangenheit nach seinen Wurzeln sucht. Endlich sterben auch auf geistlichem Gebiet unersetzliche Erbträger wieder und wieder kinderlos aus. Trotz alledem steht hinter jedem sein gesamtes geistiges Erbe nicht minder wie sein physisches. Rechnen wir Abendländer insofern nur bis zu Griechen und Juden und nicht über diese hinaus, so gleichen wir darin den Volksschichten, die schon von ihren Großvätern typischerweise nichts mehr wissen.

Dieser Prozeß organischen Wachstums erfolgt auf geistig, seelischem genau wie auf körperlichem Gebiete in Funktion der Wechselwirkung männlicher und weiblicher Potenzen. In konkreter Verkörperung ist der schöpferische Geist männlicher Modalität der Magier, dessen Urbild Jesus darstellt, der spermatische Geist, der da verwandelt und neue Prozesse einleitet; der Geist weiblicher Modalität hingegen der Künstler, welcher Gestaltetes herausstellt. Der Unterschied wird uns am besten klar, wenn wir das Urbild eines mütterlichen Geistes, Goethe, einen Augenblick betrachten. Goethe war ganz extrem Gebärer, im Unterschied vom Zeuger. Nicht nur fertige Bilder, fertige Gedanken, fertige Werke stellte er in so abschließender Vollendung, daß keine Entwicklungsmöglichkeit latent verblieb, heraus — sogar sein eigenes Leben gestaltete er als Kunstwerk. Gewiß nicht als Artist, von außen nach innen zu, sondern aus letzter subjektiver Geistestiefe. Deshalb bleibt Goethe auf ewig mütterlich-erzieherisches Vorbild. Deshalb wird er, wie kein anderer, instinktiv von jedermann zitiert.

Doch ich sah noch keinen, in welchem Goethe Selbständiges gezeugt hätte: nur gebildet kann man durch Goethes Gesamteinfluß werden, so wie das mütterliche Beispiel, die mütterliche Belehrung bildet. Goethe ist wesentlich ausgestalteter Geist, nicht anders, auch in keinem anderen Abstand vom Neuwerdenden aus gesehen, wie das klassische Griechentum. Verwandeln tut demgegenüber der männliche spermatische Geist, der Goethe freilich auch war, nur in verhältnismäßig sehr geringem Grad. Die sich immer mehr häufenden Goethe-Bücher sind nicht Gegenbeweise dessen, sondern vielmehr Beweise: nie steht in ihnen wesentlich Prospektives, wie in Paulus, Augustinus, Luther in bezug auf Jesus; sie sind alle entweder retrospektiv oder aber irrealisierend im Sinn des Idealismus, der modern-deutschen Form der Apotheose, deren psychologischer Sinn von je Entwirklichung war. Beweis, nicht Gegenbeweis des Behaupteten ist auch die Tatsache, daß heute jeder Moderne, heiße er Klages, Steiner, Spengler oder wie sonst, sich auf Goethe beruft. Entweder er führt epigonenhaft nur weiter aus, oder aber er liest hinein, was gar nicht wirklich in Goethe steht, um sich zu decken, so wie sich der Fromme in allem, was er tut, auf Gottes Willen beruft. Wären diese angeblichen Fortsetzer wirklich Kinder Goethes, ihr Verhältnis zu ihm würde ihnen kaum bewußt und die meisten wehrten sich dagegen, so jemand sie also nennte. Denn es ist das Wesentliche des Spermas, daß es als solches im Akt der Befruchtung stirbt.

Soviel vom Unterschiede väterlicher und mütterlicher Geister überhaupt. Allein beim Problem dieses Kapitels haben wir es mit noch anderem zu tun. Bei der Höherbildung des Einzelnen wie der Menschheit handelt es sich, vom Geistesstandpunkt, ausschließlich um den väterlichen Geist, denn in ihm allein lebt das Prinzip der Initiative und Beschleunigung, dank dem aus Gewordenem Neues werden kann. Selbstverständlich soll jeder sich bilden, soviel er nur vermag. Selbstverständlich soll jeder — um auch dieses nicht ungesagt zu lassen — auch soviel sachlich lernen, als er zur Behauptung auf der Höhe seiner Zeit oder im Rahmen seiner Lebensstellung braucht. Deshalb könnte gerade vom Standpunkt dessen, was wir hier vertreten, nichts törichter sein, als die Forderung höchster Schulung aller zu bekämpfen. Das ist ja gerade die eigentliche Errungenschaft des Fortschrittszeitalters, daß überaus vieles von dem, was ehedem als persönliche und charismatische Lebensaufgabe galt, sich als mechanisierbar erwiesen hat, und was überhaupt zu mechanisieren ist, soll selbstverständlich mechanisiert werden: nur die Maschine kann aus dem modernen Äquivalent des antiken Sklaven das moderne Äquivalent des antiken Freien machen, und zum Maschinenmäßigen gehört auch alles sachlich Erlernbare. Aber diese Art Fortschritt schafft selbst im günstigsten Fall nie mehr als eine neue, im Sinn der Weltgewaltigkeit höhere Basis zur Stellung des eigentlichen Lebensproblems, als welches sich jedem neuen Menschen erneut in gleicher Neuheit stellt.

In dieser Hinsicht haben die letzten Jahrhunderte die wahre Bedeutung des Fortschrittsproblems vollkommen verkannt. Will der moderne Mensch also weiter kommen, als er durch ursprüngliche geistige Vererbung und unbewußte Selbsterziehung im Sinn des wahren Fortschritts bereits ist, dann muß er sich bewußt wieder vom Prinzip der Schülerschaft zurück zu dem der Geisteskindschaft bekehren. Alle früheren großen Zeiten bekannten sich bewußt zu ihm. In der einzigen Institution, welche die Urweisheit noch explizite bewahrt, der Katholischen Kirche, lebt der Begriff des geistigen Vaters sowohl, als der geistigen Mutter noch heute lebendig fort. Aber sonst ging er verloren. Erst die Schule der Weisheit nahm ihn bewußt und ausschließlich wieder auf, weil sie zuerst verstand, daß es sich in dieser Wende um eine richtige Wiedergeburt der Menschheit handelt, weshalb nur echtes μετανοεῖν heute Heil bringen kann. So notwendig also Schulung und Bildung seien — ihr Problem stellt sich niemals als letzte Instanz. Auch nicht im Sinn der Bildung, die das Vorbild des mütterlichen Geists bewirkt. Was ein Geist ist, hängt ausschließlich vom Charakter seines Wesens ab, also seiner geistigen Abstammung einerseits, und andererseits von dem, was er persönlich aus seinem persönlichen Geist gemacht hat. Hierbei nun handelt es sich um Schülerschaft und Bildung überhaupt nicht, sondern ausschließlich um Geburt und Wiedergeburt. Deshalb stellt sich hier erstens nur die Frage der Geisteskindschaft überhaupt, im Unterschied von Schülerschaft; zweitens die der Geisteskindschaft gegenüber dem Logos, dem väterlichen Prinzip.

1Ich verweise hier ein für allemal auf die bisher tiefsinnigste sowohl als scharfsinnigste Behandlung des jüdischen Problems: es ist dies Oscar A. H. Schmitz’ Studie Der jüdisch-christliche Komplex im Sonderheft 1926 der Zeitschrift Der Jude (Jüdischer Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstr. 35). Bei dieser Gelegenheit sei auch auf den sonstigen Inhalt dieses Sonderheftes, sowie auf den des Vorjahres aufmerksam gemacht: beide bieten die erschöpfendste und von bestem Willen getragene Auseinandersetzung zwischen Juden und Christen, von der ich bisher wüßte.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Geisteskindschaft
© 1998- Schule des Rades
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