Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Liebe und Erkenntnis

Idealismus und Pflicht

Worte und Begriffe sind Sinnes-Körper. Sie leben, insofern sie verstanden werden, und davon, wie sie verstanden werden, hängt es ab, was sie praktisch bedeuten. An diesem Tatbestande ändert nichts, daß es Ur-Worte und ewige Begriffe gibt. Allerdings endet irgendeinmal bei ihnen, wer immer sich in Sinn versenkt. Aller tiefere Sinn liegt jenseits des Reichs persönlicher Willkür, und bestimmte geistige Erscheinungsqualitäten, nicht allein im Verstand von Begriffen, sondern sogar von bestimmten Laut- und Buchstabenverknüpfungen, erweisen sich diesem ursprünglich gemäß. Hier liegt das Mysterium magnum der Sprache. Aber der überpersönliche Sinn muß im Körper der ihm ursprünglich gemäßen Erscheinung jedesmal eben doch verstanden werden; und bei solchem Verstehen handelt es sich jedesmal um einen rein persönlichen Akt. Ferner lehrt die Erfahrung, daß der Mensch nur ausnahmsweise über die Grenzen seiner Person hinausgelangt. Deshalb werden auch die Urworte und ewigen Begriffe von jedem Einzelnen verschieden verstanden; und dies ergibt, da die Menschen einer gleichen Epoche sich psychologisch ähneln, einen insofern im voraus fixierten Sinn für jeden Begriff zu jeder bestimmten Zeit, als jeder zunächst so denkt, wie dies im Zeitgeist liegt und sich nur ausnahmsweise von dessen Suggestion befreit. Hieraus folgt denn weiter, daß auch Worte und Begriffe, historisch betrachtet, ein organisches Schicksal haben.

Da jeder auf der Basis oder im Rahmen eines psychischen Kollektivzustandes persönlich erlebt, so ist er außerstande, mittels der gleichen Begriffe und Worte von Hause aus Gleiches zu erleben, wie frühere oder andere Zeiten. Wohl mag dem scheinbar Veralteten unter Umständen durch neue Sinngebung alter Sinn zurückgegeben werden — hier liegt die ungeheure, nahezu ausschlaggebende Bedeutung des Sprachschöpfers —; aber neue Sinngebung bedeutet eben einen schöpferischen Akt, dessen nur selten Auserwählte fähig sind. Woraus sich denn die Notwendigkeit ergibt, von Zeit zu Zeit das ewig Wahre auf neue Weise zu sagen. Der alte Ausdruck verfälscht es zwangsläufig irgendeinmal bis zu dem Punkt, daß er aufhört, wahr zu sein.

In bezug auf zwei deutsche Begriffe habe ich diesen Zusammenhang schon mehrfach aufgezeigt: die des Idealismus und der Pflicht. Idealismus bedeutete für Fichte die Dokumentierung der Souveränität des Geistes gegenüber der Welt. Heute bedeutet er in der Regel eins von zweien, die beide mit Fichtes Intention rein nichts gemein haben: entweder Orientierung an Idealen der Vergangenheit, insonderheit des deutschen Idealismus der Klassikerzeit, deren Geist ein genau so niewiederkehrender, aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit übergegangener ist, wie der Geist der perikleischen Athens. Oder aber er bedeutet Vogelstraußpolitik. Man nennt sich Idealist, um, ohne dadurch Unfähigkeit zu beweisen, im Gegenteil, um sich vor sich und Anderen zu steigern, die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie ist. — Gleichsinnig steht es mit dem Pflichtbegriff. Kants Gedanke eines kategorischen Imperativs, von würdigen Geistern richtig aufgenommen, hat einstmals Deutschlands Größe begründet. Seither hat Mißverstehen seiner Idee als identisch mit der rein äußerlichen Pflichtgefühls das gleiche Land vernichtet, denn Pflichtgefühl ohne gleich großes Verantwortungsbewußtsein vor sich selbst bedeutet die schlimmste Form von Oberflächlichkeit. — Nicht anders nun steht es, grundsätzlich, mit dem dank dem Christentum zur höchsten Norm gewordenen Begriff der Liebe.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Liebe und Erkenntnis
© 1998- Schule des Rades
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