Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das Glücksproblem

Gleichgewichtsverhältnis von Glück und Leid

Damit wäre denn das Problem der günstigen Lebensbedingungen richtig gestellt und aus dem Umkreis des richtig gestellten Glücksproblemes ausgeschaltet. Dieses ist nur in Funktion des Subjektiven zu bestimmen. Da ist zunächst denn klar — wir stellten es schon fest —, daß es objektive sowohl als endgültige Lösungen nicht gibt. Erstere deswegen nicht, weil hier alles von den konkreten Trieben und Triebfedern abhängt, welche jeweils ihre Befriedigung und Auswirkung erstreben; dies können unter Umständen die niedersten, perversesten sein. Letztere deswegen nicht, weil das Leben wesentlich Prozeß ist, jede Erfüllung die Sehnsucht aufhebt, die als endlich erkannte Erfüllung unabwendbar als geringer gegenüber der als unendlich gefühlten Sehnsucht wirken muß, und sich in jedem Augenblick, von dessen Gegebenheit her, das ganze Lebensproblem neu stellt. Die Vergangenheit an sich ist immer tot; keinem hilft es etwas, daß er einmal glücklich war. Gewiß entspricht es dem melodiehaften Sinn des Lebens, daß jedem zu seiner Zeit sein Teil zuteil wird; wer diesen Sinn erfaßte, den macht das Unvermeidliche wenigstens nicht bitter. Es ist auch möglich, Vergangenes erinnernd in Gegenwärtiges hinüberzuziehen. Doch so sehr einer von schöner Vergangenheit auch leben mag — trostlose Gegenwart bleibt deshalb dennoch trostlos. — Allein auch diese Feststellungen genügen nicht zur vollständigen Abgrenzung des Problems. Auch das, was alle voraussetzen, ist nicht wahr, nämlich daß Glück allein positiv empfunden wird. Wer das Glücksproblem richtig stellen und lösen will, muß zunächst dem Rechnung tragen, daß der Mensch auch zum Leiden positiv steht.

Sehen wir hier von den allgemein beliebten technischen Begriffen Sadismus und Masochismus ab — solche Fremdworte wirken nur als Schlafmittel; wer durch ihre Anwendungsmöglichkeit das Mindeste erklärt glaubt, sieht in ihnen gewiß nur einen willkommenen Anlaß, um nicht weiterzudenken. Auch den Tatbestand des Zusammenwirkens in jedem Augenblick von Lebens- und Todestrieben, weswegen jeder Lebensprozeß sowohl in Funktion des Sterbens als in Funktion des Neuwerdenwollens verstanden werden kann, rufen wir uns hier nur gerade ins Gedächtnis, um von der betreffenden Erkenntnis auszugehen, ohne bei ihr zu verweilen. Da finden wir denn, daß jeder Mensch in jedem Augenblick nur eine bestimmte Spannung von Haben und Nicht-Haben positiv empfindet. Am reinsten positiv empfindet er gefühlte Liebe. Aber diese stellt sich jeden Augenblick, in Platos Worten, als Kind der Armut und des Reichtums dar. Die Sehnsucht, der Liebe eigentlicher Körper, ist wesentlich leidvoll. Aber gerade in diesem Leidvollen liegt wiederum ihr Beseligendes. Auf allen anderen Gebieten liegen nun die Dinge ebenso. Der Mensch sehnt sich wohl in der Vorstellung nach absolutem Glück: in Wirklichkeit verträgt er nur ein bestimmtes labiles Gleichgewichtsverhältnis nicht nur zwischen objektiv günstigen und objektiv widrigen Umständen, sondern zwischen empfundenem Glück und empfundenem Leid. Also gerade eine positive Empfindungs­resultante kommt nie dank dem absoluten überwiegen des Glückspols zustande, sondern einem bestimmten, exakt freilich nie zu bestimmenden Gleichgewichtsverhältnis zwischen Lust und Leid, in dem der Leidpol seinerseits deutlich ins Bewußtsein tritt.

In der Tat: warum findet man in beschränkten — nicht zu beschränkten — Verhältnissen am häufigsten glückliche Menschen, zu welchen Verhältnissen drückende — nicht allzu drückende — Berufe mitgehören? Nur zum Teil deswegen, weil kaum jemand Freiheit verträgt. Vor allem gewiß deshalb, weil der Pol gewollten Nicht-Habens dergestalt auf eine vom Verstande anerkennbare Weise von Hause aus besetzt erscheint. Daß die Dinge so liegen, beweist abschließend die an objektiv Uneingeengten vorgenommene Gegenprobe. Die vom Standpunkt des neidischen Betrachters äußerlich Glücklichsten erscheinen in der Regel nicht nur unzufriedener überhaupt als äußerlich Beengtere — sie erscheinen es in relativ höherem Grad, als ihrer Vorzugsstellung entspricht. Dies erklärt sich daraus, daß sie persönlich die Schwierigkeiten schaffen müssen, welche jenen die Verhältnisse aufdrängen, so daß sie gleichsam doppelte Mühe haben. Sie stellen ihr durch das überwiegende Plus immer wieder gefährdetes psychisches Gleichgewicht durch selbstgeschaffene (nicht notwendig arrangierte!) Sehnsucht und Enttäuschung immer wieder her. Im Extremfall finden sie ihr Leben leer. Dann füllen sie es mit Tätigkeiten, die noch mehr Zeit in Anspruch nehmen, als der belastendste Beruf, mit Tätigkeiten, die ebenso sinnlos sind, wie die Arbeit am Danaidenfaß. Dies ist der tiefste Sinn dessen, warum mondänes Leben so sehr viel ausgefüllter als jedes andere erscheint, daß man dem Weltmann allein unter allen Menschen zu glauben Ursache hat, daß er für gar nichts Zeit fände.

Doch sehen wir von des Lebens Drohnen ab und wenden wir uns den unbezweifelbar Tüchtigen zu, die in extrem bevorzugter Lebensstellung leben, die ihnen sogar tatsächlich entspricht, sei es daß sie für sie geboren wurden oder sie erwarben. Solche sind dann, wo sie nicht zu den statischen und wesentlich bescheidenen Naturen zählen, die nichts anderes wollen, als Sachen und Dinge erhalten, oder andere Menschen zufriedenstellen — die Existenzen der meisten Großen dieser Welt sind insofern tatsächlich viel bescheidener und aufopferungsvoller, als die der Meisten, welche sie beneiden —, typischerweise ehrgeizig, und zwar desto verstiegener ehrgeizig, je außerordentlicher ihr Glück. So wollte Alexander der Große schließlich Gott werden. Kein Erreichtes freut den zu größter Eroberung Fähigen je auch nur zum tausendsten Teil so sehr, wie den kleinen Mann die ersparte kleine Extraerholungsreise. Was aber den Dauerzustand des Hochgestellten betrifft, so kompensiert sich dessen überschwengliches Plus beinahe immer durch desto winzigeres Minus. Der großem und schwerem Geschick Gewachsene versagt fast immer gegenüber Kleinigkeiten. Der geringste Verdruß bedeutet dem wesentlich Großen oft mehr, wie dem Kleinen katastrophales Unglück. Daher die ungeheure Bedeutung, die der Takt in dem Kreise weltlich Großer hat. Daß es sich hier um ein natürliches Verhältnis handelt, beweist die Erfahrung, daß jeder self-made man auf die Dauer wie ein geborener König fühlt. Hier denn wurzelt die Idee der Majestätsbeleidigung. Der Höchstgestellte sehnt sich so ungeheuer nach dem Minus, daß die geringste Unart blitzartig bei ihm einschlägt. Der Mensch lebt nun einmal, als wesentlich Werdender, als in unaufhaltsamem gleichzeitigen Sterben und Geborenwerden begriffenes Wesen ständig auf der Wippe. Deshalb ist er desto gefährdeter, innerlich, nicht desto sicherer, je höher er steigt. Das Leben der Könige wird auf so ungeheuer starre und strenge Weise eingerahmt, weil eine dermaßen gefährdete innere Position, wie die eines Herrschers, typischerweise nur so zu halten ist. Eben hier wurzelt der Grundgedanke allen religiösen Kults, soweit er den Göttern gilt und nicht ein Fortschrittsmittel bedeutet für den Menschen. Weitere Ausführungen kann ich mir wohl sparen. Schon die gegebenen beweisen, scheint mir, einwandfrei, daß es gar nicht wahr ist, daß der Mensch nur Glück will. Er will immer nur ein seiner Natur entsprechendes Gleichgewichtsverhältnis von Glück und Leid, was denn erklärt, daß Viele nur unter den traurigsten Umständen zufrieden sind.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das Glücksproblem
© 1998- Schule des Rades
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