Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Liebe und Erkenntnis

Bejahung abgesehen vom Wert

Sehen wir jetzt von aller weiteren Vorbereitung, Erläuterung und Begründung ab und gehen wir auf den Kern des Problems. Goethe meinte, man verstehe nur, was man liebt, und Leonardo da Vinci, die Liebe sei Tochter der Erkenntnis. Für Plato war Eros der Vater der Philosophie. Den philosophischen Kirchenvätern des Ostens wiederum galten Weisheit und Liebe als letztinstanzlich eins. Alle diese Gleichungen kranken nicht allein am Übelstand, daß sich mit gleichem Rechte Gegen-Gleichungen aufstellen lassen, sondern vor allem daran, daß ihr Ansatz falsch ist: bei Liebe und Erkenntnis handelt es sich um ganz bestimmte Erscheinungsqualitäten, die als solche einzig und ausschließlich und nicht gegeneinander auszuwechseln sind. Es ist irreführend zu behaupten, jemand, der einen anderen ganz verstehe, liebe ihn darum. Ebenso verkehrt ist es, einen zum Erkenner zu stempeln, bloß weil er liebt. Liebe macht vielmehr an erster Stelle blind. Beim Lieben und beim Erkennen handelt es sich, noch einmal, an erster und letzter Stelle um ganz bestimmt qualifizierte empirische Funktionen. Daran ist nicht zu rütteln.

Wer keine Liebe fühlt, hat eben deshalb keine Liebe. Wer nicht für sich erkennt, und sei, was er sagt, an sich noch so richtig und wahr, ist kein Erkennender. Und ob einer lieben und erkennen kann, ist genau so Sache besonderer natürlicher Begabung, wie jedes andere ursprüngliche Können. Hier vermag weder Wille noch Einsicht am Tatbestande viel zu korrigieren. Ebensowenig, wie sich Gefühle kommandieren lassen, gelingt es ja, trotz geschicktester Anmutung, echte Gefühle schaffen, wo solche in der Natur nicht vorgebildet liegen. Gleichsinnig macht keinerlei Schulung den Toren je zum Genie. Werfen wir von hier aus nun einen schnellen Blick auf die historische Einleitung zurück, so wird uns klar, warum Antike und Christentum so verschiedene Formen von Minderwertigkeitsbeurteilungen zeitigten. Dem antiken Menschen galt der Schwache und Häßliche als minderwertig. Daraus ergab sich die Ungenerosität gegenüber allen Enterbten des Schicksals und der Natur. Vom Standpunkt der Christen hingegen ist der nicht-Liebende minderwertig. Seit dem Sieg des Christentums behauptet deshalb jeder, irgendwie zu lieben und wird sehr unangenehm, wo seine Behauptung dem mindesten Zweifel begegnet.

Die griechischen Kirchenväter, ihrer ganzen psychischen Erbmasse nach Hellenen mit folglich angeborenem Weisheitsideal, setzten höchste Liebe mit höchster Erkenntnis gleich. Die Ecclesia militans verfolgte und verbrannte in der Liebe Namen. Und heute zitieren gerade dürre Intellektuelle besonders gern das Pauluswort, daß wer die Liebe nicht hätte, ein tönendes Erz und eine klingende Schelle sei. Es wagt eben niemand in der christlichen Welt, nicht offiziell zu lieben. Oder wagt er’s, dann übertreibt er aus innerer Schwäche seine Gegenstellung. Hier lag Nietzsches Achillesferse. Aus dem Vorhergesagten folgt nun, daß es sich bei den Forderungen, die das betrachtete Minderwertigkeitsgefühl hervorrufen, um Ausgeburten von Mißverstehen handelt. Keiner kann etwas für seine Anlage. Jeder, der hier von einem Soll spricht, ist ein falscher Prophet. Wohl behaupten viele christliche Lehrer, die Liebe erwache zwangsläufig, bei gutem Willen, dank der Gnade. Doch hierbei handelt es sich ebenso eindeutig um einen meist sehr unfrommen Betrug, wie bei den Vorspiegelungen der Okkultisten, jeder könne sich Hellsehorgane anerziehen.

Wir haben ganz schulgerecht in diesem Fall die Antithese der These gegenüber­gestellt. Wo liegt nun die Synthese? Sie liegt auf einer anderen Ebene, auf welcher weder Liebe noch auch Erkennen im empirischen Verstand als letzte Instanzen gelten können. Gehen wir vom erfahrungsmäßig Feststellbaren aus. Der Selbstlose ist in experimentell erweisbarem Sinne mehr als der Selbstsüchtige, insofern höhere Kräfte des Menschenwesens durch ihn hindurchwirken und sich als solche bewähren. Gleichsinnig begeht der vollkommen Verstehende erfahrungsgemäß keine ethischen Fehler, die sich nachher rächen, gemäß der Formel Guyaus: Celui qui n’agit pas, comme il pense, pense imparfaitement.

In beiden Fällen aber können die Dinge sehr wohl so liegen, daß der Selbstlose durchaus nicht versteht, inwiefern er sinngemäß handelt, und daß der aus Einsicht das Richtige Tuende ohne entsprechendes Gefühl bleibt. Wieder und wieder hat die Geschichte den Beweis erbracht, daß es möglich ist, ohne Liebesgefühl im Geist höchster Liebe zu leben. Hieraus folgt nun, noch einmal, keineswegs, daß Liebe und Erkenntnis letztlich eins seien: solche metaphysische Hilfskonstruktionen mögen das Gewissen beruhigen, letztlich sind sie sinnleer. Es folgt hieraus ein anderes: daß es eine reale Instanz gibt, die ganz Bestimmtes eindeutig verlangt, das von Verstand und Gefühl gleichsinnig zu leisten ist. Und daß es einzig diese Instanz ist, deren persönliches In-Kraft-sein letztlich über den Wert entscheidet. Auf Erkennen und Lieben an sich kommt es überhaupt nicht an.

Was ist es nun mit dieser Instanz? Zu ihrer Bestimmung führt am schnellsten eine Meditation des allerseits anerkannten Satzes, daß Geben seliger sei als Nehmen. Beim Naturwesen ist der Selbsterhaltungstrieb suprem und soll es sein; denn wäre er’s nur um ein ganz Geringes weniger als er’s tatsächlich ist, dann wäre das Menschengeschlecht, bei der ungeheuren Gewalt des Selbstzerstörungstriebs und dem wenig erfreulichen Charakter des allermeisten Lebens, schon lange vor der Sintflut ausgestorben. Diesem Selbsterhaltungstriebe steht nun nicht, wie Analytiker behaupten, der natürliche Liebestrieb polar gegenüber. Wohl weist dieser über die Grenzen der Person hinaus; doch um so stärker manifestiert sich in ihm die Selbstsucht des natürlich-Überpersönlichen1.

Alle natürliche Liebe ist durchaus selbstsüchtig. Niemand ist egoistischer in bezug auf das, womit Identifizierung stattfindet, als die selbstlose Mutter, der opferfreudige Patriot, der leidenschaftlich Kirchen-Gläubige. Gilt diese Art Egoismus für berechtigt, im Gegensatz zum rein persönlichen, so geschieht es auf Grund einer Schiebung der Vernunft, welche diese bei herrschenden christlichen Vorurteilen mit bestem Gewissen vornimmt, da sie sich im Rechte fühlt. Und sie ist es auch. Der sog. Altruismus ist im genau gleichen Sinn und Grad berechtigt, wie die persönliche Selbstsucht. Nur ist er’s in keinem höheren. Wer das nicht wahrhaben will, verkennt, was heute als wissenschaftlich erwiesen gelten kann, nämlich, daß es einen Naturtrieb der Hingabe gibt und daß es sich bei den Gemeinschaftsgefühlen um primäre Natur-Bindungen handelt, die der individuellen Differenzierung vorangehen. So ist denn die natürliche Liebe als solche unter keinen Umständen Ausdruck eines Jenseits der Selbstsucht. Am wenigsten die Mutterliebe, als welche den Höchstausdruck der Selbsterhaltungstrieb der Gattung darstellt. Woraus allein sich denn völlig eindeutig erklärt, warum die christliche Menschheit sich als die weitaus selbstsüchtigste aller Zeiten erwiesen hat und die Völker des Ostens gerade auf unsere Liebe am wenigsten geben. Sobald der Mensch im Rahmen einer Kollektivität handelt, spricht ihn die herrschende Moral aller unidealen Interessiertheit frei. Deshalb äußert sie sich da vollkommen schrankenlos. Kein Einzelner hat, aus Gewissensgründen, je so viel selbstsüchtige Triebe im Rahmen seines rein persönlichen Lebens ausgelebt, wie dies beinahe ein jeder im Rahmen des Volkswohls tut. Der unerreichte Machiavellismus, die unerreichte Grausamkeit, von Skrupellosigkeit zu schweigen, aller hochorganisierten Kirchen, wo deren Interesse in Frage steht, wie die besonders häufige persönliche Gemeinheit der Frommen, wo sie sich durch ihre Kirche gedeckt oder in ihrem Sinn oder für sie zu handeln glauben, sind eine besonders eindrucksvolle Illustration der gleichen Wahrheit. Den heutigen christlichen Frommen ist in der Tat nur zu oft das Gleiche nachzusagen, was die Frühchristen den Heiden vorwarfen. Echte Caritas ist unter ihnen seltener als irgendwo sonst.

Die Lage des Liebes-Problemes ändert sich erst, wo sich das Ethos der Freiheit dem Naturtriebe einbildet. Vom ethischen Problem wird nun das übernächste Kapitel ausführlich handeln; so bitte ich dort nachzulesen, was im Folgen, den als nicht genügend begründet erscheinen sollte. Immerhin kann ich in diesem Zusammenhang schon soviel sagen, daß nichts Grundsätzliches unklar bleiben dürfte. — Im Ethos der Freiheit äußert sich die Eigengesetzlichkeit des Geistwesens. Dies ist der wahre, volle und im Grunde so einfache Sinn dessen, was das Urchristentum als Kampfesdrama zwischen Geist und Fleisch, und Kant als grundsätzliche Unabhängigkeit des Pflichtgebotes von der Neigung, unter Entwertung dieser, im Ganzen doch sehr ungenau gefaßt hat. Die Dinge liegen nicht so, daß der Mensch wesentlich Fleisch oder wertloser Trieb wäre, die es nun, so oder anders, aus äußerem Soll heraus, zu bändigen gilt, sondern daß der Mensch zutiefst gerade Geist ist, weshalb sein eigenster Selbstverwirklichungswille nicht minder als das Weltgesetz verlangt, daß er sich innerlich über seine Natur erhebe.

Dies bedeutet hier: Selbstverwirklichungswille und Weltgesetz verlangen, daß des Menschen Liebe sich von einem Ausdruck der Bindung, des Müssens, in einen Ausdruck von Freiheit verwandele. Über diesen Punkt herrschen die ungeheuerlichsten Mißverständnisse. Viele sind stolz darauf, daß sie müssen, nicht anders können: damit bekennen sie sich nur dann zu keinem untermenschlichen Zustand, wenn ihr Müssen ein ungenauer Ausdruck für freie Entscheidung aus dem Geist bestimmender unbedingt bejahter Werte ist. Und das ist er bei denen, die mit der Notwendigkeit ihres Handelns großtun, beinahe nie. Bei diesen liegen die Dinge vielmehr fast immer so, daß sie noch so primitiv sind, daß ihnen Freiheit nur Verstandeswillkür bedeuten kann; der der Selbstbestimmung fähige Teil ihrer Natur ist noch ein Akzessorium, sie sind nicht wesentlich selbstbestimmt; sie sind tatsächlich nur echt, soweit ihr Leben zwangsläufig verläuft. Dieser bedauerliche empirische Tatbestand ändert jedoch nichts am grundsätzlichen Sachverhalt. Das Schöpferische, als welches das Leben wesentlich ist, kann sich in der psychischen Sphäre vollständig im freien Subjekt des Menschen zentrieren. Genau proportional dem Grade dieser Zentriertheit wird Werteverwirklichung möglich, denn nur was der Mensch frei leistet, ist metaphysisch bedeutsam. So ist auch Liebe allein, wo sie ein Ausdruck von Freiheit ist, von metaphysischem Wert.

Der Mensch kann spontan, aus innerer Freiheit, nicht Verfallenheit lieben, genau wie er spontan denken kann. Wer so weit noch nicht ist, nun, der hat für sich natürlich Recht, sich auf Niederes hin zu orientieren. Aber zum Mitreden über das Problem der Freiheit und damit der Geisteswerte überhaupt hat er noch kein Recht. Von hier aus wird denn, scheint mir, restlos verständlich, was Jesus mit Liebe meinte. Er meinte nur die Liebe als Form der Freiheit. Daher seine radikale Rücksichtslosigkeit gegenüber allen Gefühlsbindungen. Wer nun sein Bewußtsein ganz im Reich der Freiheit verankerte, den dünken Jesu Gebote auch nicht mehr paradoxal. Die Wesenheit in sich, in der sein Bewußtsein damit Fuß faßte, ist nämlich wesentlich nicht selbstsüchtig, sondern selbstlos. Sie wird reicher durch Verausgabung, nicht ärmer. Ihr Wesen ist Ausstrahlung über alle Grenzen hinaus. Dieses Wesen transfiguriert dann auch, wo es bestimmt, das Niedere sich selbst gemäß. Zunächst spiegelt in dieser Welt der Korrespondenzen ein Sinneszusammenhang ursprünglich jeden anderen wider. Das, was man Vitalität heißt, verhält sich zum sichtbaren Leben, das sie im Gang erhält, sehr ähnlich wie der Geist zur Natur: je generöser ein Blut, desto stärker wird der Mensch gerade durch Verausgabung. Im Reich naturgebundener Psyche gibt eben dies der Liebe ihren göttlichen Charakter: es ist unmöglich wahrhaft tief zu lieben, ohne dadurch vom empirisch-Persönlichen enthaftet zu werden.

Ist nun aber der Geist im Menschen vorherrschend geworden, dann dominiert sein Gesetz absolut. Deshalb vitalisiert Geistbewußtheit; deshalb werden geistbestimmte Menschen mit fortschreitenden Jahren innerlich nicht älter, sondern jünger; deshalb vertragen rein vom Geist Bestimmte, deren Körper sich entsprechend abstimmte, ein Übermaß an Arbeit und einen Mangel an Nahrung und Schlaf, der allen Naturgesetzen zu widersprechen scheint, von größeren Wundern zu schweigen. Und von hier aus wird verständlich, inwiefern empirische Liebe doch geistig bedeutsam werden kann: nicht zwar als Selbstzweck, wohl aber als Mittel. Das Korrespondenzgesetz bedingt, sintemalen ein Sinn sich in allen anderen widerspiegelt, daß Niederes das korrespondierende Höhere, wo es überhaupt vorhanden, anklingen lassen kann. So stellt denn natürliche Liebe, tief erlebt, tatsächlich den Meisten gangbaren Weg zur Wiedergeburt im Geiste dar, wie dies die Inder von jeher richtig erkannt haben. Wie wir schon sagten: es ist unmöglich, wahrhaft tief zu lieben, ohne dadurch vom empirisch-Persönlichen enthaftet zu werden. So stimmt dieses Gefühl die Seele auf das wesentlich Erforderliche hin um. Aber mehr als ein Weg zum Ziel ist empirische Liebe, noch einmal, nie. Und das rein geberische Leben aus dem bewußt gewordenen überempirischen Geist heraus ist mit Liebe im üblichen Verstande nie identisch. Dieses ist nichts anderes als es selbst. Es bedeutet nichts anderes als Verwurzeltheit des Menschen in seinem eigenen tiefsten Selbst, zu dessen Wesen gehört, zu geben und nicht zu nehmen.

Doch wenn man gibt, so will man notwendig, auf der Ebene der Erscheinung, irgend jemand geben. Von hier aus erhellt denn, inwiefern es dennoch wahr ist, daß das Reich des Geistes, von der Natur und deren Kategorien her begriffen, am gegenständlichsten als Reich der Liebe zu bezeichnen ist. In der Tat: in der Sphäre des Geist-Lebens gibt es keinen Gegensatz zwischen Du und Ich. Da tut man wirklich sich, was man Anderen tut, und umgekehrt. Da ist das Mysterium der Identität von Persönlichem und Überpersönlichem Urphänomen. Dies kann gar nicht anders sein, völlig unabhängig von der Wahrheit aller bestimmten Ontologie, weil, sobald Leben einzig und allein im Ausstrahlen besteht, alle Rückbeziehung auf die Sonderheit des Strahlenden theoretisch sinnlos erscheint und praktisch durchgeführt Selbstaufhebung bedeutet. Da nun das Gesetz des Geist-Lebens auf empirischer Ebene Wachstum ist, so ergibt sich hieraus, daß der Geistbewußte, wo er sich mit Empirischem überhaupt befaßt, jedem helfen will. Nämlich im Geist zu wachsen. Aber darin allein auch will er Anderen helfen. Die Frage empirischen Wohles stellt sich ihm grundsätzlich nicht. In dieser Sphäre sind Gemütsforderungen gegenstandslos. Von ihr her geurteilt, ist Trägheit Todsünde, und folglich auch deren Förderung. Und von ihr allein her ist das Erdenleben überhaupt richtig einzustellen — richtig in dem Sinn, daß der Einzelne es von seinem persönlichen Standpunkt als Sinnerfüllung erleben kann.

Schon alles auf Erden erzielbare dauerhafte Glück liegt, wie das nächste Kapitel ausführen wird, jenseits, nicht diesseits des Verzichts auf Befriedigung des Triebs zum Nehmen. Was nun vom Ich gilt, gilt ebenso in bezug auf jedes Du. Der natürliche Altruist steht als solcher nicht über dem Egoisten: in ihm dominiert einfach der Hingabe, Trieb über dem zur Selbstbehauptung, d. h. die natürlich, weiblichen Dominanten in ihm sind stärker als die natürlich-männlichen. Nie gab es ein gröberes Mißverständnis als dies, daß für Andere zu leben an sich schon besser sei, als für sich selbst zu leben; wäre das wahr, dann stände erstens das Weib absolut über dem Manne, wäre zweitens die Gattung absolut mehr wert als das Individuum, unter welchen Umständen der ganze Individuationsprozeß des Menschen gegenüber dem Tier und die Entwicklung des metaphysischen Bewußtseins aus dem kollektiv-Psychologischen heraus vom Wertestandpunkt einen Fall bedeuten müßte. Eben deshalb, weil dem ganz gewißlich nicht so ist, kommen quantitative Gesichtspunkte bei der Liebe grundsätzlich nicht in Frage. In wohlbedachter Wortwahl stellte Jesus bei seiner Liebesforderung den Nächsten allen Anderen voran; eben so steht die Frau, die sich nur einem, und zwar dem persönlich Geliebten hingibt, über der Hure.

Wer nun persönlich so weit kam, daß Geben ihn seliger macht als Nehmen, der will auch Andere, sofern er sich selbst versteht, nie mehr im Nehmenwollen steigern. Daraus erklärt sich die der Härte von Bolschewistenführern vergleichbare Härte so vieler Liebesapostel gegenüber aller Schwäche. Keiner stellte je gemütlosere Forderungen auf als gerade Jesus. Und wie grausam sind erst Götter und Engel, sofern man den Berichten derer, die solche wahrnehmen, Glauben schenken darf! Nie folgen solche dem Antrieb dessen, was wir Liebe heißen; sie tun nur das, was der Seele Wachstum fördert. Wie steht es unter diesen Umständen letztlich mit dem Gebot der Liebe, daß jeder instinktiv als gültig anerkennt? Wir wissen es schon — nur wissen wir es jetzt erst verstandenermaßen: es betrifft gar nicht Liebe im üblichen Sinn eines bestimmten Gefühls, sondern einfach den Zustand vom Geist her überwundener Selbstsucht. Nur in einer Hinsicht ist wahr, daß der metaphysisch-Geistige im empirischen Sinne Liebe beweist: er bejaht jeden Anderen absolut, und Liebe ist allerdings in erster Instanz Bejahung abgesehen vom Wert (Blüher), so dieser Satz also verstanden wird, wie er gemeint ist, nämlich in Funktion dessen, daß der Liebende die Einzigkeit des Einzigen als letzte Instanz bejaht.

Insofern ist der Liebe Gerechtigkeit kein Letztes, denn Gerechtigkeit vergleicht. Insofern ist Liebe mehr als Gerecht, denn die oberste Instanz alles Lebendigen ist eben sein Einziges, so daß, wer überhaupt vergleicht, am Tiefsten und Letzten vorübergeht. Insofern spiegelt allerdings irdische Liebe allein die Einstellung des metaphysisch Geistbewußten. Dieser bejaht den Einzigen absolut. Ihm ist die einzige Menschenseele der absolute Wert, der letzte Blickpunkt für alle nur möglichen Vergleiche und Sachlichkeiten.

Und so muß allerdings den Einzigen unbedingt bejahen, wer überhaupt Gutes will. So muß umgekehrt als Feind empfunden werden, wer sich unpersönlich verhält, wie denn ein solcher nie auf andere wirkt, nie freie Gefolgschaft findet: er ist Feind als Relativierer des einen schlechthin Unrelativierbaren, der Einzigkeit. Insofern war es bisher zu praktischen Zwecken allerdings richtig, Liebe zu fordern, zumal diese sich ja keinesfalls kommandieren läßt. Doch das Leben aus dem Geist der Liebe heraus fällt, noch einmal, mit empirischer Liebe nicht notwendig zusammen.

1Diese überpersönliche Wirklichkeit behandelt ausführlich meine Unsterblichkeit.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Liebe und Erkenntnis
© 1998- Schule des Rades
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