Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

I. Weltanschauung und Lebensgestaltung

Astrologie

Bis zur Aufklärungszeit war es selbstverständliche Voraussetzung aller tiefer Gebildeten, daß Makrokosmos und Mikrokosmos sich entsprechen. Wie es im Großen ist, so sei es auch im Kleinen; oben und unten, rechts und links, außen und innen ständen allenthalben im Verhältnis wechselseitiger Korrespondenz; der Mensch jedoch, als Grenzgeschöpf zwischen Natur- und Geisteswelt, stelle in seinem Wesen und Schicksal recht eigentlich den Spiegel der Gesamtschöpfung dar. Jene frühe Zeit schaute sonach das Äußerlich-Gegenständliche und das Innerlich-Zuständliche in eins zusammen. — Den großartigsten, vollständigsten und zugleich präzisesten Ausdruck fand diese Weltanschauung im System der Astrologie. Dieses begreift Natur- und Geisteswelt, Notwendigkeit und Zufall, Willkür und Schicksal einerseits in rechnerisch exakt formulierbarem Zusammenhang, versteht diesen andererseits durchaus von seiner Bedeutung (im menschlichen Sinn) als seinem Realgrund her. Dem Sterndeuter war das Weltall gleichsam ein Uhrwerk. Die Urbewegung des Kosmos stellt dessen Feder dar, der gestirnte Himmel dessen Zifferblatt. In ihm greifen Myriaden von Rädern gleich notwendig, in gegenseitiger Bedingtheit, ineinander, zu welchen Rädern das freie Wollen jedes Einzelnen nicht minder bedeutsam gehört wie das kosmische Schicksal. So zeichnen sich die Kreise der Sterne in den keimenden Seelen ab. So steht umgekehrt das, was auf Erden wird und werden soll, in Lapidarschrift am Himmel zu lesen.

Diesen Vorstellungskreis, der zum ältesten Menschheitsbesitz gehört, rufe ich zu einem ganz bestimmten Zweck in Ihrem Gedächtnis wach. Der Zyklus unserer diesjährigen Tagung soll Stellung und Wert der verschiedenen Weltanschauungen und Lebensgestaltungen von höherer Warte aus erkennen und verstehen lehren. Er soll, dem Geist der Schule der Weisheit gemäß, erweisen, inwiefern jede unter jenen sinnvoll ist oder werden kann. Und die erste und bisher letzte Antwort auf die so allgemein gestellte Frage, die den Erkenntnistrieb befriedigte, gab eben die Astrologie. Ihr nämlich galt jede Einzelerscheinung in erster Linie als kosmisch bedingt und insofern gerechtfertigt. Wenn jede menschliche Sonderart einen kosmischen Hintergrund hat, dann verantwortet für das Sosein eines bestimmten, an sich vielleicht mißglückten Wesens andererseits das ganze Firmament, wodurch sich jede ausschließliche und engherzige Beurteilung als sinnwidrig erledigt. Mag der Fischtypus dem Widdertypus minderwertig dünken, er ist gleich notwendig, gleich daseinsberechtigt; empirisch muß jeder genau so sein, wie die Geburtskonstellation ihn schuf. Kann man nun überhaupt darüber streiten, daß auch der Mensch als Erscheinung das Interferenzprodukt kosmischer Einflüsse darstellt? Was immer von den besonderen Voraussetzungen der Astrologie zu halten sei, ihre Art, das Einzelne vom Ganzen herzu sehen, auf Grund welcher jede Lebensgestaltung zunächst empirisch recht hat, entspricht grundsätzlich dem allgemeinen Sinn der Dinge. Dies erweist pragmatisch der eine Tatbestand, daß die Zeit vor der Aufklärung die einzelnen Menschentypen in ihrem notwendigen Zusammenhang viel tiefer erschaute und auch begriff als alle Zeit seither. Die Moderne stellte den Menschen, bis auf sein grobstoffliches Teil, aus dem Naturzusammenhang herausgerissen vor; insofern erschien sie, was jenen betrifft, viel anthropozentrischer gesinnt als ihre unaufgeklärte Vorgängerin, denn sie vergaß ganz der unbezweifelbaren kosmischen Bedingtheit auch des geistigen Menschen. So wähnte sie, mit vorher ungekannter Anmaßung, aus jeweiliger Ansicht heraus dekretieren zu dürfen, welche Lebensformen existenzberechtigt sind und welche nicht. War einer seither persönlich nicht religiös, so durfte er, ohne sich lächerlich zu machen, Religion überhaupt als Unsinn hinstellen; war einer persönlich nicht kriegerisch oder nicht intellektuell, so durfte er Kriegertum oder Kritik überhaupt verwerfen; entsprachen Frau oder Künstler in ihrer Wesensart jemandes Idealen nicht, so durfte er sie minderwertig schelten. Die Weltanschauung der Voraufklärungszeit verstand die Welt insofern tiefer als das wissenschaftliche Zeitalter.

So viel gilt prinzipiell, völlig unabhängig von der Richtigkeit des astrologischen Weltbildes; was in tatsächlicher Hinsicht nicht zutrifft, mag sich gleichwohl als Arbeitshypothese bewähren. Nun ist aber auch die Richtigkeit jenes Weltbildes in seinen großen Umrissen ohne Vorurteil nicht mehr zu bestreiten: Geburtshoroskope, von entsprechend Befähigten an der Hand genauer Daten ausgestellt, stimmen, soweit meine Erfahrung reicht, so oft, daß die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf Zufall zu schließen verbieten. Mit den bisherigen Begriffsmitteln zu verstehen ist dies natürlich nicht, am wenigsten auf Grund der Tatsachen der Astronomie. In der Astrologie figurieren die Planeten und Tierkreiszeichen nur als an reichster Erfahrung bewährte Bezugszentren kosmischer Spannungszustände, die sich im Physischen und Psychischen auswirken, weshalb sie, sofern sie faktisch existieren, jedenfalls einer noch unerforschten und von anderen her nicht zu übersehenden Ebene psycho-physischer Wirklichkeit angehören müssen. Aber der Tatbestand als solcher ist nicht abzuleugnen. Und dieser bestätigt unter allen Umständen die Gültigkeit der allgemeinen Voraussetzung einer innerlichen Korrespondenz von Makro- und Mikrokosmos.

Neueste Forschungen nun haben zu einer weiteren Feststellung von weittragendster Bedeutung geführt: daß die Reduktion einer Seele auf ihre ursprünglichen Anlagen und Komplexe, vermittels der psychoanalytischen Methode, so oft der Versuch auf Grund genügend exakter Daten gemacht wurde, zu einem allgemeinen Aufriß führt, der das Geburtshoroskop getreulich widerspiegelt. Es führt erfahrungsgemäß zum Gleichen, ob man zum Grundverständnis einer Seele zum Sternenhimmel auf- oder in die Urgründe jener selbst hinabschaut. Da nun die Gültigkeit der Ergebnisse analytischer Zurückführung komplexer Seelenzustände auf bestimmte Triebkombinationen als deren Urgrund gar nicht in Frage steht, so muß notwendig auch das Sternenschema wirkliche Verhältnisse ausdrücken. Und von hier aus darf denn eine erste Deutung des fraglichen Zusammenhangs versucht werden, die freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Unerklärlichkeit des Tatbestandes selbst gibt überhaupt kein besonderes Rätsel auf: alle Qualität ist ein Irrationales, und nur Rationales kann der Verstand begreifen; die Eigenschaften der chemischen Elemente sind ein genau so Unzurückführbares und folglich Unerklärliches, wie die Tugenden der astrologischen Planeten. Problem kann einzig sein, wie sich der unerklärliche astrologische Tatbestand, sofern er vorliegt, zum ebenso unerklärlichen des sonstigen Soseins der Natur verhält. Zu diesen nun bietet den Schlüssel der Erfahrungssatz, daß Horoskope zutreffen, sofern sie von entsprechend Begabten gestellt werden. Er besagt, daß die Regeln der Astrologie sich nur in der Hand dessen bewähren, welcher sie anzuwenden weiß. Gleiches nun gilt, mutatis mutandis, von jedem Lebensvorgang überhaupt.

Überall verläuft Sinnesverwirklichung — und Leben ist nichts anderes — von innen nach außen zu. Überall muß diese sich, wo sie zur Schöpfung führt, an die Grammatik und Syntax des Weltalphabetes halten. So verlaufen wohl alle organischen Prozesse gemäß bestimmten Gesetzen, aber zu diesen kommt es überhaupt nur da, wo Leben sie hervorruft und lenkt. So verkörpert sich dichterisches Schaffen wohl jedesmal in typischer Rhythmik, doch aus der bloßen Kenntnis von deren Gesetzen ging noch nie eine Dichtung hervor. Gleichsinnig verhelfen die bewährten Regeln der Psychoanalyse einzig dem, der sie freiwählend anzuwenden weiß. Also gibt der besondere Tatbestand der Astrologie überhaupt kein neues Rätsel auf. Wohl aber erlaubt er, das allgemeine Problem des Zusammenhangs von Notwendigkeit und Freiheit, des Menschenlebens Grundproblem, tiefer zu verstehen, als von irgendeinem anderen Ansatzpunkt aus, den ich wüßte, möglich erscheint. Wenn aus den Sterndaten, wie wir sahen, nichts zu entnehmen ist, was nicht in der Seele selbst enthalten wäre, der Ansatzpunkt der Astrologie aber ein außermenschlicher, ein kosmischer ist, dann muß die folgende Begriffsfassung des ganzen Zusammenhangs dessen Sinn grundsätzlich gerecht werden: Weltall und Mensch stellen in jedem Augenblick eine einheitliche kosmische Situation dar. Der freiwollende Mensch ist als solcher zugleich Ausdruck kosmischen Werdens; er ist in jedem Augenblick Erfüller und Urheber zugleich. Was die Frühzeit nach der Abhängigkeit von den Sternen zu mißständlich-Geltenden deutete und die jüngst verflossene Epoche zum besten der menschlichen Willkür, stellt also in Wahrheit eine unauflösliche Synthese dar.

Daß dem nun wirklich so ist, kann heute an der Erfahrung so weit erwiesen werden, als derartiges überhaupt zu erweisen ist: das Mittel dazu gibt der I Ging, das chinesische Buch der Wandlungen an die Hand. Dies wohl merkwürdigste Werk der Weltliteratur löst die Lebensganzheit in eine bestimmte Anzahl allgemeiner Situationen auf, welche Menschliches und Kosmisches gleichzeitig in sich begreifen. Von diesen Situationen setzt es voraus, daß jede das Gesetz einer Veränderung in sich trägt. Es zeigt zugleich den Weg, wie jeder die, in der er sich gerade befindet, sowie die besondere Wandlung, die ihr in ihrer Konkretheit bevorsteht, feststellen kann. Und wirklich: so oft ein entsprechend veranlagter und geschulter Mensch den I Ging auf die richtige Weise befragt, erhält er Aufschluß über seinen persönlichen Zustand und dessen Fortentwicklung und durch den überlieferten Kommentar zugleich die weisest denkbare Anweisung zur bestmöglichen Meisterung des Fatums. Dies gilt ganz zeitlos. Genau wie Kung Fu Tse aus dem I Ging seine beste Lebensweisheit schöpfte, so hat der Rat der Alten noch in jüngster Zeit aus ihm in jedem kritischen Fall die Grunddirektiven für Japans politische Entscheidungen abgezogen. Meine persönliche Erfahrung bestätigt ihrerseits die Weisheit des Buchs der Wandlungen ausnahmslos. Für mich persönlich ist deshalb erwiesen, daß jedes Besondere, ob Gegenstand, ob Zustand, ob historische Tat oder rein persönliches Erlebnis, zugleich einem universellen Zusammenhang angehört, der folglich von den verschiedensten Ansatzpunkten, von kosmischen sowohl als menschlichen, bestimmt werden kann.

Kehren wir von hier aus zum Sonderproblem der Berechtigtheit jeder Lebensgestaltung, sofern sie kosmisch bedingt ist, zurück. Insofern jeder Einzelmensch in seinem So-Sein und So-Handeln zugleich eine kosmische Situation zum Ausdruck bringt, kann er außer dem Zusammenhang nicht verstanden, darf er außerhalb seiner nie beurteilt werden. Dann entspricht auch der Grundgedanke der Astrologie, wie immer es mit ihrem Besonderen bestellt sei, der Wahrheit. Und hieraus ergeben sich, um vom Geheimnisvollen zum Als-verständlich-Geltenden zurückzukehren, recht interessante Folgerungen für das Gebiet der täglichen Erfahrung. Ich greife ein besonders lehrreiches Beispiel heraus. Die Psychoanalyse leistet das, was sie leisten könnte, vor allem deshalb noch nicht, weil sie den universellen Hintergrund der Seelenbildung verkennt. Trotzdem sie selbst immer wieder feststellen konnte, daß jedes historisch-schöpferische Sein an bestimmte Komplexkombinationen gebunden war, von denen manche ganz gewiß als krankhaft beurteilt werden müssen (so daß, um nur zwei Beispiele anzuführen, ohne hypertrophischen Ödipuskomplex weder Alexander der Große die Welt erobert, noch Dostojewski seine Romane geschrieben hätte), hängt sie bisher am Aberglauben des normalen Menschen. Aus der kosmischen Korrespondenz des Seelischen geht nun hervor, daß die Komplexe mit zur Grundanlage gehören können; sie entsprechen dann in der Sternensprache ganz bestimmten Planetenkombinationen. Deshalb ist es unter Umständen ebenso lächerlich, einem Menschen seine Komplexe lösen wie Sternbilder verrücken zu wollen.

Auch das Pathologische entspricht unter Umständen einer allgemeinen und dauerhaften, nicht allein einer besonderen und vorübergehenden kosmischen Situation, wie solche sich wohl in Zeiten epidemischer Erkrankungen äußern. Deshalb sind bestimmte seelische Verbildungen für bestimmte Zeitalter so typisch, daß deren Streichung den Geschichtsprozeß seines Sinns berauben würde. Aus diesem Grunde schreitet der Zeitgeist so einsinnig vorwärts1, können zuzeiten nur pathologische Geister der Menschheit vorwärts helfen: Nietzsche und Strindberg, durch Analyse (sofern dies denkbar wäre) geheilt, wären für die Menschheit bedeutungslos geblieben, denn sie hätten ihr dann nicht einen allgemein-typischen Zustand durch Bewußtmachung zu überwinden geholfen. Ebendeshalb läßt sich kein Wissender analysieren, bevor die kosmische Stunde dazu nicht schlug, und nie über einen bestimmten Punkt hinaus; tut er es zu früh oder zu vollständig, so mag er damit seine ganze vorläufige Lebensmöglichkeit verspielen. So wird die Psychoanalyse ihrerseits, wofern sie nicht mehr Schaden als Nutzen stiften will, die ihr von Jung schon gewiesene Bahn beschreiten müssen, auf der ihr die somatische Medizin vorangegangen ist. In deren Lehre von den konstitutionellen Typen kehrt die moderne Heilkunde grundsätzlich zur antik-mittelalterlichen Typenlehre zurück. Ihr gibt es keine Krankheiten an sich mehr, sondern nur solche als Grenzfälle bestimmter, an sich normaler verschiedener Gleichgewichtszustände; eben deshalb neigt jeder zu bestimmten Erkrankungen und keinen anderen, kann und muß man in jedem Falle fragen, warum einen Menschen gerade diese befiel. Weder physisch noch geistig gibt es eine allgemeingültige Gesundheitsnorm; je nach der Situation ist Verschiedenes normal. — So haben wir denn nicht allein alles nur mögliche Verschiedenartige, sofern es da ist, sondern auch das vom menschlichen Standpunkt Krankhafte in den Umkreis des kosmisch Normalen aufzunehmen. Unter der Voraussetzung der kosmischen Bedingtheit jeder bestimmten Anlage ist jede an ihrem Ort und zu ihrer Zeit im Recht. Dieser Satz gilt schlechthin allgemein.

1Vgl. hierzu den Aufsatz Die Korrespondenz von Makro- und Mikrokosmos der Baronin Olga Ungern-Sternberg im Leuchter 1925 (Werden und Vergehen).
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
I. Weltanschauung und Lebensgestaltung
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