Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Einleitung: II. Die Geschichte des Buchs der Wandlungen

In der chinesischen Literatur werden vier Heilige als Verfasser des Buchs der Wandlungen angegeben: Fu Hi, König Wen, der Herzog von Dschou und Kungtse.

Fu Hi ist eine mythische Figur, der Repräsentant des Zeitalters der Jagd, des Fischfangs und der Erfindung des Kochens. Wenn er als Erfinder der Zeichen des Buchs der Wandlungen bezeichnet wird, so bedeutet das, daß man diesen Zeichen ein so hohes Alter beilegte, daß es über die historische Erinnerung hinausgeht. Die acht Urzeichen haben auch Namen, die sonst in der chinesischen Sprache nicht vorkommen, weshalb man auch schon auf fremden Ursprung dieser Zeichen geschlossen hat. Jedenfalls sind diese Zeichen keine alten Schriftzeichen, wie man aus der halb zufälligen, halb bewußten Übereinstimmung des einen oder anderen alten Schriftzeichens hat schließen wollen*.

Sehr früh sind diese acht Zeichen schon in Kombinationen miteinander vorgekommen. Es werden aus alten Zeiten zwei Sammlungen erwähnt: das Buch der Wandlungen der Hiadynastie mit dem Namen Lien Schan, das mit dem Zeichen Gen, das Stillehalten, der Berg, angefangen haben soll, und das Buch der Wandlungen der Schangdynastie mit dem Namen Gui Tsang, das mit dem Zeichen Kun, das Empfangende, angefangen hat. Der letztere Umstand wird von Kungtse selbst gelegentlich als historisch erwähnt. Ob die Namen der 64 Zeichen damals schon vorhanden waren und, wenn vorhanden, dieselben waren wie im jetzigen Buch der Wandlungen, ist schwer zu sagen.

Die jetzige Sammlung der 64 Zeichen stammt nach allgemeiner Tradition, an der zu zweifeln kein Grund vorliegt, vom König Wen, dem Ahn der Dschoudynastie, der sie mit kurzen Urteilen versah, als er von dem Tyrannen Dschou Sin im Gefängnis gehalten wurde. Der Text zu den einzelnen Strichen stammt von seinem Sohn, dem Herzog von Dschou. Dieses Buch war unter dem Namen: Die Wandlungen von Dschou (Dschou I) während der ganzen Dschouzeit als Orakelbuch im Gebrauch, was sich aus den historischen Aufzeichnungen der alten Zeit mehrfach belegen läßt.

So war der Zustand des Buchs, als Kungtse es entdeckte. Er beschäftigte sich in seinem hohen Alter intensiv mit ihm, und es ist höchst wahrscheinlich, daß der Kommentar zur Entscheidung (Tuan Dschuan) von ihm stammt. Auch der Kommentar zu den Bildern geht — wenn auch weniger unmittelbar — auf ihn zurück. Dagegen ist ein dritter, sehr wertvoller und ausführlicher Kommentar zu den einzelnen Linien, der in Form von Frage und Antwort abgefaßt war von Schülern oder Enkelschülern, heute nur noch in Trümmern vorhanden (z. T. im Abschnitt Wen Yen, z. T. im Hi Tsï Dschuan).

In Kungtses Schule wurde das Buch der Wandlungen, wie es scheint, hauptsächlich durch Bu Schang (Dsï Hia) weiter verbreitet. Hand in Hand mit der Ausbildung der philosophischen Spekulation, wie sie in der Höheren Bildung und in Maß und Mitte hervortritt, machte sich diese Art der Philosophie auch immer mehr bei der Betrachtung des Buchs der Wandlungen geltend. Es bildete sich eine Literatur um das Buch, deren Trümmer — alte und spätere — in den sogenannten zehn Flügeln sich finden, die an innerem Wert und Gehalt sehr verschieden sind.

Bei der berühmten Bücherverbrennung unter Tsin Schï Huang entging das Buch dem Schicksal der andern Klassiker. Aber wenn etwas die Legende, daß die alten Bücher durch die Verbrennung in ihrem Textbestand gelitten hätten, widerlegen kann, so ist es eigentlich der Zustand des I Ging, der dann doch eigentlich intakt sein müßte. In Wirklichkeit sind die Not der Jahrhunderte, der Zusammenbruch der alten Kultur, die Veränderung des Schriftsystems Schuld daran, daß alle alten Werke Not gelitten haben.

Nachdem das Buch der Wandlungen aber seinen Ruhm als Wahrsage- und Zauberbuch unter Tsin Schï Huang bestätigt hatte, machte sich während der Tsin- und Handynastie die ganze Schule der Zauberer (Fang Schï) darüber her, und die wahrscheinlich durch Dsou Yen aufgekommene, später von Dung Dschuag Schu und Liu Hin und Liu Hiang gepflegte Yin-Yang-Lehre feierte ihre Orgien bei der Erklärung des Buchs der Wandlungen.

Dem großen und weisen Gelehrten Wang Bi war es vorbehalten, mit diesem Wust aufzuräumen. Er schrieb über den Sinn des Buchs der Wandlungen als Weisheitsbuch und nicht als Orakelbuch. Bald fand er Nachahmung, und anstatt der Zauberlehren der Yin-Yang-Lehrer schloß sich nun immer mehr die aufkommende Staatsphilosophie an das Buch an. In der Sungzeit wurde das Buch als Unterlage für die — wahrscheinlich nicht chinesische — Tai-Gi-Tu-Spekulation benützt, bis der ältere Tschong Dsï einen sehr guten Kommentar zu dem Buch schrieb, dessen in den Flügeln enthaltene alte Kommentare man unter die einzelnen Zeichen aufzuteilen sich gewöhnt hatte. So war das Buch allmählich ganz zum Lehrbuch der Staats- und Lebensweisheit geworden. Da suchte ihm Dschu Hi doch auch wieder seinen Charakter als Orakelbuch zu wahren und veröffentlichte außer einem kurzen und präzisen Kommentar auch eine Einführung in seine Studien über das Wahrsagen.

Die kritische, historische Richtung während der letzten Dynastie nahm sich auch des Buchs der Wandlungen an, hatte aber in ihrer Opposition gegen die Sunggelehrten und ihrem Hervorsuchen der zeitlich der Abfassung des Buchs der Wandlungen näher stehenden Hankommentatoren weniger Glück als in ihrer Behandlung der übrigen Klassiker. Denn die Hankommentatoren waren eben doch letzten Endes Zauberer oder von Zaubereiideen beeinflußt. Eine sehr gute Ausgabe wurde unter Kanghi veranstaltet unter dem Titel: Dschou I Dsche Dschung, die Text und Flügel gesondert bringt und außerdem die besten Kommentare aller Zeiten. Diese Ausgabe ist der vorliegenden Übersetzung zugrunde gelegt.

Im folgenden werden zunächst die beiden Abschnitte Schuo Gua, Besprechung der Zeichen, und Hi Tsï Dschuan oder Da Dschuan, Kommentar zu den beigefügten Urteilen oder — richtiger — großer Kommentar, in Übersetzung gegeben und dann noch einiges über die Struktur der Zeichen aus verschiedenen Quellen beigebracht, das zum Verständnis des zweiten Teils von Wichtigkeit ist.

Anmerkung:
*Besonders handelt es sich um das Zeichen Kan das mit dem Zeichen für Schui Schui , Wasser, Ähnlichkeit hat.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Einleitung: II. Die Geschichte des Buchs der Wandlungen
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