Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Zweites Buch: Das Material — Schuo Gua — Besprechung der Zeichen

Kapitel 1

§ 1
Die heiligen Weisen vor alters machten das Buch der Wandlungen also: Um in geheimnisvoller Weise den lichten Göttern zu helfen, erfanden sie das Schafgarbenorakel. Sie teilten dem Himmel die Zahl drei zu und der Erde die Zahl zwei und berechneten danach die weiteren Zahlen.
Sie betrachteten die Veränderungen im Dunkeln und Lichten und stellten danach die Zeichen fest. Sie erzeugten Bewegungen im Festen und Weichen und ließen so die einzelnen Linien entstehen. Sie brachten sich in Übereinstimmung mit SINN und LEBEN und stellten demgemäß die Ordnung des Rechten auf. Indem sie die Ordnung der Außenwelt bis zu Ende durchdachten und das Gesetz des eignen Innern bis zum tiefsten Kern verfolgten, gelangten sie bis zum Verständnis des Schicksals.

Dieser erste Paragraph bezieht sich auf das gesamte Buch der Wandlungen und die Ihm zugrunde liegenden Prinzipien. Der ursprüngliche Zweck der Zeichen des Buchs der Wandlungen war die Erfragung des Schicksals. Da jedoch die göttlichen Wesen ihrem Wissen nicht unmittelbar Ausdruck geben, mußte ein Mittel gefunden werden, durch das sie sich vernehmlich machen konnten. Der Medien für die Äußerung der übermenschlichen Intelligenz waren seit alters drei: Menschen, Tiere und Pflanzen, in denen das Leben auf verschiedene Weise pulsiert. Dazu kam als viertes die Benützung des Zufalls, in dem sich gerade bei dem Mangel des unmittelbaren Sinnes ein tieferer Sinn Ausdruck verschaffen konnte. Diese Benützung des Zufalls ergab das Orakel. Das Buch der Wandlungen beruht auf dem Pflanzenorakel, das durch medial veranlagte Menschen gehandhabt wird.

Die festgesetzte Sprache für die Kommunikation mit den übermenschlichen Intelligenzen beruht auf der Zahl und ihrer Symbolik. Die Grundprinzipien der Welt sind Himmel und Erde, Geist und Materie. Die Erde ist das abgeleitete, darum wird ihr die Zahl zwei zugeteilt. Der Himmel ist die letzte Einheit, die aber die Erde in sich befaßt, darum wird ihm die Zahl drei zugeteilt — da die Eins zu abstrakt und unbeweglich ist, weil sie keine Mannigfaltigkeit in sich enthält. Dementsprechend wurden dann weiterhin die ungeraden Zahlen der himmlischen, die geraden Zahlen der irdischen Welt zugeteilt.

Die aus sechs Linien bestehenden Zeichen sind sozusagen Abbildungen von wirklichen Weltzuständen mit ihren Kombinationen der lichten, himmlischen und der dunklen, irdischen Kraft. Innerhalb dieser Zeichen ist aber die Möglichkeit der Veränderung und Umgestaltung der einzelnen Linien gegeben, so daß aus jedem Zeichen ein neues entsteht, wie die Zustände der Welt sich fortwährend wandeln. Der Vorgang des Wandels zeigt sich an den bewegten Linien, das Endergebnis im neuentstandenen Zeichen.

Außer dem Zweck des Orakels dient aber das Buch der Wandlungen auch zum intuitiven Verständnis der Weltverhältnisse, zum Eindringen in die letzten Tiefen von Natur und Geist. Die Zeichen geben die Bilder der Zustände und Verhältnisse der Welt im ganzen, die einzelnen Linien behandeln innerhalb dieser Gesamtverhältnisse die wechselnden Einzellagen. Das Buch der Wandlungen befindet sich im Einklang mit dem Sinn und Leben der Welt (Naturgesetz = Dau und Sittengesetz = De). Darum vermag es die Regeln aufzustellen darüber, was für jedermann das rechte ist. Der letzte Sinn der Welt, das Schicksal, das Sosein der Welt, wie sie nun einmal durch schöpferische Entscheidung (Ming) geworden ist, wird erreicht, indem man in der Welt der äußeren Erfahrung (Natur) und der inneren Erfahrung (Geist) hinabsteigt bis in die letzten Quellen. Beide Wege führen zum selben Ziel.

§ 2
Die heiligen Weisen vor alters machten das Buch der Wandlungen also: Sie wollten den Ordnungen des inneren Gesetzes und des Schicksals nachgehen. Darum stellten sie den SINN des Himmels fest und nannten ihn: das Dunkle und das Lichte. Sie stellten den SINN der Erde fest und nannten ihn: das Weiche und das Feste. Sie stellten den SINN des Menschen fest und nannten ihn: die Liebe und die Gerechtigkeit. Diese drei Grundkräfte nahmen sie zusammen und verdoppelten sie. Darum bilden im Buch der Wandlungen immer sechs Linien ein Zeichen.
Die Plätze werden eingeteilt in dunkle und lichte, darauf stehen abwechselnd weiche und feste. Darum hat das Buch der Wandlungen sechs Plätze, die die Linienfiguren bilden.

Dieser Paragraph handelt von den Elementen der einzelnen Zeichen und ihrem Zusammenhang mit dem Weltverlauf. Wie am Himmel aus Abend und Morgen ein Tag wird durch den Wechsel von Dunkel und Licht (Yin und Yang), so werden abwechselnd die geraden und ungeraden Plätze der einzelnen Zeichen als dunkel und licht bezeichnet. Platz 1, 3, 5 sind lichte Plätze, Platz 2, 4, 6 sind dunkle Plätze. Wie ferner auf der Erde aus Festem und Weichem alle Wesen gebildet sind, so erhalten die einzelnen Linien festen, d. h. ungeteilten, oder weichen, d. h. geteilten, Charakter. Diesen beiden Grundkräften in Himmel und Erde entsprechen im Menschen die polaren Eigenschaften der Liebe und der Gerechtigkeit, wobei Liebe dem lichten, Gerechtigkeit dem dunklen Prinzip entspricht. Diese menschlichen Eigenschaften finden, da es sich hierbei um etwas Subjektives, nichts Objektives handelt, in den Elementen der Zeichen (Plätzen und Strichen) keinen besonderen Ausdruck. Wohl aber kommt die Dreiheit der Weltprinzipien innerhalb der Gesamtzeichen und ihrer Einteilung zum Ausdruck. Diese drei Prinzipien zerfallen in Subjekt (Mensch), Objekt mit Form (Erde) und Gehalt (Himmel). Der unterste Platz innerhalb der Zeichen ist der Platz der Erde, der mittlere der des Menschen, der oberste der des Himmels. Entsprechend der polaren Zweiheit werden nun die ursprünglich aus drei Strichen bestehenden Zeichen verdoppelt, so daß es zwei Plätze der Erde, des Menschen, des Himmels gibt. Und zwar sind dann jeweils die beiden unteren Plätze die der Erde, Platz drei und vier die des Menschen und die beiden oberen die des Himmels.

Es ist eine vollkommen geschlossene Weltbetrachtung, die hier ihren Ausdruck findet. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der des Werkes Maß und Mitte.

Dieses erste Kapitel gehört seinem ganzen Gedankengehalt nach zu der unter dem Namen Beigefügte Urteile gehenden Sammlung von Essays über den Sinn und die Struktur der Gesamtzeichen. Mit dem folgenden ist kein Zusammenhang da.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Schuo Gua — Besprechung der Zeichen
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