Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

2. Kun - Das Empfangende

Kernzeichen:Kun und Kun
Herr des Zeichens ist die Sechs auf zweitem Platz. Das Zeichen Kun, das Empfangende, stellt die Art der Erde dar; zwei ist das Bild der Erde. Das Empfangende zeigt ferner die Art des Dieners, und der zweite Platz ist der Platz des Dieners. Außerdem ist der vierfache Charakter des Empfangenden als weich, hingebend, maßvoll, d. h. zentral, recht, d. h. weich auf weichem Platz, vollkommen in diesem Strich ausgedrückt. Deshalb ist er der Herr des Zeichens. Die Ausdrücke des Urteils: Will er voraus, so geht er irre, doch folgt er nach, so findet er Leitung, und fördernd ist es, im Westen und Süden Freunde zu finden, im Osten und Norden der Freunde zu entraten, beziehen sich alle auf die Art des Beamten.
Das Zeichen ist dem zehnten Monat (November-Dezember) zugeordnet, wenn die dunkle Kraft in der Natur des Jahres Ende bringt.
Vermischte Zeichen
Das Empfangende ist weich.
Das Urteil
Das Empfangende wirkt erhabenes Gelingen,
fördernd durch die Beharrlichkeit einer Stute.
Hat der Edle etwas zu unternehmen und will voraus,
so geht er irre; doch folgt er nach, so findet er Leitung.
Fördernd ist es, im Westen und Süden Freunde zu finden,
im Osten und Norden der Freunde zu entraten.
Ruhige Beharrlichkeit bringt Heil.
Kommentar zur Entscheidung
Vollkommen fürwahr ist die Erhabenheit des Empfangenden. Alle Wesen verdanken ihm ihre Geburt, da es hingebend das Himmlische empfängt.
Dies ist die Erklärung des Worts erhaben im Urteil.
Die Größe des Empfangenden wird als vollkommen bezeichnet. Vollkommen ist, was das Vorbild erreicht. Somit ist darin die Bedingtheit durch das Schöpferische schon zum Ausdruck gebracht. Während das Schöpferische das Zeugende ist, dem die Wesen ihren Anfang verdanken, indem die Seele von ihm stammt, ist das Empfangende das Gebärende, das den Samen des Himmlischen in sich aufnimmt und den Wesen ihre leibliche Organisation gibt.
Das Empfangende trägt in seinem Reichtum alle Dinge. Seine Art ist in Übereinstimmung mit dem Grenzenlosen. Es umfaßt alles in seiner Weite und erleuchtet alles in seiner Größe. Durch dasselbe kommen alle Einzelwesen zum Gelingen.
Dies ist die Erklärung des Worts Gelingen im Urteil. Auch hier ist der ergänzende Gegensatz zum Schöpferischen. Während das Schöpferische die Dinge schirmt, d. h. von oben bedeckt, trägt das Empfangende sie als eine beständig dauernde Unterlage. Sein Wesen ist unbegrenzte Übereinstimmung mit dem Schöpferischen. Daraus ergibt sich sein Gelingen. Während die Bewegung des Schöpferischen [die gerade Bewegung] nach vorn, seine Ruhe der Stillstand ist, so ist die Ruhe des Empfangenden das Geschlossensein und seine Bewegung das Sichöffnen. Im Ruhezustand des Geschlossenseins umfaßt es alle Dinge wie in einem ungeheuren Mutterleib. Im Bewegungszustand des Sichöffnens läßt es das himmlische Licht herein und beleuchtet alles damit. Darauf beruht sein Gelingen, das sich im Gelingen der Wesen zeigt. Während das Gelingen des Schöpferischen darin besteht, daß die Einzelwesen ihre bestimmte Form erhalten, bewirkt das Gelingen des Empfangenden, daß sie gedeihen und sich entfalten.
Eine Stute gehört zum Geschlecht der Erde, sie läuft auf der Erde ohne Grenze. Weich, hingebend, fördernd durch Beharrlichkeit: So hat der Edle eine Richtung für seinen Wandel.
Während das Schöpferische durch den Drachen symbolisiert wird, der am Himmel fliegt, wird das Empfangende durch die Stute (Vereinigung von Stärke und Hingebung) repräsentiert, die auf der Erde läuft. Die Weichheit und Hingebung, darf die Stärke nicht ausschließen, denn die ist für das Empfangende nötig, um als Gehilfe des Schöpferischen in Betracht zu kommen. Die Stärke drückt sich aus in den Worten: Fördernd durch Beharrlichkeit, die im Kommentar als Vorbild für den Wandel des Edlen erscheinen. (Die Interpunktion weicht von der des Urteils ab. Nach dem Kommentar muß man — infolge des Reims — wörtlich übersetzen: Fördernd durch Beharrlichkeit: So hat der Edle, wohin er gehe. Im Urteil dagegen werden von den meisten Erklärern die letzten Worte zum Folgenden gezogen: Hat der Edle etwas zu unternehmen und will voraus, so geht er irre....)
Vorangehen bringt Verirrung, weil man den Weg verliert. Nachfolgen in Hingebung, so bekommt man die dauernde Stellung.
In West und Süd bekommt man Freunde, so daß man mit seinesgleichen zusammengeht. In Ost und Nord muß man der Freunde entraten, so daß man endlich Heil erlangt.
Wenn das Empfangende von sich aus vorgehen wollte, so wiche es von seiner natürlichen Art ab und würde den Weg verfehlen.
Indem es sich hingibt und dem Schöpferischen folgt, kommt es in die ihm angemessene dauernde Stellung.
West und Süd ist nach der Anordnung des Königs Wen die Gegend, wo die weiblichen Diagramme aufgestellt sind. Kun ist hier inmitten der Töchter. In Ost und Nord sind dagegen die männlichen Diagramme (Kiën mit den Söhnen), so daß das Empfangende in dieser Gegend allein ist. Aber eben dieses Alleinsein mit dem Schöpferischen gereicht ihm zum Heil. So muß die Erde mit dem Himmel allein sein, der Beamte dem Herrscher allein dienen, die Frau dem Mann allein anhängen.
Das Heil der Ruhe und Beharrlichkeit beruht darauf, daß man der grenzenlosen Art der Erde entspricht.
Die Erde ist still. Sie handelt nicht von sich aus, sondern nimmt beständig die Einflüsse des Himmels in sich auf. Dadurch wird sie in ihrem Leben unerschöpflich und ewig. So erlangt auch der Mensch Ewigkeit dadurch, daß er nicht in eitler Selbstgeschäftigkeit alles von sich aus machen will, sondern sich ruhig und beständig den Anregungen öffnet, die ihm aus den Tiefen der schöpferischen Kräfte her zufließen.
Das Bild
Der Zustand der Erde ist die empfangende Hingebung.
So trägt der Edle weiträumigen Wesens die Außenwelt.
Der Himmel bewegt sich in Kraft. Darum heißt es von ihm: Er geht. Die Erde vollendet durch die Gestalt. Darum heißt es von ihr: Zustand. Die Erde ist verdoppelt, das deutet auf ihre Masse, die nötig ist, damit sie sich hingeben kann, ohne ihr Wesen zu verlieren. So muß auch der Mensch innere Stärke, Masse des Wesens und Weiträumigkeit besitzen, um imstande zu sein, die Welt zu ertragen, ohne durch sie beeinflußt zu werden.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Tritt man auf Reif, so naht das feste Eis.
  2. Wenn das Dunkle erst anfängt zu erstarren und auf diesem Weg fortmacht, so kommt es bis zum festen Eis.*

Der erste Strich enthält eine Warnung, daß man die Anfänge des Bösen nicht gering achten soll; denn wenn man es sich selber überläßt, so führt es mit Notwendigkeit weiter, wie das Eis des Winters auf den Reif des Herbstes folgt.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Gerade, rechtwinklig, groß.
    Ohne Absicht bleibt doch nichts ungefördert.
  2. Die Bewegung der Sechs auf zweitem Platz**
    ist gerade und dadurch rechtwinklig.
    Ohne Absicht bleibt nichts ungefördert;
    denn in der Art der Erde liegt das Licht.

Dadurch, daß das Empfangende sich in seinen Bewegungen nach dem Schöpferischen richtet, werden die Bewegungen gerade so, wie sie sein sollen. So erzeugt die Erde alle Geschöpfe, jedes nach seiner Art, wie es dem Willen des Schöpfers entspricht. Das Rechtwinklige, Feste bezieht sich auf das Unveränderliche. Jede Art von Lebewesen hat ihre festen Daseinsgesetze, nach denen sie sich in unabänderlicher Weise entwickelt. Darin besteht die Größe der Erde.
Aber eben darum bedarf es keiner Absicht. Alles wird von selbst so, wie es schön ist; denn das Leben hat ein inneres Licht in dem Gesetz des Himmels, nach dem es unwillkürlich handeln muß.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Verborgene Linien; man vermag beharrlich zu bleiben.
    Folgst du etwa eines Königs Diensten,
    so suche nicht Werke, aber vollende!
  2. Verborgene Linien. Man vermag beharrlich zu bleiben.
    Man muß zur Zeit sie leuchten lassen.
    Folgst du etwa eines Königs Diensten,
    so suche nicht Werke, aber vollende.

    Das zeigt, daß das Licht der Weisheit groß ist.

Das Verbergen der Schönheit soll nicht zur Untätigkeit führen, sondern es bedeutet nur, daß man sie nicht unzeitig zeigt. Wenn es Zeit ist, dann muß man aus sich herausgehen. Geht man in die Dienste eines Königs — das Folgende ist im Text des Kommentars unterdrückt, der häufig auf die Sätze des Urtextes nur anspielt. Wenn man nicht prahlt mit seinen Verdiensten, aber doch dafür sorgt, daß alles zustande kommt, so ist das ein Zeichen großer Weisheit.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Zugebundener Sack. Kein Makel; kein Lob.
  2. Zugebundener Sack. Kein Makel, kein Lob:
    durch Vorsicht bleibt man frei von Schaden.

Es ist hier eine Yin-Linie auf Yin-Platz, also die Yin-Kraft in ihrer Steigerung, daher ist die Zusammenziehung so stark wie bei einem zugebundenen Sack. Dadurch kommt natürlich eine gewisse Isolierung zustande, die aber frei von Verpflichtungen macht.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Gelbes Untergewand bringt erhabenes Heil.
  2. Gelbes Untergewand bringt erhabenes Heil:
    die Schönheit ist inwendig.

Die Sechs auf fünftem Platz hat eine ähnliche Stellung wie die Sechs auf drittem Platz. Auch hier ist durch den Platz eine gewisse Stärke gegeben, die durch das Linienelement ausgeglichen ist. Darum auch hier wie dort verborgene Schönheit.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Drachen kämpfen auf dem Anger.
    Ihr Blut ist schwarz und gelb.
  2. Drachen kämpfen auf dem Anger:
    Der Weg geht zu Ende.

Die obere Sechs sucht sich festzuhalten, obwohl die Situation der Dunkelheit schon zu Ende ist. In diesem Moment tritt das Schattige aus dem Gebiet des sittlich Indifferenten heraus und wird positiv böse. Es kommt daher zum Kampf mit der von außen her dem Dunkel entgegentretenden lichten Urkraft, in dem beide Elemente Schaden leiden.

Alle Striche sind Sechsen:
Ewige Beständigkeit
es endet im Großen

Indem die Sechsen umschlagen, werden sie zu lichten, d. h. großen Strichen

Kommentar zu den Textworten (Wen Yen)

Im Unterschied zum Zeichen des Schöpferischen hat das Zeichen das Empfangende nur einen einzigen Kommentar.

Zum ganzen Zeichen

Das Empfangende ist vollkommen weich und in seiner Bewegung doch fest. Es ist vollkommen still und in seiner Art doch eckig (rechtwinklig).

Wie die Stute hingebend und doch stark ist, so auch das Empfangende, denn nur so ist es dem Schöpferischen ebenbürtig. Vollkommen still im Innern, weil schlechthin abhängig, ist es in seinen Äußerungen, der Geburt der verschiedenen Arten, doch unveränderlich fest an bestimmte Gesetze gebunden. Fest in der Bewegung ist die Erklärung zu den Textworten: Erhabenes Gelingen. Still und doch eckig ist die Erklärung der Textworte: Fördernd ist Beharrlichkeit.

Folgt er nach, so findet er Leitung
und bekommt so etwas Dauerndes.
Es umfaßt alles,
und seine Umgestaltungsfähigkeit ist lichtvoll.

Diese Sätze sind nähere Ausführungen zum Kommentar zur Entscheidung. Es ist hier von der Bewegung des Empfangenden die Rede, die den Jahreszeiten Sommer und Herbst (Süden und Westen) entspricht und in denen es mit den Freunden zusammen ist, d. h. im Gehorsam gegen die Gesetze des Himmels allen verschiedenen Wesen, jedem nach seiner Art, das Leben gibt und so an der Ewigkeit des Himmels teilhat, und alle Dinge umfaßt und zur Reife bringt und so seine Kraft, die Dinge umzuwandeln, in hellem Lichte zeigt.

Der Weg des Empfangenden, wie hingebend ist er doch!
Es nimmt den Himmel in sich auf und wirkt zu seiner Zeit.

Diese beiden Tätigkeiten entsprechen dem Winter und Frühling (bzw. Nord und Ost). Hier ist das einsame Zusammensein mit dem Schöpferischen, das Empfangen des Samens und sein stilles Ausreifen bis zur Geburt angedeutet.
Die Ausführungen über das Empfangende lehnen sich an den Charakter der Sechs auf zweitem Platz, des Herrn des Zeichens, an, ähnlich wie die Ausführungen über das Schöpferische die Neun auf fünftem Platz zur Grundlage haben.

Zu den einzelnen Linien

Zur Anfangssechs:
Ein Haus, das Gutes auf Gutes häuft, hat sicher des Segens die Fülle. Ein Haus, das Böses auf Böses häuft, hat sicher des Übels die Fülle. Wo ein Diener seinen Herrn mordet, wo ein Sohn seinen Vater mordet, da liegen die Ursachen nicht zwischen Morgen und Abend eines Tages. Daß es so weit gekommen ist, kam ganz allmählich. Es kam davon, daß man nicht früh genug abstellte, was man hätte abstellen sollen.
Im Buch der Wandlungen heißt es: Tritt man auf Reif, so naht das feste Eis: Das zeigt, wohin es kommt, wenn man die Dinge laufen läßt.

Nach Dschu Hi wäre der letzte Satz zu lesen: Das bezieht sich auf die nötige Achtsamkeit (nämlich um rechtzeitig die Dinge abzustellen, die naturgemäß üble Folgen haben müssen).

Zur Sechs auf zweitem Platz:
Die Geradheit bedeutet Rechtmachen, das Rechtwinklige bedeutet die Pflichterfüllung. Der Edle ist ernst, um sein Inneres gerade zu machen; er tut seine Pflicht, um sein Äußeres rechtwinklig zu machen. Wo Ernst und Pflichterfüllung feststehen, da wird der Charakter nicht einseitig.
Gerade, rechtwinklig, groß: Ohne Absicht bleibt doch nichts ungefördert; denn man ist nie im Zweifel, was man zu tun hat.

Durch konsequenten Ernst wird das Innere recht; durch Auswirken der Pflicht in den Handlungen wird das Äußere korrekt (rechtwinklig). Die Pflicht wirkt gestaltend auf das Äußere, aber sie ist nicht etwa etwas Äußerliches. Durch Ernst und Pflichterfüllung wird der Charakter von selbst reich entwickelt; ohne daß man auf Größe aus ist, stellt sich die Größe von selber ein. Darum trifft man in allem ohne Besinnen instinktiv das Rechte, weil man frei von allen Bedenken und Zweifeln ist, deren ängstliches Schwanken die Entschlußkraft lähmt.

Zur Sechs auf drittem Platz:
Obwohl das Dunkle Schönheit besitzt, verhüllt es sie. So muß man sein, wenn man in eines Königs Dienste tritt. Man darf nicht das fertige Werk für sich in Anspruch nehmen. Das ist der Weg der Erde, der Weg der Frau, der Weg des Dieners. Der Weg der Erde ist es, kein fertiges Werk zu zeigen, sondern stellvertretend alles zu Ende zu bringen.

Die Pflicht des sich Unterordnenden ist es, nicht selbständig etwas sein zu wollen, sondern das eigene Gute zu verbergen und alles Verdienst an dem vollendeten Werk dem Herrn, für den man wirkt, zukommen zu lassen.

Zur Sechs auf viertem Platz:
Wenn Himmel und Erde schaffen in Veränderung und Umgestaltung, so gedeihen alle Kräuter und Bäume; wenn aber Himmel und Erde sich schließen, so zieht sich der tüchtige Mann ins Dunkel zurück.
Im Buch der Wandlungen heißt es: Zugebundener Sack. Kein Makel; kein Lob. Das mahnt zur Vorsicht.

Die Sechs auf viertem Platz ist in der Nähe des Herrschers, findet aber nicht seine Anerkennung, daher ist das Sichverschließen vor der Welt in diesem Fall das einzig Richtige. Dies ist der Ruhezustand des dunklen Prinzips, da es sich schließt (vgl. vorn).

Zur Sechs auf fünftem Platz:
Der Edle ist gelb und maßvoll und wirkt dadurch vernünftig auf das Äußere.
Er sucht sich den rechten Platz und weilt im Wesentlichen. Seine Schönheit ist innerlich, aber sie wirkt befreiend auf seine Glieder und äußert sich in seinen Werken. Das ist die höchste Schönheit.

Gelb ist die Farbe der Mitte und des Maßes. Das innerliche Maß wirkt aber nach außen, indem es alle Äußerungen vernünftig gestaltet. Der rechte Platz, den sich der Edle sucht, ist die gute Sitte, die andern den Vorrang läßt und selbst bescheiden zurücksteht. Die diskrete Anmut, die unsichtbar sich doch in allen Bewegungen und Werken zeigt, ist die höchste Schönheit. Charakteristisch ist der Unterschied, wie bei den Strichen des Zeichens das Schöpferische immer wieder auf das Wirkliche, Zuverlässige hingewiesen wird, während Ernst, Sorgfalt, Bescheidenheit die Eigenschaften sind, die beim Zeichen das Empfangende hervorgehoben werden. Es handelt sich hier um dieselbe Sache, nur von zwei Seiten aus gesehen. Nur die Wahrheit gibt den Ernst, nur der Ernst ermöglicht die Wahrheit.

Zur oberen Sechs:
Wenn es das Dunkle dem Lichten gleichtun will, dann gibt es sicher Kampf. Weil man nun nicht denken soll, daß es kein Lichtes mehr gäbe, wird hier der Drache genannt. Aber um doch nicht von der Art zu lassen, wird auch das Blut genannt. Schwarz und Gelb sind Himmel und Erde im Durcheinander. Der Himmel ist schwarz, und die Erde ist gelb.

Diese Erklärung ist im Ausdruck etwas schwierig. Der Sinn ist der folgende: Im zehnten Monat hat die Kraft des Dunklen vollkommen gesiegt. Das letzte Licht ist vertrieben. Die Sonne hat ihren tiefsten Stand erreicht. Das Dunkle herrscht unbeschränkt. Aber gerade das ist der Grund des Umschlags. Die Sonnenwende tritt ein, und das Licht kämpft aufs neue mit dem Dunkel. So ist es in allen Beziehungen. Das dunkle Prinzip kann nicht das Herrschende sein; es ist berechtigt nur in der Bedingtheit und Fügsamkeit gegen das Lichte. Wird das vernachlässigt, so zeigt sich die Macht des Lichten, wenn das Dunkle aus seinem Gebiet im Innern nach außen auf das Feld der Betätigung heraustreten will. Da kommt der Drache, das Bild der lichten Kraft, und weist es in seine Schranken zurück, zum Zeichen, daß das lichte Prinzip doch noch da ist. Das Blut ist das Symbol des dunklen Prinzips, wie der Atem das Symbol des lichten Prinzips. Indem Blut fließt, wird das Dunkle geschädigt. Aber das Blut ist nicht nur auf seiten des Dunklen, auch das lichte Prinzip leidet in diesem Kampf Schaden, daher die Farbe als schwarz und gelb angegeben ist. Schwarz oder besser Dunkelblau ist die Farbe des Himmels, wie Gelb die Farbe der Erde ist. (Man beachte, daß hier eine andere Farbenverteilung vorausgesetzt ist als in den Bemerkungen über die acht Zeichen, wo das Schöpferische rot und das Empfangende schwarz (dunkel) genannt wird.)***

Anmerkung:
*Andere Lesart:
Anfangs eine Sechs: Tritt man auf Reif: das Dunkle beginnt zu erstarren. Fährt es auf diesem Wege fort, so kommt es zum festen Eis.
**Die Sechs auf zweitem Platz wird im Text des Kommentars ausdrücklich genannt als Herr des Zeichens.
***Im Unterschied zum Zeichen des Schöpferischen stehen die einzelnen Striche nicht in einem Verhältnis der Entwicklung zueinander, sondern sie stehen zusammenhanglos nebeneinander. Jeder stellt eine gesonderte Situation dar. Das entspricht der Art der beiden Zeichen. Das Schöpferische repräsentiert die Zeit, die eine Folge bedingt, das Empfangende den Raum, der ein Nebeneinander zeigt.
Im einzelnen ist folgendes zu bemerken: Ungünstig ist der erste und der oberste Strich, also die beiden äußeren Plätze. Dem Empfangenden ziemt nicht der Platz außen, sondern innen. Der erste Strich zeigt das dunkle Prinzip in der Initiative (vgl. das Zeichen Gou, Nr. 44, das Entgegenkommen); das bedeutet eine Gefahr. Darum wird es als etwas Objektives dargestellt, dem man rechtzeitig entgegentreten muß. Auf oberstem Platz maßt es sich die Herrschaft an und tritt mit dem lichten Prinzip in Wettbewerb. Auch hier wird es objektiv als das Bekämpfte dargestellt (vgl. das Zeichen Guai, Nr. 43, die Entschlossenheit); denn diese beiden Situationen entsprechen nicht der Gemütsverfassung des Edlen. Und das Buch der Wandlungen ist nur für die Edlen geschrieben. Das Unedle ist daher immer etwas Äußeres, Objektives.
Die beiden Mittelstriche sind wegen ihrer zentralen Stellung beide günstig. Aber umgekehrt wie beim vorigen Zeichen ist der zweite Platz der Herr des Zeichens; denn es liegt im Wesen des Empfangenden, unten zu sein. Daher wird hier die Art der Erde, der materiellen, räumlichen Natur gezeigt, in der alles spontan wirkt. Der fünfte Platz zeigt die Bescheidenheit in der menschlichen Natur. Es ist von Gewändern die Rede. Das deutet eher auf das Bild einer Fürstin als eines Fürsten (vgl. dazu Sechs auf fünftem Platz von Nr. 54
Die beiden Übergangsstriche haben neutrale Bedeutung. Und zwar hat der dritte die Möglichkeit, in die Dienste eines Königs zu gehen, denn die Schwäche der Natur wird durch die Stärke des Platzes ausgeglichen. Aber während der dritte Strich von Kiën für sich selbst sorgt, ist der dritte Strich von Kun selbstverleugnend nur auf den Dienst an andern bedacht. Der vierte Strich ist zu schwach (weicher Strich auf schwachem Platz). Er ist außerdem nicht in Beziehung zum fünften Strich, daher bleibt ihm nur die Verschlossenheit übrig. Der vierte Strich entspricht in seiner gesteigerten Passivität der gesteigerten Aktivität der Neun auf drittem Platz im vorigen Zeichen, ebenso wie der dritte Strich in seiner unentschiedenen Möglichkeit der Neun auf viertem Platz des vorigen Zeichens entspricht.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Erste Abteilung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD