Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das Glücksproblem

Freude und Leid

Woran sind wir nun jetzt? Objektiv bestimmbares Glück gibt es nicht. Niemand will Glück allein. Dennoch dürften nicht Viele unsere bisherigen Ergebnisse als abschließend empfinden. Trotz allem, was wir vielleicht bewiesen haben, dürfte uns entgegengehalten werden: schön und gut. Aber irgendwie strebt doch jeder einzig und allein nach seinem Glück. Und da wäre das Recht zunächst doch auf der Seite unserer Gegner. Im psychologischen Zusammenhang bedeutet das subjektive psychologische Erlebnis genau so sehr letzte Instanz, wie nach außen zu die erweisbare Tatsächlichkeit.

Um von hier aus weiter zu gelangen, bemerken wir zunächst, daß nur passive oder statische Naturen das Wort Glück oft und gern verwenden, während aktive es selten in den Mund nehmen und große Dynamiker typischerweise gegenüber dem Glückszustand, der ihnen an Anderen entgegentritt, feindlich empfinden. Wie hängt das zusammen? — Beim passiven und statischen Menschen überwiegt das Bedürfnis des Bestimmtwerdens das nach Selbstbestimmung, und ist ein ihm grundsätzlich gemäßer dauernder Rahmen einmal gewonnen, so ist damit auch das gemeinte Dauergleichgewicht erreicht; die erforderliche Labilität führen für solche genügendermaßen die Sorgen des Alltags herbei. Zum Glückscharakter dieses Zustands trägt weiter bei, daß dem Passiven seine Bestimmung irgendwie zufällt, und Glück und Zufall für das Bewußtsein eng zusammenhängen. Hieraus erklärt sich, warum doch mehr normale Frauen in der Ehe glücklich als unglücklich sind, trotz aller erweisbaren Unzulänglichkeit, erklärt sich weiter, daß Subalterne Naturen, die einen Beruf finden und sich ihm gewachsen erweisen, in der Regel mehr befriedigt sind als unbefriedigt, was immer sie behaupten. Denn schimpfen sie auch dauernd im Sinn des Kannegießerns, so ist das eben ihre Art, das erforderliche Minus überwiegendem Plus gegenüber zu behaupten. — Auf den inneren Zustand dynamischer oder gar schöpferischer Naturen hingegen ist der Glücksbegriff kaum jemals anwendbar; daher ihre Abneigung gegen ihn. Nun empfinden diese aber ihr Leben in all’ seiner Schwere andererseits ausnahmslos als ungleich schöner als das des niederen Volks. Wie verhält sich da der Zustand des Glücksunfähigen zu dem des Glücksfähigen? Prinzipiell unterscheidet er sich gar nicht von ihm. Aber bei jenem liegt der Akzent ausschließlich auf dem dynamischen Pol, weshalb er für das Bewußtsein ganz auf der Sehnsucht ruht und nicht auf der Erfüllung.

Daß dieser Umstand tatsächlich keinen qualitativen Unterschied bedingt, erweist die Erwägung, daß ja auch den Statiker nicht das Unabänderliche an sich beglückt, sondern die durch Unabänderliches geschaffene Gewähr steten Neuerlebens; so bleibt die Liebe glücklicher Ehepaare ewig neu. Aber diese Einsicht führt uns doch nicht zur Anerkennung einer Gleichwertigkeit zwischen solchen, die wesentlich glücksfähig sind, und solchen, von denen dies nicht gilt; daß großes Leben menschwürdiger ist als kleines, ist evident. Sie führt uns vielmehr zur Erkenntnis, daß es grundsätzlich möglich ist, die Vorstellung, daß Glück Lebensziel sein könne, zu überwinden, und damit einer Wiedergeburt dessen, was ihr als Wesentliches zugrunde liegt, auf höherer Seinsebene den Weg zu bereiten. Dieses Buch hat nach den verschiedenen Richtungen hin gezeigt, daß Leben wesentlich Tragödie ist, weshalb, sofern das Empirische letzte Instanz sein soll, allein der Buddha recht hat. Folglich gibt es das dauernde Glück tatsächlich nie, dessen Dasein die Meisten aus Angst vor sich und Anderen behaupten, bis daß sie, älter geworden, ihre Überlegenheit wiederum dadurch wahren, daß sie auf den Verlust aller Illusionen stolz zu sein vorgeben. Demgegenüber ist der Dynamiker, der jeden statischen Zustand von Hause aus ablehnt, ist gar der innerlich Freie, der die Tragödie von Hause aus akzeptiert, in ungleich besserer Lage. Denn der kennt ein Hochgefühl, das niemand und nichts ihm nehmen kann, weil es auf der inneren Überwindung der Umstände und Widerstände ruht, in denen sich die Fragen möglichen Glücks und Unglücks erschöpfen. Daß dieses Seinsniveau auch nicht außerordentlichen Menschen erreichbar ist, beweisen die Ehepaare, deren Glück aus gemeinsam getragenem Leid geschmiedet erscheint. Also kann das richtig verstandene und allgemeingültige Ziel des Glücksstrebens nur darin liegen, daß man in diesem Sinn über Glück und Unglück innerlich hinausgelangt. Damit erst gelangt man nämlich auf eine Seinsebene, auf der rein positiv bestimmtes Leben überhaupt möglich wird. Hiermit hätten wir tatsächlich das Glücksziel bestimmt, das jeder im Tiefsten meint, so er nach Glück strebt, so selten er es weiß. Was jeder da wahrhaft meint, ist das Jenseits der polaren Gegensätze Freude und Leid. Dies erweist die eine Tatsache, daß jeder immer beide will und trotzdem lediglich von Glück spricht. Jenes überpolare Glück ist nun auch tatsächlich allen grundsätzlich erreichbar. Allerdings aber baut es sich, wie alles Höhere, auf dem Verzicht auf Niederes auf.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das Glücksproblem
© 1998- Schule des Rades
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