Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das ethische Problem

Jenseits von Gut und Böse

An diesem Punkte könnte es den Anschein haben, als verbleibe der christlichen Ethik das letzte Wort. Allein dem ist nicht so. Wir sind heute, dank vorgeschrittener Erkenntnis, imstande, über sie hinauszugehen, und müssen es deshalb tun. Die gewaltige ethische Leistung der spezifisch Christlichen Phase unserer Geschichte — die folgende Konstruktion stimmt genau nur auf den Westen, doch für unsere Zwecke beeinträchtigt das nicht ihren Wert — beruht auf den folgenden Erkenntnissen: erstens der, daß der individuelle Mensch oder vielmehr der überempirische Sinn, der hinter jedem steht, sein metaphysisches Selbst, die letzte Instanz alles Tuns und Trachtens ist, weshalb kein Gemeinschaftsethos je den Einzelnen majorisieren darf; Ethik ist in erster und letzter Instanz eine strikt persönliche Angelegenheit. Zweitens auf der Einsicht, daß die Forderung der Seele so absolut das Primat hat, daß kein hyperethischer Wert demgegenüber ins Gewicht fällt. Drittens darauf, daß sie zuerst begriffen hat, daß Sünde und Leiden nicht reine Negativa sind, sondern zugleich Wege zum Heil; diese Erkenntnisse bereiten die unserige vor, daß gerade die Unlösbarkeit des ethischen Problems in dessen Sinne liegt. Viertens auf ihrem Verstehen der Wahrheit, daß persönliches Verhalten zum Nächsten mehr wert ist als alle sachliche Gerechtigkeit.

In der Tat ist einzig das, was Jesus Liebe hieß, ein so persönliches Verhältnis zum Anderen, wie dies das Ideal des Guten verlangt. Hierzu kommt nun als eine weitere, tiefer führende Erkenntnis, daß das Ich dem Menschen nicht letzte Instanz sein darf. Es darf es nicht, weil es tatsächlich nicht seine letzte Instanz ist und der sich selbst beschränkt, wer über sein Ich nicht hinauslebt. Da ich in Tod und Ewigkeit, Liebe und Erkenntnis sowie im Kapitel Jesus der Magier meiner Menschen als Sinnbilder das Problem der Selbstsucht und des Ichs so erschöpfend, als ich’s zur Zeit vermag, behandelt habe, so darf ich mich an dieser Stelle mit einer ganz kurzen Erläuterung des wahren Sinns der letztbetrachteten christlichen Lehre begnügen. Jeder gehört durch sein Subjekt hindurch als Teil einem größeren Lebensganzen an. In diesem liegt sein wahrer persönlicher Mittelpunkt. Daraus ergibt sich die Paradoxie, daß nur der sein Leben gewinnt, der es verliert, daß nicht sich selbst leben darf, wer sich selbst verwirklichen will. Hierauf nun beruht letztlich die Angemessenheit ethischer Höherbewertung des Altruismus gegenüber dem Egoismus. Das tiefste Wesen ist rein generisch. Es gehört ursprünglich dem Geisteskosmos an, allwo es keine festen Grenzen gibt zwischen sich und Anderen. Hier wurzelt jene einzig wahrhafte Gemeinschaft, welche jenseits der letzten persönlichen Einsamkeit beginnt, die auf ihrer Ebene unüberwindlich ist1.

Alle diese hier summarisch aufgezählten ewig wahren Erkenntnisse traten beim Christentum im Körper einer spezifisch masochistischen Menschheitsphase in die Erscheinung. So erfuhren sie eine Spezifizierung dahin, daß Leiden an sich mehr sei wie Weltgewaltigkeit, Niedrigkeit besser als Erhabenheit, und vor allem, daß der Mensch von sich aus über das Böse gar nicht hinauskönne: dazu verhülfe nur in Demut hinzunehmende göttliche Gnade. Damit hat nun das Christentum das ethische Problem recht eigentlich hinweg­eskamotiert. Dessen Unlösbarkeitscharakter auf seiner Ebene hat es ignoriert, im übermächtigen Reich der Gnade aufgehoben. Zum letzten Wort ward das Pathos der Kreatur. Damit ward eine eigentliche Ethik notwendigerweise unmöglich, weshalb kein Wunder ist, daß keine Menschheit mehr Böses getan hat als die christliche — sie allein erkannte grundsätzlich dem Teufel das Primat auf Erden zu — und daß alle post-antike Ethik bis zu allerjüngster Zeit so (im wahren Wortsinn) pathologisch wirkt. Kein Wunder gleichfalls, daß der erste Einbruch echt ethischer Gesinnung, mit Nietzsche, wiederum in pathologischer Form erfolgte. Uns nun kann es, nach dem Vorhergehenden, nicht mehr gar so schwer fallen, das ethische Problem so zu stellen, daß es jenseits aller psychologischen Zufälligkeiten fundiert erschiene. Dazu brauchen wir nur aus dem Bisherigen alle Folgerungen zu ziehen, die die Philosophie der Sinneserfassung impliziert.

Auf der Ebene manifestierten Lebens sind Böse und Gut, wie Tod und Leben, polare Koordinaten, die sich gegenseitig abgrenzen. Also wäre ein Sieg des Guten über das Böse auf dieser Ebene unmittelbar sinnwidrig. Die ethischen Forderungen, die vom Primat des absolut Guten ausgehen, gelten allein in der transsubjektiven Dimension. Nur in der Form lassen sie sich den Erdgesetzen einbilden, daß den an sich unveränderlichen Elementen neuer Sinn gegeben wird. Hier nun setzt das Grundgesetz des Lebens ein, auf das wir in diesem Zusammenhang noch keinen Bezug nahmen: daß auf dem Gebiet des Lebens der Sinn den Tatbestand schafft. Daraus folgt, daß von jeder Sinnes-Region her eine Verwandlung auf der Ebene bisher letzter Instanzen möglich ist. D. h. hier: das auf seiner Ebene letztinstanzlich Gute und letztinstanzlich Böse kann Ausdrucksmittel eines eindeutig Guten oder Bösen werden. Ob eine Erscheinung letztlich gut oder letztlich böse ist, hängt offenbar vom Sinn ab, den sie letztlich verkörpert.

Überblicken wir von hier aus nun das ganze Menschenwesen von seiner Triebgrundlage an. Die Grundtriebe nach Macht und Lust, ohne die kein Menschenleben bestände, wären offenbar böse, wenn sie letzte Sinnesinstanzen und nicht bloß Grundlagen wären; und sie werden auch absolut böse, sobald sie den Menschen letztinstanzlich beherrschen. Nicht anders nun steht es mit schlechthin jeder Regung. Jedes Nein-Sagen hat es in sich, zum Geist, der stets verneint hinauszuwachsen. Aber Ja und Nein sind überdies nirgends feste Instanzen. Gedenken wir der Betrachtungen der psychoanalytischen Kapitel, die ich hier nicht wiederholen will. Das Grundgesetz der Psyche ist ihre Wandelbarkeit. Dionysos ward zum Teufel, als man ihn rein negativ sah; dieser wiederum wandelt sich, bei neuer Sinngebung, in jenen zurück. So erscheint nicht nur, so ist das Sexuelle häßlich oder schön, je nachdem man es ansieht. Die Metamorphose ermöglichen die Naturgesetze der Ambivalenz und Polarität. Furcht ist verdrängte Lust; Askese invertierte Erotik. Liebe kann unmittelbar in Haß umschlagen und umgekehrt. Aus dem Verbrecher wird am leichtesten der Heilige. Deshalb bleiben Gut und Böse als polare Koordinaten freilich immer bestehen, aber die Verkörperung der Triebe kann jederzeit einen neuen Aspekt gewinnen, je nach dem vorherrschenden Sinn.

Wer ist unter diesen Umständen der geborene Bösewicht? Entweder der, welcher sich bewußt für das absolute Nein entschied; solche absolute Teufel sind aber noch sehr viel seltener als Heilige. In der Regel ist Bösewicht der, bei dem gleichsam die Federn brachen: wer nicht die Spannkraft besitzt, sein empirisch Böses nur zeitweilig, als Grenze des Guten zu verwenden, sondern ihm verfallen ist. Sein Fall ist genau der gleiche wie der des Irren: jeden Zustand des Wahnsinnigen kennt auch der begabte Normale als Augenblickszustand; was jenen macht, ist des außerordentlichen Zustands Dauerhaftigkeit und Unüberwindlichkeit. So halte ich für gewiß, daß Verbrecher, ethisch beurteilt, bis auf die geringe Anzahl echter Teufel, recht eigentlich Kranke sind. So ist es zweifellos möglich, durch richtige Erziehung und Behandlung der Entwicklung von Bösewichten in bisher unerhörtem Grade vorzubeugen. Denn der unheilbar Kranken dürften auch nicht annähernd so viele sein, als an sog. Unverbesserlichen die Kerker füllen. Diese Möglichkeit wird schon dadurch erwiesen, daß in bevorzugten Lebensstellungen beinahe ausschließlich physisch Degenerierte allenfalls Verbrecher werden. Insofern genügte wahrscheinlich schon ein erheblicher Reichtumszuwachs des Menschen­geschlechts, um die Welt sehr viel besser erscheinen zu lassen, welche Erwägung noch einmal den sog. Materialismus der heutigen Massen heiligt.

Doch nun zurück zum persönlich-ethischen Problem. Wenn Gut und Böse polare Entsprechungen sind, die je nach der Sinngebung verschiedene Gestalt gewinnen, dann liegt das ethische Problem offenbar darin, mittels der jeweils verfügbaren Synthese von Gut und Böse das Gute zu tun. Gedenken wir des angeführten Satzes von Klages, daß das Böse und das Ethische verschiedene Zweige des gleichen Baumes seien. Alles Ethos erfordert Nein-Sagen, jedes Nein meint irgendwie Zerstörung, in jedem Nein liegt die Endentscheidung für das Teuflische im Bereich immanenter Möglichkeit. Unter diesen Umständen bedeutet es absoluten Widersinn, beim irgendwie statisch definierten Bösen als vermeintlicher letzter Instanz stehen zu bleiben. Es gilt vielmehr, das zu universalisieren, was in der tötenden Gerechtigkeit ihren elementaren Ausdruck findet. Es gilt, vom reinen Subjekt her dem empirisch Guten und empirisch Bösen, das man tut, einen persönlich rein guten Sinn zu geben — und so wird es gut.

In seinem herrlichen Gesang auf die Toten von Verdun trauert Henry de Montherlant dem Weltkriege nach, weil er da, von sich und Anderen, Liebe und Güte in einem Grad erlebt habe, dem er seither nie mehr begegne. Dies hängt einerseits damit zusammen, daß die unbehinderte Auswirkung des Zerstörungstriebs die polar korrelativen positiven Strebungen in entsprechend extremem Ausdruck frei machte; vor allem aber damit, daß der Krieg eine spontane Sinngebung nahelegte, welche die Kämpfer tatsächlich transfigurierte. So gilt es, allem einen transfigurierenden Sinn zu geben. Wie die gleiche Anlage, die den Mörder macht, im Kriegshelden positiv erscheint, die des Henkers im Chirurgen und der Krankenschwester, die des Folterknechtes im besseren Analytiker, so ist es überall möglich, das auf seiner Ebene Böse zum Ausdrucksmittel eines höheren Guten zu machen. Dies ist der wahre Kern der Lehre vom Jenseits von Gut und Böse. Freilich handelt es sich um ein Jenseits des empirisch Guten und Bösen; erst oberhalb dieses beginnt wahre Ethik überhaupt. Aber nicht vom Hyperethischen — der Kraft und Schönheit — her, sondern vom absolut Guten, vom rein Positiven, das niemand für sich erst zu bestimmen braucht, da es jedem als Ideal im innersten, lebendigsten Herzen wohnt. So kann positive Sinngebung das Böse wieder und wieder überwinden.

Hieraus folgt aber zugleich, daß es ein allgemeingültig anwendbares System der Ethik weder gibt noch geben kann. Allerdings verhält sich das Gute zum Bösen in einer bestimmten Hinsicht so, wie das Objektive zum Subjektiven; und faßt man den Sinn von Kants kategorischem Imperativ, mit Chamberlain, in dem Satze handele objektiv zusammen, so ist diese Bestimmung an sich nicht falsch. Sie wird es jedoch sofort, sobald die Objektivität vom Objekt her und nicht dem Überpersönlichen bestimmt wird. Die Pflichtethik ist eine kaum weniger perfide Erfindung des Teufels als das gute Gewissen. Nie kann Recht jemals gerecht sein. Es gibt keine allgemeingültige Geschlechtsmoral. Es gibt auch keinen ein für allemal bestimmbaren Wahrhaftigkeitskanon. Wer nicht unter besonderen Umständen selbstverständlich einen Meineid schwüre, ist ein Schurke. Letztlich muß jeder für sich allein bestimmen, wieviel Schuld er bejahen muß, um das höchste Gute, dessen er fähig ist, in diesem Leben zu manifestieren. Der einzige allgemeingültige Moralbegriff in diesem Zusammenhang wäre der des indischen Dharma, der jedem Zustand sein besonderes Ethos zuerkennt. Aber allgemeingültige ethische Normen widerstreiten dem bloßen Begriff von echter Ethik. Das ethische Problem, in seiner Wurzel eins mit dem Freiheits-Problem, verlangt jeden Augenblick persönliche Entscheidung aus persönlicher Verantwortung heraus. Und darum kann nur persönliche Einsicht richtig diktieren, eine Einsicht, die so persönlich ist, daß sie jedesmal das Risiko absoluten Irrtums auf sich nimmt. Wer hier nach Sicherung verlangt, verkennt die ganze Lage des Problems. Aber andererseits führt dessen volles Verstehen allerdings dazu, auch das Erbreich des Teufels langsam besser zu machen: indem es mehr und mehr gezwungen wird, göttlichem Sinn zum Ausdrucksmittel zu dienen. Diese Übung kann nicht umhin, es mehr und mehr zu transfigurieren. Freilich: jeder Eudämonismus und Hedonismus ist und bleibt absurd. Er wird erledigt durch die bloße Tatsache unvermeidlichen Leidens und Sterben-Müssens für jeden Einzelnen und des unvermeidlichen Endes des ganzen Menschen­geschlechts. Aber darauf kommt es nicht an; die Vervollkommnung der Erde ist nicht Selbstzweck, sondern nur der beste Weg, im Geist zu wachsen. Käme es auf das irdisch erreichbare Ziel auch nur im Mindesten an, dann wäre alle Ethik selbstverständlich sinnlos. Sie ist tief sinnvoll, weil sie den Weg des Menschen nicht zum äußeren Erfolg, nicht zum äußeren Glück, auch nicht zum objektiv Guten, sondern zu seinem tiefst innerlichen Selbste darstellt.

1Vgl. die Ausführung dieses letzten Gedankengangs im Aufsatz Von der Grenze der Gemeinschaft im 2. Heft des Wegs zur Vollendung.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das ethische Problem
© 1998- Schule des Rades
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